Verena Ofner die historischen romane robert neumanns eine Analyse


Formale Aspekte der historischen Romane



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Formale Aspekte der historischen Romane

  1. Entstehungs- und Editionsgeschichte


Mit seiner 1934 in Zürich in der „Bibliothek zeitgenössischer Werke“ und 1935 in London bei „Allen & Unwin“ publizierten Zaharoff-Biographie hatte Robert Neumann einen materiellen Erfolg gelandet. Der damit erwirtschaftete finanzielle Polster wurde aber bald aufgrund des Rechtsstreites aufgebraucht, den Neumann mit dem Verlag „Rich & Cowan“, der die Biographie eigentlich in Auftrag gegeben hatte, aber mit dem Werk unzufrieden gewesen war, in England ausfechten musste. Finanzielle Kalkulationen flossen somit in die Produktion seines nächsten Romans mit ein.

Auf Anregung von Stefan Zweig, mit dem er während der ersten Zeit seines britischen Exils regen Kontakt pflegte und der gerade mit seiner „Marie Antoinette“ einen großen Erfolg gefeiert hatte, beschloss Neumann, ebenfalls einen historischen Roman zu schreiben. Als Stoff wählte er die Geschichte des Johann Friedrich Struensee, der als Leibarzt von Christian VII. von Dänemark und Liebhaber der Königin seine so gewonnene Macht ausnützte, um Reformen im Sinne Rousseaus durchzuführen, aber 1772 hingerichtet wurde. Neumann erhoffte sich von seinem Struensee-Roman einen finanziellen Erfolg und schrieb ihn – hier zeigt sich Neumanns pragmatische Sichtweise – im Jahr 1934 in relativ großer Geschwindigkeit. „Ich hoffe mit meinem Geld bis zur Fertigstellung von Struensee durchzukommen – und so den Verlegern einen Vorschlag annehmbar zu machen, der mich wieder auf ein Jahr hinaus sichern würde. [...] Ich arbeite wild – es muß viel verlorenes Terrain wiedergewonnen werden. Es ist verflucht schwer, aber vielleicht gehts doch.“375 schreibt Neumann über seine Planungen an Stefan Zweig.

Im Sommer 1934 holte Neumann, beunruhigt von der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß, seine Familie zu sich nach England. Auf das nach längerer Trennung wieder aufgenommene Familienleben folgte allerdings alsbald die Entfremdung zwischen den Ehepartnern, als Neumann seiner Frau Stefanie zahlreiche Affären gestand. Inmitten des völligen Kollapses seiner Ehe und des psychischen Zusammenbruchs seiner Frau, versuchte er am Struensee-Roman weiterzuschreiben. Sein Sohn Heinrich hat in seinem „Journal“ die Situation festgehalten: „In Dorset he felt himself to be down and out, in more than one way. Isolated, he lost his sense of proportion. The Zaharoff case looked at its blackest. Publishers, editors turned him down. He wrote letters, and got no replies. He was forgotten, he thought, and starving. His wife, sitting in the adjoining room sweating despair and suicide, did nothing to counteract his gloom.”376 Vor diesem biographischen Hintergrund verfasste Neumann seinen ersten historischen Roman: “It was against this background, with the perpetual rain of that summer, autumn and winter, beating the roof and windows of the isolated house, that my father decided to write a best seller. It was to be a book gay, light, frivolous yet full of emotion, of love, romantic too; yes, a romance. He wrote it in the small breathing spaces between the outbursts of his married catastrophe, with my mother butting in every ten minutes, may be and asking: “And what about that woman who asked for that autograph?” In more propitious moments she herself would sit down with red rimmed eyes and take a hand at devising corrections of this frivolous love scene, that gay incident.”377

Stefanie und Heinrich reisten schließlich im Februar 1935 wieder zurück nach Wien, während Neumann weiterhin in England blieb und seinen Roman fertigstellte. Unter dem Titel „Struensee: Doktor, Diktator, Favorit und armer Sünder“ konnte er ihn im selben Jahr bei Querido in Amsterdam veröffentlichen, die englische Übersetzung des Buches erschien im Londoner Gollancz Verlag – allerdings erst ein Jahr später. Denn während der Übersetzung, die das Ehepaar Willa und Edwin Muir übernommen hatte, zeigte sich, dass Neumanns überladener Stil nicht sehr einfach ins Englische zu übertragen war. Aus diesem Grund wurde die ursprünglich für 1935 geplante Herausgabe des Buches auf das nächste Jahr verschoben. Die Übersetzung präsentierte sich letztendlich in manchen Teilen sehr frei, Edwin Muir mochte das Buch selbst nicht besonders und brachte den exzessiven Stil Neumanns in seiner Übertragung etwas zum Verschwinden. Eine amerikanische und eine dänische Ausgabe folgten noch im selben Jahr. Für Neumann schien der erhoffte finanzielle Erfolg nahe: „The book was well sold to good publishers. Victor Gollancz liked it enormously, and rolled up his shirt sleeves and called it ‘The Queen’s Doctor’, and sold well under two thousand copies. Knopf in America added to the attractions by a glaringly beautiful picture jacket shewing the prettiest blue-eyed and gold-curled Queen of Denmark, by her doctor and lover fierly embraced; he sold 1200. The book was peculiary popular only in the Scandinavian states. The Danes particularly seem to have been interested to read it, and astounded to hear what they were looking like.”378

Doch obwohl die zeitgenössischen Kritiken für das Buch ganz gut waren, wurde es nicht der erhoffte Bestseller, der Verkauf blieb im Gegenteil eher mager. Neumanns amerikanischer Verleger Alfred Knopf schrieb ihm etwa: “We have just published THE QUEEN’S DOCTOR with an advance sale of about 1600 copies. This isn’t very encouraging, I know, but we shall do our best for the book. I gather that it did not do very much in England, but if I am mistaken let me have the figures.379 Neumann selbst gab seinem britischen Verleger Victor Gollancz die Schuld an den geringen Verkaufszahlen, der seiner Meinung nach zu wenig für die Bewerbung des Romans getan hatte.

Insgesamt erweist sich die erste Fassung des Struensee als ein eher flüchtig geschriebenes, unkonzentriertes, auf den kommerziellen Erfolg ausgerichtetes Werk. Wie ein Beispiel demonstriert, beinhaltet das Werk eine eher holprige Syntax und sogar grammatische Fehler: „Es war eine kleine Stille im Raum nach dieser Frage; ein Schicksal aber wollte es, daß von da ab nach jedem Satz, den dieser König Christian aussprach, irgendwann irgendwo, eine kleine Stille eintrat, ehe ihm eine Antwort ward. Diese Stille baute sich um ihn auf wie eine unsichtbare Mauer, wachsend in Höhe und Breite von Nacht zu Nacht. Damals jedoch war diese Mauer noch so, daß Aug und Stimme leicht über sie hinwegdrang [sic], und so sagte nach einer kleinen Stille der Struensee: „Leben? Du?“ Er legte ihm mit einer guten Gebärde die Hand auf die Schulter, und er erschrak ein wenig, da er diese Schulter so knöchern und gebrechlich fühlte durch das prunkende Tuch eines Königsrocks.“380

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde im Jahr 1953 der historische Roman in einer von Neumann selbst überarbeiteten Fassung, in der die stilistischen Probleme geglättet erscheinen, im Desch Verlag nochmals herausgegeben381: „Eine kleine Stille war im Raum nach dieser Frage. Und das Schicksal wollte es, daß von da ab nach jedem Satz, den dieser König Christian aussprach, immer und überall eine kleine Stille eintrat, ehe er eine Antwort bekam. Diese Stille baute sich um ihn auf, in Höhe und Breite wachsend von Nacht zu Nacht. Damals jedoch war diese Mauer noch so, daß Aug‘ und Stimme leicht über sie hinwegdrangen, und so sagte Struensee nach einer kleinen Stille: >Leben? Du?< Er legte ihm mit einer guten Gebärde die Hand auf die Schulter und erschrak ein wenig, als er diese Schulter so knöchern und gebrechlich durch das prunkende Tuch eines Königsrocks fühlte.“382

Mit dieser Neuherausgabe stellte sich für Neumann ein recht beachtlicher kommerzieller Erfolg im deutschen Sprachraum ein, zahlreiche weitere Buchausgaben383 und Übersetzungen384 folgten. Im Jahr 1957 wurde der Stoff unter der Regie von Harald Braun mit O.W. Fischer in der Titelrolle, Horst Buchholz und Helmut Lohner verfilmt, wobei der Handlungsablauf natürlich stark vereinfacht und nur in groben Zügen berücksichtigt wurde.385 Zwei Jahre später wurde auch in England ein Struensee-Film gedreht.



Neumann selbst sah seinen ersten historischen Roman retrospektiv als eines seiner schlechtesten Bücher an, auch sein Sohn spottete über den Struensee in Anspielung auf die zu diesem Zeitpunkt schwierigen Lebensbedingungen seines Vaters: „Looked at against that background, the book – ‘Struensee’ in German – is an unsurpassable masterpiece. Looked at on its own merits, it is the over-concoction of an over-cook gone slightly mad, running riot with soups, soufflés, sweet-sour gâteaux and what not, and insisting on serving them up all at once, all in one.”386 Er sieht im Roman seines Vaters einen Schritt in Richtung reiner Unterhaltungsliteratur: „It was the famous first step on the downward ladder; there seems to be no easy turn back once you decided to write a best seller and think there was just a hair´d breath missing or else you’d have brought it off.”387
In der Zeit nach dem Schreiben seines ersten historischen Romans beschäftigte sich Neumann tatsächlich mit „leichterer Kost“ und arbeitete an diversen Filmprojekten, die aber allesamt im Sand verliefen oder keinen finanziellen Erfolg einfahren konnten. So verfasste er etwa das Skript „Abdul the Damned“, in dem eine Wiener Opernsängerin ihren Geliebten rettet, indem sie sich dem Sultan als Haremsdame anbietet. Das Projekt wurde sogar mit Fritz Kortner, der, obwohl er Probleme mit dem Englischen hatte, die Hauptrolle spielte, verwirklicht. Alle anderen Filmkonzepte, wie etwa der gemeinsam mit Stefan Zweig geschriebene Film „Manon Lescaut“ oder ein Skript über das Leben von Alfred Nobel, das den Titel „Dynamite Nobel“ trug, wurden nie verwirklicht. Neumann versuchte außerdem seine Romane in Hollywood unterzubringen, aber ohne Erfolg: „Warner Brothers“ übernahmen 1937 fast das Skript zu Zaharoff, ließen das Projekt jedoch wegen der angespannten europäischen Situation wieder fallen. Die finanzielle Ausbeute war für Neumann in diesen Jahren dementsprechend gering.
Auftrieb in seiner literarischen Arbeit bekam er erst, als er im Jahr 1936 seine persönliche Situation durch die Beziehung zu Franziska Becker zumindest ein wenig stabilisieren konnte. Rolly stammte aus einer alten, nicht-jüdischen Familie aus Baden-Baden und hatte nach ihrem Studium als Journalistin zu arbeiten begonnen. Aufgrund ihres jüdischen Mannes und ihrer antifaschistischen Einstellung war sie nach Hitlers Machtergreifung nach England emigriert, wo sie als Lektorin für den Verlag „Allen & Unwin“ die Zaharoff-Biographie Neumanns gelesen und das Buch für die Publikation empfohlen hatte. Die Beziehung zu Neumann entwickelte sich aber erst im Jahr 1936. Neumanns Sohn Heinrich sah in ihr den Rettungsanker für das literarische Schaffen seines Vaters: „As to my father’s work, it was pretty rotten when Rolly took over.“388 Mit Rolly wandte sich Neumann nun von der uneinträglichen Produktion von Filmskripten ab und begann sich erneut der Arbeit an einem historischen Roman zu widmen. Dieser Roman sollte ihm endlich die literarische Reputation in England bringen und seine finanziellen Probleme lösen. So kalkulierte er in sein Schreiben den Konflikt zwischen ästhetischem Anspruch und kommerziellem Erfolg wohlwissend ein. Als geschichtlichen Hintergrund gestaltete Neumann den ungarischen Freiheitskampf von 1848, den er in der Person des Pferdehändlers und späteren Räuberhauptmannes Rosa Sandor schilderte.

Den Stoff zu seinem Buch entnahm Neumann zum Teil aus seiner eigenen Familiengeschichte. Sein Großvater Leopold Haugermann soll zur Zeit der Revolution in Ungarn für Kossuth gegen die Österreicher gekämpft haben: „Mein Großvater wurde 1830 geboren. Im Jahr 1848, achtzehnjährig, hatte er etwas mit der Polnischen Revolution zu tun, wurde zum Tod verurteilt und floh ins Ausland, um zu General Bem zu stoßen – dem polnischen Patrioten, der damals in Ungarn für Kossuth kämpfte.“389 Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte Neumann außerdem seine ungarischen Verwandten besucht und seine damals gewonnenen Reiseerfahrungen in das Kolorit des Romans einfließen lassen: „Dort habe ich meine Verwandten kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges besucht – und die Atmosphäre dieser verschollenen ungarischen Provinzwelt hat mir zunächst in meinem kleinen Roman ‚Karriere‘ und dann in ‚Freiheit und der General‘ einige Hintergrundfarben geliefert.“390 Von der Hauptfigur seines Romans, dem Räuberhauptmann Rosa Sandor, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tatsächlich in Ungarn gelebt haben soll, hat Neumann laut Jenö Krammer vom Direktor der Volksbühne erfahren und bereits im Jahr 1935 in Budapest zu diesem Thema recherchiert: „Wie er mir in einem Briefe mitteilt, erzählte ihm über Rózsa Sándor zuerst Dr. Arthur Kundt, Direktor der Volksbühne, so daß er 1935, als er zu einem Vortrag nach Budapest eingeladen wurde, damals schon aus London ‚mit der Neben- oder Hauptabsicht, Material für den geplanten Rózsa Sándor-Roman zu sammeln‘ [...] in die ungarische Hauptstadt gekommen ist. Seiner eigenen Aussage nach waren es nicht so sehr Dokumente, als vielmehr eine große Menge von Volksüberlieferungen, die ihn über Rózsa Sándor belehrten. Volksüberlieferungen, ‚die offensichtlich unhistorisch waren und der Heldensaga entsprachen, die sich um jeden großen Räuber, der ‚den Reichen nimmt und den Armen gibt‘ rankt – um Rózsa Sándor wie um Michael Kohlhaas, wie um den Schinderhannes etc. etc.“391

In der Handschriftensammlung der Wiener Nationalbibliothek findet sich ein undatierter, 22 Seiten langer Entwurf zu Neumanns Sandor-Roman, in dem er die Ergebnisse seiner Recherchen verarbeitet haben dürfte.392 Als Einstiegsszene hatte Neumann die Vorstellung verschiedener Figuren geplant, wobei jede eine andere Erzählperspektive darstellen und die Geschichte Rosas retrospektiv aus einem ihr eigenen Blickwinkeln beleuchten sollte. Daran anschließend findet sich in diesem Entwurf eine Zusammenfassung von biographischen Daten zu Rosa Sandor, die Neumann anscheinend aus Schriften des Kriegsmuseums, die zwischen den Jahren 1852 und 1857 verfasst worden waren, entnommen hat. Das Konzept beinhaltet einige Parallelen mit der endgültigen Fassung des historischen Romans wie etwa die Teilnahme Rosas am ungarischen Freiheitskampf, die versuchte Gefangennahme von Kaiser Franz Joseph, Rosas Zeit im Gefängnis sowie die Figuren der Bodó Kati und des Katona. Allerdings finden sich auch viele gravierende Unterschiede, beispielsweise wird im Entwurf Rosa erst durch eine Rede von Kossuth für den Kampf angeworben, auch unternimmt er einen Zugraub und stirbt im Gefängnis. Da sich dieses Konzept vom Roman sehr deutlich unterscheidet und ihm nur in groben Zügen ähnelt, dürfte es nur eine erste Stoffsammlung zum Thema gewesen sein, die von Neumann erst später detaillierter ausgestaltet wurde.

Robert Neumanns Arbeit am Roman scheint langsamer als geplant vorangegangen zu sein, wie ein Brief eines Wiener Freundes an ihn belegt: „Nun habe ich schon sehr lange nichts von Ihnen gehört ausser kärglichen Nachrichten durch Stefi, die mir nur sagt, dass Sie nicht sehr zufrieden sind, weil das poetische Wachstum der verklärten Gestalt eines Räuberhauptmanns sich langsamer vollzieht als seine Entwicklung in der von ihm selbst gestalteten für seine Opfer rauhen Wirklichkeit. Auch harren Sie, wie mir Stefi erzählt, noch immer des grossen Filmerfolges.“393 Anscheinend wurde Neumann beim Verfassen des historischen Romans von einer Vielzahl anderer Projekte abgelenkt: „Father had got hold of a rather marvellous yarn of a Hungarian robber Chieftain called Rozsa Sandor, who joined forces in 1848 with that great orator and revolutionary, Kossuth. Father had started playing about with it, and writing a few chapters, which, however, were in the act of growing stale in a drawer: he had no time nor concentration to write a book, he had twenty-three story plans, he must write them up quick – quick, six agents, forty-six film producers were waiting, any day now he was sure to make his big hit with them.”394

Ende 1936 konnte Neumann schließlich die Arbeit am deutschen Manuskript beenden und es im Jänner 1937 Victor Gollancz, der ja bereits seinen ersten historischen Roman verlegt hatte, anbieten. Dieser lehnte jedoch ab: „Many thanks for your letter. I have, however, very reluctantly come to the conclusion that I cannot handle your new book. I have had a very good report on it: but I find these translations more and more difficult to handle.”395

Der Londoner Verlag „Cassell“ nahm das Buch schließlich im Februar an und erfand für die im Jahr 1938 erscheinende englische Ausgabe den nicht sehr gelungenen Titel „A Woman Screamed“. Die Übersetzung des deutschen Manuskripts hatte erneut das Ehepaar Muir übernommen, mit dessen Übertragung Neumann wieder nicht besonders zufrieden war, da die Muirs manche Stellen sehr frei übersetzt hatten wie folgender Vergleich zeigt: „And then, without anyone knowing how he had got there, a man appeared in the room. A stranger, a man in his forties, with sombre, somewhat stern eyes. He must have run down the stairs, for he was still breathing hard, and clearly the last thing he had expected to find in the room was this brilliant company, headed by the Regimentae Commander himself with all his orders glittering on his breast. Indeed, it seemed for a moment as if the man repented of his act. He took off his cap and bowed deeply with a modest and yet manly air, and said awkwardly into the silence which had fallen at his entrance: ‘Someone screamed.’”396 Wirklich scheint Neumanns Stil nicht sehr gut getroffen zu sein, denn in der deutschen Fassung lautet der Text folgendermaßen: “Und dann, ohne dass man sein Eintreten wahrgenommen hatte, stand plötzlich ein Mann im Raum. Ein Fremder, ein Mensch um die Vierzig, feierlichen und harten Blicks. Er mochte hastig über die Treppe geeilt sein, denn noch ging ihm der Atem rasch, und mochte Anderes in diesem Zimmer erwartet haben als eine Versammlung, glänzend gleich dieser, darunter sich ordenprangend und mit goldenem Kragen der Regimentskommandeur in Person befand, und wurde, so schien es, darüber für einen Augenblick an seinem Vorhaben irre. Er neigte sich grüssend, entblössten Haupts, bescheiden und mannhaft in einem, und sagte ungelenk in das Verstummen, das über seinem Eintritt der Zechenden sich bemächtigt hatte: ‚Es hat eine geschrien!‘“397

Neumann wollte seinen zweiten historischen Roman auch im deutschsprachigen Raum publizieren und bot das Buch zu diesem Zweck dem Wiener Verleger Herbert Reichner an, der zunächst interessiert schien, es aber schließlich in Hinblick auf die spezielle österreichische Situation ablehnte: „Es handelt sich nämlich darum, dass wir als Verleger mit dem Wohnsitz in Wien unmöglich ein Buch herausbringen könnten, dass irgendwelche Stellungnahmen gegen das alte Oesterreich bemerken lässt. Das scheint aber in diesem Roman der Fall zu sein – immer natürlich nur aus der Inhaltsangabe geschlossen. [...] Glauben Sie auch bitte nicht, dass wir mit einer Ueberempfindlichkeit behaftet sind. Es handelt sich allein um die verlegerische Vorsicht, welche heutzutage mehr denn je am Platze ist, da nichts leichter ist, als Bücher durch eine vis major unmöglich zu machen.“398 Neumann zeigte sich über die Absage Reichners sehr enttäuscht: „Die Sache mit Reichner war mir, nach all seinen vorherigen Bemühungen, ein wenig enttäuschend – und ich bin nun in der nicht ganz alltäglichen Situation, für ein in die halbe Welt verkauftes Buch keinen deutschen Verleger zu haben.“399

Schließlich konnte Neumann vier Monate nach dem Erscheinen der englischen Übersetzung seinen Roman unter dem Titel „Eine Frau hat geschrien“ im Zürcher Humanitas-Verlag veröffentlichen. Aufgrund der längeren Suche nach einem deutschsprachigen Verlag wurde Neumann sich seiner Abhängigkeit vom englischen Buchmark bewusst. Dies war ein Mitgrund für den späteren Wechsel in die englische Sprache. Im selben Jahr, 1938, erschien auch eine amerikanische Ausgabe des Romans bei „Dial Press“ in New York, ebenso wurde eine Verfilmung des Stoffes geplant, aber unterbrochen, als sich der ungarische Reichsverweser Nikolaus von Horthy immer klarer auf die Seite Hitlers stellte und so ein proungarischer Film untragbar geworden wäre.400

Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte der Hutchinson-Verlag den Roman im Jahr 1947 unter dem Titel „Failure of a Hero“ nochmals in der englischen Übersetzung heraus, der Münchner Desch-Verlag veröffentlichte schließlich im Jahr 1958 eine deutsche Ausgabe unter dem Titel „Die Freiheit und der General“, die in Anbetracht der ungarischen Revolution von 1956 als sehr aktuell empfunden und von Neumann nochmals überarbeitet wurde. Auch beim zweiten historischen Roman sind im Vergleich zur ersten Fassung die stilistischen Korrekturen deutlich zu erkennen: „Und dann stand plötzlich ein Mann im Raum. Man hatte sein Eintreten nicht wahrgenommen. Er war ein Fremder, ein Mann um die Vierzig, feierlichen und harten Blicks. Er mochte in diesem Zimmer anderes erwartet haben als diese glänzende Versammlung, in der sich auch noch, ordenprangend und mit goldenem Kragen, der Regimentskommandeur in Person befand. Der Eindringling wurde darüber für einen Augenblick an seinem Vorhaben irre. Er neigte sich grüßend, entblößten Hauptes, bescheiden und doch mannhaft, und sagte ungelenk: >Ein Frau hat geschrien.<401 Die Rezensionen zu diesem Roman waren sowohl in England als auch im deutschsprachigen Raum überwiegend positiv, auch wenn Neumanns Sprache für viele Leser und Kritiker, vor allem bei der Neuherausgabe nach dem Zweiten Weltkrieg, antiquiert wirkte. Neumann selbst nannte das Buch retrospektiv einen Misserfolg, erst nach den stilistischen Korrekturen sei es ein gutes Werk geworden.402
„Eine Frau hat geschrien“ war der zweite von Robert Neumann geschriebene historische Roman. Will man eine Gesamtbewertung seiner beiden Geschichtsromane anhand ihrer Entstehungsgeschichte versuchen, so zeigt sich, dass sich Neumann bei ihrer Produktion vor allem am wirtschaftlichen Gewinn orientiert hatte. Angeregt vom Erfolg Stefan Zweigs und vom zu dieser Zeit allgemeinen Interesse am historischen Genre erhoffte er sich eine rasche Lösung seiner materiellen Probleme. Wie auch die Entstehungsumstände zeigen, dürften beide Romane – zeitgleich zu anderen Arbeiten – von Neumann sehr schnell konzipiert und geschrieben worden sein. Dies beweisen die stilistisch eher ungefeilten ersten Fassungen beider Werke. Neumanns Absicht und Vorgehensweise ist vor dem Hintergrund des Exils aber durchaus verständlich.

In den nächsten Jahren widmete er sich in seinen Büchern vor allem der Exilthematik und der Judenproblematik, wie bereits sein nächstes Buch, „An den Wassern von Babylon“, beweist. Durch diese Werke konnte sich Neumann eine gewisse Reputation in England verschaffen, womit sich die Befürchtungen seines Sohnes doch nicht bewahrheitet haben: Neumann scheint im Laufe seiner Karriere auf der Leiter der höheren Literatur doch noch ein paar Sprossen erklommen zu haben.



Inhaltlicher Überblick über die historischen Romane
      1. Der Favorit der Königin“


Schauplatz des Romans ist das Königreich Dänemark am Vorabend der Französischen Revolution.403 Als König Friedrich der Gute im Jahr 1766 stirbt, folgt ihm sein siebzehnjähriger Sohn aus erster Ehe, Christian VII., ein nicht sehr verantwortungsbewusster, sich dem Lotterleben hingebender, geistig schwacher Regent, auf den Thron nach. Friedrichs zweite Frau Juliane, Christians Stiefmutter, rivalisiert insgeheim mit Christian, da sie gerne ihren eigenen Sohn, den sich noch im Kindesalter befindenden und verkrüppelten Friedrich, an dessen Stelle sehen würde.

Christian wird aus dynastischen Gründen mit der sehr jungen englischen Prinzessin Karoline Mathilde, Tochter Georgs III., verheiratet. Die Hochzeitsnacht verläuft für Christian allerdings nicht nach Plan, denn Mathilde schläft, ermüdet von den Feierlichkeiten, einfach ein. Christian, zunächst selbst unsicher, verschafft sich ein paar Tage später mit Gewalt Eintritt in Mathildes Zimmer. Neun Monate nach dieser unglücklichen Begegnung bringt Mathilde einen Sohn zur Welt.

Christian flieht vor seiner Tat und vor seiner Verantwortung als Regent, indem er eine Reise unternimmt, die ihn durch das eigene Reich und die Nachbarländer führt. Finanziert wird die Fahrt, auf der sich Christians Verschwendungssucht bald zeigt, von Schimmelmann, einem jüdischen Geschäftsmann. In Altona wird der Stadtphysikus Johann Friedrich Struensee, ein früher Anhänger Rousseaus, als Leibarzt des Königs mit auf die Reise genommen. Schnell entwickelt sich eine besondere Beziehung zwischen Christian und Struensee, dem sich der König völlig offenbart, als er zugibt, seine Ehefrau zu hassen und selbst sehr unglücklich zu sein. Als Christian sogar Halluzinationen bekommt, nimmt sich Struensee seiner an und begleitet den König auf der Heimreise in dessen Kutsche. Dies ist die Chance für Struensee, Christian zu beeinflussen und mit Rousseaus Vorstellungen vertraut zu machen.

Bereits bei seiner Ankunft in Kopenhagen zeigt sich Christian verändert, verlangt nach einer Aufstellung der Reisekosten und möchte ab sofort täglich über die Regierungsgeschäfte informiert werden. Struensee ist es also gelungen, den schwachen König zu leiten und auf diese Weise indirekt Macht über Dänemark auszuüben, um Reformen im Sinne Rousseaus durchzusetzen. Er bemerkt jedoch bald, dass dies gegen den mächtigen Hofadel nur schwer funktionieren kann.

Zur Stärkung und Absicherung seiner Macht entschließt er sich, Königin Mathilde, die sich auf Schloss Hirschholm zurückgezogen hat, zum Regieren nach Kopenhagen zurückzuholen und sie mit den Ideen Rousseaus vertraut zu machen. Bald entwickeln sich zwischen beiden innige Gefühle, gegen die er sich zur Wehr zu setzen versucht, indem er eine gemeinsame Reise des Königspaares organisiert, in der Hoffnung, den Spalt zwischen Christian und Mathilde kitten zu können. Als Struensee von Christian gebeten wird, ihn auf der Reise zu begleiten, besiegelt sich Struensees Schicksal. Er verbringt mit Mathilde bei einem Aufenthalt auf einem Jagdschloss die Nacht. Als Christian sie zufällig entdeckt, tritt bei ihm – anscheinend durch den Schrecken des Anblicks – eine geistige Verwirrung ein, die ihn sein restliches Leben begleiten wird. Struensee entscheidet sich in dieser Situation, die Verwirrung des Königs zur endgültigen Machtübernahme auszunützen. Er entlässt den gesamten höheren Hofstaat und löst den Staatsrat auf. Unterstützung findet er bei den Grafen Berndt, Rantzau, Bernstorff und natürlich bei Mathilde.

In der Folgezeit setzt Struensee zahlreiche Reformprojekte um: die Steuern für die Armen werden halbiert, hingegen wird für die Adeligen und Reichen eine Extrasteuer eingeführt, der Aufwand am Hof eingeschränkt, die Leibeigenschaft aufgehoben, die Bodennutzung verbessert, die eingeschränkte Situation der Juden entschärft und neue Ehebruch-Bestimmungen werden eingeführt. Das Volk jubiliert, die Adeligen, die sich um Juliane versammeln, werden jedoch aufgrund der für sie ungünstigen Neuerungen zu erbitterten Gegnern Struensees. Aber auch seine Freunde beginnen allmählich von ihm abzufallen: Rantzau ist erbost, weil er unter Struensee „nur“ Armeegeneral geworden ist, Schimmelmann, der ihn finanziert hatte, ist entsetzt über Struensees Installierung einer Staatslotterie.

Als Mathilde von Struensee schwanger wird und eine Tochter bekommt, glaubt Christian zunächst, selbst der Vater zu sein, erwacht aber schließlich kurz aus seiner Verwirrung. Er beschließt, Struensee zu erschießen, ist aber im entscheidenden Augenblick zu schwach dafür und überschreibt stattdessen, nun völlig resignierend, Struensee eine Regierungsvollmacht. Dieser ist damit am Höhepunkt seiner Macht angelangt.

Der Adel rüstet in der Zwischenzeit zum Gegenangriff und versucht, das Regierungsbudget über die Börse mittels Entwertung der Lotterieaktien zu sprengen. Schimmelmann kann dies jedoch mit der Aufbietung seiner eigenen Finanzen im letzten Moment verhindern. Da die Aktien aber trotz dieser Rettungsaktion massiv an Wert verlieren, kippt die Struensee-freundliche Stimmung im Volk. Dies zeigt sich in der Person des Niels Nielsen, der zunächst ein starker Befürworter des Schattenkönigs war, sich jetzt aber zu einem fanatischen Gegner wandelt. Struensee steht in der Folgezeit – abgelehnt von Adel und Volk – unter immer stärkerem Druck und bekommt allmählich Angst um sein Leben.

Tatsächlich holt der Adel zum großen Schlag gegen Struensee aus: Die Verschwörer rund um Juliane und Rantzau dringen in den Königspalast ein und schleichen durch verschiedene Geheimgänge zu Christian, der in geistiger Umnachtung die Verhaftungsdekrete für Struensee, Berndt und Mathilde unterschreibt. Juliane, die nun die Macht in Dänemark übernimmt, möchte alle drei hinrichten lassen, muss jedoch Mathilde aufgrund englischer Intervention verschonen und sie an ihr Heimatland ausliefern. Mathilde weigert sich jedoch, ohne Struensee Dänemark zu verlassen, worauf sie mit der Lüge, ihr Geliebter werde mit ihr kommen, auf das Schiff gelockt wird. Auch die Mitgift muss Dänemark, nachdem England eine militärische Intervention angedroht hat, zurückzahlen. Finanziert wird die Summe wiederum von Schimmelmann, der nun sämtliche königliche Güter als Pfand in seiner Hand hält.

Auf seiner Fahrt zur Hinrichtung wird Struensee vom Volk mit Steinen und Obst beschossen. Die Stimmung des Volkes hat sich also komplett gegen Struensee gewendet, sein ehemaliger Befürworter Niels Nielsen fungiert sogar als Henker.

Am Ende des Romans wird überblicksmäßig der weitere Verlauf der dänischen Geschichte erzählt: Juliane wird bereits kurze Zeit später von allen gehasst, sodass sich eine Gegenverschwörung bildet, die versucht, Mathilde wieder am Thron zu installieren. Diese stirbt aber - vermutlich nach einem Giftanschlag – kurz vor dem Gegenputsch. Schließlich übernimmt der gemeinsame Sohn von Christian und Mathilde die Macht in Dänemark, der dank Struensees Erziehung zu einem gesunden und redlichen Regenten herangereift ist und sukzessive Struensees Reformen in Dänemark wieder einführt. Rund dreißig Jahre nach Struensees Hinrichtung taucht plötzlich die englische Kriegsflotte vor Dänemark auf, um mit einem militärischen Schlag das Schicksal Mathildes zu rächen.
Die Freiheit und der General“

Rosa Sandor404, ein aus Ungarn stammender und in Polen arbeitender Pferdehändler, flüchtet gemeinsam mit einer Vielzahl von Menschen vor einem Vergeltungsschlag des Zaren, der die polnische Bevölkerung für ihren nationalen Aufstand gegen die russische Vorherrschaft bestrafen will, in seine Heimat zurück. Als Rosa, bereits in Ungarn angekommen, in einem Gasthaus übernachtet, wird er vom Schrei einer unbekannten Dame aufgeweckt. Schon möchte er, von seiner Zimmernachbarin Katalin Bodo beschwichtigt, in sein Zimmer zurückgehen, als er nochmals einen Schrei hört. Rosa geht diesem nach und landet vor einem Trinkgelage der Dreier-Dragoner, bei dem österreichische und ungarische Offiziere, darunter auch die Grafen Georg Andrassy und Windischgrätz, zugegen sind. Zuvor hatte Julia Sendrei, eine angebliche Kleinkünstlerin, zur Unterhaltung der versammelten Runde vorgesungen, war aber von den Offizieren ausgelacht worden. Aus Entrüstung hatte Sendrei erbost aufgeschrien, worauf ihr von Andrassy im Übermut das Kleid vom Leib gerissen worden war. Windischgrätz hatte die entblößte Sendrei danach in eine Nebenkammer bringen lassen, wo sie wegen einer Maus erneut einen Schrei ausgestoßen hatte. Rosa betritt aus diesem Grund nun den Raum des Trinkgelages und fragt nach dem Unrecht, das geschehen sei. Als ihn die Offiziere nur auf den Arm nehmen, hebt Rosa als Beweis für seine Vermutung das zerrissene Kleid der Sendrei auf. Andrassy wirft ihn, um die peinliche Situation zu umgehen, einfach aus dem Fenster.

Rosa, erbost über den Vorfall, geht daraufhin nach Zempeln zu Ludwig Kossuth, dem stellvertretenden Staatsanwalt, um eine Anzeige aufzugeben, wird aber von diesem zunächst abgewiesen. Erst als Kossuth nach einem Streit mit Andrassy aus seinem Amt als Gutsfiskal, das er bei dessen Schwägerin Ethelka Andrassy innegehabt hatte, entlassen wird, nimmt sich Kossuth des Falles an und schickt eine Anzeige zwecks Verhaftung des Georg Andrassy an die ungarische Komitatspolizei und zum Obersten Militärgericht nach Wien. Die Behörden informieren jedoch Andrassy, der nun mit seinen adeligen Freunden für die Niederschlagung des Prozesses sorgt: Rosa wird zu einer Ordnungsstrafe verurteilt, Katalin Bodo, die als Zeugin ausgesagt hatte, ausgewiesen und Kossuth aus seinem Staatsanwaltsposten entlassen. Als Kossuth – nun als einfacher Advokat – Berufung gegen die Niederschlagung des Prozesses einlegt, ernennt ihn Karl Andrassy, der die drohenden Verhaftung seines Bruders abwenden will, zum Abgesandten an den Pressburger Landtag. Rosa wird aufgrund eines angeblichen Pferderaubes in den Kerker gesperrt. Damit ist der Fall Georg Andrassy abgeschlossen. Rosa kann aus dem Gefängnis fliehen und beginnt nun, von einem Steckbrief in den Untergrund gezwungen, sein Leben als Räuberhauptmann.

10 Jahre später, im Jahr 1848, steht Kossuth an der Spitze der ungarischen Nationalbewegung gegen Österreich. Seinem Aufruf, dem ungarischen Heer beizutreten, folgt auch der Jude François Marie Lewy, der auf dem Weg zur Armee von einem Gefährten Rosas, Katona, überfallen und eines Bildes von Kossuth beraubt wird. Als Rosa das Porträt unter den Beutestücken sieht, bricht er sofort auf, um Kossuth, den er seit dem Andrassy-Prozess verehrt, aufzusuchen.

Beim Zusammentreffen zwischen beiden wird Rosa von Kossuth überredet, mit seinen Räuberkumpanen beim Kampf für die ungarische Freiheit mitzumachen. Katalin Bodo, die in der Zwischenzeit Rosas Lebensgefährtin geworden ist, verhandelt mit Kossuth die Bedingungen: Rosa erhält eine Generalamnestie für seine Taten als Räuber und den Titel eines Generals.

Der Feldzug Rosas gegen die von den Österreichern unterstützten Serben ist erfolgreich, wohl auch weil er mit seinen Leuten alle Regeln des Kampfes bricht. Als Katona aber von Rosa abfällt und im Alleingang Lagernstadt niederbrennt, verfolgt ihn Rosa. Nebenbei besiegt er, von Rache am verschwundenen Katona getrieben, sowohl die Kroaten unter Jellacic als auch die Slowenen und befreit die belagerte Stadt Peterwardein, wodurch er den ungarischen Truppen zum Sieg über die Österreicher verhilft.

Nach der gewonnenen Schlacht zieht Rosa, völlig neu eingekleidet, in einem Triumphzug durch das Land. Er möchte Kossuth aufsuchen, um mit ihm über die Wiederaufnahme des Prozesses zu reden, wird aber nicht zu ihm vorgelassen. Die ungarischen Offiziere reden in der Zwischenzeit auf Kossuth ein, Rosa fallenzulassen, da ein Räuberhauptmann an der Seite des neuen ungarischen Führers kein gutes Bild machen würde. Kossuth will aber an Rosa aus strategischen Gründen festhalten. Schließlich lassen die Offiziere ohne das Wissen Kossuths Rosa ein Entlassungsschreiben zukommen, der sich, schwer enttäuscht, seinem alten Leben zuwendet.

Sieben Monate später hat sich die Lage für Ungarn jedoch deutlich verschlechtert: Die Österreicher unter Windischgrätz und Haymann bedrängen gemeinsam mit den Rumänen, Slowenen und Kroaten die ungarischen Truppen. Sie konnten bereits bis Ofen vordringen, als auch noch die Russen den Österreichern zu Hilfe kommen. Die Lage ist für Ungarn praktisch chancenlos. In dieser bedrängten Situation erinnert sich Kossuth wieder an Rosa und bittet ihn um Hilfe. Trotz der erlittenen Kränkung willigt Rosa ein, Kossuth außer Landes in die Türkei zu bringen. In der Zwischenzeit handelt der ungarische Offizier Görgey mit den Österreichern eine Machtübergabe aus, um die Verluste in den Truppen möglichst klein zu halten. Nur ein kleiner Teil der ungarischen Freiheitskämpfer rund um Lewy und den Nationaldichter Petöfi kämpft weiter und kann sich gegen die Übermacht halten.

Rosa hat es zwischenzeitlich geschafft, Kossuth nach Orsova zu bringen, wo er bei den türkischen Behörden um Asyl ansucht. Rosa beteiligt sich an den Kämpfen gegen die Österreicher, um den Weg für Kossuth freizuhalten, der schließlich wirklich in die Türkei übersetzten kann. Die für ihn kämpfenden ungarischen Truppen werden vollkommen aufgerieben, selbst Rosa wird für tot gehalten.

Nach der Niederschlagung der Revolution übernehmen die Österreicher wieder die Hegemonie in Ungarn und halten sogenannte „Volksgerichte“ ab, die aber aus lauter Österreich-Sympathisanten bestehen. 163 Todesurteile werden verhängt, die vom neuen Kaiser Franz Joseph allerdings in lebenslange Haftstrafen umgewandelt werden. Trotzdem vollstrecken die Behörden dreizehn Todesurteile, die dem Kaiser vorenthalten worden waren. Am Tag nach der Hinrichtung sind die Erhängten verschwunden, an ihrer Stelle baumeln die „Volksrichter“ an den Galgenmasten. Mit dieser Tat meldet sich der totgeglaubte Rosa zurück. Er unternimmt in der Folgezeit zahlreiche Beutezüge, deren Gewinn er entweder an die Armen verteilt oder Kossuth, der im Ausland lebt, zukommen lässt. Ihm gelingt es auch, als österreichischer General verkleidet, 400 Kriegsgefangene zu befreien. Aufgrund dieser Taten wird er vom ungarischen Volk als Nationalheld verehrt. Ihm zur Seite steht die junge Marika, Elster genannt, der Rosa während seines Kossuth-Einsatzes näher gekommen war und die nun von ihm eine Kind erwartet.

Kurze Zeit später erfährt Rosa, dass Kaiser Franz Joseph eine Reise in das nun befriedete Ungarn unternehmen will. Rosa beschließt, diese Chance zu nützen, um den Kaiser gefangenzunehmen und so die Rückkehr des in der Türkei festsitzenden Kossuth zu erzwingen. Die Mission steht allerdings unter keinem guten Stern: Rosa ist an Sumpffieber erkankt, Katona möchte die Entführung für die Rache an seinem ehemaligen Hauptmann nützen. Marika, die Katona durchschaut, versucht Rosa rechtzeitig zu warnen, doch vergeblich: Rosa wird von den ungarischen und österreichischen Gendarmen, die den Kaiser begleiten, gefangengenommen.

Siebzehn Jahre sitzt er im Gefängnis von Kufstein, bis er 1868 vom Kaiser, der gerade mit Julius Andrassy den österreichisch-ungarischen Ausgleich verhandelt, begnadigt wird. Rosa geht nach seiner Freilassung zu Fuß zurück nach Budapest, wo er bei der „Ofener Post“ alte Artikel über seinen Prozess kaufen will. Ein alter Redakteur erkennt ihn und widmet ihm eine Titelgeschichte, worauf Rosa zu einer Audienz bei Julius Andrassy, dem neuen ungarischen Ministerpräsidenten, vorgelassen wird. Ihn bittet Rosa um die Wiederaufnahme seines bereits dreißig Jahre zurückliegenden Prozesses. Andrassy verspricht es ihm, unternimmt aber nichts, schließlich geht es bei der Anklage um seinen eigenen Onkel. Rosa aber wartet zwei Jahre lang geduldig auf Nachricht von Andrassy, bekommt aber nur einen Scherzbrief, in den ein Unbekannter ein zehn Jahre altes Aufrufschreiben von Kossuth, der damals von Italien aus versucht hatte, ein ungarisches Heer aufzustellen, gesteckt hat. Rosa, noch immer ein überzeugter Anhänger Kossuths, macht sich sofort auf den Weg nach Kossuths scheinbarem Aufenthaltsort Ascona. In einer italienischen Hafenstadt begegnet ihm ein Mädchen, das ihn an Marika erinnert. Er geht mit ihr in ein Lokal, gerät dort aber in eine Schlägerei und wird von einem fremden Mann erstochen.

Selbsteinschätzung und Rezeption von Neumanns historischen Romanen
Bis jetzt sind in der vorliegenden Arbeit immer nur zwei Bücher aus Robert Neumanns Gesamtwerk als Geschichtsromane deklariert worden, in der germanistischen Forschung werden jedoch auch noch andere Werke dem historischen Genre zugeordnet. Beispielsweise sieht Ulrich Scheck in Neumanns Zaharoff-Roman eine historisch-fiktionale Biographie und ordnet sie aufgrund der zeitlichen Nähe der Entstehung den historischen Werken zu Beginn seiner Exilzeit zu.405 Auch Joseph P. Strelka sieht im Zaharoff-Buch eine Tendenz zum Geschichtsroman406, ebenso meint Johannes Sachslehner, dass sich Neumann zu Beginn des Exils vor allem mit historischen Stoffen, darunter auch Zaharoff, auseinandergesetzt habe407. Sylvia M. Patsch rückt weiters Neumanns frühen Roman „Die Macht“ in die Nähe eines historischen Romans, „historisch, obwohl er ca. 1930 spielt –, [...] da er eine Episode aus der russischen Geschichte schildert“.408 Ebenso enthält nach ihrer Meinung Neumanns Autobiographie „Mein altes Haus in Kent“ historische Züge, da darin seine Familien- und Lebensgeschichte geschildert wird.409 Neumann selbst sprach immer nur von zwei von ihm verfassten Geschichtsromanen410. Auch Kesten sieht es so und nennt Struensee seinen ersten historischen Roman.411

An diesen unterschiedlichen Einschätzungen zeigt sich die allgemein problematische Eingrenzung und Einordnung des historischen Genres. Einstimmigkeit gelingt den verschiedenen Autoren nur bei den beiden Romanen über Struensee und Sandor, die von allen Rezensenten einhellig als historische Romane definiert werden, da sie in einer bereits vergangenen Zeit spielen und im Text die Differenz zwischen Vergangenheit und Gegenwart durch die Einfügung geschichtlicher Dokumente sogar akzentuiert wird.

Das Zaharoff-Buch hingegen wurde vom Verlag „Rich & Cowan“ als Biographie in Auftrag gegeben und von Neumann auch als solche konzipiert. Es beinhaltet einen zeitgenössischen Stoff rund um den in den 1930er Jahren sehr bekannten Waffenhändler Sir Basil Zaharoff, der zum Zeitpunkt des Verfassens noch am Leben war. Neumann stöbert in seiner Darstellung zwar in der Vergangenheit Zaharoffs, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das Buch ist aber eher als eine zeitgeschichtliche Biographie und nicht als historischer Roman einzuordnen. Ebenso befasst sich auch „Die Macht“ mit dem Zeitgeschehen (Thema ist die Tscherwonzen-Affäre von 1929412) und beinhaltet damit zwar eine starke zeitkritische, aber keine historische Komponente.

Insofern sind die Bücher über Struensee und Sandor als die beiden einzigen historischen Romane im Neumanns Gesamtwerk anzusehen, auch weil sie in der Konzeptionsweise und der Aussage – wie später zu zeigen sein wird – starke Parallelen aufweisen und sich damit vom Gesamtwerk sowohl in Form als auch Inhalt unterscheiden.


Neumann selbst hat sich zu seinen beiden historischen Romanen kaum geäußert, nur in seiner Autobiographie „Ein leichtes Leben“ finden sich zwei kurze Selbsteinschätzungen. Sein Urteil über den Struensee-Roman fiel aber nicht besonders positiv aus: „Ich hatte, auf Zureden Stefan Zweigs, einen historischen Roman geschrieben, >Struensee<. Victor Gollancz wollte mit ihm wieder einmal die Welt erobern, vergaß es aber nach den ersten tausenddreihundert Exemplaren, weil etwas anderes zu bekämpfen oder dringend zu retten war. (Ein Pot Boiler, aber nothing boiled, bis man nach dem Krieg das Buch entdeckte, >Favorit der Königin<, >Herrscher ohne Krone<, einer meiner schlechtesten Romane, die Deutschen kauften davon etwa zehnmal so viel wie von meinen beiden besten – von beiden zusammen.)413 Über den Sandor-Roman hatte er eine bessere Meinung: „Auch ein zweiter historischer Roman, vom Verleger (das war diesmal nicht Gollancz, mit dem ich noch wegen des vorigen wieder einmal tödlich verfeindet war) genialerweise >A Woman Screamed< genannt, war damals noch ein rauschender Mißerfolg. (Später hieß er >Failure of a Hero<, und in Deutschland, nach Abrasierung seiner unerträglichen stilistischen Mätzchen, >Die Freiheit und der General< - er ist wenig bekannt, ich glaube, das ist ein gutes Buch.414 Neumann zählte seine historischen Roman also nicht unbedingt zu seinen besten Werken und vermied es daher, auch wenn er sie für ihre Wiederveröffentlichung stilistisch überarbeitet hatte und sie danach einigen Erfolg verbuchen konnten, auf sie aufmerksam zu machen. Zum Beispiel verschwieg er bei seinem Interview mit Horst Bienek bei der Aufzählung seiner vier in Deutsch geschriebene Exilromanen gerade die beiden historischen.415 Allerdings äußerte sich Neumann über all seine Werke immer betont selbstkritisch, weshalb diese Distanzierung von seinen Geschichtsromanen nicht allzu ernst genommen werden sollte, schließlich waren sie für ihn ein großer finanzieller Erfolg. Klar dürfte jedoch sein, dass er sie nicht zu seinen gelungensten Werken zählte.
Da die beiden historischen Romane in zwei verschiedenen Sprachgebieten in unterschiedlichen Fassungen zu verschiedenen Zeiten publiziert wurden, zeichnen sich in der Rezeptionsgeschichte der Werke mehrere Stufen ab. Bereits bei der Rezeption unmittelbar nach dem ersten Erscheinen (der Struensee-Roman wurde 1935 publiziert, das Sandor-Buch 1938) müssen die deutschen Rezensionen, die vorwiegend in den verschiedenen Exilzeitschriften abgedruckt wurden, von den englischen unterschieden werden. In Österreich sind sowohl die englischen als auch die deutschen Kritiken heute nur schwer zugänglich.416 Die zweite Rezeptionswelle der historischen Romane begann bei der Wiederherausgabe der überarbeiteten Fassungen im deutschen Sprachraum (Struensee erschien im Jahr 1953, Sandor 1958).

Germanistische Untersuchungen zu Neumanns Geschichtsromanen setzten erst in den 1960er Jahren ein. Von den wenigen vorhandenen Aufsätzen sind nur die Beiträge von Bruce M. Broerman417, Elke Nyssen418 und Ulrich Scheck419 für „Der Favorit der Königin“ und Jenö Krammer420 für „Die Freiheit und der General“ erwähnenswert.

Aus all diesen kritischen Betrachtungen lassen sich mehrere Schwerpunkte in der Rezeption von Neumanns historischen Romanen ablesen. Fast alle Rezensenten stellen sich die Frage nach dem Einfluss der historischen Fakten bei der Gestaltung des Stoffes. Für den Struensee-Roman finden sich hierüber widersprüchliche Ansichten, die Mehrheit spricht sich allerdings für eine stärkere Orientierung Neumanns an den Fakten aus. Adalbert Schmidt konstatiert etwa eine historisch getreue Wiedergabe der Fakten in „Der Favorit der Königin“421, ebenso nennt Franz Lennartz das Buch einen „quellennahen Roman . Dem entgegnet allerdings Klaus Schröter, der in Neumanns „Wunder-Doktor-Roman422 ein „dümmlich-fehlerhafte[s] Buch – man spricht dort um 1766 bereits von Kants Kritik der reinen Vernunft [...].“423 sieht. Bei „Die Freiheit und der General“ konstatieren die meisten Rezensenten hingegen einen sehr freien Umgang mit dem historischen Stoff, den sie insbesonders an der Figur des Rosa festzumachen versuchen: „You see, although it was Kossuth who in 1848 made the promising but unsuccessful attempt to free Hungary, Herr Neumann thinks he was a poor fish – vacillating, ineffectual and unpractical, although a great orator and patriot. So the limelight is turned to Rosza Sandor, who worshipped Kossuth, and even after the great rebellion had failed kept whole regiments of Austrians busy cheasing him. [...] It is always a moving story, for Herr Neumann knows how to make history come to life, and although you may not agree with his idea of Kossuth you can not fail to respond to the vitality of the writing.”424 Auch Rudolf Krämer-Badoni, Rezensent der Süddeutschen Zeitung, befürwortet Neumanns freien Umgang mit den Fakten: „Neumann hat seine Geschichte möglichst weit von den streng historischen Figuren angesiedelt, und er tut gut daran, er beweist damit seine Kenntnis der Problematik des historischen Romans.“425 Die Zeitung „Aberdeen Press and Journal“ kritisiert ebenso die „historical puppet-show426 und befürwortet die umfangreiche Schilderung der Szenen aus Rosas Perspektive.

Ähnlichkeiten finden sich in den Rezensionen vor allem bei ästhetischen Gesichtspunkten. So wird etwa die rasche Szenenfolge und der wiederholte Perspektivenwechsel in der Schilderung der Ereignisse hervorgehoben. Elisabeth Freundlich betont beispielsweise den besonderen Stil von Neumanns erstem historischen Roman: „Struensee zeigt den großen Könner, die Mittel, mit denen er Spannung erzeugt, seine Aussparmethode, seine filmartige Schnittechnik, seine Absage an den historischen Bilderbogen; jeder, der sich mit dem Problem der Darstellung historischer Stoffe in unserer Zeit auseinanderzusetzen hat, wird gut daran tun, diesen Roman zu studieren.“427 Spätere Rezensionen sehen Neumanns Stil aber eher befremdend. Friedrich Sieburg spricht etwa von einer „Sprachmasse, die der Autor mit einem Uebermaß an Adjetktionen, schmückenden Zwischensätzen und leitmotivischen Wiederholungen zu wolkigen Gebirgen auftürmt.“428

Die Frage nach dem Gegenwartsbezug steht ebenfalls im Mittelpunkt der verschiedenen Rezensionen. Johannes Sachslehner will zum Beispiel im Struensee-Roman eine deutliche „Polemik gegen Hitler429 erkennen. Auch Lisle Bell, Rezensentin der Herald Tribune, sieht einen Bezug des Sandor-Romans zur Gegenwart: „IF YOU were to change the names and modernize the uniforms, then reshuffle the map just a little, you might readily imagine that Robert Neumann lifted the plot of ‘A Woman Screamed’ out of the middle of last week instead of the middle of the last century.”430 Freundlich hingegen will in diesem Roman keine geschichtlichen Parallelen entdeckt haben, denn die zeitgenössische politische Situation hätte „nicht das geringste mit der dort geschilderten Zeit und Gefühlslage zu tun431. Die Aristokraten könnten nicht mit den nationalsozialistischen Machthabern verglichen werden, das sich auflehnende Volk hätte im Dritten Reich gefehlt.

Speziell bei „Die Freiheit und der General“ heben die Rezensionen nach 1956 die hohe Aktualität des Werkes angesichts der erneuten ungarischen Revolution hervor.432 Außerdem drängt sich bei den meisten eine Bezugnahme zur literarischen Verwandtschaft der Hauptfigur Rosa Sandor auf: Vergleiche mit Michael Kohlhaas, Schinderhannes, Karl Moor und Robin Hood werden gezogen.433



Betont werden in den Rezensionen auch die ironischen und parodistischen Züge, die sich durch beide historischen Werke ziehen. Die Birmingham Post empfindet den Sandor-Roman etwa als “an exciting story, told with cool irony434, Rudolf Krämer-Badoni stiegen beim Lesen der Szenen am Wiener Kaiserhof angeblich sogar vor lauter Lachen die Tränen in die Augen.435 Jenö Krammer, ein ungarischer Literaturkritiker, fühlt sich hingegen durch die Umdeutung und Entheroisierung der ungarischen Nationalhelden Kossuth und Petöfi ein wenig in seinem Stolz gekränkt: „Der bittere Tropfen für die ungarischen Leser bei Neumanns Rózsa-Roman ist die willkürliche Handhabung geschichtlicher Facta, wobei, wie schon erwähnt, Kossuth schlecht abschneidet. Selbstgefällig, egoistisch, charakterschwach mutet er an, er bildet sich zwar ein, alles für das ungarische Vaterland zu tun, im Grunde genommen geht es ihm aber vor allem um den persönlichen Ruhm.“436 Abschließend lässt sich sagen, dass die Kritiker trotz ihrer unterschiedlichen Standpunkte und Sichtweisen die beiden historischen Romane Neumanns mit Wohlwollen aufgenommen und diese, auch wenn sie sich bewusst waren, keinen großen literarischen Wurf vor sich zu haben, den Lesern durchwegs empfohlen haben. Die kritischen Stimmen nahmen erst mit der zeitlichen Distanz und mit der germanistischen Untersuchung der Werke zu.

Robert Neumanns theoretische Ansätze zur Gattung des historischen Romans
Robert Neumann rezensierte am Anfang seiner schriftstellerischen Karriere über drei Jahre hinweg, von 1926 bis 1928, für die Zeitschrift „Die Literatur“ die jeweils während des letzten Jahres entstandenen, deutschsprachigen historischen Romane. Dass diese Jahresbilanz meist sehr ätzend ausfiel, mag einerseits an Neumanns spitzer Zunge, aber auch an der mangelnden Qualität der produzierten Geschichtsromane gelegen haben. In diesen Rezensionen, insbesonders im ersten Jahrgang, setzte sich Neumann auch ein wenig mit der Theorie der Gattung auseinander und gab damit Einblick in seine eigenen theoretischen Anschauungen zum historischen Genre – auch wenn etwa zehn Jahre zwischen seinen Rezensionen und der Produktion seines ersten historischen Romans lagen. Neumann bemerkte bei seiner Auseinandersetzung mit dem Thema, dass es noch keine ausgereifte Theorie zur Gattung gab: „Was im Grunde fehlt und geschrieben werden müßte, ist eine spezielle Soziologie dieser Produktionsart und ihrer Produzenten. Wer schreibt also historische Romane? Warum? Wozu? Und für wen?437 Bei seiner Kritik der Werke bemängelt Neumann vor allem den fehlenden Gegenwartsbezug der meisten Romane. Für ihn reicht es nicht aus, nur die geschichtlichen Fakten darzustellen, sie müssen seiner Meinung nach mit einem Sinn unterlegt werden: „Da gibt es vor allem die, deren Können nicht ausreichen würde, Gegenwärtiges darzustellen. Die Entrückung ihrer sehr schlichten Fabel in die Vergangenheit bietet ihnen mehr als einen Vorteil. Zum ersten sind sie so in die Lage versetzt, sich eine schon an sich handlungsstarke, blutrünstige oder sonst anpackende Kulisse zu wählen – Krieg, Pest, Inquisition – und so die Dünnflüssigkeit des eigentlichen Vorgangs mit dem grellen Licht des Scheinwerfers zu ‚decken‘. Zum zweiten gibt ihnen – und gerade den Gewitzteren unter ihnen – diese Antithetik, diese Differenz im spezifischen Gewicht von Vorder- und Hintergrund willkommene Gelegenheit, aus der Not eine Tugend zu machen, die Kontrastwirkung zu exploitieren und auf den dunkel blutigen Hintergrund eine Vordergrundhandlung von fader Lieblichkeit – meist keusch erotischer Natur inmitten allgemeiner Verderbnis – aufzukleben. Und zum dritten – wieder wird aus der Not eine Tugend gemacht – sind die Menschen, die sich in diesem quasi-historischen Rahmen bewegen, zeitgetreu schlicht und auf bequemste Weise mit einer einzigen Charaktereigenschaft ausgestattet: sehr treu, höchst lieblich, erstaunlich bärbeißig, durchaus verrucht. Daß ein Mensch auch nur zwei derartige Züge in sich vereinte, kommt in dieser Schicht des Schrifttums schlechtweg nicht vor.“438 Neumann fehlt es bei den meisten historischen Romanen also an innerem Gehalt. Diesen vermisst er auch bei den Büchern des „Personenkults“, die mehr oder weniger die Biographie einer historischen Persönlichkeit nachgestalten: „Mag von Napoleon oder Paganini, von Kronprinz Rudolf oder von Goethe die Rede sein – was den Romanschreiber, was den Leser anreizt, ist immer wieder nur die ‚Ausdeutung und Vermenschlichung‘, sollte heißen: die Verbürgerlichung und Verniedlichung des ‚Überdimensionalen‘. [...] Wie alle anderen, so sind auch diese Paraphrasen zum Leben eines Genies bei Lichte besehen von einer beispiellosen Sterilität. Da sammelt man Anekdoten und Anekdötchen, läßt sie aufkochen zu einem herb-sentimentalen Gebräu ohne Witz, ohne Wert, ohne Würde und ohne Handlung. Leider schützt gegen solch kritisch-verlogene Bourgeoisierung des Genialen kein Gesetz als das des guten Geschmacks.“439 Er spricht sich gegen den Glauben aus, dass „die mehr oder minder getreue Verfolgung einer Lebenslinie schon einen Roman gebe.“440 Ein Dorn im Auge sind Neumann auch jene Romane, die einer bestimmten Gesinnung anhängen (Willy A. Hanimann hatte solche Romane als Tendenzromane bezeichnet): „Historie wird durch Gesinnung romanhaft, wird umgewertet, gedeutet und umgedeutet, bis ein Augenzwinkern die reibungsloseste Korrespondenz mit der und jener politischen Situation der gegenwärtigen Gegenwart herstellt.“441

Für Robert Neumann hat ein historischer Roman nur dann Sinn, wenn er einen Gegenwartsbezug aufweist, indem er Parallelen in der Geschichte aufzeigt oder „Überzeitliches, Menschliches442 darzustellen versucht: „Denn es unterliegt auf der anderen Seite keinem Zweifel, daß gerade hier, gerade in dieser Deklaration von Parallelen, gerade in dieser Darstellung des großen Rhythmus der Historie und der ewigen Dämonie der Wiederholung die eigentlichen, die wahrhaftigen Möglichkeiten des historischen Romans zu suchen wären.“443 Neumann fasst Geschichte also als iterativ auf, als Wiederkehr derselben historischen Konstanten und Kräfte. Dadurch werden für ihn die einzelnen geschichtlichen Epochen vergleichbar und der Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart greifbar. Gerade in diesen beiden Forderungen – Einbau eines Gegenwartbezugs und Vergleich zweier verschiedener Epochen – zeigen Neumanns theoretische Ansichten zum historischen Roman Parallelen zu der bereits dargestellten Geschichtskonzeption des Exils.







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