Verena Ofner die historischen romane robert neumanns eine Analyse


Politische Umwälzungen und Flucht aus der Heimat: Vorgeschichte und Chronologie der Emigration



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Politische Umwälzungen und Flucht aus der Heimat: Vorgeschichte und Chronologie der Emigration

Ohne den Hintergrund der politischen Ereignisse und Umwälzungen, die im Jänner 1933 in Deutschland ihren Ausgang nahmen und sich in der Folgezeit über weite Teile Europas und der Kontinente in Übersee erstreckten, kann das Phänomen des Exils, in das viele Menschen aus politischen oder religiösen Gründen gezwungen waren, nicht verstanden und die Ursachen und Bedingungen der schriftstellerischen Emigration nicht erklärt werden.145

Als mit der Machtübernahme Hitlers am 30. Jänner 1933 der Nationalsozialismus in Deutschland Einzug hielt, verließen zunächst nur wenige, zumeist aus politischen Gründen, das Land, obwohl viele die heraufziehende Gefahr durchaus erkannten. Erst die Nacht des Reichtagsbrandes vom 27. auf den 28. Februar, in der es zu Terror- und Verfolgungsakten kam und viele „regimefeindliche“ Bürger verhaftet wurden, machte den Juden und den politischen Gegnern des Nationalsozialismus die persönliche Bedrohung bewusst. Damit war das Signal zur Massenflucht gegeben.

Den Schriftstellern signalisierten spätestens die Bücherverbrennungen, die am 10. Mai in fast allen Universitätsstädten Deutschlands zelebriert wurden, ihre individuelle Gefährdung. Als Richtschnur für die Verbrennungen hatten die Nationalsozialisten kurz davor Listen mit „verbrennungswürdigen Büchern“ herausgegeben, auf denen vor allem jüdische und kommunistische Schriftsteller und regimekritische Autoren vertreten waren.146 Auch einige Österreicher fanden sich auf den Listen wieder, unter ihnen Robert Neumann. Ihre Bücher wurden ebenfalls am 10. Mai verbrannt.147 Konsequenterweise verzeichneten auch die Ausbürgerungslisten, die ab dem 23. August 1933 in Deutschland veröffentlicht wurden, verhältnismäßig viele Schriftsteller.148

An dieser radikalen Vorgangsweise gegen die deutschsprachige Literatur lässt sich erkennen, welch großes aufklärerisches Potential und welch propagandistische Gefahr die Nationalsozialisten in den Schriftstellern und deren Werken sahen. Folgerichtig versuchte das NS-Regime, einerseits missliebige Autoren aus dem Land zu verbannen und sie damit dem deutschen Leserkreis zu entziehen und andererseits die innerdeutsche Literatur unter seine Kontrolle zu bekommen. Das Instrument für diese Gleichschaltungsmaßnahmen war die am 22. September gegründete „Reichskulturkammer“, deren Aufgabe es war, den gesamten deutschen Kulturbetrieb zu überwachen. Alle Schriftsteller und Verleger wurden zur Mitgliedschaft verpflichtet, Bücher der Zensur unterworfen und öffentliche Büchereien von „unnationalen“ Autoren gesäubert.
Die politischen Umwälzungen in Deutschland und die strikten Maßnahmen auf dem literarischen Sektor wirkten sich auch auf die schriftstellerische Produktion in Österreich aus. Da in den 1930er Jahren 90 Prozent der österreichischen Autoren bei ihren Publikationen auf deutsche Verlage angewiesen waren und die wenigen österreichischen Verlage bis zu zwei Drittel ihrer Produktion nach Deutschland verkauften149, war die wirtschaftliche Existenz vieler österreichischer Autoren an ihre ideologische Kompatibilität mit dem NS-Regime geknüpft. Dieser Gesinnungsdruck führte alsbald zu einer Spaltung der alpenländischen Autorenlandschaft: Während die einen ängstlich die herandräuenden Geschehnisse in Deutschland beobachteten, hofften die anderen auf die Einnahme der soeben frei gewordenen Plätze im Nachbarland und den damit verbundenen wirtschaftlichen Aufstieg.

Augenscheinlich wurde der Bruch der Autoren schließlich innerhalb des österreichischen P.E.N.-Clubs. Nachdem 25 Mitglieder im Mai 1933 eine Resolution gegen Hitlerdeutschland verfasst hatten, traten die nationalsozialistisch gesinnten Autoren unter Protest aus dem Schriftsteller-Club aus.150 Diese eindeutige ideologische Demonstration honorierten die Nationalsozialisten mit Einträgen in die deutschen Bücherempfehlungslisten und Einladungen zu Vortragsreisen und Lesungen in das Dritte Reich. Für die sich damit kompromittierenden Autoren bedeutete dies einen beträchtlichen wirtschaftlichen Aufstieg, während die NS-kritischen österreichischen Schriftsteller mit starken finanziellen Verlusten zu kämpfen hatten.

In der Folgezeit gründeten die nationalsozialistisch gesinnten Autoren eigene Vereinigungen wie den „Kampfbund für deutsche Literatur in Österreich“ oder die österreichische Abteilung des „Reichsverbandes der deutschen Schriftsteller“, die nach dem Verbot der NSDAP aufgrund der Errichtung des austrofaschistischen Regimes unter Engelbert Dollfuß im März 1933 allerdings im Geheimen geführt werden mussten. Nichtsdestotrotz fungierten derartige geheime Organisationen als ein Sammelbecken für faschistisch gesinnte Autoren - der „Reichsverband“ verfügte etwa im Jahr 1934 bereits über 450 Mitglieder151 - und bildeten damit die Grundlage der systematischen „Infiltration und der kulturellen Unterwanderung152 Österreichs mit nationalsozialistischem Gedankengut. Vielfach wurden die Verbindungen nach Deutschland auch zur Diffamierung und Denunziation der österreichischen Kollegen und zur Weitergabe von wertvollen Informationen über den österreichischen Kultursektor für die spätere Annexion des Landes benutzt.

Neben der wachsenden nationalsozialistischen Bedrohung aus Deutschland brachten aber auch die rigiden Maßnahmen der austrofaschistischen Diktatur für die Autoren innere Gewissenskonflikte und eine Einengung ihres künstlerischen Schaffens mit sich. Vor allem für sozialistisch gesinnte Autoren war die Lage nach dem Verbot der Sozialdemokratie im Zuge der Februarkämpfe 1934 unerträglich geworden153. Viele, darunter auch Robert Neumann, beschlossen angesichts dieser Entwicklungen bereits im Jahr 1934 ihr Heimatland zu verlassen. „Ich hatte allen Grund, nicht etwa von England nach Wien zu gehn. Als ich es zum erstenmal tat, 1934, um A. [seine erste Frau Stefanie, Anm.] zu besuchen und das Kind [seinen ersten Sohn Heinrich, Anm.], hatten die österreichischen Klerikalen, Dollfuß (>der kleine Heldenkanzler<, so hieß er bei sich selbst und den Seinen, bei uns anderen hieß er >Millimetternich<), sich einen echt österreichischen Faschismus angeschafft, klein aber mein, unter einem Fürsten Starhemberg, einem Playboy mit historischem Namen – das Produkt war eine blutige Operettenvariante der echten Schurken im Nachbarreich.154, ätzte etwa Robert Neumann in seiner Autobiographie über die Zustände in Österreich. Für ihn – er bezeichnete sich selbst als „parteiloser Sozialist ohne politischen Einfluß155 – war dies der Anstoß, Österreich endgültig zu verlassen. Neumann hatte bereits 1933 ein Angebot eines englischen Verlages angenommen, eine Zaharoff-Biographie zu schreiben, und war aus diesem Grund nach London übersiedelt. Nun beschloss er, abgesehen von einigen Kurzbesuchen in Österreich, die bis zum Jahr 1938 möglich waren, seiner Heimat endgültig den Rücken zu kehren.


Die meisten Flüchtlinge aus Deutschland oder Österreich, die wie Robert Neumann im zeitlichen Umfeld der Machtergreifung Hitlers ihrem Heimatland den Rücken kehrten, glaubten an einen nur kurzen Spuk des faschistischen Regimes und einen nicht allzu lange dauernden Aufenthalt im Exil. Aus diesem Grund emigrierte der Großteil der Flüchtlinge zunächst in die unmittelbaren Nachbarländer, um innerhalb Europas räumlich und kulturell in der Nähe ihrer Heimat bleiben zu können. Die erste Flut an Flüchtlingen konzentrierte sich somit vor allem auf die leicht zu erreichenden Länder wie die Tschechoslowakei, die Schweiz, Frankreich, Belgien und die Niederlande. Bevorzugte Gastländer waren auch Großbritannien, das aber aufgrund seiner rigiden Einreisebestimmungen anfänglich nur sehr wenige Flüchtlinge aufnahm, und die Staaten in Skandinavien. Rußland bot insbesonders kommunistischen Autoren Asyl. Italien, Ungarn, Polen und Jugoslawien wurden von den Flüchtlingen aufgrund ihrer antisemitischen und faschistischen Tendenzen hingegen eher gemieden.156 Den Flüchtlingsströmen entsprechend etablierten sich die ersten literarischen Zentren des Exils157 in Prag, Paris, London und dem kleinen Küstenort Sanary-sur-Mer. Auch Wien fungierte für einige deutsche Flüchtlinge als ein erster Sammelpunkt ihres Exils.

Von hier aus versuchten die exilierten Schriftsteller, ihre Erfahrungen, die sie mit den Nationalsozialisten gemacht hatten, und ihr Wissen über das faschistische System für politische Agitationen und Proteste einzusetzen, um die Weltöffentlichkeit über das NS-Regime aufzuklären und vor dem Faschismus zu warnen. Zahlreiche politische Publikationen und Streitschriften bezeugen dieses Engagement.

Daraus aber eine gemeinsame „humanistische Front“158 aller Emigranten abzulesen, wie dies Walter A. Berendsohn versucht hat, wäre übertrieben. Sicherlich verspürten die Exilanten aufgrund der Ereignisse einen sehr starken Zug zum Politischen und waren durch eine antifaschistische Ausrichtung in ihrem Denken miteinander verbunden, dennoch können sie keinesfalls als eine homogene Gruppe betrachtet werden. Einerseits war dafür die Spannweite der verschiedenen politischen Überzeugungen und die damit verbundenen Konflikte unter den Exilierten zu groß, andererseits die Zusammensetzung der Gesamtemigration zu heterogen: Nur etwa fünf bis zehn Prozent der Emigranten hatten ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen. Der Großteil, also rund 90 Prozent, war aus religiösen beziehungsweise rassischen Gründen in die Fremde gegangen und setzte sich demnach vor allem aus emigrierten Juden zusammen.159 Während die erste Gruppe meist die Rückkehr in ihre alte Heimat anstrebte und aus diesem Grund sich politisch gegen den Faschismus engagierte, versuchte sich die zweite Gruppe eher an das Gastland zu assimilieren und verblieb in unpolitischer Passivität. Aus diesem Grund kann kaum von einer geistigen Einheit oder einer gemeinsam literarischen Ausdrucksform des Exils gesprochen werden.160 Die Emigranten waren nur durch eine „Schicksalsgemeinschaft“ miteinander verbunden.161
Die Schriftsteller bemühten sich neben ihrer antifaschistischen Tätigkeit auch um einen raschen Neuaufbau des Literaturbetriebs im Exil. Einige renommierte Verlage wie die beiden Amsterdamer Firmen „Querido“ und „Allert de Lange“ oder der Schweizer „Oprecht“-Verlag schlossen sogenannte „deutsche Abteilungen“ an ihre Betriebe an. Teilweise wurden auch eigene Exilverlage gegründet, die ebenfalls nur deutschsprachige Literatur von emigrierten Autoren publizierten. Beispiele dafür sind die beiden Pariser Verlage „Editions du Carrefour“ und die „Editions nouvelles internationales“, der Schweizer Verlag „Humanitas“, der sowjetische „Verlag für fremdsprachige Literatur“ sowie der „Bermann-Fischer-Verlag“, der von Deutschland nach Wien und schließlich nach Stockholm wechselte.162 Die Absatzmöglichkeiten für die produzierten Bücher waren allerdings eher gering. Aufgrund des Verbots ihrer Werke im Dritten Reich hatten die Autoren einen wichtigen Teil ihres Publikums verloren, das mit der 1938 beginnenden Expansion des Deutschen Reiches noch weiter schrumpfte. Außerdem kämpften vor allem die neu ins Leben gerufenen Exilverlage mit wirtschaftlichen Problemen, da ihnen im Gegensatz zu den großen Verlagen der finanzielle Rückhalt fehlte.

Parallel zu den Verlagen gründeten die Emigranten auch einige Exilzeitschriften163, die meist wöchentlich oder monatlich in Druck gingen und als ein wichtiges Instrument für die überregionale Kommunikation des in viele Länder zersplitterten Exils fungierten. Das Pariser „Neue Tagebuch“ oder die Prager „Neue Weltbühne“ erschienen beispielsweise wöchentlich, „Die Sammlung“ oder die „Neuen deutschen Blätter“ monatlich. Die finanzielle Basis der Blätter war aber meist zu klein, um ihnen eine lange Lebensdauer garantieren zu können. Die meisten Zeitschriften verschwanden deshalb nach kurzer Zeit wieder.

Trotzdem lässt sich anhand der vielfältigen Leistungen auf dem politischen und publizistisch-literarischen Sektor das große Engagement und der anhaltende Optimismus vieler Exilanten ablesen. Sie weigerten sich, die Machtübernahme des Nationalsozialismus in ihrer Heimat zu akzeptieren, und hofften auf ein baldiges Ende der Schreckensherrschaft, das sie mit politischen Agitationen und Publikationen zu beschleunigen versuchten.
Als aber das nationalsozialistische Regime in Deutschland auch nach vielen Monaten nicht ins Schwanken geriet, sondern im Gegenteil seine Stellung sogar verfestigen konnte, und in Österreich der Austrofaschismus nach der Ermordung von Dollfuß bei einem Putsch der Nationalsozialisten im Juli 1934 von Kurt Schuschnigg unter immer stärker werdendem Druck Deutschlands weitergeführt wurde, machte sich unter den Exilierten das Gefühl der Ernüchterung breit. Sie mussten sich ihrem anfänglichen Optimismus zum Trotz nun auf einen längeren Aufenthalt in der Emigration gefasst machen.

Für den Großteil der Emigranten, die bei ihrer Flucht meist nur das Nötigste mitnehmen konnten und dementsprechend kaum über Geldreserven verfügten, bedeutete dies aufgrund der schlechten Arbeitsmarktsituation in den Gastländern nach der Weltwirtschaftskrise langjährige finanzielle Probleme.164 Schwierigkeiten ergaben sich außerdem aus der juristischen Situation der Gastländer, deren Fremdengesetze meist nur auf die übliche Einwanderung und nicht auf den Extremfall einer politisch motivierten Flüchtlingswelle zugeschnitten waren.165 Hinzu kamen Kommunikationsprobleme und Sprachbarrieren, das Gefühl der kulturellen Isolierung, antisemitische oder Deutschland-feindliche Ressentiments unter den Bürgern der Gastländer und psychische Probleme, unter denen die Flüchtlinge wegen ihrer Erfahrungen der Verfolgung und der Flucht und aufgrund der widrigen Lebensumstände im Exil zu leiden hatten.

Viele Flüchtlinge resignierten unter diesen desillusionierenden Bedingungen, andere wurden gerade dadurch zu weiterem politischem und literarischem Engagement angespornt. Ein Beispiel dafür sind die zahlreichen Exil-Vereinigungen, die Schriftstellerkongresse, die in Europa abgehalten wurden, und das Bemühen um eine gemeinsame Volksfront-Bewegung166, die als eine überparteiliche Organisation konzipiert wurde, aber aufgrund von Differenzen zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten 1937 scheiterte.
Mit dem Beginn der Expansion des Deutschen Reiches 1938 und dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden aber alle diese Bestrebungen und die neu aufgebauten Existenzen der Emigranten jäh zerstört. Ein riesige zweite Fluchtwelle entstand, die sich nun auch auf die Kontinente in Übersee erstreckte und extremste materielle und psychische Belastungen mit sich brachte.

Den Anstoß zu dieser Fluchtbewegung gab die Annexion Österreichs an Hitlerdeutschland am 13. März 1938.167 Politische Gegner (Anhänger des austrofaschistischen Regimes, Monarchisten, Sozialisten), Juden und die zuvor aus Deutschland geflüchteten Emigranten mussten das Land schlagartig verlassen, um der drohenden Verhaftung oder Deportation zu entgehen.168 Die Übernahme der Sudetengebiete, die von den Alliierten im Zuge des Münchner Abkommens im September 1938 an Hitler abgetreten wurden, die Besetzung der Rest-Tschechei im Oktober, die Reichskristallnacht vom 9. November und die Errichtung des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren erhöhten die Flüchtlingszahlen beträchtlich. Diese steigerten sich mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 und der Gebietseinnahmen während des Kriegsverlaufes nochmals enorm. Durch diese Geschehnisse und die damit verbundene ständig anwachsende nationalsozialistische Bedrohung verließen viele Flüchtlinge Europa und wechselten nach Übersee, vor allem auf den nordamerikanischen Kontinent. Innerhalb Europas wurde nun England, das seine Aufnahmebestimmungen angesichts der nationalsozialistischen Expansion und der antisemitischen Terrorakte gelockert hatte und dem Angriff des Dritten Reiches trotzen konnte, zum beliebtesten Zufluchtsland.

Für die literarische Emigration in Europa bedeutete die aggressive Ausdehnung des deutschen Reiches sowohl den völligen Zusammenbruch der neu aufgebauten Verlage und Zeitschriften als auch die Auflösung der Exilzentren und der Schriftsteller-Organisationen. Mit der erneuten Flucht und der damit verbundenen Zersplitterung der Autoren über den ganzen Globus war eine überregionale Verständigung kaum mehr möglich, das Publikum nicht mehr erreichbar. Dadurch waren die Schriftsteller, um finanziell überleben zu können, zur allmählichen Akkulturation und Assimilierung an das Gastland und dessen Sprache genötigt.

Auch in dieser Phase der extremen psychischen Belastung und Perspektivenlosigkeit, die oftmals im Selbstmord mündete, entwickelte sich in den neuen Zufluchtsstätten erneut ein literarischer Exilbetrieb.169 In Amerika beispielsweise gründeten einige Autoren gemeinsam den „Aurora“-Verlag und gaben die Zeitschrift „Aufbau“ heraus, in Südamerika entstanden die mexikanischen Exilverlage „El Libro“ und „Freies Deutschland“ und die in Santiago de Chile erscheinende Zeitschrift „Deutsche Blätter“.

Als mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation des Deutschen Reiches im Jahr 1945 die Möglichkeit zur Remigration gegeben war, kehrten nur wenige Emigranten in ihre Heimat zurück. Zur sehr fühlten sie sich inzwischen mit ihrem Gastland verbunden, scheuten die Erinnerung an ihre Heimat oder fürchteten noch nicht verblichene Ressentiments in ihren Ursprungsländern.
Am Ende dieses Überblicks über die historischen Eckdaten der Emigration stellt sich die Frage nach der literarischen Periodisierung des Exils. Allgemein wird in der Literaturwissenschaft das Jahr 1933 sowohl als historischer als auch literarischer Anfangspunkt der Epoche angenommen. Der Endpunkt ist jedoch umstritten. Konrad Feilchenfeldt beispielsweise richtet seine Definition der Exilphase ganz nach den politischen Ereignissen aus, indem er sie mit der Machtergreifung Hitlers am 30. Jänner 1933 beginnen und mit der Kapitulation Deutschlands am 9. Mai 1945 enden lässt. Er selbst hinterfragt aber die Vernünftigkeit einer solchen Festlegung und gibt als Alternativen für das Exilende sowohl das Jahr der Teilung von Deutschland, 1949, als auch den individuellen Zeitpunkt der Rückkehr des einzelnen Autors an.170 Walter A. Berendsohn sieht den Schlusspunkt des Exils im Jahr 1947, da zu diesem Zeitpunkt die meisten Emigranten bereits in ihre alte Heimat zurückgekehrt wären.171

Solch strikten Eingrenzungen stellt sich Bernhard Spies entgegen. Er sieht in den politischen Jahreszahlen keine geeignete kultur- und literarhistorische Abgrenzung: „Das gilt vor allem für die magische Zahl 1945. Die Exilforschung sollte die Konsequenz aus der Tatsache ziehen, daß viele Schriftsteller aus der Erfahrung von Verfolgung und Exil und wohl auch aus der Beobachtung der Verhältnisse in den neu entstehenden deutschen Staaten eine Bilanz zogen, die nicht minder dringlich für die Fortsetzung des Exils sprach als zuvor die unmittelbare Bedrohung durch den Nationalsozialismus.“172 Auch Sylvia M. Patsch betont die notwendige Einbeziehung der Jahre nach 1945 in die Periodisierung des Exils.173

So kann zusammenfassend die politische Zäsur von 1933 wohl als Beginn des literarischen Exils angesetzt werden, wobei aber die Vorgeschichte unbedingt in die Betrachtungen mit einbezogen werden sollte, um sowohl literarische Kontinuitäten als auch Brüche ablesen zu können. Das Ende der Epoche kann meiner Meinung nach keinesfalls mit dem politischen Ende des Zweiten Weltkrieges gleichgesetzt werden, da die traumatischen Erfahrungen des Exils meist ein ganzes Leben lang nachwirkten und viele junge Autoren erst durch die Emigration und das nachträgliche Wissen über die Greueltaten der NS-Zeit zum Schreiben motiviert wurden. Ein genauer Endpunkt des Exils lässt sich deshalb nicht festlegen, vielmehr ist wohl danach zu fragen, wie sehr sich die Exilthematik in das Werk des jeweiligen Schriftstellers einprägte. Robert Neumann etwa kam von einer Behandlung der durch den Nationalsozialismus aufgeworfenen Themen nie mehr ganz los.

Zufluchtsort Großbritannien: Bedingungen des Schreibens im britischen Exil




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