Von P. K. Sczepanek



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über den Autor des Ostwinds
In Oberschlesischen Geschichten 1903

skizziert Huc bildlich die Landschaften der Region, sie sind jedoch dem psychologischen

Bild der Protagonisten untergeordnet. Schlesien ist der Ort, an

dem sich moralische Konflikte der durch äußere Bedingungen determinierten

Menschen abspielen. Soziale Fragen beherrschen auch den Erzählband Mein

Oberschlesien. Skizzen und Geschichten aus dem Jahr 1912. Huc nimmt sich

armer einfacher Leute an, die infolge der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen

Umwandlungen in schlesischen Dörfern vor existenzielle Probleme gestellt

wurden. Zwar ist Oberschlesien kein Thema an sich, doch kann man den zahlreichen

Erzählungen und Romanen das Bild der Provinz entnehmen, deren

Reichtum an Sitten, eigenartigen Namen und Bezeichnungen, deutschen und

polnischen Seltsamkeiten ein Zeugnis ihrer multikulturellen Beschaffenheit

ablegen.


In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts beginnt sich von Huc für die Industrialisierung

Schlesiens zu interessieren. Sie bleibt jedoch ihrer Präsumtion

treu, mit der Idee des Fortschritts die Idee der sozialen Gerechtigkeit zu verbinForschungen

am Germanistischen Institut der Schlesischen Universität 67

den, die der positivistischen Tradition entstammt und die Elemente der evolutionistischen

Denkweise beinhaltet.

2003 und 2004 sind die Sammelbände über August Scholtis von Bernd

Witte, Grażyna Barbara Szewczyk (2003) und von der Letzteren selbst

(Szewczyk 2004) herausgegeben worden. Beide Bücher erfüllen eine Lücke in

der germanistischen Forschung und werden bis heute in diversen Institutionen,

wie im Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit nicht nur diskutiert, sondern

auch didaktisiert. Somit wurde das Buch zu einer elementaren Lektüre für

die Kenner und Freunde der schlesischen Literatur. Die mangelnde Kenntnis

über den Autor des Ostwinds kann auf seine Bemühungen, die oberschlesische

Geschichte zu entmystifizieren und jegliche Nationalismen und Fanatismen in

Bausch und Bogen abzulehnen, zurückgeführt werden, was etliche Editionsprobleme

mit sich brachte und den Autor aus Bolatitz in Vergessenheit geraten

ließ. Der von Grażyna Barbara Szewczyk edierte Sammelband erhebt den Anspruch

auf Komplexität der Aufarbeitung von August Scholtis´ Werk. Dies

erfolgt auf dreierlei Ebenen, sie umfassen biografische Analyse seines Schaffens,

literaturhistorische und formal-ästhetische Auseinandersetzung mit seinen

Werken und das Einbetten seiner Texte in den Heimat- und Grenzendiskurs.

Der biografische Beitrag liefert neben der genauen Topologie der Heimat

seiner Kindheit und deren Einfluss auf die Art und Weise seiner literarischen

Auseinandersetzung mit der Provinz, vor allem die Erinnerungen der Zeitzeugen,

die ein lebendiges Bild des Autors näher bringen. Sie reichen von der Reinterpretation

der gängigen Überzeugung von seinen Haltungen, wie etwa sein

angebliches Sympathisieren mit dem Nationalsozialismus, über sein ambivalentes

Verhältnis zu seiner Heimat, dem Hultschiner Ländchen, von dem er so viel

Leid angetan bekommen hat, bis hin zur Darstellung des Autors als Menschen,

seiner Verhaltens- und Benehmensweise etwa in Gegenwart von Frauen, darunter

Schriftstellerinnen und dem Briefwechsel mit Wilhelm Szewczyk.

Mit dieser Interpretationslinie gehen Versuche einher, Scholtis´ Werk in

den Heimatdiskurs und die Grenzproblematik (mit der politischen und symbolischen

Auffassung des Grenzbegriffes) unter Einbeziehung seiner Einstellung

zur eigenen Aktivität oder zur Multikulturalität Europas hineinzumanövrieren.

Scholtis scheint immer „dazwischen“ zu stehen, seine Heimatauffassung bedeutet

nicht nur die sentimentale Reminiszenz einer Landschaft, sondern ist vielmehr

als Raum zu begreifen, der unabhängig von politischen Konstellationen

immer ein Raum zwischen anderen Räumen platziert ist, ein Übergang, ein

Flur, ständig mit der Grenze in der Mitte. Dies bekräftigen seine politischen

Ansichten, die zwischen kritischer Kulturoffenheit und nationalsozialistischer

Ideologisierung schwankten.

Literaturhistorisch gesehen entzieht sich das Werk von Scholtis einer eindeutigen

Einstufung. Die Autoren der Beiträge untersuchen die GattungszugeZbigniew

68 Feliszewski

hörigkeit seiner Prosatexte, die feuilletonistische Tätigkeit des Autors, wie auch

die Affinitäten seiner Werke mit den seiner Zeitgenossen. Nicht zuletzt wird der

binäre Charakter seiner Literatur in dem Titel des Bandes bekräftigt: Zwischen

Modernität und Regionalismus. Untersucht man das Werk produktionsästhetisch,

so kann diese Bezeichnung dessen zutreffendes Charakteristikum sein,

aus der heutigen, postmodernen Perspektive müssen sich die beiden Begriffe

nicht unbedingt ausschließen. In dem postnationalen Europa scheint eben das

Regionale das Moderne in sich einzuschließen. In dieser Hinsicht verdient das

Werk von Scholtis eine erneute Aufmerksamkeit.

Während von Huc und Scholtis Autoren sind, die, um literaturwissenschaftlich

besprochen werden zu können, erstmals ihrer Entdeckung bedurften, sind

die zwei anderen Schriftsteller, deren sich die Kattowitzer Germanistik annahm,

weltweit bekannt. Gerhart Hauptmann und Joseph von Eichendorff brauchen





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