Verena Ofner die historischen romane robert neumanns eine Analyse


Das Erscheinungsbild des historischen Romans im Exil



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Das Erscheinungsbild des historischen Romans im Exil

Die große Beliebtheit des historischen Romans während der Exilzeit lässt nach den Ursachen für diese Entwicklung, den Funktionen des historischen Genres und dem speziellen Erscheinungsbild der Gattung in dieser Epoche fragen. In der wissenschaftlichen Literatur sind derartige Fragen bis jetzt nur spärlich untersucht worden, eine eigene Ästhetik des historischen Exilromans fehlt völlig. Im Folgenden sollen einige Ansätze zu einer näheren Bestimmung der historischen Gattung während der Emigration vorgestellt werden.

Den Anstoß für die besonders häufige Behandlung historischer Themen in den Exilromanen scheinen die Erfahrungen der Autoren mit den zeitgenössischen Geschehnissen und mit der Emigration gegeben zu haben. Mit dem Verlassen ihres Heimatlandes verloren die Schriftsteller nicht nur ihre örtliche Herkunft, sondern auch ihre geschichtliche Einbettung und ihre nationale Identität: „Wer ins Exil geht, verläßt, um es paradox zu formulieren, sein eigenes Ich; er ist quasi nicht nur aus seiner, sondern damit aus der Geschichte schlechthin herausgefallen.“254 Die Autoren haben ihre „Familiengeschichte, Nationalgeschichte, Lokalgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Erziehungsgeschichte, Seelengeschichte und Gefühlsgeschichte255 verloren und sind aufgrund dieser Geschichtslosigkeit Selbstzweifeln und einer permanenten Identitätssuche unterworfen. Der Wunsch nach dem Festhalten der Geschichte, der Verortung der eigenen Identität und der Sicherung des Ich-Bewusstseins brachte bei vielen Schriftstellern ein verstärktes Interesse für Geschichte und den historischen Roman mit sich, der als ein Mittel zur Befreiung aus dem geschichtslosen Zustand und zur Einordnung in historische Kontinuitäten begriffen wurde.256

Viele Autoren suchten in ihren Werken auch bewusst die räumliche und zeitliche Distanz zu ihrer Heimat. Wie Lion Feuchtwanger verwendeten sie die Geschichte zur Einkleidung der aktuellen Geschehnisse, um mit dieser Distanzierung präzisere Kommentare zu den zeitgenössischen Entwicklungen abgeben zu können.257

Die Geschichte sollte Parallelen zur Gegenwart aufzeigen, um Totalitarismus, Massenwahn, Verfolgung, Gefängnis, Exil und Tod darstellen und erklären zu können. Dementsprechend wurden thematisch vor allem geschichtliche Umbruchzeiten, in denen alte und neue Ordnungen zusammentrafen, – wie beispielsweise bei dem von Robert Neumann behandelten Struensee-Stoff, in dessen Zentrum ein Reformer steht258 - zur Darstellung gewählt.

Die Vermittlung eines antifaschistischen Bewusstseins in ihren historischen Romanen war wohl das Hauptanliegen der exilierten Schriftsteller. Anhand der gezeigten geschichtlichen Parallelen wollten sie einerseits die Entwicklung und den Aufstieg des Faschismus nachzeichnen und erklären, andererseits den Geschichtsvorstellungen der Nationalsozialisten entgegenwirken und vor ihnen warnen. Die dargestellten alternativen Geschichtsabläufe sollten die Geschichte als veränderbar zeigen und die Leser zum Handeln motivieren, indem ihnen ihr eigener Anteil am geschichtlichen Prozess vor Augen geführt wurde.259


Die beiden wichtigsten Merkmale des historischen Romans im Exil wurden damit schon angesprochen: die antifaschistische Ausrichtung und der Gegenwartsbezug des historischen Genres.

Fast alle historischen Romane der Exilzeit waren mit einem aktuellen Sinn unterlegt. Die Autoren projizierten ihre Vorstellungen, die für die Gegenwart und Zukunft gelten sollten, in die Geschichte zurück.260 Der historische Roman des Exils kann aus diesem Grund als „Gegenwartsroman im historischen Kostüm261, wie es Helmut Koopmann formuliert hat, gelten. Auch Renate Werner schließt sich dieser Betrachtungsweise an: „Er ist daher als historischer Roman in spezifischem Sinne Gegenwartsroman: Man versucht sich in historischen Modellkonstruktionen, die Analogieschlüsse auf die eigene Gegenwart und Zukunftsprognosen gestatten sollen; man gestaltet geschichtliche Panoramen, in die solche Bedeutungsarrangements, solche Sinn- und Wertorientierungen einfließen, die Erklärungsmöglichkeiten des Zeitgeschehens anbieten und als Standortbestimmungen des Autors erkennbar gemacht werden.“262 Mittels der Vergangenheit sollte also die Gegenwart transparent gemacht und Stellungnahmen zu politischen, sozialen, religiösen, philosophischen und psychologischen zeitgenössischen Fragen abgegeben werden. Die Geschichte wurde von den Autoren des Exils als Vorgeschichte, als Gleichnis und als Parallele zu den gegenwärtigen Geschehnissen und Zuständen eingesetzt.263

Zwei Zeitebenen, die Gegenwart und das Vergangene, werden in den historischen Romanen der Exilzeit demnach zueinander in Bezug gesetzt. Sie kommunizieren miteinander durch eine dritte Ebene, Helmut Koopmann nennt sie die „metazeitliche Ebene264, die Zeitloses, Immergültiges enthält, das eigentlich Thema des historischen Romans ist und ihn mit Sinn erfüllt. Der vordergründige historische Realismus des Geschichtsromans wird im Exil also zugunsten einer außergeschichtlichen Sinngebung unterhöhlt. Hinter den historischen Begebenheiten ist damit eine zweite Erzählebene vorhanden, die Bezug auf die gegenwärtigen Geschehnisse nimmt.265 Meist haftet den historischen Romanen der Exilzeit sogar ein utopisches Element an, da die Autoren den Lesern in ihren Werken eine Hoffnung auf bessere Zeiten und eine Änderung des derzeitigen Zustands suggerieren. Das Romanende weist also meist über die dargestellte Zeit hinaus und liefert Handlungsanleitungen und Perspektiven für die Zukunft: „Auf verkappte Weise ist der historische Roman damit gleichzeitig ein utopischer Roman, da er, wenn auch rückwärtsgewandt, im historischen Exempel mit dessen Hilfe vorwegnimmt, was sich der Romanautor von der Wirklichkeit der Zukunft bzw. von der zukünftigen Wirklichkeit erhofft, nämlich die Überwindung des Übels, von dem der historische Roman handelt und das der Autor so gegenwärtig zu erleben hat.“266 Mit diesem Durchbrechen der Zeitebenen und der Herstellung einer Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nähert sich Koopmann in seiner Vorstellung vom historischen Roman des Exils den zuvor beschriebenen Thesen David Roberts über den „Zeit-Roman“ an.

Anhand des kulanten Umgangs der Exilautoren mit den historischen Fakten lässt sich der subjektive Zugang der Autoren zur Gestaltung des geschichtlichen Stoffes ablesen. Bruce M. Broerman meint aus diesem Grund sogar, dass die objektiven Fakten bei der Betrachtung der historischen Romane des Exils irrelevant sind267, und plädiert dafür, den Hauptakzent des literarischen Interesses auf die Gestaltung des Romanes, nicht auf den geschichtlichen Stoff zu legen: „When the modern literary scholar speaks of the historical novel, moreover, the primary interest should be in the ‚novel‘ aspect as a literary art form and never in the ‚historical‘ aspect as a form of history.“268

Der historische Roman des Exils bietet dem Leser also ein merkwürdig oszillierendes Bild, da die Autoren das historische Genre zwar in großem Umfang verwendeten, den geschichtlichen Stoff aber nur zur Darstellung gegenwärtiger Problemfelder benutzten: „das gleiche Zeitalter, das die Geschichte so dringlich nutzte, entfernte sich zu gleich von ihr. Niemals vorher und niemals danach sind in der Literatur des deutschen Sprachraums geschichtliche Phänomene so intensiv dargestellt worden wie in den 30er Jahren, aber zu keiner anderen Zeit ist die Geschichte so wenig als wirkliche Geschichte präsentiert worden.“269
Das zweite wesentliche Merkmal des historischen Romans im Exil, die antifaschistische Tendenz, wurde von der Literaturwissenschaft in ihren Darstellungen der Gattung immer besonders stark hervorgehoben. Elke Nyssen beispielsweise sieht in der antifaschistischen Tendenz und in der Bedingtheit der Romane aus der Exilsituation die beiden wesentlichsten Gründe für die vermehrte Hinwendung zum historischen Roman. Dementsprechend beurteilt sie in ihrer Abhandlung die historischen Romane des Exils nur nach ihrem Aktualitätscharakter: Ist ein Gegenwartsbezug in den Werken ablesbar, so ist der Autor ihrer Meinung nach antifaschistisch eingestellt, fehlt dieser Bezug aber, so wird er der Flucht vor der Gegenwart geziehen. „Es muß untersucht werden, wie der einzelne historische Roman dem Leser die Möglichkeit gibt, ‚sich historisch zu lokalisieren‘. Wird dagegen im historischen Roman nicht die Beziehung des vergangenen Geschehens zum gegenwärtigen Standort von Autor und Leser aufgewiesen, wird die gegenwärtige Problematik nicht anhand des historischen Materials geklärt, so kann nicht von einer Überwindung des Bewußtseins von Geschichtslosigkeit, sondern nur von ‚Flucht in die Geschichte‘ gesprochen werden.“270 Auch Jan Hans und Walter A. Berendsohn sehen im „militanten Humanismus“ die konstituierende Kraft für den historischen Roman des Exils.271

Im Gegensatz dazu spricht sich etwa Bettina Englmann gegen das „>antifaschistische< Paradigma272 der Literaturwissenschaft aus, denn indem der Aktualitätsbezug ins Zentrum der Betrachtungen über das Exil gestellt werde, würden politische zurückhaltende oder schwer einzuordnende Autoren abgewertet und die Poetik und Ästhetik der Werke ganz außer Acht gelassen werden. In dasselbe Horn stößt Bruce M. Broerman, der in der antifaschistischen Tendenz der historischen Exilromane kein literarisches Kriterium erblicken will.273 Und auch Guy Stern bemängelt, dass die Beschäftigung mit der Ästhetik oft durch die Hervorhebung der ideologischen Ausrichtung des Textes getrübt wird.274

Nichtsdestotrotz ist in fast allen historischen Romanen der Exilzeit eine starke antifaschistische Tendenz zu bemerken, auch wenn sie nicht zum alleinigen Qualitätsmerkmal erkoren werden sollte. Antifaschistisches zeigt sich in den Exilromanen vor allem in der Wahl des historischen Stoffes und der behandelten Themen. Mächtige historische Personen, Emporkömmlinge, Humanität, Judentum und Freiheitskampf stehen dabei im Zentrum der Darstellung. Auch die Spannweite der behandelten Zeit ist nicht nur auf eine bestimmte Epoche beschränkt, sondern reicht von der Antike bis zur Gegenwart. Besonders oft verwendeten die Autoren jedoch Stoffe aus Umbruchszeiten wie etwa aus der jüdischen beziehungsweise christlichen Antike und dem Mittelalters, der Zeit von Humanismus und Reformation und der Epoche der Nationalstaatenbildung und den nationalen Freiheitskriege am Ende des 19. Jahrhunderts.275
Aufgrund der häufigen Verwendung eines geschichtlichen Stoffes in den Exilromanen stellt sich auch die Frage nach den Geschichtskonzepten, die die emigrierten Autoren in ihren Werken transportierten. Die Erlebnisse in den Exilzeiten und das Zeitgeschehen bewirkten bei den meisten Autoren ein Hinterfragen der Entstehung von Geschichte, der historischen Kräfte, der Produktionsbedingungen von Historiographie und des kulturellen Gedächtnisses der Gesellschaft. Der Glaube an einen sinnvollen Geschichtsverlauf wurde durch diese Überlegungen und durch die Erfahrungen der Exilzeit empfindlich gestört.276

Diese veränderte Geschichtsbetrachtung fand ihren Niederschlag natürlich auch in den historischen Exilromanen. Geschichte wurde von den Autoren als iterativ, also als ständig wiederkehrend empfunden, wodurch die Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit einer Epoche in den Vorstellungen der Schriftsteller verloren ging und somit die Chance auf Vergleichbarkeit der Gegenwart mit der Vergangenheit eröffnet wurde. Die Geschichte wurde als Spiegelung, als Gleichnis und als Parabel der Gegenwart verwendet, die poetische Wahrheit der historischen vorgezogen.277 In den historischen Romanen der Exilzeit macht sich aus diesem Grund paradoxerweise sowohl eine Geschichtsnähe als auch –ferne bemerkbar: „denn erscheint hier das Vergangene einerseits als historisch entlegen, in sich abgeschlossen, gewesen, so werden in der scheinbar unzugänglichen Geschichte doch Vergleichbarkeiten über Jahrhunderte hinweg gesehen, Ähnlichkeiten, Verwandtes – so daß die Geschichte zwar das durchaus Entfernte, ein für allemal Erledigte ist, dennoch aber Beziehungen zu ihr möglich sind, Interpretationen auf die eigene Gegenwart hin, Auswertungen, die nicht der Erkenntnis der Geschichte an sich als vielmehr dem eigenen Selbstverständnis dienen.“278

Diese persönlichen Interpretationen des positiv oder eben negativ empfundenen Geschichtsverlaufes ließen die Autoren unterschiedliche Konzepte zur Lösung der als problematisch empfundenen Geschichte andenken. So ist in den geschichtlichen Werken das Bemühen um eine Ordnung und eine erneute Sinngebung des Geschichtsverlaufes abzulesen, da meist ein eher positives Geschichtsbild, das humanistisches, demokratisches und sozialistisches Denken vermittelt, propagiert wird. Überwindungs- und Erlösungsgeschichten dominieren demnach über Untergangsberichte und eine fatalistische Geschichtsdarstellung.279 Döblins „tröstende“ Funktion der Geschichtsschreibung im Exil lässt sich hier deutlich erkennen. Zum Teil wenden sich die Autoren aber auch dem genauen Gegenteil zu und beschreiben in ihren historischen Romanen Destruktion und komplette Inaktivität der Romanhelden.280 Viele vermeiden auch die Beschäftigung mit geschichtlichen Prozessen und fliehen überhaupt in mythische Welten.

Insgesamt ist in den Geschichtskonzepten des Exils ein sehr starker Zug weg von den allgemeinen, historischen Prozessen hin zu den persönlichen und individuellen Triebkräften abzulesen. Die Autoren gaben damit der Geschichtenkonstruktion „aus einer Perspektive der Iterativität historischen Geschehens, der Darstellung von Weltgeschichte als ‚Allerweltsgeschichte‘ [...], der Dominanz personell-individueller Triebkräfte der historischen Akteure, der Sujetkonstruktion als Kette von Liebens- und Abenteuergeschichten und der Annäherung der dargestellten Geschichte an die vertraute Erfahrungs- und Vorstellungswelt der Leser durch Psychologisierung, Privatisierung und Generalisierung281 breiten Raum. „An die Stelle konkret begriffener Geschichte treten universale Erklärungsmuster: Politik als Wechselspiel von Glück und Unglück, schicksalshafte Vorherbestimmung [...], anthropologische Grundkonstanten wie Liebe, Haß, Ehrgeiz, Machtgier, Fanatismus, Leidenschaft usw. [...] – kein Klischee aus dem Arsenal mythisierender Geschichtserzählungen wird ausgelassen.“282

Zusammenfassend betrachtet forderten die Exilerfahrungen von den Autoren ein Überdenken ihrer Geschichtskonzeption und bewirkten damit ein neues Verständnis der geschichtlichen Prozesse. Die Geschichte wurde in den historischen Romanen diaphan und durchlässig für Mythisches, Seelenkundliches und Halluzinatorisches, wodurch die Problemstellungen der Gegenwart in die Vergangenheit projiziert werden konnten.283
Die Erfahrungen des Exils hatten nicht nur Auswirkungen auf die Themen, die Autorenintention und die Geschichtskonzeption der historischen Romane, sondern auch auf deren Ästhetik. Die Meinungen der Literaturwissenschaftler zu einer speziellen ästhetischen Konzeption der Exilliteratur gestalten sich allerdings sehr unterschiedlich und schwanken im Wesentlichen zwischen den beiden schon zuvor vorgestellten Ansichten von Lukács, der eine realistische Erzählform der geschichtlichen Prozesse befürwortet, und von Döblin beziehungsweise Geppert, die beide für eine moderne, experimentelle Darstellungsweise plädieren. Wulf Koepke fasst die entscheidende Fragestellung folgendermaßen zusammen: „konnte das Exil weitergehen in der Kritik und Destruierung der Muster des realistischen Erzählens alter Art, oder mußte es aus praktischen Gründen von Experimenten absehen und zu den früheren Konventionen zurückkehren?284

Hinrich Siefke beispielsweise sieht in den historischen Romanen des Exils einen Rückgriff auf traditionelle Erzählmuster, die seiner Meinung nach die erzählerischen Weiterentwicklungen im Zuge der „Krise“ des modernen Romans ignorieren: „Der Rückgriff auf traditionelle Erzählmuster, die Suggestion, daß in der Geschichte ewig die gleichen Kämpfe ausgetragen werden, die Bevorzugung charismatischer Größen, die unveränderliche Ideale der Menschheit durchsetzten, die Anbindung des Geschichtsverständnisses an die zu gestaltende Biographie eines Einzelnen – all das ignoriert jene Krise in der Form des Romans, die in den zwanziger Jahren zu ganz neuen Formen des modernen Romans geführt hatte.“285 Auch Guy Stern kann in den historischen Romanen des Exils keine Formexperimente erkennen. Die Autoren hätten die inhaltliche Aussage in den Mittelpunkt ihrer Werke gerückt und seien aus diesem Grund formal zur realistischen Darstellungsweise zurückgekehrt.286 Werner Mittenzwei betont ebenfalls die antifaschistische Ausrichtung der Romane, aufgrund derer die Exilautoren in ihren Kunstexperimenten einen Schritt zurück gegangen seien.287 Bettina Englmann wehrt sich jedoch gegen das Postulat einer „formalen Regression288 nach 1933. Auch wenn große Teile der Produktion des Exils konventionell bis trivial gewesen seien, so seien doch formale Innovationen weitergeführt worden. Die Autoren seien gerade durch die Paradoxie der literarischen Produktion im Exil, deren Versuch, öffentlich Einfluss zu nehmen, aufgrund seiner Wirkungslosigkeit absurd erscheinen musste, frei für eine experimentelle Gestaltung ihrer Texte geworden: „Wenn die Bindung an ein allgemeines, konventionelles Verständnis von Realität nicht mehr zwingend als Voraussetzung für den Text angesehen wird, eröffnet Fiktion Möglichkeiten zur Konstitution neuer, fremder, polydimensionaler Welten, welche in ihrer Differenz zu angeblich objektiven Welt der Wirklichkeit nicht mehr die Illusion von Einfachheit und Ordnung vermitteln, sondern ihre Dynamik und Diskontinuität ebenso literarisieren wie ihre Auflösungstendenzen.“289 Derartige Exilromane zeichnen sich nach Englmann durch einen hohen Abstraktionsgrad, durch Verfremdung und Desillusionierung aus. Aus diesem Grund weigert sie sich, im Jahr 1933 eine ästhetische Zäsur zu sehen, da die in den 1920er Jahren gefundenen Darstellungsformen der Dekonstruktion, die Subjektkonzeption und die psychoanalytischen Bezüge fortgesetzt worden seien.290

Auch Renate Werner ist der Meinung, dass der historische Roman des Exils nicht aus der allgemeinen Entwicklung des Romans mit der „vieldiskutierten Formkrise291 ausgeklammert werden könne. Wulf Koepke bemerkt ebenfalls moderne Tendenzen im Geschichtsroman des Exils. Diese äußern sich seiner Meinung nach in einem vielschichtigen Erzählen, das „Gegenwart und Vergangenheit sich gegenseitig durchdringen läßt und in dem der Erzähler zwischen Eindringen in den Stoff und Reflexion bzw. Deutung hin und her wechselt, sei es offen oder implizit. In der Tendenz widersprechen diese Ansätze dem geschlossenen realistischen Erzählen, das in der Handlung und den Figuren einen repräsentativen Ausschnitt der betreffenden Zeitepoche und ihrer Gesellschaft vor Augen stellen will.“292 Michael Winkler konstatiert ebenso eine pluralistische Schreibweise im historischen Exilroman, die sich in ihren Werken im Ringen der Autoren um richtigen Stil und Sprache abzeichnen würde. Trotzdem kann er keine eigene Ästhetik des Widerstandes in der Exilliteratur erkennen, da die Autoren in ihrer Darstellungsweise meist auf die bürgerlichen Traditionen zurückgegriffen hätten.293

Eine Mittelstellung im Meinungsstreit zwischen realistischer und moderner Darstellungsweise nimmt Bruce M. Broerman ein, der aufgrund der ökonomischen und psychischen Disposition der exilierten Schriftsteller kaum an formale Experimente glauben will, aber auch Kontinuitäten in den historischen Romanen des Exils im Anschluss an die deutschsprachigen Traditionen erkennen kann.294 Er meint in den historischen Exilromanen drei stilistische Tendenzen entdecken zu können: den induktiven Realismus, die neoterische Romantik und den modernen Klassizismus. Hugo Aust fasst Broermans Einteilung folgendermaßen zusammen: „Unter induktivem Realismus versteht er eine realistische Schreibweise, die sich infolge der Entfremdung von der Gegenwart über den Umweg der Vergangenheit mit der Wirklichkeit auseinandersetzen muß. Der Begriff der neoterischen Romantik umfaßt postexpressionistische, existentialistische und tiefenpsychologische Momente; [...]. Der moderne Klassizismus äußert sich in der Betonung von Form, Maß, Ganzheit und Einheit; trotz der Idee von einer politischen Verantwortung der literarischen Tätigkeit (>Waffe<) wahrt man den Anspruch auf künstlerische Autonomie.“295

Zusammenfassend betrachtet dürften die historischen Romane des Exils eine breite Palette an stilistischen und ästhetischen Konzeptionen umfasst haben. Obwohl viele Autoren die formale Gestaltung ihrer Werke nach modernen Kriterien zugunsten der inhaltlichen antifaschistischen Ausrichtung vernachlässigt haben, wurden die in den 1920er Jahren gewonnenen experimentellen Erzählweisen im Exil weitergeführt. Eine genaue Untersuchung der Ästhetik des Exils ist noch ausständig. Bislang hat sich die Literaturwissenschaft vor allem auf die beiden Hauptmerkmale des historischen Romans im Exil beschränkt: den Gegenwartsbezug und den Antifaschismus.
Zusammenfassung
Die Machtergreifung Hitlers und die darauffolgenden politischen Umwälzungen in Europa lösten ab dem Jahr 1933 eine gewaltige Fluchtwelle aus, die zu Beginn großteils auf den europäischen Raum beschränkt blieb, sich mit der Expansion des deutschen Reiches aber auf die Kontinente in Übersee verlagerte. Unter den Flüchtlingen befanden sich auch zahlreiche Autoren, die wie Robert Neumann aufgrund ihrer politischen Überzeugungen oder ihres jüdischen Glaubens ein Leben im Exil dem Verbleib in ihrer faschistisch geprägten Heimat vorgezogen hatten. Obwohl sie in der Emigration mit gravierenden materiellen, juristischen und psychischen Problemen zu kämpfen hatten, bemühten sie sich um einen raschen Wiederaufbau des Literaturbetriebs, publizierten ihre Werke in Exilverlagen, gaben deutschsprachige Zeitschriften heraus und organisierten sich in zahlreichen kulturellen Vereinigungen.

Großbritannien, das in den Jahren vor 1938 aufgrund seiner strikten Einreisebestimmungen nur sehr wenigen Flüchtlingen Asyl gewährt hatte – Robert Neumann war einer von ihnen –, wurde in den Jahren der Expansion des deutschen Reiches zum beliebtesten europäischen Exilland. Mit dem Kriegsbeginn wandelte sich aber seine liberale Flüchtlingspolitik, die Emigranten wurden trotz ihrer antifaschistischen Einstellung aus Angst vor Spionage interniert und teilweise sogar nach Australien und Kanada deportiert. Erst nachdem die anfängliche Nervosität gesunken und eines der Deportationsschiffe auf dem Weg nach Kanada von den Deutschen torpediert worden war, kehrten die britischen Behörden zu einer humanen Flüchtlingspolitik zurück und bemühten sich um die Integration der Emigranten in den englischen Arbeitsmarkt.

Für die Schriftsteller war die Situation keineswegs einfach. Sie litten vor allem unter der Trennung von der gewohnten kulturellen und sprachlichen Umgebung ihres Heimatlandes, die vor allem mit der längeren Dauer des Exils zu Problemen in der Beherrschung der Muttersprache und zu Interferenzen mit der Sprache des Gastlandes führte. Die meisten Schriftsteller blieben trotzdem der deutschen Sprache treu, nur wenige wagten es, meist aus wirtschaftlichen Überlegungen, ins Englische zu wechseln. Robert Neumann war beispielsweise einer, der die Sprachbarrieren überbrücken konnte. Natürlich bemühten sich die Autoren in der Emigration um eine Arbeit im journalistisch-literarischen Bereich, doch waren die Verdienstchancen aufgrund der geringen Honorare und der massiven Konkurrenz sehr gering. Viele mussten deshalb einen Nebenjob annehmen oder überhaupt in einen anderen Beruf wechseln und das Schreiben aufgeben. Trotz allem bildeten sich im britischen Exil viele künstlerische und politische Organisationen, die immer wieder mit kulturellen Veranstaltungen in Erscheinung traten.

Eine besondere Rolle innerhalb der deutschsprachigen Literatur des Exils spielte die Gattung des historischen Romans. Sie wurde von ausgesprochen vielen Autoren vor allem am Beginn der Emigration zur Suche nach historischen Parallelen und Erklärung des Faschismus verwendet, sodass aufgrund der Quantität eine Debatte um den Sinn und Zweck des Genres in den Exilzeitschriften losbrach. Während die einen in den historischen Romanen eine reine Flucht vor den Anforderungen der Gegenwart erblickten, bemerkten die anderen eine starke antifaschistische Ausrichtung in ihnen. Charakterisiert sind die historischen Exilromane eben insbesonders durch ihre antifaschistische Agitation und durch ihren damit zusammenhängenden starken Gegenwartsbezug, der sich vor allem inhaltlich bemerkbar macht und von der Literaturwissenschaft immer stark hervorgehoben wurde. Der Vergleich zwischen Gegenwart und Vergangenheit wurde erst durch eine neue Geschichtskonzeption ermöglicht, die die Geschichte für die Autoren als iterativ und immer wiederkehrend erscheinen ließ. Eine eingehende Untersuchung der Ästhetik des Exilromans und eine Klärung der Frage, ob das Exil aufgrund seiner Betonung des antifaschistischen Inhalts die realistische Darstellungsweise bevorzugt und die experimentelle vernachlässigt habe, fehlt jedoch nach wie vor.



Dritter Teil: Schattenkönig und Räuberhauptmann – Die historischen Romane Robert Neumanns
Ich betrachte Literatur als einen Annex zum Leben und nicht Leben als einen Annex zur Literatur.“296, formulierte Robert Neumann einst sein literarisches Arbeits-Paradigma. Dass Literatur bei seinem bunten und abwechslungsreichen, wenn auch meist schwierigen und betrüblichen Leben von ihm nur als ein Annex bezeichnet wurde, ist nicht weiter verwunderlich. Dennoch machten gerade die positiven als auch negativen Erfahrungen, die Neumann in seinem Leben bewältigen musste, die Basis und die Motivation seines literarischen Schaffens aus. Insofern verschmolzen Literatur und Leben bei Neumann oftmals zu einer produktiven Symbiose, die ihn ein umfangreiches und vielseitiges Werk vorlegen ließ.

Ein kleiner Teil von Neumanns Gesamtschaffen, die historischen Romane, die von ihm am Beginn seines Exils in England geschrieben wurden, sollen in diesem dritten Teil meiner Arbeit einer ersten eingehenden Analyse unterzogen werden. Grundlage dafür sind die in den beiden vorhergehenden Teilen erarbeiteten Thesen zur Gattung des historischen Romans sowie zum Erscheinungsbild des Genres während der Exilzeit. Diese Thesen sollen nun als Interpretations-Gerüst fungieren und für eine genaue Untersuchung auf Neumanns Geschichtsromane übertragen werden.

Die Analyse der historischen Romane wird sich in vier Kapitel gliedern. Zunächst sollen – soweit rekonstruierbar – die formalen Rahmenbedingungen, also die Entstehungs- und Editionsgeschichte, die Rezeption beider Romane und Neumanns eigene theoretische Ansätze zur Gattung dargestellt werden. In das zweite Kapitel werden vor allem Beobachtungen aus dem ersten Teil der Arbeit einfließen, um Neumanns Umgangsweise mit dem Spannungsfeld zwischen historischen Fakten und literarischer Fiktion zu beurteilen sowie die Generatoren der geschichtlichen Kulisse herauszufiltern. Das dritte Kapitel soll sich einer ästhetischen Untersuchung von Neumanns historischen Romanen widmen und die wichtigsten Merkmale der Konstruktion und die stilistischen Besonderheiten aufzeigen. Im vierten Kapitel wird die Frage nach dem Gegenwartsbezug im Zentrum stehen, beide Werke sollen auf ihr antifaschistisches Potential untersucht werden.

Die Zusammenfassung wird einen Vergleich zwischen den historischen Romanen ziehen und so die wesentlichen Merkmale der beiden Werke herausstreichen.

An den Beginn des dritten Teils möchte ich aber zunächst einen Überblick über Neumanns Leben und Schaffen stellen, um den lebensgeschichtlichen Hintergrund des Autors zu klären.

Biographie und Werkgeschichte Robert Neumanns





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