Verena Ofner die historischen romane robert neumanns eine Analyse


Kindheit, Jugendjahre und erste literarische Erfolge



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Kindheit, Jugendjahre und erste literarische Erfolge

Robert Neumann297 wurde am 22. Mai 1897 in eine gutbürgerliche, jüdische, sozialdemokratisch angehauchte Wiener Familie hineingeboren. Sein Vater, Samuel Neumann, war zunächst als Mathematikprofessor tätig, machte aber schließlich Karriere im Bankwesen und wurde Direktor der Staatsbank. Politisch vertrat er sozialistische Prinzipien und fungierte auch als Gründungsmitglied der österreichischen Sozialdemokratischen Partei. Neumanns Mutter Josephine, eine Französischlehrerin, heiratete ihn 1889. Das Ehepaar bekam – jeweils im Abstand von sieben Jahren – drei Kinder: Viola, Robert und Gertrud. Die Familie wohnte im neunten Wiener Gemeindebezirk, wo Robert Neumann ab dem Schuljahr 1907/8 das k.u.k. Maximilian-Gymnasium besuchte. Wie ein Semestral-Ausweis aus dem Schuljahr 1911/12298 belegt, war Neumann ein eher durchschnittlicher Schüler: In Deutsch und Naturkunde verzeichnet das Zeugnis ein Sehr gut, in Religion, Latein, Mathematik und Turnen ein Genügend, in Griechisch gar ein Nichtgenügend. Auch die Betragensnote, ein Gut, stimmt mit Neumanns Selbsteinschätzung überein: „Ich war ein fauler Schüler, halbwegs durch das Gymnasium wollte ich überhaupt nicht mehr weiter, las keine Bücher und trieb nur Sport.“299 Bereits mit 15 Jahren trat Neumann einer schlagenden, germanophilen Studentenverbindung bei, die sich mit Mittelschülern den Nachwuchs zu sichern versuchte. „Wir schwänzten den Nachmittagsunterricht im Gymnasium; wir versammelten uns in einem feuchten Keller unter einem Wirtshaus, der mit verschimmelnden Fahnen, germanischen Wappen und gekreuzten rostenden Säbeln geschmückt war; unter absurden Zeremoniellen tranken wir viel unbekömmliches Bier; wir sangen Gesänge („O Deutschland, hoch in Ehren“ und derlei mehr) und adoptierten sogenannte Couleurnamen – nicht mehr Kohn oder Neumann, sondern Rüdiger und Beowulf.“300 Retrospektiv berichtet Neumann nur mit Kopfschütteln von seiner „teutonischen“ Mitgliedschaft. In seinen Jugendjahren dürfte er allerdings nicht ungern an derartigen Veranstaltungen teilgenommen haben, bevor er sich mit etwa siebzehn Jahren von der Verbindung abwandte.301

Im Juni 1915 absolvierte Neumann die Matura302 und beschloss, angeblich aufgrund einer Beziehung zu einem Mädchen, Medizin zu studieren, bemerkte aber bald sein fehlendes Interesse, sodass er zunächst zur Chemie und dann zur Germanistik wechselte. Nur eine Vorlesung bei Sigmund Freud hatte Neumann beeindruckt: „Dennoch war dieses Freud-Kolleg mein einziger Gewinn aus jenen Jahren an der Medizinischen Fakultät – die mir sonst nur ein Halbwissen brachten, eine Halbvertrautheit mit Krankeitssymptomen, Quelle einer lauernden Hypochondrie – es dauerte viele Jahre, bevor ich sie überwand.“303 Das Studium der Germanistik währte nur kurz, da es Neumann gelang, sich seine medizinischen Zeugnisse über den Umweg der Chemie, die zu dieser Zeit ebenfalls zur philosophischen Fakultät gehörte, als germanistische anrechnen zu lassen. So musste er nur mehr ein abschließendes Seminar und eine Doktorarbeit, für die er das Thema „Heine und der Dilettantismus“ wählte, verfassen, um seine Universitätsausbildung zu beenden.304

Neben dem Studium arbeitete Neumann als Schwimmtrainer und wurde sogar in die Wasserball-Nationalmannschaft aufgenommen, da die vorgesehenen Spieler in den Ersten Weltkrieg einberufen worden waren. Er selbst konnte sich der Armee durch den Nachweis seiner angeblichen Untauglichkeit entziehen.

In die Zeit des Studiums fällt auch Neumanns aufkeimendes Interesse an der Literatur, da er, obwohl er sich zuvor kaum mit schriftstellerischen Werken beschäftigt hatte, über einen literarischen Zirkel, den seine ältere Schwester Viola organisierte, in Kontakt mit der zeitgenössischen Literatur, insbesonders mit den Expressionisten, kam. Zu seinen ersten eigenen Versuchen zählten Gedichte und ein überlanges, Mitte 1918 abgeschlossenes Versdrama mit dem Titel „Tyl Ulenspiegel“305.

Im darauffolgenden Jahr gelang es Neumann sogar, einige seiner lyrischen Werke beim Wiener Leonhardt-Verlag zu veröffentlichen. Dieser Band „Gedichte“ stellte sich als ein großer finanzieller Misserfolg heraus, Leonhardt konnte nur etwa 30 Stück absetzten. Nichtsdestotrotz war Neumann von seinem Können überzeugt, wie ein Brief seines Verlegers Leonhardt an ihn beweist: „Selbst daß daraufhin statt der von Ihnen erwarteten zehntausend Exemplare (davon dreitausend allein in Berlin!) im ganzen achtundzwanzig verkauft werden, habe ich schon erlebt. Aber daß der Verfasser daraufhin den Verleger mit einem Schadenersatzprozeß bedroht, weil er angeblich nicht genug inseriert – und ihm im selben Atem ein weiteres Manuskript anbietet, mit dem Hinweis, daß der Verleger immerhin noch den Prozeß vermeiden kann, wenn er das zweite Buch auch noch nimmt: das, Herr Neumann, erlebe ich heute zum erstenmal. Ich lehne Ihr geschätztes Offert ab. Wenn Sie mich verklagen wollen, tun Sie es. Ihre unter Drohungen geforderte Abrechnung lege ich bei. Wenn Sie gelegentlich hier vorbeikommen, wenden Sie sich, bitte, wegen der Auszahlung Ihres Guthabens an meinen jungen Mann. Er wird das aus der Portokasse begleichen.“306 Neumann selbst meinte rückblickend, dass Größenwahnsinn zum Berufsbild eines Schriftstellers gehöre.307 Auch in den Jahren danach blieb die Beziehung zu seinen Verlegern, wie schon in seiner Anfangszeit, meist eine eher gespannte.

Im Jahr 1923 veröffentlichte Neumann nochmals einen lyrischen Band, diesmal unter dem Titel „Zwanzig Gedichte“ im Max Ahnert Verlag in Kassel. Auch dieses Buch konnte kaum verkauft werden, zudem ging der Verlag kurze Zeit später in Konkurs.

In diese Zeit der ersten literarischen Versuche fallen außerdem zahlreiche Novellen, Kurzgeschichten, Reportagen und Parodien, die sich als völlig unverkäuflich erwiesen, darunter auch ein Trauerspiel in fünf Akten308, das Johannes den Täufer zum Helden gehabt haben soll. Allerdings sind diese frühen Werke allesamt verschollen.


Im Jahr 1920 heiratete Robert Neumann die um ein Jahr ältere Stefanie Grünwald309, im darauffolgenden Jahr wurde das einzige Kind des Ehepaares, Heinrich, geboren. Um die Familie zu erhalten, war Neumann gezwungen, einen „Brotberuf“ zu ergreifen und arbeitete aus diesem Grund zunächst in einer Bank, dann als Börsenmakler und schließlich als Finanzmanager einer Schokoladefabrik.

Im Jahr 1923, mit 25 Jahren, machte er sich selbstständig und gründete die „Robert Neumann & Co Kommanditgesellschaft“, eine Lebensmittelimportfirma, die bereits im zweiten Jahre ihres Bestehens die zweitgrößte Firma ihrer Art in Österreich darstellte, aber bereits 1925 nach dubiosen Transaktionen (Neumann versuchte etwa sieben Wagenladungen schottischer Heringe, die auf dem Weg nach Wien verdarben, als Rollmöpse weiterzuverkaufen) in Konkurs ging. Neumann selbst sprach später spöttisch von seiner misslungenen „Karriere als Finanzgenie310.

Nachdem seine wirtschaftliche Karriere gescheitert war, beschloss Neumann, wieder seinen literarischen Ambitionen nachzugehen. Auf diesen Entschluss folgten zwei sehr harte und karge Jahre: Stefanie arbeitete als Französischlehrerin, um Geld für die Familie zu verdienen, den Winter 1926/27 überstand die Familie nur mittels Zuwendungen von Stefanies Verwandtschaft. Ein erster Hoffnungsschimmer zeigte sich 1926 als Neumann bei einer Lesung bei Jakob Wassermann auf Ernst Lissauer traf, der sein Talent erkannte und ihn auf eine Reise nach Berlin mitnahm, wo Neumann Adolf Spemann vom Engelhorn-Verlag, seinen späteren Verleger, kennenlernte. Allerdings fruchtete dieser Kontakt zunächst nicht, Neumann sah sich im Jahr 1927 aufgrund der finanziellen Nöte gezwungen, in London auf dem holländischen Tanker „Katendrecht“ als Frachtmeister anzuheuern, ging aber in Konstantinopel von Bord und fuhr nach Köln zurück.311

In der Zwischenzeit hatte der Engelhorn-Verlag zwei seiner Bücher verlegt: den Band „Die Pest von Lianora“, der eine Sammlung von acht Erzählungen beinhaltete, und den Parodienband „Mit fremden Federn“, dessen erste 5000 Exemplare schnell ausverkauft waren und von den Kritikern enthusiastisch gefeiert wurden. Damit war Neumann in seiner Abwesenheit der literarische Durchbruch gelungen, die finanziellen Nöte waren ausgestanden. In den folgenden sechs Jahren, die Neumann selbst als eine gute, leichte und volle Zeit charakterisierte312, entstand eine Vielzahl von Werken313, vor allem Prosa wie „Die Blinden von Kagoll“ (1929), die „Hochstaplernovelle“ (1930) und „Das Schiff Espérance“ (1931), aber auch dramatische Stücke wie „Die Puppen von Poschansk“ und die „Hochstaplerkomödie“ (beide 1931). Im Jahr 1932 folgte schließlich ein zweiter Parodienband, „Unter falscher Flagge“, der Neumanns Ruf als Parodist weiter verfestigte.

Mit der literarischen Anerkennung setzte auch Neumanns Tätigkeit als Rezensent und Literaturkritiker ein, er verfasste etwa Artikel für die Zeitschriften „Die Literatur“ und „Die literarische Welt“, in denen er historische Romane rezensierte oder sich dem Problem der Reportage und der Krise des Romans widmete.314

Robert Neumann war also in den frühen 1930er Jahren nach dem finanziellen Erfolg seiner Werke und der literarischen Reputation, die er sich erarbeitet hatte, auf dem besten Weg, innerhalb des deutschen Sprachraums ein renommierter Schriftsteller zu werden. Das Aufkommen des Nationalsozialismus und die Machtergreifung Hitlers beendeten diese Karriere jedoch schlagartig.


Emigration nach England und Leben als exilierter Autor
Anfang des Jahre 1933 unternahm Robert Neumann eine Lesetour durch Deutschland, die just am Tag vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, also am 29. Jänner, in Berlin endete. Neumann gab noch, die Lage völlig verkennend, ein Interview, dass er auf seiner gesamten Deutschland-Tournee keinen einzigen Nationalsozialisten getroffen hätte.315 Am nächsten Tag, als Hitlers Machtergreifung offenbar wurde, reiste Neumann überstürzt mit dem nächsten Zug nach Wien. Kurze Zeit darauf wurde ein Mann mit dem gleichen Namen ermordet, Neumann glaubte, dass dieser Anschlag eigentlich ihm gegolten hätte: „[I]ch brach meine Reise durch Deutschland ab, sowie Hitler Reichskanzler geworden war. Es war eine selbstverständliche Vorsichtsmaßnahme, die Herren waren mir nicht wohlgesinnt. Der Völkische Beobachter hatte mich beschuldigt, ich hätte ‚die Führer der Deutschen Freiheitsbewegung der Banknotenfälschung bezichtigt‘ (das bezog sich auf Die Macht). Von dem parodienkundigen Goebbels lag ein Ausspruch vor, man werden dafür sorgen, daß ‚Herr N. in Zukunft nur mehr hebräisch schreibt‘. Will man noch mehr? Kann man dem Braunbuch vertrauen, so wurde kurz nachher ein unseliger Mann in Königsberg nur gekillt, weil er meinen Namen trug und so offenbar auf einer Liste stand. (Daß sie an jenem 10. Mai meine Bücher verbrannten, versteht sich von selbst.)316 Jahre später musste Neumann lesen, dass Goebbels seine Parodien jedoch durchaus geschätzt hatte: „es enttäuschte mich, von Goebbels, den ich für einen ehrlichen Schurken hielt, kürzlich in der Biographie seiner Frau Magda zu lesen, daß er ‚noch während des Krieges seiner Familie und seinen Gästen aus Neumanns Buch Mit fremden Federn vorliest, das er fast auswendig kennt‘. Wirklich schmeichelhaft ist allerdings der Zusatz des Biographen: ‚Neumanns ätzende Schärfe stand Goebbels´ eigenem Wesen zweifellos besonders nahe.‘)317

Neumann merkte in den folgenden Monaten auch in Österreich den Einfluss, der von den Nationalsozialisten im Nachbarland ausging. Der deutsche Markt war für ihn, dessen Bücher auf den „schwarzen Listen“ des 26. April 1933 standen, nicht mehr erreichbar, sein Wiener Verlag Zsolnay war unter den veränderten Umständen besonders vorsichtig geworden, sodass Neumann sich fragen musste, wo er seinen neuen Roman, „Die blinden Passagiere“, an dem er in den Jahren 1932/33 schrieb, veröffentlichen könne. In dieser Situation bekam Neumann ein Angebot vom englischen Verlag „Rich & Cowan“, eine Biographie über den damals populären Waffenhändler Zaharoff zu schreiben, das Neumann angesichts der Entwicklungen am Kontinent annahm. Neumann wollte zunächst nur für die Recherchen und zum Schreiben des Buches in London bleiben, letztlich dauerte sein Aufenthalt in England aber 25 Jahre.

Da Neumann als Österreicher im Jahr 1933 noch nicht den Status eines Flüchtlings besaß und jederzeit in sein Heimatland zurückkehren konnte, besuchte er Ende 1933 seine Familie in Wien und musste dort im Februar 1934 die Kämpfe zwischen Heimwehr und Schutzbund miterleben. Diese waren für ihn, der als sozialistisch eingestellter Autor nun vor dem austrofaschistischen Regime Angst bekam, der Anstoß, seine Heimat endgültig zu verlassen. In der Zeit zwischen dem 12. und dem 15. Februar verließ er Österreich und kehrte nach London zurück, von wo aus er das Nachkommen seiner Familie arrangierte.318 Im Gegensatz zu den meisten anderen Flüchtlingen, die in Lebensgefahr ihr Hab und Gut zurücklassen mussten, gestaltete sich Neumanns Flucht aus seiner Heimat zunächst einmal „aufs komfortabelste319.

Doch für seine literarische Karriere bedeutete der Wechsel nach England einen gravierenden Einschnitt. Im deutschen Sprachraum konnte man in der Folgezeit sehen, wie „der brillante junge Schriftsteller aus den Seiten der deutschen Literaturmagazine der frühen dreißiger Jahre plötzlich verschwindet, wie der begehrte Mitarbeiter, der in großen Lettern angekündigte ‚Robert Neumann, Wien‘, der regelmäßig Rezensierte, spurlos und ohne jeden Hinweis eliminiert wird.320 In England war Neumann, obwohl fünf seiner Bücher auch in englischer Übersetzung erschienen waren, bei Verlegern und Publikum völlig unbekannt. Mit dem Wechsel wurde er also an den Anfang seiner literarischen Karriere zurückgeworfen und musste sich von neuem eine literarische Reputation aufbauen. Dementsprechend verloren fühlte er sich – getrennt von Familie und Freunden – am Beginn seines Exils: „Da sah ich mich gespenstischerweise in die Situation meines ersten Tags im Exil versetzt: Dort hatte ich gestanden, keines englischen Wortes mächtig, freundlos, stimmlos – der Nazi hatte mir meine Stimme geraubt.“321 Trotz der erzwungenen Lebensumstellung und der damit entstandenen psychischen Belastung arbeitete Neumann intensiv an seiner Zaharoff-Biographie322, die er im Frühjahr 1934 fertigstellen konnte. Da er jedoch die biographischen Fakten mit fiktionalen Elementen mischte und auf diese Weise eine Polemik gegen Zaharoff und die Waffenindustrie formte, stellten sich Probleme mit seinem Verlag „Rich & Cowan“ ein, der den Arbeitsauftrag nicht erfüllt sah und von Neumann Änderungen verlangte. Dieser weigerte sich aber, um die „innere Wahrheit“ des Buches nicht zu gefährden. Der langwierige Rechtsstreit, der daraufhin folgte, endete erst mit dem Tod Zaharoffs im Jahr 1936. Neumann konnte in der Zwischenzeit zwar das Buch in unveränderter Form im September 1935 im Verlag „Allen & Unwin“ veröffentlichen, sämtliche Honorare wurden jedoch vom Prozess aufgefressen, sodass Neumann am Beginn seiner Exilzeit fortwährend unter finanziellen Problemen litt.


Im Sommer 1934 holte Neumann, erschreckt von der Ermordung von Engelbert Dollfuß, seine Familie nach England. Doch als Neumann seiner Frau zahlreiche außereheliche Affären beichtete, entfremdeten sich die Ehepartner bald, sodass Stefanie gemeinsam mit Heinrich im Februar 1935 wieder nach Wien zurückkehrte.

Vor diesem biographischen Hintergrund und geplagt von finanziellen Sorgen schrieb Neumann im Laufe des Jahres 1934 in großer Eile seinen ersten historischen Roman über den Aufstieg und Fall des Arztes Johann Friedrich Struensee, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Dänemark für kurze Zeit an die Macht gelangt war. Die Anregung zu diesem Stoff stammte von Stefan Zweig, mit dem Neumann am Beginn seines Exils regen Kontakt pflegte und der gerade selbst mit seiner historischen Biographie „Marie Antoinette“ Erfolg hatte. Das Buch, das Neumann 1935 unter dem Titel „Struensee: Doktor, Diktator, Favorit und armer Sünder“323 bei Querido und 1936 in englischer Übersetzung bei Gollancz herausbringen konnte, brachte ihm zwar gute Kritiken, aber nicht den wirtschaftlichen Gewinn, den er sich erhofft hatte.

In der Folgezeit bemühte sich Neumann deshalb, auf dem finanziell einträglichen Filmsektor unterzukommen. Von den produzierten Skripten wurde aber nur das 1934 verfasste „Abdul the Damned“ wirklich verfilmt, die restlichen Projekte, wie die Verfilmung des Zaharoff-Stoffes, den er an „Warner Brothers“ in Hollywood verkaufen konnte, wurden nie verwirklicht.324 Neumanns finanzielle Situation war damit sehr angespannt, zusätzlich wurden ab 1936 die Zahlungen des Engelhorn-Verlages, der bis dahin die Bücher Neumanns noch im Ausland absetzten konnte, von den Nationalsozialisten blockiert. Auch die von Zsolnay gegründete Dependance in Zürich, bei der Neumann sein Buch „Die blinden Passagiere“ veröffentlichen konnte, wurde von den Nazis in den Konkurs gezwungen. Damit hatte Neumann keinen deutschsprachigen Verleger mehr.325

Um seine Familie und Freunde zu besuchen reiste Neumann zu dieser Zeit aber noch einige Male nach Österreich. Bei einem dieser Aufenthalte im Jahr 1936 wurde er von der Polizei festgenommen und aufgrund einer Verwechslung mehrere Stunden eingesperrt: „Denn das stellte sich schon nach zwölfstündiger Haft dank den unermüdlichen Nachforschungen der Wiener Kriminalpolizei heraus: ich war der berüchtigte Kommunistenführer Hans Neumann aus Hamburg! Ich hatte aus raffinierter Verstellungskunst meinen Vornamen geändert, aber die Behörden durchschauten das. Nun, das war ja wohl der Abschied von Österreich, für eine kleine Weile. Für zwanzig Jahre, um ganz genau zu sein.“326 Neumann betrat nach diesem Vorfall erst wieder nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Wiener Boden.

Im selben Jahr, 1936, vertiefte sich Robert Neumanns Beziehung zu Franziska Becker, genannt Rolly, die für den Verlag „Allen & Unwin“ zwei Jahre zuvor seine Zaharoff-Biographie gelesen und empfohlen hatte. Sie sollte später Neumanns zweite Ehefrau werden. Unter ihrem Einfluss entschloss sich Neumann, die erfolglosen Versuche als Filmschreiber aufzugeben und sich erneut dem historischen Roman zuzuwenden.327 Auch diesmal erhoffte er sich mit seinem Werk den Anstoß zur literarischen Reputation in England und die Lösung seiner finanziellen Probleme. Als geschichtlichen Hintergrund gestaltete Neumann die ungarische Revolution von 1848, als Hauptfigur wählte er aber nicht den historischen Ludwig Kossuth, sondern den fiktiven Räuberhauptmann Rosa Sandor. Ende 1936 stellte Neumann das deutschsprachige Manuskript unter dem Titel „Rozsa Sándor. Räuberhauptmann“ fertig, das zunächst bei Cassell im Jahr 1938 in englischer Übersetzung unter dem nicht ganz geglückten Titel „A Woman Screamed“ erschien. Neumann wollte das Buch auch im deutschsprachigen Raum herausgeben, fand aber nur unter Schwierigkeiten einen Verleger. Schließlich wurde der Roman im Schweizer Humanitas-Verlag veröffentlicht. Die Kritiken für das Buch waren durchaus wohlwollend, allerdings blieb auch diesmal der erstrebte finanzielle Erfolg aus.328

Im selben Jahr schrieb Neumann bereits an seinem nächsten Buch, „An den Wassern von Babylon“, und reiste, um seinem Verleger ein erstes Manuskript anzubieten, in die Schweiz. Nach seinem Aufenthalt wollte Neumann nochmals nach Österreich fahren, um bei der von Schuschnigg veranschlagten Volksabstimmung teilzunehmen. Nur dank Rollys Geschick war Neumann zum Zeitpunkt des Anschlusses im März 1938 nicht in Österreich: „Unter B.s [Neumanns Synonym für Rolly, Anm.] wilden Protesten (sie war eine wilde Protestiererin, eine grundlose Pessimistin immer schon!) machte ich mich also von Zürich nach der österreichischen Grenze auf. Aber mit Hilfe einer weiblichen Kriegslist lockte B. mich noch rasch nach Bern – und in Bern (wir wären statt dessen schon in Innsbruck gewesen und ich im Kittchen) erfuhren wir’s: die Nazis hatten Österreich besetzt, >schlagartig< nannte man das damals, zum Jubel aller – nein, zum Jubel bloß jenes Teils der Bevölkerung, der auf den Straßen Platz fand. Es gibt viele Straßen in Österreich. (Einige sechzigtausend Österreicher wurden als militante Hitlergegner verhaftet. Immerhin ein Prozent.)329 Neumann kehrte daraufhin nach einem kurzen Stopp in Sanary in Südfrankreich nach England zurück und holte bei Kriegsbeginn Stefanie und Heinrich, sowie seine Mutter und seine Schwester Gertrud zu sich ins Exil.330



Gemeinsam mit Franz Werfel gründete er im Jahr 1938 den österreichischen Exil-P.E.N.-Club331, der in der Folgezeit, getragen von einer starken antifaschistischen Ausrichtung, humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge aus Österreich leistete. Eine Flut von Hilferufen landete nach dem Anschluss Österreichs bei Neumann, der als geschäftsführender Sekretär seine guten Kontakte und seinen großen Bekanntenkreis für die Beschaffung von Visa und Aufenthaltsgenehmigungen nützte, aber auch versuchte, in England gestrandete Schriftsteller an Verlage, Theater, Agenten und Zeitungen weiterzuvermitteln. Neben dieser intensiven Arbeit für vertriebene Autoren war an literarische Produktion natürlich kaum zu denken. So gut es ging schrieb Neumann an dem Roman „An den Wassern von Babylon“ weiter, den er im Herbst 1938 beenden konnte.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 und den militärischen Misserfolgen der Alliierten verschlechterte sich die Lage für die in England lebenden Flüchtlinge deutlich. Sie wurden als potentielle Gefahr für das Land angesehen und waren gezwungen, sich vor „Ausländertribunalen“, die ihre loyale Gesinnung überprüfen sollten, zu verantworten. Neumann musste im Oktober 1939 vor dem Tribunal in Aylesbury (er hatte in der Zwischenzeit London verlassen und war mit Rolly nach Long Crendon gezogen) erscheinen, wo er aufgrund seiner Zaharoff-Biographie, in der er die englische Waffenfirma Vickers angeschwärzt hatte, seiner wilden Ehe mit Rolly und seines fehlenden Flüchtlingsstatus, da Neumann bereits 1934 nach England emigriert war, in die Kategorie B eingestuft wurde332. Neumann protestierte erfolglos gegen diesen Beschluss, wie ein Brief an Stefan Zweig veranschaulicht: „Ich war gestern beim Aliens Tribunal. Ein Greis von etwa 80 hielt mir rüde und geifernd vor, ich hätte englandfeindlich gehandelt, indem ich die Geschäfte der Firma Vickers preisgab. Ausserdem hätte ich ‚viel zu viele Verbindungen mit dem Ausland‘. Gerade solche Leute dürften in Kriegszeiten nicht unkontrolliert bleiben, und darum hebe er das 5 Meilen-Limit nicht auf.“333 Neumann bemühte sich auch weiterhin um eine Abänderung des Urteils, aber die politischen Ereignisse überrollten die Überprüfung durch das Tribunal. Aufgrund des ungünstigen Kriegsverlaufes beschloss die englische Regierung im Mai 1940 die Internierung aller Emigranten der Kategorie B. So wurde Robert Neumann in den Morgenstunden des 15. Mai verhaftet und zunächst zu den überbelegten Cowley Barracks in Oxford gebracht, von wo aus er nach zwei Wochen in das Internierungslager Huyton verlegt wurde. Rolly versuchte in der Zwischenzeit ihn frei zu bekommen, wurde aber bald, da auch sie in die Kategorie B eingestuft worden war, ebenfalls interniert und nach Port Erin auf der Insel Man überführt. Um in ihrer Nähe zu sein suchte Neumann um Verlegung in ein anderes Lager an und wurde tatsächlich in das Mooragh Camp in Ramsey, das sich ebenfalls auf der Insel Man befand, überstellt.334

In seiner Autobiographie schildert Neumann das mehrmonatige Lagerleben als eine eher harmlose Episode335, in Wirklichkeit litt er physisch und mental sehr unter den Bedingungen der Internierung. „20. Juni. Tage sehr großer Erregungen. Der Zusammenbruch Frankreichs. Zahlungsverbot – und Gerücht-Hölle.“336 schrieb Neumann etwa in sein Tagebuch, das ein ganz anderes Bild von seinem Umgang mit der Internierung zeichnet. Obwohl er sich am Lagerleben beteiligte und aus seinem Buch „An den Wassern von Babylon“ vorlas oder an der Produktion der Lagerzeitung „Mooragh Times“ mithalf, lastete der Freiheitsentzug schwer auf ihm. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich, auch seine psychische Situation wurde immer unerträglicher. Am 14. August notierte er in seinem Tagebuch: „Schlimme Tage, Schlaf, Aerzte. Diese Luft nicht mehr atmen können. Sie haben mich hier zu Grunde gerichtet – dieses Volk, auf dessen Gastlichkeit und Rechtlichkeit ich gebaut hatte.“337 Ende August konnte Neumann schließlich die Insel verlassen. Er selbst gab als Grund für seinen Entlassung einen bösen Brief, den er an Premierminister Winston Churchill geschickt hatte338, an. In Wirklichkeit wurde die Internierung Neumanns aus gesundheitlichen Gründen aufgehoben: „As internment drew on, Neumann had begun to show symptoms of stress, suffering from sleeplessness and violent bouts of angina.“339


Als kurze Zeit später auch Rolly aus der Internierung entlassen wurde, beschlossen beide, Long Crendon zu verlassen und zurück nach London zu ziehen, wo sie im Mai 1941, nachdem Robert Neumann von seiner ersten Frau Stefanie geschieden worden war, heirateten. In den folgenden Monaten widmete sich Neumann wieder seiner literarischen Arbeit, die sich aber als mühsam und schwierig erwies, da er sich aus finanziellen Überlegungen entschlossen hatte, seine Bücher ab nun in Englisch zu verfassen. Bereits in der Internierung hatte er mit der Arbeit an seinem ersten „fremdsprachigen“ Werk, „Scene in Passing“, begonnen. Während Rolly eine Arbeit im Ministerium gefunden hatte und damit für die finanzielle Sicherheit sorgte, schrieb Neumann schleppend und „ungelenk, kämpfend um jede Metapher, tastend nach jedem Wort340 an seinem Roman. Auf diesem Hintergrund wirkt es fast zynisch, wenn ihm Sylvia M. Patsch keine großen Umstellungsprobleme bescheinigt: „Bei Robert Neumann, der zur Zeit seiner Einwanderung nach England ein umfangreiches Oeuvre vollendet hatte, [...] galt es nur [sic] noch, das sprachliche Problem zu überwinden und das englische Exilthema zu verwerten, den neuen Leserkreis anzusprechen, sich kulturell zu akklimatisieren, um die unterbrochene literarische Produktion in der neuen Sprache und Umgebung erfolgreich fortzusetzen.“341 Neumann bekam für sein im Jahr 1942 im Londoner Dent Verlag veröffentlichtes, erstes englischsprachiges Buch gute Kritiken, Absatz und Verdienst hielten sich aber in Grenzen.

Seine finanziellen Probleme lösten sich aber kurze Zeit später, als er von dem britischen Verleger Walther Hutchinson ein lukratives Angebot bekam: „Ich war ein armer Hund gewesen wie alle anderen Emigranten, gestern noch. Ein paar Tage später hatte ich einen Vertrag auf fünf Romane, Titel, Themen nach meiner Wahl, zu einer von mir selbst zu bestimmenden Lieferfrist. Vorschuß genau zehnmal so viel, wie mein solider und konservativer Verleger Dent mir gegeben hatte – eine für mich phantastische Summe.“342 Als Draufgabe konnte Neumann seine Bücher sogar in einer eigenen Verlagsserie veröffentlichen, die „Hutchinson International Authors“ genannt wurde. Damit war Neumann letztendlich auf der Sonnenseite seiner Exilzeit gelandet.

Daneben engagierte er sich in den Jahren nach seiner Entlassung aus der Internierung intensiv bei diversen Exilorganisationen und antifaschistischen Veranstaltungen. So beteiligte er sich etwa als Vertreter des österreichischen Exil-P.E.N.-Clubs am „Free Austrian Movement“, für deren Großkundgebung er eine Botschaft an Winston Churchill verlas, und leitete im Jahr 1942 die vom P.E.N.-Club einberufene erste österreichische „Kulturkonferenz“. Außerdem half er der BBC bei der Zusammenstellung von Österreich-Sendungen und schrieb für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen Artikel über die politische Lage.343

Nach dem Tod seines Sohnes Heinrich, der im Jahr 1944 im Alter von 22 Jahren während seines Dienstes in der britischen Armee an einer „unexplained sepsis344 starb, zog sich Neumann, vom Verlust seines Sohnes schwer mitgenommen, langsam aus seiner Tätigkeit in den verschiedenen Exilorganisationen zurück. Nach Kriegsende gab er auch die Leitung des Exil-P.E.N.-Clubs ab, als sich der Verein unter seiner regen Mitwirkung in Österreich neu gründete. Er erhielt als Anerkennung für seine Verdienste die Ehrenmitgliedschaft und wurde schließlich sogar zum Vizepräsidenten des internationalen P.E.N.-Clubs gekürt.


Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entschloss sich Neumann, obwohl er mit seinen Werken im deutschsprachigen Raum langsam wieder Fuß fassen konnte, weiterhin in England zu bleiben. „Einmal Emigrant – immer Emigrant. Durchgeschnittene Wurzeln.“345 merkte Neumann zu seinen Überlegungen an. 1947 bekam er die englische Staatsbürgerschaft verliehen. Aus literarischen, finanziellen und gesundheitlichen Gründen (Neumann litt unter Ischias)346 beschloss er, von London nach Cranbrook in Kent umzuziehen, wo er das sogenannte „Pest House“ erstanden hatte.

Neumann blieb auch dem Englischen treu und verfasste insgesamt sieben Bücher in seiner Zweitsprache, die seine literarische Reputation und eine gewisse Bekanntheit in England begründeten. Unter diesen Büchern waren etwa „Children of Vienna“ (1946), „Blind Man’s Buff“ (1949), „Insurrection in Poshansk“ (1952) und die Autobiographie „Mein altes Haus in Kent“ (1957). Zeitgleich lebte auch im deutschsprachigen Raum die Erinnerung an Robert Neumann auf, als sich der Münchner Desch-Verlag entschloss, Neumanns Werke nochmals in einer eigenen Reihe herauszubringen. So wurde etwa 1953 Neumanns erster historischer Roman unter dem Titel „Der Favorit der Königin“, 1958 sein zweiter Geschichtsroman als „Die Freiheit und der General“ neu aufgelegt.347

Sein Privatleben verlief im Gegensatz zu seinem literarischen Schaffen nicht allzu glücklich. Im Jahr 1952 ging seine zweite Ehe mit Rolly Becker in Brüche, im Jahr darauf folgte die Scheidung. Kurze Zeit später heiratete Neumann aber erneut, seine dritte Ehefrau wurde die um etwa dreißig Jahre jüngere Evelyn Mathilde Walewska, mit der er seinen zweiten Sohn Michael bekam. Nach einer nur kurzen gemeinsamen Zeit starb Evelyn im Jahr 1958 im Alter von 28 Jahren überraschend an einem Nierenleiden.348 Neumann fasste daraufhin, einen Ortswechsel anstrebend, den Entschluss, England zu verlassen und auf den Kontinent zurückzukehren.

Umzug in die Schweiz und späte literarische Produktion
Das Verlassen seines Exillandes im Jahr 1959 und sein Umzug in die Schweiz, wo er in Locarno für sich und seinen Sohn Michael ein Haus gemietet hatte, bedeutete für Robert Neumann in zweifacher Hinsicht einen Neuanfang: Privat baute er sich mit seiner vierten Ehefrau, Helga Heller, eine neue Existenz auf, beruflich versuchte er den literarischen Wiedereinstieg im deutschen Sprachraum – und schrieb nun wieder in seiner Muttersprache. Zum zweiten Mal sah sich Neumann, der in seiner Heimat fast gänzlich in Vergessenheit geraten war, an den Anfang seiner Karriere zurückversetzt: „Und nun stand ich da, grausig verjüngt, stimmlos wie an jenem ersten Tag, zurückemigriert in eine schwere Emigration, da es eine Emigration nach Hause war [...]. Nun gibt es auf eine solche Entdeckung zwei Formen der Reaktion. Man kann sterben – oder man attackiert. Ich war ein erfahrener Überleber, und zu attackieren lag in meiner Natur.“349

Neumanns Kampfeslust zeigte sich etwa in den Kontroversen, die er mit Schriftstellerkollegen und Literaturkritikern ausfocht (prominente Beispiele sind Neumanns Polemiken gegen die Gruppe 47 rund um Günter Grass sowie gegen Marcel Reich-Ranicki), als auch in seinem politischen Engagement gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus, das er in zahlreichen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln und in dem 1961 veröffentlichten Buch „Hitler: Aufstieg und Untergang des Dritten Reiches“ unter Beweis stellte. Im selben Jahr provozierte Neumann ungewollt sogar einen literarischen Skandal, als sein Roman „Olympia“ auf den Markt kam. Seine Hauptfigur, Olympia, hatte er aus Thomas Manns Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ entnommen, weshalb die Mann-Erben eine Klage gegen das Buch einreichten und damit einen Rechtsstreit heraufbeschworen, der erst nach einigen Änderungen Neumanns beigelegt werden konnte.350 Seiner oftmaligen Selbstinszenierung war er sich durchaus bewusst: „ungeheuer viel Zeit verzettelt an Nebendinge – teils, um mich in Zeitungen, in der Öffentlichkeit in Szene zu setzen, teils der Politik und Polemik wegen, die ich nicht lassen kann, teils gelockt durch Geld, es sitzt mir in den Nerven, Armut das ewige Trauma des Exils.“351

Im literarischen Spätwerk Neumanns lassen sich mehrere unterschiedliche Strömungen ablesen. Zunächst findet sich bei ihm eine starke Tendenz zum Autobiographischen352, die mit zunehmendem Alter immer stärker in den Vordergrund rückte. Beispiele dafür sind „Ein leichtes Leben“ (1963) und „Vielleicht das Heitere“ (1968), aber auch die stark verfremdeten Romane „Oktoberreise mit einer Geliebten“ (1970) und „Ein unmöglicher Sohn“ (1972). Bei der Schilderung seiner Erlebnisse und beim Erzählen von verschiedenen Anekdoten sind starke satirische und parodistische Züge zu erkennen, die mit einer gehörigen Portion Selbstironie unterlegt wurden, sodass der Leser oft an der Glaubwürdigkeit einzelner Szenen zweifeln muss. Schon in den sehr heiter anmutenden Titeln der Autobiographien zeigt sich die Ironie, schließlich schildern beide Bücher hauptsächlich Neumanns betrübliche und schwierige Erlebnisse während des Exils. Typisch für diese Werke sind auch die vielen Unterbrechungen des Erzählflusses, die eine lineare Schilderung nicht zulassen, sondern Neumanns Leben aus einer Vielzahl von einzelnen Mosaiksteinchen zusammensetzen.

Zwei Hauptakzente in Neumanns spätem Schaffen lassen sich außerdem in seinen parodistischen und moralisierend-ethischen Arbeiten erkennen. In den 1960er Jahren wandte er sich nochmals jenem Genre zu, mit dem er etwa 35 Jahre zuvor seinen literarischen Durchbruch geschafft hatte. In Büchern wie „Die Staatsaffäre“ (1962), „Nie wieder Politik oder Von der Idiotie der Schriftstellerei“ (1969) oder „2 mal 2 = 5: Eine Anleitung zum Rechtbehalten“ (1974) stellte er abermals sein parodistisches Talent unter Beweis.353 Daneben verfasste er aber auch moralisierende, das Ethische betonende Bücher, die meist die Zeit des Nationalsozialismus als Hintergrundbild benutzten. Beispiele dafür sind die beiden Werke „Festival“ (1962) und „Der Tatbestand oder Der gute Glaube der Deutschen“ (1965).354

Eine weitere Strömung in Neumanns Spätwerk umfasst jene Gruppe von Büchern, die um das Thema Liebe und Erotik kreisen, wie an ihren Titeln abzulesen ist: „34 mal erste Liebe“ (1966), „Hotel Sexos: Eine erotische Revolte“ (1968) und „Komma Sutram oder Die neue altindische Liebeskunst“ (1969). Neumanns Anliegen bei diesen Bänden war die Propagierung eines unverkrampften Umgangs mit der für seine Vorstellungen zu tabuisierten Sexualität. Allerdings büßte er mit diesen erotischen Büchern bei vielen Kritikern und Lesern stark an Glaubwürdigkeit ein.355

Mit seiner neu aufkeimenden Popularität setzte ab den 1960er Jahren auch wieder Neumanns Rezensionstätigkeit in den verschiedenen Medien ein. Er schrieb Besprechungen zur zeitgenössischen Literatur, wobei Themen wie Judentum, Exil und Sexualität im Zentrum seiner Betrachtungen standen, sowie verschiedene Beiträge für Rundfunk und Fernsehen.356

Zusammenfassend lässt sich anhand dieser unterschiedlichen Themenbereiche und Textsorten, die sein spätes literarischen Schaffen charakterisieren, seine Vielseitigkeit und Experimentierfreude, die sein gesamtes Werk durchziehen, deutlich erkennen. Mit seiner spitzen Zunge und seiner scharfen Polemik, die er sich bis zu seinem Tod beibehalten hatte, forderte Neumann aber immer auch kritische und missbilligende Stimmen heraus.

In seiner letzten Autobiographie, „Vielleicht das Heitere“, die sieben Jahre vor seinem Tod herausgegeben wurde, machten sich bei Neumann melancholische Züge bemerkbar. Immer wieder sinniert er darin über den baldigen Tod und seine trotz seiner vielen Kontakte empfundenen Einsamkeit: „Ein Teil der umfassenderen Bilanz: daß man isoliert ist. Respektiert von einigen, gehaßt von einigen, ignoriert von vielen. Herzliches kommt von ein paar wirklichen Freundinnen. Kein wirklicher Freund? Ein paar mir Wohlgesinnte. Herzuzählen an den Fingern einer Hand. Aber nicht ein Freund.“357 Robert Neumann starb am 3. Jänner 1975 in München, wo er am Friedhof Haidhausen begraben wurde.



Robert Neumanns Werk und seine Rolle in der Literaturlandschaft: Eine Bewertung
Rund dreißig Jahre nach seinem Tod ist Robert Neumann bei Lesern und Verlegern in Vergessenheit geraten und deshalb im deutschen Sprachraum heute weitgehend unbekannt. Auch in der Germanistik ist über den zu seinen Lebzeiten im Literaturbetrieb sehr präsenten Autor fast keine Forschungsliteratur vorhanden. Die meisten Darstellungen in diversen Exil-Lexika und Nachschlagewerken beschränken sich auf Kurzbiographien, die zwar Daten zu Neumanns Leben liefern, aber nur selten Besprechungen seines umfangreichen Werks präsentieren.358 Zum Teil enthalten diese Artikel auch widersprüchliche oder falsche Angaben. Beispielsweise kommt es bei Adalbert Schmidt aufgrund der neuen Romantitel bei der Wiederherausgabe von Neumanns Werken nach dem Zweiten Weltkrieg zu Verwirrungen.359 Renate Heuer verleiht Neumanns dritter Ehefrau den Nachname Hengerer und lässt Neumann vorzeitig das Studium abbrechen.360

Umfangreiche Betrachtungen finden sich nur bei Ulrich Scheck361, der in seinem Buch einen Überblick über Neumanns gesamtes Prosa-Schaffen gibt und einen großzügigen bibliographischen Anhang bietet, sowie bei Richard Dove362, bei dem sich sehr genaue biographische Angaben vor allem zu Neumanns Exilzeit entdecken lassen. Erwähnenswert sind auch der Artikel von Elisabeth Freundlich363 in der Desch-Jubiläumsausgabe zum 60. Geburtstag des Autors, in dem sie einen ersten Überblick über sein Leben und Werk zu geben versucht, sowie das Neumann-Kapitel von Sylvia M. Patsch364, in dem sie sich vor allem für sein Exilschaffen interessiert.

Bis jetzt wurde von der Forschung Neumanns Leben und Werk also nur in groben Zügen beleuchtet, Detailuntersuchungen und vor allem Interpretationen seiner Werke fehlen fast gänzlich.

Robert Neumann, so scheint es, erlitt in seiner Rezeption das typische Schicksal eines Exilanten: Gerade als er den literarischen Durchbruch in Österreich und Deutschland geschafft hatte und zu einiger Bekanntheit gekommen war, musste er nach England emigrieren, wo er sich nach kargen Zeiten mühsam nochmals eine literarische Existenz aufbauen konnte. Mit seiner Rückkehr in den deutschen Sprachraum verlor er zum zweiten Mal sein Publikum, aber erneut schaffte er es, sich in Erinnerung zu rufen. Trotzdem erlangte er nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr die Stellung, die er vor seiner Flucht innegehabt hatte. Obwohl er bis 1975 als Parodist, Kritiker, politischer Feuilleton-Autor und Vizepräsident des internationalen P.E.N.-Clubs eine Rolle in der deutschsprachigen Öffentlichkeit gespielt hatte, verschwand er nach seinem Tod zunehmend aus dem Gedächtnis seiner Leser.


Die Gründe für das rasche Vergessen Neumanns sind vielfältig. Zum einen ist sicherlich Neumanns Pech mit seinen Verlagen Schuld an der fehlenden Rezeption seiner Werke. Sein Hauptverleger vor dem Zweiten Weltkrieg, der Stuttgarter Engelhorn-Verlag, konnte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten seine Bücher nicht mehr absetzten und ließ sie daher einstampfen. Nach dem Krieg entschied sich zunächst der Verlag Curt Weller zur Herausgabe seiner Vorkriegswerke, ging aber vor der Verwirklichung des Vorhabens in Konkurs.365 Schließlich wollte der Münchner Kurt Desch-Verlag Neumanns „Gesammelte Werke in Einzelausgaben“ nochmals publizieren, musste aber 1973 ebenfalls Konkurs anmelden, sodass einige Bücher unveröffentlicht blieben. Neumanns gesamtes Werk ist aufgrund dieser permanenten Verlagsmisere nicht vollständig im deutschen Sprachraum erschienen, speziell die frühen und die in Englisch verfassten Werke wurden nur zum Teil nochmals herausgegeben. Trotzdem kehrte Neumann durch die Desch-Publikationen für einige Jahre ins literarische Rampenlicht zurück, durch den Konkurs des Verlages verschwanden seine Werke aber bald aus den Regalen der Buchhandlungen.366 Diese Situation hat sich bis heute kaum geändert. Neumanns letztes erschienenes Werk ist der im Jahr 1998 im dtv-Verlag neu aufgelegte Exilroman „An den Wassern von Babylon“, 1996 wurde im selben Verlag der mittlerweile wieder vergriffene historische Roman „Der Favorit der Königin“ herausgegeben.

Ein weiterer Grund für Neumanns Rezeptionsmisere liegt in seinem literarischen und publizistischen Schaffen selbst. Mit der antifaschistischen, linksorientierten politischen Einstellung, die er in verschiedenen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln vertrat, und seinen Attacken gegen Schriftstellerkollegen machte er sich in der Öffentlichkeit des öfteren unbeliebt. Zusätzlich verlor er durch seine erotischen Bücher bei seinen Kritikern und Lesern an literarischer Glaubwürdigkeit und wurde von ihnen als reiner Unterhaltungsschriftsteller und zweitklassiger Romancier eingestuft.

Als problematisch für Neumanns Rezeption als Romanschriftsteller erwiesen sich auch seine Parodien. Denn die an seiner literarischen Anfangszeit verfassten und sehr erfolgreichen Parodienbände warfen einen Schatten über sein gesamtes restliches Werk. Er wurde als „Parodienneumann“ abgestempelt, sein übriges Schaffen kaum beachtet. Für ihn selbst war sein früher Erfolg deshalb mehr Fluch als Segen und Ursache für schriftstellerische Selbstzweifel aufgrund „der Erkenntnis, es im Literarischen zu nichts gebracht zu haben. Das noch bekräftigt durch den neuen >Kultur-Fahrplan<, der als einziges mich betreffendes Datum 1927 und die Parodien erwähnt.“367

Neumanns parodistisches Talent führte bei einigen Kritikern auch zu dem Glauben, dass er keinen eigenen Stil entwickeln, sondern nur andere Autoren parodieren könne: „Doch erweist sich N.s parodistische Naturbegabung als ein fast unüberwindliches Hindernis bei der Kreation eines persönlichen, dem Autor selbst eigentümlichen Stils.“368 Der Autor selbst, den dieser Vorwurf immer empfindlich traf, erklärte seine stilistische Vielseitigkeit und Experimentierfreude damit, dass er sich in den von ihm parodierten Stilen nie wohlgefühlt und daher nach eigenen Ausdrucksmöglichkeiten gesucht habe: „ich finde, daß ich den Versuch, einen eigenen Stil zu finden, nicht ganz erfolglos angestellt habe, aber es kann natürlich sein, daß ich unrecht habe.“369 Auch Ulrich Scheck konstatiert bei Neumann keinen Mangel an persönlichem Stil, sondern sieht in dessen Experimentierfreude jeweils eine bewusst getroffene Entscheidung für eine bestimmte Erzähltechnik.370 Auch Hilde Spiel pflichtet dieser Auffassung bei: „Wie in allen seinen Romanen ging es ihm um die Story mit allen ihren psychologischen Verzweigungen. Wohl deshalb hatte er sich nie auf einen Stil festgelegt, auf eine Schreibweise, aus der sich unmittelbar ablesen ließe, daß es sich hier um einen >unverwechselbaren Neumann< handelt. Vielleicht weil er es vermied, sich einen Stil gleichsam als Warenmarke, als Qualitätsetikette zuzulegen, und statt dessen seine Fähigkeiten – scheinbar großzügig und leger, in Wirklichkeit jedoch mit großer Sorgfalt und Genauigkeit - dem jeweils gewählten Thema anpaßte, brachte er es als Romancier nicht zu jenem Ruf, der einen Schriftsteller mit einem von der Bedeutung und dem Umfang des Werkes unabhängigen Automatismus unter die Sprachkünstler, die Dichter befördert.“371

Ein weiterer Grund für Neumanns Unbekanntheit im deutschsprachigen Raum liegt auch in seiner langjährigen Abwesenheit durch die Emigration und seiner Metamorphose zu einem englischen Schriftsteller. Neumann hatte, obwohl er bei seiner Ankunft im Exil des Englischen kaum mächtig gewesen war, sieben Bücher in seiner Zweitsprache geschrieben und sich damit ganz auf den Buchmarkt seiner neuen Heimat konzentriert. Es waren vor allem ökonomische Überlegungen, die ihn zu seinem Sprachwechsel veranlassten. Er wollte sich durch die Eingliederung in den englischen Markt finanziell absichern und den zeitraubenden und unbefriedigenden Prozess des Übersetzens umgehen. Außerdem empfand er es als Sache der Würde, die Sprache jenes Landes anzunehmen, das ihm in schwierigen Zeiten die Gastfreundschaft angeboten hatte.372 Rückblickend meinte Neumann auch, dass ihm seine Muttersprache zu langweilig geworden war und er eine neue Herausforderung gesucht hätte. „Mir war infolge des Parodienschreibens das Deutsch-Schreiben irgendwie zu leicht geworden. Es ging zu glatt, und das war der Grund, warum ich kurz nach meiner Emigration nach England den Versuch machte, englisch zu schreiben. Ich habe dann durch eine ganze Reihe von Jahren englisch geschrieben.“373

Neumann erhielt in England für seine Romane durchwegs gute Kritiken, vor allem die Inhalte wurden positiv bewertet, der Stil allerdings manchmal kritisiert. Im deutschen Sprachraum waren Neumanns englische Bücher allerdings völlig unbekannt, erst mit der deutschsprachigen Wiederherausgabe seiner Werke ab den 1950er Jahren fanden sie einige, wenn auch nicht allzu große Resonanz. „Hier wird die Problematik des Exilschriftstellers, der noch dazu ein Österreicher ist, deutlich: Das in englischer Sprache Verfaßte ist vergessen – es ist kein Beitrag zur deutschen Literatur –, es gehört aber auch nicht zur englischen, höchstens zu der in englischer Sprache, aber die ‚Literaturen in englischer Sprache‘ werden gerade erst beachtet, und man versteht darunter vor allem jene in Afrika und Indien – deutschsprachige Autoren, die englisch schrieben, sind in diese Abhandlungen bisher noch nicht aufgenommen worden.“374

Das literarische Gesamtwerk Robert Neumanns harrt also noch einer grundlegenden germanistischen Untersuchung. Nachdem die biographischen Daten in groben Zügen bereits aufgearbeitet worden sind, würden vor allem die Literatur seiner Exiljahre, sein Spätwerk und seine Rolle in der deutschsprachigen Literaturlandschaft nach 1945 einer genaueren Analyse bedürfen.

Analyse und Interpretation der historischen Romane Robert Neumanns




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