Verena Ofner die historischen romane robert neumanns eine Analyse


Fiktion vs. Fakten: Das Problem des geschichtlichen Stoffes



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Fiktion vs. Fakten: Das Problem des geschichtlichen Stoffes

Der Literatur und der Geschichtsschreibung schienen ihre Stoffe lange Zeit klar vorgegeben zu sein. Die Literatur beschäftigte sich ausschließlich mit fiktionalen, also frei erfundenen Dingen, die Geschichtsschreibung hingegen mit historisch belegbaren Tatsachen und Fakten. Der historische Roman, der Elemente aus beiden Wissenschaftsrichtungen in sich aufnimmt, ist damit einer „problematischen Mittelstellung2 zwischen der Gebundenheit an sein empirisches Material und der Freiheit der poetischen Imagination unterworfen. Aus dieser Zerrissenheit des Geschichtsromans zwischen „external reference and internal autonomy3 entwickelte sich die Skepsis der Kritiker an der historischen Gattung, die letztlich im Vorwurf der „Zwittergattung“ gipfelte.


Im 20. Jahrhundert setzte eine theoretische, selbstreflexive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Voraussetzungen der beiden Wissenschaften ein, die schließlich zu einer Neubewertung des Verhältnisses zwischen Literatur und Geschichtsschreibung führte.

Die Historiographie bekannte sich zu ihrem subjektiven und hypothetischen Charakter. Wenn Eberhard Lämmert postuliert, dass Geschichte nur ein „Entwurf4 ist, so meint er damit, dass die Geschichte immer von der subjektiven Erkenntnis, Beschreibung und Deutung durch den Historiker abhängig ist. „Doch jeder weiß, auch die Hand des Historikers, selbst wo er sine studio die Wahrheit sucht, wird schon in der Auswahl der Fakten gelenkt: Sein Auge ist durch seine Persönlichkeit, seine Erfahrungen, seine Zeit, seine früheren Forschungen und Publikationen konditioniert.5 Reinhart Koselleck spricht sogar von einer „Fiktion des Faktischen6: Da die Wirklichkeit vergangen und nicht mehr vollständig rekonstruierbar ist, haftet jedem historisch eruierten und dargebotenen Ereignis ein fiktionaler Bestandteil an. In jedem historiographischen Werk ist deshalb ein fiktionales Element zu finden, das sich aus der subjektiven Perspektive des Autors bei der Auswahl und Aufbereitung des Stoffes erklären lässt.

Auch in einem literarischen Werk findet sich nicht nur Fiktion: Es ist mit einer Fülle von Wirklichkeitspartikeln und „außerliterarischen Bezugnahmen7 durchsetzt. Darunter sind etwa „Angaben von Jahreszahlen, mit Zeitangaben gekoppelte geographische Festlegungen, Benennung von Personen, von denen der Leser weiß, daß sie tatsächlich gelebt haben, Hinweise auf authentische Ereignisse8 zu verstehen. Ein literarisches Werk, vor allem ein historischer Roman, kann demnach als ein „Patchwork“9 aus fiktionalen und nicht-fiktionalen Elementen betrachtet werden.

Die strikte Grenzziehung zwischen Literatur und Geschichtsschreibung scheint somit zu fallen, da sich die Historiographie fiktionaler Elemente bedient und die Literatur Partikel aus der Wirklichkeit enthält.


Sowohl der Dichter, der sich mit vergangenen Ereignissen beschäftigt, als auch der Geschichtsschreiber behandeln in ihren Darstellungen einen geschichtlichen Stoff und verwenden dazu historische Fakten. „Fakten an sich sind stumm10, erst die Beschreibung, Erläuterung und Deutung durch den Autor bringen den historischen Erkenntniswert für den Leser. Dichter und Historiker tendieren aber bei der Verwendung des historischen Stoffes gemäß ihrer unterschiedlichen Intention in zwei entgegengesetzte Richtungen.

Der Historiker zielt in der Darstellung des Stoffes auf Authentizität und Wahrheit, die er mittels der historischen Fakten zu rekonstruieren versucht. Auch wenn Subjektives und Fiktionales in seinen Text einfließen, so ist der Historiker doch seinen Fakten verpflichtet: Sie geben ihm die Richtung vor. Wo keine Fakten vorhanden sind, muss der Historiker in seiner Darstellung eine Lücke lassen und darf nur Vermutungen anstellen. Seine Interpretation sollte für den Leser immer transparent sein: Unstimmigkeiten, Unsicherheiten und Vermutungen müssen vom Historiker im Text offenherzig gekennzeichnet werden.



Der Dichter hingegen ist in seinem Umgang mit der Geschichte viel freier als der Historiker: Er kann am geschichtlichen Stoff seine Imaginationskräfte frei spielen lassen und die historischen Fakten nach seinen Intentionen verändern, ergänzen oder überhaupt weglassen. Der Umgang mit dem historischen Stoff pendelt in seiner Darstellung meist zwischen zwei Polen11: Entweder orientiert sich der Dichter ganz an den historischen Fakten und versucht diese möglichst authentisch und wahrheitsgemäß in seinem Text zu behandeln oder er nimmt die Fakten nur als Rohstoff, mit dem er gemäß der Autonomie seiner Fiktion frei hantiert. Der Autor eines historischen Romans orientiert sich also entweder mehr an der literarischen Fiktion oder an den historischen Fakten. Hier scheint sich das Dilemma der Zwitterstellung Fakt/Fiktion deutlich zu zeigen.
Fiktionstheoretische Forschungen hingegen verleugnen teilweise genau diese Opposition, da sie auch den historischen Roman als ein rein fiktionales Werk betrachten. Käte Hamburger beispielsweise meint, dass jeder aus der Wirklichkeit entnommene Stoff im historischen Roman fiktionalisiert wird: „Als Gegenstand eines historischen Romans wird auch Napoleon ein fiktiver Napoleon. Und dies nicht darum, weil der historische Roman von der historischen Wahrheit abweichen darf. Auch historische Romane, die sich ebenso genau wie ein historisches Dokument an die historische Wahrheit halten, verwandeln die historische Person in eine nicht-historische, fiktive Figur, versetzen sie aus einem möglichen Wirklichkeitssystem in ein Fiktionssystem.“12 Gottfried Gabriel sieht ebenfalls keinen „Anspruch auf Referenzialisierbarkeit13 der Wirklichkeitspartikel im historischen Roman. Diese Referenz könne nicht vom Autor, der eine imaginierte Welt erschafft, eingefordert werden. Der Vorwurf der „Zwittergattung“ wäre damit obsolet geworden. John R. Searle hingegen ortet sehr wohl nicht-fiktionale Bestandteile innerhalb eines fiktionalen Werks: „Bei realistischer oder naturalistischer Fiktion spricht der Autor über wirkliche Orte und Geschehnisse und vermengt diese Bezüge mit den fiktionalen Bezügen und macht es so möglich, die fiktionale Geschichte als eine Erweiterung unseres vorhandenen Wissens zu behandeln.“14 Die historischen Fakten scheinen also die Grundlage für die Darstellung eines anderen, erweiterten Wissens zu sein: Der Dichter versucht an ihnen das Allgemein-Menschliche beziehungsweise fundamentale Wahrheiten, die unabhängig von geschichtlichen Epochen existieren, darzustellen. Die historische Wahrheit wird somit von einer „poetischen Wahrheit“ abgelöst. Aus diesem Grund sprechen Hamburger und Gabriel den historischen Fakten die Referenz in der Realität ab.
Bei aller Freiheit des Umgangs mit den historischen Fakten ist der Dichter aber dennoch an bestimmte Grenzen gebunden: Da der Leser meist über ein geschichtliches Vorwissen verfügt, darf der Dichter das Bild, das er von der vergangenen Welt entwirft, nicht zu stark verzerren, um vor seinen Lesern noch glaubwürdig zu erscheinen. Der Autor eines historischen Romans kann zwar seinen geschichtlichen Stoff frei gestalten, dennoch muss er aufgrund der Glaubwürdigkeit seines Werkes vor dem Leser Authentizität suggerieren. Denn „obwohl sie keine wirkliche Welt ist, soll sie als eine solche betrachtet werden“15. Dazu muss der Leser aber an die mögliche Realität der dargestellten Welt glauben können.

Trotz dieser Einschränkung verfügt der Dichter im Gegensatz zum Historiker über einen weitaus freieren und kreativeren Umgang mit seinem geschichtlichen Material. Beide verwenden geschichtliche Tatsachen, der entscheidende Unterschied aber liegt im Umgang mit ihnen: Der Dichter darf mit den historischen Fakten (fast) alles machen, der Historiker nicht.



Erzählen vs. Beschreiben: Die Krise der Narrativität
Bis in das 18. Jahrhundert wurde die Geschichtswissenschaft16 als eine spezielle Gattung der Literatur verstanden. Sie übernahm zwar die Techniken und Fertigkeiten des Schreibens von der Rhetorik, wandte sie aber auf die Darstellung historischer Ereignisse aus der Vergangenheit an.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelang der Historiographie durch ihre zunehmende Verwissenschaftlichung die Emanzipation von der Literatur. Entscheidenden Anteil daran hatten die Geschichtswerke von Leopold von Ranke, in denen er eine systematische Kritik der zur Verfügung stehenden Quellen forderte. In der Darstellung sprach sich Ranke17 aber nicht für eine vollständige Loslösung von der Literatur aus, sondern sah in einer Symbiose aus wissenschaftlichem und künstlerischem Anspruch die beste Möglichkeit der Präsentation von Geschichte. In Rankes Nachfolge und vor allem im Zuge der sich im 19. Jahrhundert etablierenden Strömung des Historismus, die eine möglichst objektive Darstellung der historischen Fakten anstrebte und die wissenschaftlichen Methoden weiterentwickelte, tendierte die Historiographie immer mehr in Richtung einer autonomen und voll ausgereiften Wissenschaft. Rankes Symbiose von geschichtlichen Fakten und an der Literatur orientierten Darstellung wurde durch diese Entwicklung immer fragwürdiger. Johann Gustav Droysen wandte sich beispielsweise gegen die ästhetische Form der Geschichtsschreibung, der es nur auf die möglichst kunstvolle Präsentation ihrer Ergebnisse ankam. Er unterschied je nach historischem Sachverhalt und Adressat vier Formen der Darstellung18: die untersuchende, erzählende, didaktische und diskursive Darstellung. Droysen versuchte anhand dieser Unterteilungen die Narrativität in der Historiographie einzuschränken und objektivierbare Kriterien und wissenschaftliche Methoden für den Umgang mit der Geschichte zu finden. Damit stellte er die Forschung in den Mittelpunkt, die Darstellung wurde sekundär.


In den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts wollten viele Historiker die Narration schließlich ganz aus ihrer Werken entfernen, da man das „Janusköpfige19 der Geschichtswissenschaft beanstandete. Man wollte sich ganz auf den geschichtlichen, forschungsdominierten Kopf stützen und den darstellungsorientierten, erzählerischen Kopf der Geschichte fast gänzlich abschneiden. So wandte sich beispielsweise Peter Szondi vehement gegen die Verwendung von narrativen Elementen in der Geschichtsschreibung: „Meine These ist, daß narrative Geschichtsschreibung in Beschreibung überführt werden muß, wenn eine neue Historie unserer Erfahrung von Geschichte als anonymem Prozeß, als Folge von Zuständen und Veränderungen von Systemen gerecht werden soll.“20 Die Kritik an der Narration war also eng mit einer Veränderung der Auffassung von Geschichte verbunden. Nicht mehr die personenzentrierte Ereignisgeschichte stand im Mittelpunkt des Interesses, sondern Prozesse und Strukturen, die in der Geschichte wirken. Laut Christian Meier gehörten zu diesem neuen Ansatz „nicht nur die Wandlungen auf politischem, institutionellem, sozialem, religiösem, kulturellem, wirtschaftlichem, räumlichen, verkehrstechnischem, eventuell sprachlichem und psychologischem Gebiet, sondern zugleich in deren Verhältnis untereinander [...], mit einem Wort der gesamte Inhalt der Strukturgeschichte.“21 Diese „nouvelle histoire“, wie sie die französischen Annalisten nannten, lasse sich nun aber nicht mehr erzählen, sondern könne nur mehr beschrieben werden, so der Standpunkt Reinhart Kosellecks: „Herkömmlicherweise nähert sich die Darstellung von Strukturen mehr der Beschreibung [...], die der Ereignisse mehr der Erzählung [...]. Gleichwohl hieße es unzureichende Präferenzen setzten, wollte man >Geschichte< auf die eine oder andere Art festlegen. Beide Ebenen, der Ereignisse und der Strukturen, bleiben aufeinander verwiesen, ohne daß die eine in der anderen aufginge. Mehr noch, beide Ebenen wechseln ihren Stellenwert, das Verhältnis ihrer gegenseitigen Zuordnung, je nachdem was erfragt wird.“22 Koselleck stellte sich also nicht mehr so entschieden wie seine Kollegen gegen die Narration, sondern hielt sie dort, wo Ereignisse erzählt werden, immer noch für möglich. Auch Jörn Rüsen plädierte etwa mit seinem „narrative[n] Theoriegebrauch23, in dem historische Erzählungen durch eine explizite Theorie gestützt werden, für eine Verbindung zwischen Erzählen und Beschreiben.
Parallel mit der Geschichtswissenschaft kämpfte auch die Literatur im 20. Jahrhundert mit der Krise des Erzählens. „Nicht allein das Erzählen ist in die Krise geraten, sondern der Roman als Repräsentant der Gutenberg-Ära insgesamt. Die technisch-medialen Herausforderungen des 20. Jahrhunderts bewirken eine Dezentrierung des Romanbegriffs, der die alte Gattungsdiskussion, die von der Romantik herrührt, weit überschreitet und die Autoren zu einer grundsätzlich experimentellen Auseinandersetzung mit dem Roman auffordert.“24 Diese Auseinandersetzungen endeten in einem differenzierten Spektrum von sehr unterschiedlichen Stilen und Ausdrucksformen, in der Einbindung verschiedener Medien und Techniken in den Romanen und in der Betonung des Diskurses. Die Autoren versuchten der Krise des Erzählens mit neuen Darstellungstechniken Herr zu werden.

Diese in Richtung Entfabelung und Disparatheit tendierenden Neuerungen wirkten sich auch auf den historischen Roman aus. Die Autoren „demonstrieren die notwendige und womöglich vielfache, subjektive Brechung bei der Umsetzung von Nachrichten aus der Vergangenheit, und sie erleichtern gleichzeitig den Prozeß dieser Umsetzung, indem sie die Vergangenheit vorwiegend an überlieferten sprachlichen Zeugnissen reproduzieren lassen. So entgehen sie nicht nur der leidigen Debatte darüber, wie Fakten sich zu ihrer Versprachlichung verhalten, sie machen auch deutlich, wie sehr in der Wirklichkeit Erzählungen und schriftliche Überlieferungen das Geschichtsbild des Einzelnen und letzten Endes auch kollektive Geschichtsbilder bestimmen.“25



Die Geschichtswissenschaft reagierte im Gegensatz zur Literatur mit ganz anderen Mitteln auf die Krise: Die Verwissenschaftlichung nahm weiter zu, viele Spezialstudien zu einzelnen Wissenschaftsgebieten wie der Wirtschafts- oder Mentalitätsgeschichte entstanden, die Fachsprache der Historiographie wurde weiter ausgebildet. In ihren Darstellungsformen blieb die Geschichtswissenschaft ganz dem Beschreiben beziehungsweise dem realistischen Erzählen verhaftet, auch wenn es „durchgängig mit deskriptiven und analytischen Beobachtungen26 durchsetzt war. Insofern schien in den 1970er-Jahren eine Lücke zwischen der historiographischen und der literarischen Darstellung, die konsequent experimentellere Techniken verwendete, zu klaffen.
Kurze Zeit später wurde das Erzählen allerdings rehabilitiert. Den Anstoß dazu gab Arthur C. Danto, der nachwies, dass die Erklärung von historischen Abläufen an die narrative Form gebunden ist. „Die Rolle von Erzählungen in der Geschichte sollte nunmehr klar sein. Sie werden verwendet, um Veränderungen zu erklären, und zwar – was überaus charakteristisch für sie ist – umfassende Veränderungen, die innerhalb von Zeiträumen stattfinden, die verglichen mit der Dauer eines Menschenlebens gewaltig sind. Es ist die Aufgabe der Geschichte, uns diese Veränderungen offenbar zu machen, die Vergangenheit zu zeitlichen Ganzheiten zu organisieren und diese Veränderungen gleichzeitig mit der Erzählung dessen, was sich zugetragen hat, zu erklären – und sei es unter Zuhilfenahme jener Art der zeitlichen Perspektive, die linguistisch in erzählenden Sätzen widergespiegelt wird.“27 Auch Wolf-Dieter Stempel sah in seinem Modell des „narrativen Minimalschemas28, das aus mindestens zwei Sätzen bestehen muss, die einzige Möglichkeit, um Ereignisketten zu bilden, Abläufe darzustellen und Hypothesen über die Geschichte zu formulieren. Und Karlheinz Stierle glaubte das historische Wissen ebenfalls an einen „narrativen Erfahrungszusammenhang29 gebunden. Damit zeichnete sich eine Wende in der Bewertung des Erzählens für die Geschichtsschreibung ab.
Den wohl radikalsten Ansatz zur Einbindung des Erzählens in die Historiographie vertrat Hayden White. Er konstatierte die „Fiktion der Darstellung des Faktischen30. White plädierte für die These, dass die Geschichte genauso wie die Literatur primär als Text gesehen werden soll, schließlich muss der Historiker sein gewonnenes Material ebenso gestalten wie der Dichter: „Rein als sprachliche Kunstwerke gesehen sind Geschichtswerke und Romane nicht voneinander unterscheidbar.“31 Dabei fließt laut White auch sehr viel Fiktionales in die historiographische Darstellung ein, weil „historische Darstellungen nichts anderes als Interpretationen darstellen, sowohl was die Feststellung der Ereignisse, aus denen sich die Chronik der Erzählung zusammensetzt, angehe, als auch die Einschätzung der Bedeutung oder des Sinnes jener Ereignisse für das Verständnis des historischen Prozesses im allgemeinen.“32 Diese Interpretation besteht seiner Meinung nach darin, „einer Ereignisfolge eine Plotstruktur zu verleihen, so daß sich ihr Charakter als verstehbarer Prozeß durch ihre Anordnung als eine Geschichte von ganz bestimmter Art [...] offenbart“.33 Mit der Verleihung einer Plotstruktur, die seiner Meinung nach für die Darstellung von Abläufen unverzichtbar ist, fließt aber immer Subjektives und Fiktionales in das Geschichtswerk ein.

Auch wenn viele Kritiker diesen „linguistic turn“ mit einiger Skepsis betrachteten und in vielen Bereichen relativierten34, so übten seine Überlegungen doch einen entscheidenden Einfluss auf die Geschichtswissenschaft aus. In der Nachfolge Whites betonte etwa auch Dominick LaCapra den interpretativen Status der Geschichtswissenschaft, der stets mitreflektiert werden müsse35. In dieselbe Kerbe schlug auch Johannes Süßmann, der den Historikern die „Angst vor Clio36 zu nehmen versuchte: „Sie brauchen keine Scheu zu haben, von der fiktionalen Literatur zu lernen, von der künstlerischen sowenig wie von der unterhaltenden, vom Film sowenig wie von anderen Medien, sie dürfen alle erzählerischen Mittel gebrauchen – sofern sie dabei stets und in jeder Einzelheit ihrer pragmatischen Pflicht als Geschichtsforscher genügen, sofern sie mit dem Erzählen zugleich ihr Material und Verfahren offenlegen, sofern sie den durch das Erzählen konstituierten Gegenstand als methodisch reguliertes, hypothetisches Geschichtsdenken kennzeichnen.“37


Die Historiker dürften ihre Scheu vor dem Erzählen verloren haben und sich der Unvermeidbarkeit fiktionaler Elemente in ihren Werken bewusst geworden sein. Die strikte Abgrenzung zur Literatur scheint damit ein wenig aufgeweicht worden zu sein. Auch wenn die Geschichtswissenschaft mehr in Richtung Fakten/Beschreiben, die Literatur hingegen in Richtung Fiktion/Erzählen tendiert, so verwenden beide dasselbe Material: die Sprache.

Der historische Roman bewegt sich innerhalb des Graubereiches zwischen Literatur und Geschichtsschreibung, weswegen er sich den Vorwurf der „Zwittergattung“ einhandelte. Doch gerade diesen Graubereich macht der historische Roman für sich nutzbar: Er pendelt zwischen den Oppositionen Fakten-Fiktion und Beschreiben-Erzählen und gestaltet sie sprachlich aus. Er scheint also gerade aus dieser angeprangerten Zwitterstellung seine produktive Kraft und seinen Reiz für den Leser zu beziehen.

Die Bezeichnung „Zwitter“ kann somit nicht als Vorwurf aufgefasst, sondern muss als Beschreibung des konstituierenden Prinzips des historischen Romans gewertet werden.

Vom traditionellen Geschichtsroman zum Zeit-Roman: Die Entwicklung des historischen Romans im Spiegel der Gattungstheorie





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