Von P. K. Sczepanek



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keine Reklame, da ihr Werk weit und breit in Deutschland und auch in Polen

ausführlich diskutiert wurde. Das erneute Interesse an ihrem Schaffen resultiert

nicht lediglich aus dem Willen, die Dichter aufgrund ihrer Geburtsorte mit ihrer

schlesischen Heimat im Bewusstsein der Rezipienten stärker zu verankern, sondern

vielmehr auf andere, selten aufgegriffene oder ganz verschwiegene Aspekte

ihres Schaffens hinzuweisen, beziehungsweise neue Interpretationsart des

schon Bekannten vorzuschlagen. Insofern sind die Bücher vielmehr als Denkanstöße

für den Umgang mit dem regionalen und zugleich weltlichen Kulturgut

aufzufassen.

Der Anlass zu der erneuten Reflexion über das Schaffen Gerhart Hauptmanns

war der 60. Todestag des Nobelpreisträgers. Die Autoren des Bandes,

herausgegeben von Szewczyk (2006a), zeigen Hauptmann als eine verwickelte,

sich eindeutigen Kriterien und Einschätzungen entziehenden Persönlichkeit, die

in schwierigen Momenten ihres Lebens, den persönlichen und den politischen,

nicht immer den moralischen Prinzipien gewachsen sein konnte. Neben der

popularisierenden Funktion erfüllt der Band auch eine andere: er stellt einen

Versuch dar, Hauptmanns literarische Texte im neuen Licht darzustellen, sie

neuen Interpretationsmethoden zu unterziehen, die die Texte am Ende des 20.

Jahrhunderts verständlich machen sollten. Untersucht wurden Typologien von

Frauen in seinem dramatischen Werk, die Frage nach Religion und Religiosität.

Seine Texte wurden im Kontext des Großstadtdiskurses diagnostiziert und komparatistisch

mit dem russischen Theater von Stanislawsky abgehandelt,

schließlich befassen sich die Autoren des Bandes mit der weit angelegten Rezeption

des Schriftstellers in der oberschlesischen Presse wie auch mit dem

Forschungsstand der polnischen Germanistik zum Thema Gerhart Hauptmann.

Die dichotome Aufgabe, einerseits das Werk des Dichters zu popularisieren,

andererseits seine Literatur einer vertieften germanistischen Untersuchung zu

unterziehen, betrifft auch einen der letztens von der Kattowitzer Germanisten

Forschungen am Germanistischen Institut der Schlesischen Universität 69

herausgegebenen Sammelbände, Grażyna Barbara Szewczyk und Renata

Dampc-Jarosz, Eichendorff heute lesen (2009a) und Joseph von Eichendorff.

Poeta niemieckiego romantyzmu z perspektywy Niemców i Polaków [Joseph von

Eichendorf. Der Dichter der deutschen Romantik aus der Perspektive der Deutschen

und Polen] (2009b). Eine von den Herausgeberinen schreibt in dem Vorwort

über das Buch: „Verstanden sei es als Einstieg unserer Literaturwissenschaftler

aus der jüngeren Generation in den internationalen Diskurs der Eichendorff-

Forschung. Germanisten und Kulturwissenschaftler aus Deutschland,

Italien, USA und Schweden sprechen gemeinsam mit den polnischen Germanisten,

Theologen und Übersetzern Probleme der Interpretation und Rezeption der

Texte von Eichendorff an. Thematisch reicht der Band von allgemein theoretischen

Überlegungen über Fallstudien bis hin zu Wertungsfragen und vermittelt

einen Einblick in die poetischen, kultur- und literaturkritischen Schriften und in

ihre Wirkung heute.“ (Szewczyk 2009b: 13). Eichendorff Lesen birgt eine Gefahr

eines fetischistischen Umgangs mit dem Heiligtum des „letzten Ritters der

Romantik“. Um dies zu vermeiden, sehen sich die Herausgeberinnen und die

Autoren vor die Aufgabe gestellt, das Zeitgemäße und das Universelle im Werk

des Autors des Taugenichts zu entdecken. Untersucht wurden literarische Prosatexte

des Autors, seine weltbekannte Lyrik, publizistische Schriften, Briefe und

seine Präsenz im Bewusstsein und Schrifttum anderer großer Denker und Literaten.



Katowice/Kattowitz als deutsch-polnischer Kulturraum in den Jahren

1865–1939 (Szewczyk 2006b) ist die erste monografische Bearbeitung der oberschlesischen

Metropole in dem Zeitraum von der Verleihung der Stadtrechte

bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Kattowitzer kulturelle Institutionen

wie Verlage, Rundfunk und Filminstitutionen, seine sowohl für die Stadt allein

als auch für das kulturelle Leben außerhalb Schlesiens bedeutenden Bürger und

Freunde, religiöse, katholische und evangelische Einrichtungen, wie auch architektonische

Tendenzen und technisch-urbane Lösungen in der Blütezeit der

Stadt, dem „neuen New York“, wurden in dem Band einer eingehenden wissenschaftlichen

Reflexion unterzogen. Von der Bedeutung der Stadt in dem besprochenen

Zeitraum möge zeugen, dass Kattowitz wesentlich häufiger als je in

diversen Monografien, literarischen Werken und Zeitungsbeiträgen nicht nur als

Kulisse verschiedener Handlungen, Tätigkeiten und Ereignisse, sondern vielmehr

als selbständiges Gebilde figuriert, ein Phänomen, dass später kaum zu

bemerken ist. Arnold Ulitz, Bruno Arndt oder Walter Grünfeld mögen hier als

Vorzeigebeispiele gelten.

Das Buch zielt auf die Profilierung der Metropole als multikulturelles Gebiet

ab, in dem polnische, deutsche, jüdische, katholische und evangelische

Formate und Werte in einer koexistentiellen Wechselbeziehung das Leben der

Kattowitzer und den Ruf der Stadt prägten und zu einer neuen Qualität hybriZbigniew

70 Feliszewski

dierten. Im Angesicht dessen kann nicht wundern, dass in den 20er Jahren sich

eine Kolonie chinesischer Intellektueller in Kattowitz niederließ. Eine der Folgen

ihrer Präsenz war beispielsweise die Aufarbeitung der Unterrichtsmethoden

für den Chinesischunterricht durch Jan Wypler und Damian Wieluch, was bis in

die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts seine Gültigkeit behielt.

Als Fortsetzung dieser Forschungsrichtung kann zweifelsohne die Dissertation

von Michał Skop (2008) Das Bild der Stadt Kattowitz/Katowice im deutschen

Schrifttum 1865–1945 gesehen werden. Als Quelle dienten dem Autor

sowohl literarische als auch historiografische Werke und journalistische Beiträge

wichtiger Kattowitzer Persönlichkeiten. Sie enthalten in erster Linie topographische

Hinweise, beschreiben Industriewerke, Kohlengruben und Eisenhütten,

bedienen sich sowohl detaillierter Schilderung des Stadtzentrums als auch

panoramaähnlicher Perspektive in der Darstellung des industriellen Reizes der

Stadt. Deutsche Texte über Kattowitz heben das Leben und den Alltag der deutschen

Bevölkerung in der Stadt hervor und schildern das kulturelle Leben in

Kattowitz. Die junge Stadt wird „zum Schmelztiegel deutscher und polnischer

Kultur, zur multikulturellen Grenzstadt, die dank ihrer geopolitischen Lage Jahr

für Jahr unter allen Städten des oberschlesischen Bezirks ihre wirtschaftliche

und kulturelle Bedeutung unterstreicht.“ (Skop 2008: 12)

Allen Beiträgen, diesen, wie auch den nicht erwähnten, lässt sich das Bild

einer Region entnehmen, die als Forschungsraum für weitere geisteswissenschaftsorientierte,

insbesondere germanistische Arbeiten dienen sollte. Schlesien

eruiert man, indem man es kartografiert, seine Kulturschätze systematisch

bearbeitet und entsprechenden historischen, mentalen und kulturellen Bereichen

zuordnet, ohne jedoch sie allzu sehr zu musealisieren. Schließlich sollen sie

weiteren Forschungen offen stehen. Es ist eine Aufgabe und ein Postulat

zugleich, denn nur im pluralistischen Umgang mit der eigenen Kultur kann man

seine Identität bestärken und erhärten und über die Grenzen des Regionalen

hinaus den weltlichen Charakter erlangen.

Literaturnachweis

Skop, Michał 2008: Das Bild der Stadt Kattowitz/Katowice im deutschen Schrifttum 1865–1945.

Wrocław: Oficyna Wydawnicza ATUT, Dresden: Neisse Verlag.

Sokół, Grażyna 1981: O Silesianach w literaturze niemieckiej [Über die Silesiana in der

deutschen Literatur]. Poglądy 23 (459), 15.

Szewczyk, Grażyna Barbara (Hrsg.) 2004: Nowoczesność i regionalizm w twórczości Augusta



Scholtisa [Modernität und Regionalität im Werk von August Scholtis]. Katowice: Wydawnictwo

Uniwersytetu Śląskiego.

Szewczyk, Grażyna Barbara (Hrsg.) 2006a: Gerhart Hauptmann. W sześćdziesiątą rocznicę

śmierci [Gerhart Hauptmann. Zum 60. Todestag]. Katowice: Wydawnictwo Uniwersytetu

Śląskiego.

Forschungen am Germanistischen Institut der Schlesischen Universität 71

Szewczyk, Grażyna Barbara (Hrsg.) 2006b: Katowice. Polsko-niemiecka przestrzeń kulturowa

1865–1939 [Polnisch-deutscher Kulturraum]. Bielsko-Biała: Ośrodek Wydawniczy Augustana.

Szewczyk, Grażyna Barbara 1999: Niepokorna hrabina. Literacka kariera Valeski von Bethusy



Huc [Die widerspenstige Gräfin. Literarische Karriere der Valeska von Bethusy Huc]. Katowice:

Wydawnictwo Uniwesytetu Ślaskiego.

Ein Motto einen Bestseller „Die Prosna – Preußen“ von HLG - „Ich habe mein Leben an etwas gehängt, was es nicht gibt: Preußen



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