Verena Ofner die historischen romane robert neumanns eine Analyse


Streben nach Umsetzung der Reformideen Rousseaus



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Streben nach Umsetzung der Reformideen Rousseaus


Er hatte sich in den Schlaf gelesen, zum zehnten-, zum dreißigstenmal an diesem brennenden, aufwühlenden Buch, das da in seine Hand und in seine Seele gefallen war. Wie hieß der Autor? Er vergaß immer wieder den Namen, so sehr wollte er all diese Seiten und Sätze selber geschrieben haben, und darum und dennoch blätterte er hundertmal nach der Titelseite zurück. Ein Franzose namens Rousseau!“712 Struensee liest zu Beginn von „Der Favorit der Königin“ in den Büchern des ihm noch unbekannten Franzosen Rousseau, die ihm aus der Seele zu sprechen und seine eigenen politischen Ideen und Vorstellungen zu formulieren scheinen. Gleichzeitig macht sich bei Struensee auch der Drang bemerkbar, etwas an den von ihm empfundenen Missständen im Land Dänemark zu ändern, immer wieder ärgert er sich deshalb als Arzt „tatenlos und machtlos713 in Altona zu sitzen.

Dieses Bestreben, zur Tat schreiten zu müssen, verstärkt sich, als Struensee auf die Reise von Christian mitgenommen wird und dadurch das gesellschaftliche Treiben des Königs und des Adels beobachten kann. In einem Brief an einen Altonaer Freund zeigt sich Struensees Entrüstung über seine Erfahrungen: „Und Ihr sollt wissen, daß ich aus dem nahen Blick auf die Großen dieser Erde vielen Gewinn habe, viele Erkenntnis, viel Klarheit. Diese Klarheit ist furchtbar; weitaus furchtbarer, als wir ahnten, als wir um unsern Tisch saßen und in den Büchern des Franzosen lasen. Denn sie nehmen der untertänigen Kreatur nicht nur die Freiheit, indem sie sie in ihren Dienst pressen, nicht nur die Atemluft, indem sie ihre hohen Paläste bauen, nicht nur das Brot, indem sie sie zinsen lassen. Selbst wenn sie schenken, wenn sie gnädig sind, wenn sie für die sich Bückenden Münzen streuen, nehmen sie ihnen noch das letzte: die Würde. Es sollte einen geben, der klaren Blicks ist und ihre Macht hat. Liebe, Leben, Freunde müßte er dem klaren Blick opfern. Sich lösen müßte er von allem Vergangenen – und müßte dieses Vergangene doch in sich tragen, unsichtbar, als Bitternis und harte Erinnerung, um jener Klarheit des Blickes willen. Klarblickend mächtig. Glücklos kühlen Herzens und vielleicht sehr allein – doch dann befehlen können, Freund! Dann formen dürfen, in den gehorsamen Ton greifen wie ein Schöpfer, Ihre Freunde!714 Struensees Brief scheint seine Taten vorauszunehmen, er klingt wie ein Programm für seine Vorhaben und späteren Reformen.

Struensee zögert allerdings zu Beginn, die Schwachheit Christians zu seinen eigenen Gunsten auszunützen. Aus diesem Grund sucht er während des königlichen Aufenthalts in Paris sogar Rousseau selbst auf, um sich in einer Unterredung Klarheit über seine Möglichkeiten zu verschaffen: „Der im Mantel sagte: >Angenommen eine Person wachen Herzens und vielleicht sogar mit den Ideen des Herrn Rousseau vertraut; und angenommen, dieser Person fällt es zu, daß ein Fürst, ein absolut regierender Fürst, sie in seine Nähe zieht; und angenommen, es läge in der Macht der Person, über den Fürsten Macht zu gewinnen: wird besagte Person die Macht zu erstreben haben, und wie soll sie sie nützen, um den Fürsten richtig zu leiten?< >Nicht ihn zu leiten, sondern ihn zu stürzen<, kam es rasch und scharf aus der Ecke. >Ihn zu vernichten. Wenn die Person in der Tat die Bücher des Herrn Rousseau gelesen hat.<715 Rousseau sieht also voraus, dass eine „pädagogische“ Leitung eines Fürsten nicht gelingen wird und schlägt als einzige mögliche Alternative dessen Sturz vor.

Struensee versucht zunächst trotzdem, über Christian indirekten Einfluss auf Dänemark auszuüben. Der junge König ist jedoch mit der Regierungsarbeit überfordert, außerdem erkennt Struensee, dass Christians Inneres nicht vollständig an die neuen Ideen glaubt: „Herrn Jean-Jacques Rousseau hätte er damals nicht zu bemühen gebraucht. Macht, über einen Fürsten Macht zu gewinnen! Was ihm an diesem Mensch-Gebäude gelang, war bestenfalls eine Restauration der Fassade. Aber in den Zimmern drinnen mochte es lange gebrannt haben; sie blieben ausgebrannt.“716 Ganz oder gar nicht lautet nun Struensees Devise, er hadert mit sich selbst, ob er den nächsten Schritt wagen oder lieber doch nach Altona zurückgehen soll. Schließlich probiert er, über Mathilde mehr Einfluss auf die Regierungsgeschäfte zu bekommen, doch die sich bald entwickelnde Liebesbeziehung zur Königin erschwert Struensees Vorhaben. Mathilde steht zwar hinter ihm, aber nur aus Liebe, nicht aus Überzeugung. Struensee erkennt, dass er, wenn er seine Pläne umsetzen will, selbst an die Macht gelangen und Christians geistige Gesundheit für diesen Schachzug opfern muss. Schließlich wagt er den entscheidenden Schritt zum Staatsstreich, Christian unterschreibt die nötigen Dokumente, wodurch Struensee zum Schattenkönig wird und über Dänemark regieren kann. Damit ist er am Ziel seiner Pläne.

Zahlreiche Projekte und Vorhaben werden nun von Struensee umgesetzt: eine Dienstvorschrift für die richterlichen Behörden wird erlassen717, die Leibeigenschaft aufgehoben, die allgemeine Steuer auf fünf Prozent gesenkt, eine Sondersteuer für Reiche eingeführt, die Hofausgaben eingeschränkt, der Grundbesitz neu aufgeteilt718, die Gerichtsgleichheit eingeführt719, das scharfe Verhör abgeschafft und von den Einnahmen aus der neu eingeführten Staatslotterie Schanzen gegen Preußen, Spitäler und Kirchen gebaut720. Struensee zeigt sich mit dem Arbeitsvorgang sehr zufrieden: „Auch stand Struensee damals in großem Ruhm, er begann satter zu werden, vieles war anzuweisen und zu entscheiden und zu regieren.“721 Diese gemächliche Zufriedenheit schwindet jedoch, als Mathilde von ihm schwanger wird und der Adel immer offener seine Gegnerschaft zeigt. Hektik stellt sich daraufhin bei Struensee ein, er ahnt, dass ihm nicht mehr sehr viel Zeit bleibt, seine Vorhaben alle umzusetzen: „Doch waren seine Reisen und der Arbeitsdrang, der ihn befiel, sehr viel tieferer und leidenschaftlicherer Art, als handelte es sich nur um Hofflucht, Gesichterflucht, Selbstflucht. Er legte sich ins Gestränge dieser Arbeit wie ein dampfendes Zugroß. Was konnte gestürzt, befreit, verändert, erneuert werden, wo wollte noch etwas verbessert sein? Die fressende Staatsschuld und die Kalbschen Pläne, dieser Staatsschuld Herr zu werden – das lastete, war weggewiesen, kam wieder, wollte in selbstzerstörerischer Überarbeit bezwungen sein.“722 Mit der zunehmenden Bedrohung durch den Adel beginnt Struensee auch an seine eigene Situation zu denken und ändert einige Gesetze zu seinen Gunsten. So lässt er etwa die Bestimmungen über Ehebruch umschreiben723, schafft die Pressefreiheit ab und zensuriert die Kirchenreden724, als kritische Stimmen zu seinem Verhältnis zu Mathilde und seiner Politik laut werden. Das Wohl Dänemarks tritt nun hinter Struensees persönlichen Nutzen zurück, zunehmend empfindet er sein Amt und auch die zunehmende Geisteskrankheit Christians, die er zu tragen hat, als Bürde.

Als Struensee schließlich verhaftet wird und sich vor Gericht verantworten muss, bewähren sich seine Reformen. Sie erweisen sich als gut und durchdacht und sind aus diesem Grund von den Richtern nicht angreifbar.725 Struensee wird deshalb nicht aufgrund seiner Reformen, sondern lediglich wegen seines Ehebruchs zum Tod verurteilt. Seine Neuerungen werden selbstverständlich von seinen Widersachern aufgehoben: „Konfisziertes Land zurückkonfiszieren, Rechtsveränderungen zurückverändern – all das ließ sich durchführen. Aber neue Ideen gingen um in Europa, da saß ein Kerl in Paris mit Namen Rousseau [...].“726 Struensee erscheint auf diesem Hintergrund als ein Zufrühgekommener, denn „er habe dieses Leben vielleicht nur ein wenig zu früh gelebt, zu früh die Ratten aus den Löchern gejagt, zu früh die Ketten gesprengt, zu früh die Standarten der Freiheit in der Luft eines neuen Jahrhunderts flattern lassen, alles um ein, zwei, drei Jahrzehnte zu früh [...].“727 So werden auch erst nach seinem Tod Struensees Ideen ausreichend gewürdigt. Das Volk erkennt die Effizienz seiner Reformen, in Altona wird sein Andenken hoch gehalten und der Kronprinz führt nach seinem Regierungsantritt Struensees Vorhaben Schritt für Schritt wieder ein. Seine Reformen werden damit posthum gut geheißen, seine Überzeugungen scheinen damit schließlich doch ihren Weg und ihre Umsetzung zu finden. Mit diesem Ausblick ist in Neumanns Geschichtsroman durchaus auch ein utopisches Element vorhanden.

Struensee erscheint in seiner Umgebung als ein Sehender unter Blinden, zuweilen auch als ein Träumer: „Struensee, a middle-class doctor from Altona filled with Rousseauistic reform ideas, literally and figuratively comes from a different world. When he enters the circle of royalty in Copenhagen, where Rousseau is virtually unknown, he becomes a type of fool and dreamer, a doctor who wants to cure the sickness and insanity of the Danish court.“728 Struensee, ein Andersdenker unter Gleichgesinnten, bleibt seiner Überzeugung auch in widrigen Umständen treu und hält bis zu seinem Tod an seinen Konzepten fest. In diesem Plädoyer für eine konsequente, sich gegen alle Widerstände durchsetzende Geisteshaltung könnte wiederum ein Gegenwartsbezug gesehen werden. Direkte antifaschistische Hinweise sind jedoch nicht im Text verankert.
Kampf gegen das Unrecht und die Liebe zu Kossuth

Stärker als im Struensee-Roman zeigt sich bei „Die Freiheit und der General“ der Gegenwartsbezug der Darstellung. Rosa, Kossuth und Lewy beweisen immer wieder ihren Glauben an eine bessere Zukunft, der sie bis an die Grenzen ihrer Kraft führt und zum Teil tollkühn handeln lässt.

Vor allem Rosa erscheint als Personifizierung des Glaubens und des Kampfes gegen das Unrecht. Dieser Unrechtsgedanke erwacht bei Rosa bereits am Beginn des Romans. Bei seiner Flucht aus Polen freut er sich noch in die „Sicherheit des donauländischen Kaiserreiches729 zu gelangen, aber als er sieht, wie österreichische Offiziere polnische Flüchtlinge für den Armee-Einsatz in Italien zwangsrekrutieren, keimt in ihm eine erste Unzufriedenheit auf. Diese wird durch die Geschehnisse rund um den Frauenschrei im Gasthaus noch weiter verstärkt. Rosa kann vor den Offizieren sein Unrechtsbewusstsein nicht länger still in sich tragen: „Die geschrien hat, die kenn‘ ich nicht. Sie ist vielleicht eine von den armen Weibern, die über den Paß ziehen. Die sind in großem Elend. Aber auch sie hängen an ihrem Leib und Leben. Auch für sie ist Recht Recht, und Unrecht Unrecht; und es kommt ihnen nicht darauf an, was für eine Art Unrecht das ist, römisch oder russisch oder österreichisch. Sie haben ein Recht auf ihr Leben, Herr Offizier, wie Sie und wie ich!< Oh, nun war er doch ins Schreien gekommen, vor vieler Bemühung, es ihnen zu erklären, und die Adern standen ihm an der Stirn.“730 Die Offiziere entledigen sich aber nach dieser Ansprache des unbequemen Fragestellers und werfen ihn kurzerhand aus dem Fenster.

Dieses Erlebnis festigt Rosas Unrechtsgedanken noch weiter, er sucht Kossuth auf, um mit seiner Hilfe eine Anzeige gegen Georg Andrassy, der für den Fensterwurf verantwortlich gewesen war, aufzusetzen. Georg Andrassy kann sich aber mit Hilfe seines Bruders und des ungarischen Adels der Anklage entziehen, indem er Rosa für einen nicht begangenen Pferdediebstahl einsperren lässt und Kossuth als Gesandten zum Preßburger Landtag schickt. Rosa flieht aus dem Gefängnis und zieht in einem Rachefeldzug durch die Stadt, der den Beginn seines Räuberlebens markiert. Sein Gerechtigkeitssinn und seine Wertschätzung für Kossuth bleiben ihm allerdings erhalten: „Nur sein unbeirrbarer, harter Blick ruhte auf dem Wundermann, der so klein und fein war und nicht alt an Jahren und doch schon Sachwalter des Rechtes auf Erden und das Schwert Gottes.“731

Zehn Jahre später trifft Rosa durch Zufall wieder auf Kossuth, der in der Zwischenzeit zum bekannten Verfechter der nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen Ungarns geworden ist. Rosas Unrechtsgedanke und seine Achtung vor Kossuth flammen nach einer langen Zeit des Räuberlebens sofort wieder auf, er entschließt sich, für Kossuth und die Freiheit Ungarns seine kriminelle Existenz aufzugeben und in den Krieg zu ziehen. Mit seiner schlagkräftigen Truppe verhilft er den Ungarn zum Triumph über die Österreicher. In dieser Situation bittet Rosa, nun erfolgreicher und geachteter General, Kossuth, den alten Prozess gegen Andrassy wieder neu aufzurollen, um den Menschen seinen Werdegang erklären und sich selbst als ehrlichen Menschen rehabilitieren zu können.732 Er wird jedoch, da Kossuth einen Räuberhauptmann für seine Karriere als nicht besonders förderlich empfindet, als General aus der Armee entlassen. Rosa zieht sich daraufhin gekränkt in sein altes Leben zurück.733

Als Kossuth ihn sieben Monate später, von österreichischen und russischen Trupen bedrängt, um Hilfe bittet, sagt ihm Rosa nichtsdestotrotz sofort seine Unterstützung zu. Mit diesem Treuebeweis erscheint er als deutliches Gegenbild zu Kossuths Begleitern Duschek und Dembinski, die beide nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind und Rosa sogar anbieten, Kossuth an die Österreicher zu verkaufen.734 Rosa reagiert erbost. Während die beiden das sinkende Schiff daraufhin fluchtartig verlassen, hält Rosa Kossuth die Treue und wundert sich auch nicht, als Kossuth ihn in der Gefahrenzone zurücklässt und alleine Richtung Türkei fährt.735

Nachdem die Österreicher die Freiheitsbewegung niedergeschlagen und in Ungarn erneut die Macht übernommen haben, führt Rosa als „politischer Räuberhauptmann“ die ungarische Sache selbständig weiter. Um Geld für Kossuth aufzutreiben sprengt er eine Infanteriekaserne in die Luft. Dieser Anschlag kostet 108 Menschenleben, worauf auch sein treuester Mitstreiter, Kiss, Rosas Taten zu hinterfragen beginnt.736 Rosa selbst wirkt nach den Geschehnissen verbittert und scheint sich immer mehr in seinen Unrechtsgedanken, der sich mit seiner Liebe zu Kossuth und dessen nationalen Autonomiebestrebungen verbindet, zu verbeißen. Schließlich wird er, nachdem die Entführung des Kaisers fehlgeschlagen ist, verhaftet und in Kufstein ins Gefängnis gesperrt.737

Als Rosa siebzehn Jahre später aus der Haft entlassen wird, sind seine Gedanken noch immer auf den Kampf gegen das Unrecht und auf seinen alten Prozess gerichtet. Dies zeigt sich an den Bemühungen um die Wiederaufnahme des Prozesses bei Julius Andrassy und an der sofortigen Abreise nach Italien, als er den gefälschten Brief von Kossuth zugeschickt bekommt.

Rosa hält also bis zum Ende an seinen Überzeugungen fest, indem er gegen das Unrecht anzukämpfen und Kossuth zu unterstützen versucht. Rosas Glaube und seine Bewunderung für Kossuth erscheint im Roman zunehmend irrational, aber gerade dadurch wird die Intensität und Stärke seines Glaubens betont. Jenö Krammer sieht in Rosa deshalb „eine balladenhafte Gestalt, der naiv und unbedingt, ohne viel zu prüfen, gegen eine jede Rechtswidrigkeit kämpft, dabei in vollstem Vertrauen an seinem Doktor Kossuth hängt, ihm bis zuletzt blindlings glaubt und die Treue hält.“738 Ebenso streicht Ulrich Scheck den unbeirrbaren Glauben Rosas heraus: „Er wird zum General und Volkshelden im Aufstand unter Kossuth und verkörpert im Roman den moralischen Imperativ des bedingungslosen Kampfes gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit.“739
Auch Kossuth verfolgt einen bestimmten Glauben und eine feste Überzeugung: die Unabhängigkeit Ungarns. Schon am Beginn des Romans, als Kossuth in seinem Amt als stellvertretender Staatsanwalt bereits gegen das Unrecht vorzugehen versucht, wartet er eigentlich auf die Verwirklichung seiner nationalen Ideen: „Der Rest war Warten. Warten auf das Ende dieser provisorischen Existenz. Warten auf das Erwachen einer Nation, die im Schlafe lag.“740 Er ärgert sich über die „Einschränkungen der persönlichen Freiheit, die täglich und stündlich vollzogen werden in Ungarn741 und wirft Georg Andrassy, nachdem er von dessen Trinkgelage mit den österreichischen Offizieren erfahren hat, „Kriecherei vor den Fremden742, „Mangel an nationalem Gefühl743 und „Lakaienhafte Teilnahme an österreichischen Offiziersgelagen744 vor. Die Auseinandersetzung mit Andrassy und seine Kündigung als Gutsfiskal bringen schließlich – wie bei Rosa der Frauenschrei – das „patriotische Fass“ des Kossuth zum Überlaufen. Er beginnt nun zu handeln: Gemeinsam mit Rosa verfasst er eine Anklage gegen Andrassy, die jedoch von der ungarischen Aristokratie niedergeschlagen werden kann. Kossuth verliert daraufhin sein Amt als stellvertretender Staatsanwalt und bemüht sich als einfacher Advokat um die Wiederaufnahme des Prozesses. Wieder intrigiert die ungarische Aristokratie, Andrassy bietet Kossuth das Amt des Ablegaten zum Preßburger Landtag an. Kossuth lässt daraufhin im „Augenblick seines Eintritts in die Geschichte seiner Nation und in das Schicksal Europas745 Rosa fallen und nimmt das Angebot nicht nur aus politischen Gründen sondern auch wegen seiner persönlichen Karriere sofort an.

Zehn Jahre später, 1848, steht Kossuth als begeisterter Verfechter der ungarischen Unabhängigkeit an der Spitze der nationalen Bewegung, die Österreichs Hegemonie brechen soll. Um auf friedlichem Weg über Änderungen des magyarischen Status und über eine eigene ungarische Konstitution zu diskutieren, schickt er dem österreichischen Kaiser Ferdinand eine Delegation. Als die Österreicher das Gespräch jedoch verweigern, entschließt sich Kossuth zum bewaffneten Kampf gegen die Unterdrücker. Er reist durch das gesamte Land und versucht mit bewegenden Ansprachen, Menschen zur Teilnahme an der Auseinandersetzung zu bewegen. Bei einem dieser Aufenthalte trifft er erneut auf Rosa, den er zur Mithilfe in der Schlacht gegen die von Süden einfallenden Serben gewinnen kann. Um den Einsatz eines Räuberhauptmanns im nationalen Kampf zu legitimieren, gewährt Kossuth Rosa sogar eine Amnestie und den Generalstitel. Dank Rosas Beteiligung gewinnen die ungarischen Truppen die Schlacht, Kossuth lässt Rosa aber nach getaner Arbeit fallen, da ein Räuberhauptmann kein gutes Bild an der Seite eines Staatsmannes abgeben würde.746 Kossuth hat zwar zunächst noch ein schlechtes Gewissen, vergisst die Sache aber bald. Damit erweist sich die Beziehung zwischen Rosa und Kossuth als äußerst einseitig. Während Rosa für Kossuth zu großen Opfern bereit ist, beachtet Kossuth Rosa nur, wenn er ihm von Nutzen sein kann.

Dies zeigt sich sieben Monate später um so deutlicher, als Kossuth, mittlerweile von österreichischen und russischen Truppen bedrängt, Rosa um Hilfe bei der Flucht über die türkische Grenze bittet. Geschickt versucht er den aufgrund seiner Entlassung gekränkten Rosa zu umgarnen: er entschuldigt sich für seinen Fehler, erklärt ihm nochmals die nationale Wichtigkeit seiner Bestrebungen und lullt ihn schließlich mit der Behauptung, keinen Freund und Berater außer ihm zu haben, ein.747 Rosa erklärt sich daraufhin bereit, Kossuth nach Orsova zu bringen. Für Kossuth ist der Räuberhauptmann also nur ein Mittel zum Zweck, Rosa hingegen fühlt sich durch echte Freundschaft mit dem Revolutionsführer verbunden. Dass es Kossuth nur um die Rettung seiner eigenen Haut geht, zeigt sich auch auf der abenteuerlichen Flucht Richtung Türkei. So fährt Kossuth einfach an den ungarischen Kämpfern, die sich von ihm aufmunternde Worte erwarten, vorbei.748 Außerdem überquert er nach dem Erhalt des türkischen Asyls sofort die Grenze, ohne den Soldaten, die ihm den Weg freizuhalten versuchen, Bescheid zu geben. Diese haben dadurch keine Möglichkeit zur Flucht und werden von den österreichischen Truppen aufgerieben.749 Auch Rosa wird von Kossuth einfach in der Gefahrenzone zurückgelassen. Seine Selbstliebe und Rücksichtslosigkeit zeigen sich an diesen Beispielen sehr deutlich.

Im Exil hält Kossuth an seinen nationalen Bestrebungen fest und versucht immer wieder Einfluss auf die ungarische Politik zu bekommen. Er besucht als „Revolutionsgeschäftsreisender seiner selbst750 verschiedene Länder, wirbt um die Unterstützung seiner ungarischen Idee, versucht von Italien aus eine magyarische Armee aufzustellen und protestiert gegen den Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn. Die Erfolge sind allerdings gering, nichtsdestotrotz bleibt Kossuth seiner Überzeugung treu.



Insgesamt erweist sich Kossuth als ein kopflastiger Idealist, der mit Elan seine Überzeugungen vertritt, dabei aber immer wieder auch auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Rosa hingegen kämpft mit dem Herzen für seinen Glauben und hält auch dann an seinen Ideen fest, wenn die Sache aussichtslos erscheint. „Dieser reine Tor mit der ungewandten Zunge und der unbändigen Herzenskraft ist größer als sein Vorbild, als der hinreißende Volkstribun, der trotz aller seiner Fähigkeiten nichts ist, wenn er nicht diese Gefolgschaft findet, diesen Mann Rosa, das immer wieder verführte, immer wieder genarrte und doch unzerstörbare, unbeirrbare Volk. Nicht der große Mann der Geschichte, sondern dieser ihm Anhangende, zu Lebzeiten schon zur Legende geworden, dessen Bild die Mägde heimlich im Gebetbuch tragen, und der unsterblich ist, weil er immer aufsteht, wird zum gültigen Sinnbild des Kampfes fürs Recht.“751 Rosa beweist seine Freundschaft und seinen unbeirrbaren Glauben zu Kossuth dreimal: zunächst als General im Kampf gegen die Serben, dann bei der Rettung Kossuths über die türkische Grenze, obwohl seine Entlassung ihn schwer getroffen hatte, und schließlich als Kossuth seine Getreuen in Italien zusammenruft. „Während für Kossuth Freiheit nur eine abstrakte Idee ist, die er opportunistischerweise auch wieder fallenlassen kann, kämpft Sándor bis zuletzt gegen tatsächliches und vermeintliches Unrecht [...].“752 Rosas tiefer und gefühlsbetonter Glaube an die Gerechtigkeit erweist sich letztendlich stärker als Kossuths politische Überzeugungen und Ideen.
Neben Rosa und Kossuth setzt sich aber auch der Jude Lewy für die ungarische Unabhängigkeit ein. Ebenso wie bei Rosa ist für ihn das Trinkgelage der österreichischen Offiziere der entscheidende Anstoß, um sich seiner patriotischen Gesinnung bewusst zu werden: „Der Offiziersbursche hatte nicht ihm ins Gesicht geschlagen, sondern jenen Rechten und jener Freiheit. Daß das geschehen konnte, bewies, daß es noch Ketten zu sprengen gab, ungarische oder jüdische. Diese Erkenntnis, die so weit hinausging über sein persönliches Mißgeschick, brachte eine zarte Verwirrung in das Herz und Hirn des angreiferisch und erschrocken blickenden Mannes, der François Marie hieß nach dem Philosophen Voltaire.“753 Bei Lewy verbindet sich also das Streben nach der ungarischen Unabhängigkeit mit dem Bemühen um die jüdische Emanzipation. Allerdings ist es für Lewy ein längerer Weg um seine so gewonnene Überzeugung auch in die Praxis umzusetzen. Zwar schlägt er zehn Jahre später Kossuth ein jüdisches Freiheitskorps innerhalb der Revolutionsarmee vor und beschließt, selbst am Kampf gegen die Österreicher teilzunehmen754, doch erweist sich Lewy anfangs noch als sehr schreckhafter und als ein den Anforderungen des Krieges nicht gewachsener Soldat. Mit der Zeit entwickelt er sich aber zu einem guten Kämpfer, der bis zuletzt seine Stellung hält, um Kossuths Überfahrt in die Türkei zu ermöglichen. Kurz vor seinem Tod kommen ihm jedoch Zweifel an der Sinnhaftigkeit seines Unternehmens: „Eines sollst du noch tun für mich. Wenn du einem Juden begegnest, dem sag das von mir als das größte von meinen Geheimnissen und als mein Testament: Es ist sinnlos! Es geht nicht! Marschieren und marschieren mit euch und ein Vaterland haben mit euch und den großen Frost überwinden und sterben mit euch im Marschiertakt – es ist alles umsonst! Das, Goj, mußt du mir schwören, daß du es dem nächsten Juden sagst als meine Botschaft an alle: Es ist umsonst!“755 Lewy erkennt also, dass sich seine jüdischen und ungarischen Vorstellungen nicht vereinbaren lassen.

Auch an einer anderen Stelle werden Zweifel am Sinn des Kampfes für die ungarische Unabhängigkeit laut. Karl Andrassy hinterfragt etwa die Bedeutung des Wortes „Ungarn“ und damit das patriotische Unterfangen Kossuths: „Was ist das: Ungarn? Ein Stück Erde, das anderen gehört hat. Es wurde von unseren kavalleristischen Formationen – oder sollen wir sagen: Reiterhorden? berittenen Räuberhorden? – vor gar nicht so langer Zeit überrannt. Die legitimen Besitzer, Slowaken, Serben, Deutsche, Kroaten, Rumänen – nun, wir sind keine Sklavenhalter, wir verwenden sie nur als – in England nennt man das Landproleatariat. Auf den Landstraßen: Zigeuner. In den paar Festungen: Österreicher. In den paar Städten: Deutsche und Juden. Herr! Was ist das: Ungarn? Die Pferdehirten und Räuber drunten zwischen Donau und Theiß. Und wir, Herr, wir. Ich Andrassy und mein Schwager Sapary und mein Vetter Török und – kurz: wir; Herr, der Adel! Und sie glauben ernsthaft, etwas für Ungarn zu unternehmen?“756

Gerade an solchen scheinbar widersprechenden Passagen wird die Aussage des Sandor-Romans deutlich: Trotz der schlechten Aussichten, trotz des Widerstandes, trotz der möglichen Sinnlosigkeit des Unterfangens ist es wichtig, seinen Glauben weiterzuverfolgen und für seine Überzeugung zu kämpfen. Das „Trotzdem“ ist also der Inhalt des Buches. Elisabeth Freundlich sieht darin den entscheidenden Gegenwartsbezug: „Aber es geht ein gewaltiges „Trotz alledem“ durch dieses Buch; zerschlagen die Revolution, genarrt das Volk, verfaulend bei lebendigem Leib im Kerker der Rosa, sich Hirngespinsten im Exil hingebend der Kossuth – und trotz alledem! Das bebt unterirdisch, das weht über die Pußta, das wird Legende und ersteht neu eines Tages mit neuer Gewalt. Ein mächtiger Glaube zieht durch dieses Buch, das mich die Brücke wiederfinden ließ zur Literatur, vor allem zu der Beschäftigung mit [...] unserer Welt.“757

Beide historischen Romane schildern anhand ihrer jeweiligen Hauptfigur den unbeirrbaren und teilweise auch irrationalen Kampf für die eigene Überzeugung. Struensee versucht, bestärkt durch die Ideen Rousseaus, aus Dänemark einen aufgeklärten und demokratischen Staat zu formen, Rosa setzt sich für die ungarische Freiheit ein und kämpft gegen das Unrecht in der Welt. Beide halten ebenso in widrigen und ungünstigen Zeiten an ihren Vorstellungen fest, auch wenn am Ende Struensee als zu früh gekommener Träumer und Rosa als naiver Idealist erscheinen müssen. Der Gegenwartsbezug und das antifaschistische Potential wird in diesem „Trotzdem“ der beiden Romane augenfällig. Auch in scheinbar aussichtslosen Situationen, auch wenn es schwer und sinnlos zu sein scheint, ist es notwendig, an seinen eigenen Überzeugungen festzuhalten und sich für sie einzusetzen.



Die Juden als Feindbild
Jüdische Figuren tauchen in beiden historischen Romanen Robert Neumanns an relativ prominenter Stelle auf, um stellvertretend die allgemeine Situation der jüdischen Bevölkerung im Text darzustellen.758 In „Der Favorit der Königin“ trägt diese Rolle der Händler und Finanzier Jacques Schimmelmann, im Sandor-Roman schildert der Journalist und Freiheitskämpfer François Marie Lewy die Geschichte der Juden.

Beide Figuren sind in ihrem Alltag immer wieder offenen Anfeindungen ausgesetzt. Schimmelmann spürt etwa eine gewisse Antipathie bei Bernstorff, der Juden zwar wegen ihrer geschäftlichen Tüchtigkeit bewundert, sie aber nicht leiden kann.759 Von Guldberg bekommt Schimmelmann sogar Ausschreitungen im jüdischen Ghetto angedroht, falls er nicht die nötige Summe für die Auszahlung von Mathildes Mitgift an die Engländer vorstrecken kann: „Ganz offen: es ist hoch an der Zeit, daß von den Herren Israeliten eine patriotische Leistung erbracht wird. Sie haben die erbitterten Volksgenossen gesehen, die von uns nur mit Mühe davon zurückgehalten werden, ihrer gerechten Empörung gegen die Herren Israeliten freien Lauf zu lassen. Wir sind an der Grenze unserer Kraft! Länger als bis heute abend könnte ich für nichts garantieren, Herr Schimmelmann!“760 Ebenso ist Lewy in „Die Freiheit und der General“ immer wieder Übergriffen und Beschimpfungen ausgeliefert. Beispielsweise beschuldigt am Beginn des Romans ein österreichischer Offiziersbursche gerade den Juden Lewy grundlos, den Koffer der Sängerin Julia Sendrei gestohlen zu haben: „>Den Koffer, Saujud<, sagt der Bäuerliche, >den Koffer von der Dame, du Judensau!<761 Den Juden wird im Roman außerdem die Schuld an der Vergiftung des Wassers und der damit verbundenen Auslösung einer Cholera-Seuche gegeben.762

Die Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung häufen sich in beiden Büchern im Lauf der Handlung. So entpuppt sich Schimmelmanns Branchenkollege Petersen als erbitterter Judenhasser, der seine persönlichen finanziellen Missgeschicke gänzlich auf Schimmelmann und dessen Judentum schiebt. Über Schimmelmanns Herkunft möchte er „besser gar nicht erst Worte machen763 und nennt ihn einen „schmutzige[n] saujüdische[n] Wucherer764. Als Schimmelmann schließlich Petersens Versuch, die dänische Lotterie über die Börse zu sprengen, verhindern kann, brandet Petersens Zorn über diese „jüdische Unverschämtheit765 über, sodass er eine Hetzrede gegen Struensee und die Juden hält: „Der sattsam bekannte Struensee, so hörte man durch ein zufälliges Loch im Lärm, habe nicht nur den lieben König gefangengesetzt, sondern auch mit den Juden, jüdischen Geldwechslern, jüdischen Wucherern sich zusammengetan [...].“766 Ausgelöst wird durch diese Rede ein „Tumult am Eingang des Judenviertels, Stöcke wurden geschwungen, Scheiben eingeschlagen, ein paar Vorübergehende vom Mob attackiert [...].“767 Unter den Verletzten ist auch Schimmelmanns ohnehin kränklicher Sohn, der von der wütenden Menge mit einem Faustschlag niedergestreckt wird, an dessen Folgen er später verstirbt.768

In „Die Freiheit und der General“ findet sich ebenfalls eine solche Gewalttat. Katona, der ohnehin skeptisch den Juden gegenüber eingestellt ist, zündet einen mit Menschen voll besetzten jüdischen Tempel an. Niemand der Tempelbesucher überlebt diesen Brand.769 In dieser Szene scheint bereits im Entstehungsjahr des Romans, 1937, die Reichskristallnacht und die Massenvernichtung der Juden von Neumann vorweggenommen zu sein.

Aufgrund der alltäglichen Anfeindungen und Gewalttaten der Gesellschaft gegenüber den Juden sind beide jüdischen Figuren in ein soziales Außenseitertum gezwungen. Sowohl Schimmelmann als auch Lewy leiden unter dieser Situation und versuchen, – jeder auf seine Weise – sich in die Gesellschaft zu integrieren. Schimmelmann glaubt, sich mit Geldanhäufungen absichern zu können, da „ein Jud einen Namen haben muß und sehr viel Geld – sonst wird er verbrannt.“770 Außerdem greift er Struensee finanziell unter die Arme, da er sich durch ihn eine Besserstellung der jüdischen Gemeinden in Dänemark erwartet, die Struensee auch wirklich in Form von verbesserten Gesetzen und der Aufhebung der nächtlichen Ghettosperre durchsetzt. Lewy hingegen versucht sein Außenseitertum zu überwinden, indem er sich an der ungarischen Freiheitsbewegung beteiligt: „Es herrscht noch Mißtrauen gegen uns jüdische ungarische Patrioten bei manchen ungarischen Brüdern anderer Konfession. Solang das nicht anders wird, ist unserer Emanzipation und die Sprengung unserer Gettoketten noch nicht verwirklicht.“771 Lewy muss aber kurz vor seinem Tod die Sinnlosigkeit seines Unternehmens erkennen, da er von den magyarischen Kämpfern nicht als Ungar akzeptiert wird. Noch in den letzten Schlachtmomenten muss er sich von einem seiner Mitstreiter als „Saujud772 beschimpfen lassen.

Die beiden jüdischen Figuren selbst sind von Neumann als freundliche und liebenswerte Menschen gezeichnet worden, die sich auf positive Art und Weise in die Gesellschaft einbringen wollen. Schimmelmann erweist sich beispielsweise im Lauf der Handlung als das gute Gewissen Dänemarks und als rechtschaffener Mensch. Er spendet für Arme und Kranke ohne Unterschied von Rasse und Religion, er rettet Struensees Lotterie und damit das dänische Budget und er kehrt Kopenhagen nach Struensees Tod aus Protest den Rücken. Ebenso schleppt Lewy einen tödlich verwundeten Kollegen trotz dessen ständigen Beschimpfungen mit sich aus der Gefahrenzone, um sein Leben vielleicht doch noch zu retten. Schimmelmann und Lewy charakterisieren sich damit oftmals als ein positives Gegenbild zu ihren nicht-jüdischen Zeitgenossen.

Bei der Darstellung der jüdischen Figuren zeigt sich der Gegenwartsbezug der beiden historischen Romane vielleicht am deutlichsten. Immer wieder ist die jüdische Bevölkerung Anfeindungen und gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt, die in einem Tumult im jüdischen Ghetto und einem Brandanschlag auf einen jüdischen Tempel gipfeln. Durch derartige Szenen werden von Neumann bereits beim Verfassen der Romane die Greueltaten der Nationalsozialisten gegen die Juden, wie die Reichskristallnacht oder die Masssenvernichtungen, vorweggenommen. Lewy kann aus diesem Grund, eine offensichtliche Anspielung auf Hitler und die Zeitumstände, das Wort „Volksredner“ gar nicht aussprechen.773 Bruce M. Broerman sieht in diesen Darstellungen eine Widerspiegelung einer „traditional anti-Semitic mentality, particularly that of the German masses in the early 1930s. Jews became scapegoats for all political and economic shortcomings in society an government.“774 Das Thema „Judentum“, das eindeutige Parallelen zur Gegenwart beinhaltet und die Situation der Juden aufzeigt und hinterfragt, scheint in Neumanns historischen Romanen den stärksten Gegenwartsbezug zu besitzen.

Das beeinflussbare Volk
Die in beiden Romanen geschilderten Ereignisse und Handlungen wirken sich immer auch direkt oder indirekt auf das dänische beziehungsweise ungarische Volk aus. Neumann versucht aus diesem Grund, die Perspektive und Sichtweise der Massen in seine Darstellung aufzunehmen. Besonders deutlich zeigt sich dies in „Der Favorit der Königin“. In diesem Buch fungiert die Figur des Bauers Niels Nielsen als Repräsentant des dänischen Volkes, da sich anhand seiner Handlungen und Taten die Meinung der Massen auf die Bestimmungen des Adels und ihre Reaktion auf die unterschiedlichen Geschehnisse ablesen lassen.

Gleich am Beginn des Romans wird das Volk für die Kosten von Christians Europareise kräftig zur Kasse gebeten.775 Nielsen muss seine vorletzte Kuh verkaufen, um die neu eingeführte Steuer zahlen zu können, und kann daraufhin nur mehr auf Einträge aus dem Fischfang hoffen. Doch das Schiff, in das er investiert hat, kehrt nicht in den heimatlichen Hafen zurück. Zudem stirbt auch noch Nielsens letzte Kuh, kurze Zeit später bricht in Dänemark aufgrund des Misswuches auf den Feldern eine Hungersnot aus. Selbst als eine Sturmflut den Deich durchbricht und die Äcker der Bauern überschwemmt, lässt Nielsen sich nicht entmutigen, sondern schöpft Salz aus dem Meerwasser. Erst als der Steuereintreiber Beringskjold eine eigene Salzsteuer einführen will, platzt Nielsen der Kragen. Er wird zum Rädelsführer eines Aufstandes gegen die Behörden und zündet Beringskjolds Haus an.776

In der Zwischenzeit gelangt Struensee an die Macht, der die Situation gleich beruhigen kann, indem er die Salzsteuer wieder aufhebt und zusätzliche finanzielle Erleichterungen für das Volk einführt. Gerade noch kann Struensee damit die Massen zufrieden stellen, denn es zeigt sich, dass „der von Struensee ins Werk gesetzte Staatsstreich von oben in zwölfter Stunde gekommen war – es hätte sonst einen von unten gegeben.777 Das Volk glaubt aber, da Struensee sich in der Öffentlichkeit verdeckt hält, Christian sei der Wohltäter gewesen und feiert den König für seine Erlässe. Nielsen geht es in Struensees neu errichtetem Wohlfahrtsstaat sogar so gut, dass er aufhört zu arbeiten, seine Zeit nur mehr mit dem Trinken in verschiedenen Gasthäusern vertreibt und Lobreden auf seinen König hält.778 Mit Struensee bringt er hingegen nur die neu gegründete Staatslotterie in Verbindung, die vom Volk ebenso begeistert aufgenommen wird. Als Struensee mit der Lotterie an die Börse geht, kauft Nielsen sogleich Aktien, da ihm gute Gewinne versprochen werden. Die zahlreichen guten, auf das Wohl des Volkes zielenden Gesetze Struensees verblassen hinter der populären Lotterie nun gänzlich. Struensee ist dennoch am Höhepunkt seiner Beliebtheit beim Volk, das ihn nach einer erfolgreichen Lotterieziehung mit Begeisterungsstürmen durch die Stadt zieht: „Nun sie Struensee einmal gefunden hatten, ließen sie von ihm nicht so rasch ab. Und nicht weil er ihnen die Freiheit gegeben hatte und Recht und Land und vieles, sondern weil er für sie der Mann der Lotterie war [...].“779

Doch bald wendet sich die Stimmung des Volkes. Bei einer Ausfahrt von Christian und Berndt springt der verwirrte König plötzlich mitten in die Aufführung eines Theaterstückes und lässt sich von der Menge bejubeln. Als Berndt eingreift und den König von der Bühne wegträgt, empört sich das Volk, da es glaubt, Christian werde von Struensee gefangen gehalten.780 Darüber hinaus ist die dänische Bevölkerung über den nach Peterens Börsen-Intrige entstandenen Wertverfall der Lotterieaktien aufgebracht, insbesonders Niels Nielsen tobt über seine finanziellen Einbußen.781 Die Stimmung des Volkes schlägt aufgrund dieser beiden Ereignisse komplett um: Struensee wird gehasst, Christian fliegen hingegen weiterhin die Sympathien der Menge zu.

Dies zeigt sich auch gleich nach dem Bekanntwerden der Aktienverluste, da Struensee bei der Fahrt durch die Stadt von einem durch das Kutschenfenster hereinfliegenden Stein verletzt wird. Die wütende Menge zieht danach, von Petersens Hetzrede aufgestachelt, weiter in das Judenviertel, um dort ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Freudig nimmt die Masse auch die Verhaftung Struensees auf, bei seinem Abtransport versucht Niels Nielsen, noch immer wütend über seine Verluste, ihn sogar mit einer Axt zu ermorden.

Diesen Schilderungen widersprechend finden sich für den Bau des Hinrichtungsplatzes allerdings keine Handwerker, auch ein Henker lässt sich nicht sofort auftreiben: „Diese sonst ohne Schwierigkeit zu bekommenden Gegenstände waren plötzlich nicht aufzutreiben. Die Stellmacher ließen der Justitia für ihren besondern Zweck keine Räder ab. Keine Zimmerleute fanden sich für die Pflöcke. Und als man die Bretter von einem der staatlichen Schiffe nahm, gab es mit einemmal keine Hände, sie auf ein gewisses Feld vor der Stadt hinauszufahren und zusammenzufügen.“782 Das Volk scheint sich also doch an Struensees Reformen zu erinnern und passiven Widerstand gegen seine Hinrichtung zu leisten. Paradoxerweise wird Struensee bei seiner letzten Fahrt zum Galgenberg jedoch mit Obst beschossen und vom Volk selbst zu seiner Hinrichtung gezogen, Niels Nielsen fungiert sogar als Henker.783



Anhand dieser Schilderungen zeigt sich die Beeinflussbarkeit des dänischen Volkes, das, obwohl es die soziale Besserstellung nach Struensees Reformen selbst erfahren hat, sich von der Lotterie verblenden lässt und den Hetzreden des Adels Glauben schenkt. Auch Elke Nyssen hebt dieses passive und wankelmütige Element der Massen hervor: „Neumann beschränkt die Rolle der dänischen Bevölkerung darauf, Akklamateur für seine Protagonisten Christian und Struensee zu sein. Den Hetzreden des Adels ist sie zugänglich, obwohl diese Reden ihren eigenen Erfahrungen, vor allem der Hebung des Lebensstandards widersprechen. Da politische Ereignisse ausschließlich auf die Entschlüsse und Taten Weniger zurückgeführt werden, da der Anteil des Volkes an dem Geschehen rein passiv ist, kann sich der Leser dieses historischen Romans nicht als Produzent und Reproduzent von Geschichte begreifen.“784 Bruce M. Broerman hingegen sieht in der Darstellung des Volkes eine gelungene Parodie auf die zeitgenössischen Zustände: „These thematic elements clearly show points of reference between the historical material of the novel and Neumann’s contemporary world. Indeed, Neumann – the Viennese socialist Jew whose antifaschist parodies [...] were publicly burned by the Nazis in 1933 – viewed social criticism as an unavoidable part of his writing. The portrayal of the masses, who are motivated by greed and prejudice to execute their own ideals, who can be manipulated by mass psychology and turned against the Jews, and who become mere tools of political powers beyond their comprehension serves to parody the German masses of the early 1930s.“785 Tatsächlich scheint sich an Nielsen und an der Masse des Volkes die Wankelmütigkeit und die Beeinflussbarkeit der dänischen Bevölkerung zu zeigen. Sie beteiligt sich nach Petersens Aufruf und seiner Suggerierung eines jüdischen Feindbildes am Tumult im jüdischen Ghetto, geleitet Struensee wider besseren Wissens begeistert zu seiner Hinrichtung und vergisst aufgrund des Wertverfalls der Aktien Struensees gute und effektvolle Reformen. Es zeichnen sich in der Darstellung also durchaus Parallelen zu dem der nationalsozialistischen Demagogie verfallenen Volk aus Neumanns Gegenwart ab, allerdings verbleibt das antifaschistische Potential erneut im vagen thematischen Bereich, konkrete Übereinstimmungen lassen sich nicht ausmachen.
Weniger antifaschistische Bezüge sind hingegen bei der Schilderung des Volkes in „Die Freiheit und der General“ auszumachen. Zu Beginn des Romans steht die ungarische Bevölkerung noch hinter den Plänen von Kossuth und verfolgt nach seinem Vorbild die nationale Unabhängigkeit des Landes. Beispielsweise nimmt das ungarische Volk die polnischen Flüchtlinge „gastlich und voll zornigen Mitgefühls786 auf, denn „war der Pole vom Russen geknechtet, so saß dem Ungarn der Österreicher auf dem Genick787 und lauscht begeistert und jubelnd den Reden Kossuths über die zu verwirklichende Autonomie Ungarns: „In diesem Gäßchen preßten sich die Menschen so dicht, daß sie nicht einmal die Arme frei machen konnten, wenn es sie ankam, sie hochzurecken zu ihrem Gebrüll.“788 Viele beteiligen sich auch an der ungarischen Sache, nehmen am Freiheitskampf gegen die Österreicher teil und jubeln über den zunächst errungenen Sieg.

Als sich jedoch das ungarische Glück wendet, lässt die Begeisterung und die Anteilnahme des Volkes nach, es lässt sich von Kossuth nicht mehr zum Kämpfen motivieren. Bei einer seiner Reden gehen die Menschen sogar gelangweilt aus dem Saal, Gebrüll ist kaum mehr zu hören.789 Nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution finden sich die meisten Ungarn rasch mit der wiederhergestellten alten Situation ab und versuchen, sich mit den Österreichern zu arrangieren. Ein Beispiel dafür sind die schwarzgelben Kaiserfahnen, die nach der Niederlage wieder an vielen magyarischen Häusern prangen.790

Das ungarische Volk scheint prinzipiell mit Kossuth und Rosa einer Meinung zu sein und die ungarische Unabhängigkeit anzustreben, dennoch ist es nicht bereit, für seine Überzeugung große Opfer zu bringen. Der Gegenwartsbezug könnte also am ehesten noch in der Kritik des Mitläufertums bei wechselnden politischen Strömungen liegen, ist jedoch nur in Ansätzen im Text ausgeführt. Die zaudernde Verhaltensweise des ungarischen Volkes soll wohl eher als Kontrast zum Glauben und der Opferbereitschaft Rosas fungieren. Antifaschistisches Potential ist daher kaum vorhanden, denn das am Anfang des Romans „geschilderte, ungebärdige, sich gegen gewaltige Übermacht und von Anfang an zur Niederlage verurteilte Volk hatte in dem Augenblick gleichfalls wenig Ähnlichkeit mit dem deutschen, das sich so leicht seiner Macht hatte berauben lassen.“791

Der Entwurf eines besseren Gegenbildes
In beiden historischen Romane scheint Robert Neumann anhand der behandelten geschichtlichen Epochen und der dadurch aufgeworfenen Themen, die ein mehr oder minder starkes antifaschistisches Potential ausweisen, ein besseres Gegenbild zur Gegenwart entwerfen zu wollen.

In „Der Favorit der Königin“ gelingt dieses Gegenbild durch den Aufbau einer aufgeklärten, an demokratischen Werten orientierten Welt mit einem gerechten, an den Bedürfnissen des Volkes interessierten Herrschers. Verkörperung dieses positiven Regententypus ist natürlich Struensee, der die alte, nur an persönlichem Vergnügen und Prunk interessierte und ständig intrigierende Hofgesellschaft ablösen soll. Kaum an der Macht verwirklicht Struensee eine Vielzahl von Projekten und Reformen, die vor allem dem Volk und den Minderheiten wie etwa den Juden zugute kommen und die wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Situation innerhalb Dänemarks deutlich bessern. Allerdings werden gleichzeitig auch die Gefahren und Probleme des Regierens und der ideologischen Verhärtung aufgezeigt, denn Struensee muss für seine Regentschaft einige Opfer bringen: er treibt Christian durch seine Machtübernahme und sein Verhältnis zu Mathilde endgültig in den Wahnsinn792, er schleppt Berndt mit in seinen Untergang793 und er fordert die Opposition sowohl des Adels als auch des Volkes und somit die Instabilität des Landes heraus. Für Struensee sind diese Opfer eine große Bürde, dennoch nimmt er sie bewusst in Kauf, um seine Überzeugung umsetzten zu können. Für seinen Glauben geht er schließlich sogar in den Tod.

Struensee erscheint also insgesamt als ein wohlwollender, guter Herrscher, der sich trotz der Risiken aus Überzeugung und ideologischer Standfestigkeit heraus für das Wohl der Menschen einsetzt und damit das intrigante, machtbesessene Leben der alten Adeligen kontrastiert.

Auch in „Die Freiheit und der General“ versucht Neumann mittels der Darstellung des Strebens der Völker nach der nationalen Autonomie ein Gegenbild zur Gegenwart zu entwerfen. Verkörperung dieses Gegenbildes ist wie im Struensee-Roman auch hier eine historische Figur: Kossuth, der sein gesamtes Leben lang, sowohl in Ungarn als auch später im Exil, seinen nationalen Ideen und seiner Überzeugung nachhängt.794 Das ungarische Volk steht hinter ihm und lehnt sich gegen die Unterdrückung durch die Österreicher auf. Aber auch hier werden die Probleme und Risiken des Freiheitskampfes aufgezeigt. Die Revolution wird niedergeschlagen, Kossuth muss ins Ausland fliehen.

Kossuth hält also trotz der widrigen Umstände an seinem Glauben fest und weicht – ebenso wie Rosa – von seiner Überzeugung nicht ab. Auch wenn die Revolution letztendlich scheitert, so birgt das Buch dennoch einen versöhnlichen Gedanken, da die Verwirklichung des Ausgleichs am Ende des Romans eine Besserstellung Ungarns mit sich bringt.

Beide historischen Romane stellen also inhaltlich einen Umbruch zwischen einer alten und neuen Ordnung dar, beide zeigen den Versuch, ein besseres System zu schaffen, der aber an den alten Machtkonstellationen scheitert. Beide Romane scheinen damit die Hoffnungslosigkeit der Umsetzung des eigenen Glaubens zu schildern und vor einem Einsatz für die individuelle Ideologie zu warnen.

Blickt man jedoch auf die Entwicklung der realen Geschichte nach den in den Romanen dargestellten Epochen, so zeigt sich, dass einige Jahrzehnte später beide Ideen – Demokratie und Autonomie – ihre Verwirklichung gefunden haben. Neumann gibt mit diesem Ausblick also durchaus Anlass zur Hoffnung. Die Ideen und Reformen, die im Moment nicht realisierbar erscheinen, werden zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden können. In beiden Romanen ist also auch ein starkes utopisches Element vorhanden, das Neumanns Publikum in trister Gegenwart etwas Trost und Hoffnung spenden sollte.

Zusammenfassung: Unterschiede und Ähnlichkeiten der beiden historischen Romane
Vergleicht man Form und Inhalt der beiden historischen Romane von Robert Neumann, so lassen sich auf den verschiedenen Ebenen des Textes erstaunlich viele Übereinstimmungen entdecken. Ähnlichkeiten ergeben sich sowohl im Stoff als auch in der Struktur der Werke.

Allein in der ästhetischen Konzeptionsweise zeigen sich deutliche Parallelen. Der Aufbau und die Gliederung orientieren sich in beiden Romanen an der Fünfteilung des klassischen Dramas, die auktoriale, stets mit einem Augenzwinkern die Lage kommentierende Erzählerposition erweist sich als vollkommen deckungsgleich. Beide Werke verwenden zur Erhöhung der Spannung zahlreiche Perspektivenwechsel und Szenenschnitte und montieren zur Objektivierung der Handlung immer wieder Dokumente und Zeitzeugenberichte in die Erzählung ein. Einige moderne, experimentell anmutende Erzählformen wurden ebenfalls in die Darstellung aufgenommen. Dennoch tendieren sie vor allem aufgrund des dominanten Erzählers, der auffallenden Privatisierung der Geschichte und der trivialen, auf reine Unterhaltung zielenden Elemente in die Richtung des traditionellen historischen Romans.

Auch in der Verwendung des historischen Stoffes zeigen sich bei beiden Werken Parallelen. Sowohl „Der Favorit der Königin“ als auch „Die Freiheit und der General“ gebrauchen eine Epoche aus der europäischen Geschichte als Vorlage für die Konstruktion der Handlung. Allerdings orientiert sich der Struensee-Roman viel deutlicher am vorgegebenen Material als das Sandor-Buch, in das aufgrund des fiktionalen Helden viele erfundenen Elemente einfließen. Die Geschichte erscheint in Neumanns zweitem historischen Roman deshalb nur mehr als zeitlicher Rahmen der Erzählung, aber nicht mehr als bestimmendes Moment der Handlung. Die Suggestion der Vergangenheit wird für den Leser in beiden Werken aber auf sehr ähnliche Weise erzielt: die Einrichtungsgegenstände und die Dekoration der Häuser, das Gewand und die Verhaltensweisen der Menschen entsprechen den dargestellten Epochen, auch im Sprachgebrauch zeigt sich aufgrund des Gebrauchs von veralteten Wörtern und der Benutzung des Französischen und Wienerischen die Distanz zur Gegenwart des Lesers.

Überschneidungen gibt es vor allem auch im inhaltlichen Bereich. In beiden Romanen werden die Themen Macht, Glaube, Juden und Volk bearbeitet, wobei der Schwerpunkt des Struensee-Buches vor allem bei der Behandlung der Machtkonstellationen, der des Sandor-Romans bei der Darstellung des standhaften Glaubens liegt. Beide Romane versuchen jedoch in der Schilderung eines guten Herrschers und eines unbeirrbaren Kämpfers ein positives Gegenbild zur Entstehungszeit zu entwerfen. Gegenwartsbezüge und antifaschistische Elemente sind deshalb vor allem in diesen thematischen Auseinandersetzungen in den Text eingeflossen.

Überblickt man nun diese Auflistung an Unterschieden und Gemeinsamkeiten, so lässt sich erkennen, dass sich die historischen Romane Robert Neumanns inhaltlich und formal sehr nahe stehen. Dies lässt auf eine ähnliche Konzeptionsabsicht und -weise beim Verfassen der Werke schließen. Der Grund dafür dürfte nicht nur in der zeitlichen Nähe der Entstehung der beiden Romane, sondern auch im psychologischen Hintergrund und der ideologischen Überlegungen des Autors in den ersten Exiljahren nach seiner Flucht vor dem Nationalsozialismus zu suchen sein.

Abschließende Betrachtungen
Zielsetzung der vorliegenden Arbeit war die Abfassung einer ersten detaillierten und umfassenden Analyse von Robert Neumanns historischen Romanen. Als theoretische Grundlage für die im dritten Teil dargestellte Interpretation fungierten die ersten beiden Teile der Arbeit, die einerseits die Merkmale und Problemfelder der Gattung des historischen Romans umreißen und andererseits die Bedingungen der Literaturproduktion und das Erscheinungsbild des historischen Romans im Exil herausstreichen sollten. Für die vollständige Analyse wurde außerdem versucht, Neumanns Biographie, die Entstehung- und Editionsgeschichte und die Rezeption der Werke – soweit rekonstruierbar – in die Betrachtungen miteinzubeziehen.
Robert Neumanns historische Romane stützen sich inhaltlich stark auf das Vorbild der dargestellten geschichtlichen Epochen. Die Chronologie der Ereignisse und das historische Personal wurde von Neumann weitgehend übernommen, insbesonders in „Der Favorit der Königin“ wurde die Erzählung der historischen Vorlage bis ins Detail angepasst. In „Die Freiheit und der General“ überwiegen hingegen die fiktionalen Elemente aufgrund der sehr frei gestalteten Hauptfigur des Rosa Sandor. Die Geschichte bildet in diesem Werk nur den zeitlichen Rahmen und Hintergrund für die Handlung. Deutlich erkennbar ist in beiden Romanen auch Neumanns Bemühen, eine entsprechende historische Kulisse mittels Mobiliar, Kleidungsstücken, Verhaltensregeln und Sprachgebrauch aufzubauen und den Leser auf diese Weise in die Vergangenheit zurückzuversetzen.

Als problematisch erweist sich hingegen die starke Privatisierung der Geschichte. Die historischen Ereignisse werden alleine durch die Emotionen und Begierden der handelnden Personen motiviert, geschichtliche Strukturen und Prozesse, die die Ereignisse bewirken könnten, fehlen in der Darstellung.

Die ästhetische Konzeption der Romane orientiert sich durchgehend an traditionellen Erzählmustern. Die Geschehnisse werden linear erzählt, es finden sich nur kleine Rück- und Vorblenden innerhalb des beschriebenen Zeitverlaufs. Der dominante auktoriale Erzähler dirigiert das Geschehen, er ordnet, kommentiert und bewertet die Handlung. In der Beschreibung der Personen finden sich außerdem triviale und kolportagehafte Züge.

Teilweise sind in Robert Neumanns Geschichtsromanen aber auch moderne, experimentelle Elemente zu erkennen. Zum Beispiel bilden die in die Texte montierten Dokumente und Zeitzeugenberichte als auch Perspektivenwechsel und Szenenschnitte eine Gegenstimme zum Erzähler, bringen somit mehr Objektivität in die Darstellung und akzentuieren die Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Als modern erweist sich außerdem der ironisierende und parodistische Ton, der sich durch die beiden Erzählungen zieht und damit eine reflektierende Ebene im Text verankert. Ästhetisch wären Neumanns Geschichtswerke trotzdem als traditionelle historische Romane mit modernen, „anderen“ Einschüben zu werten.

Direkte, eindeutig nachweisbare Gegenwartsbezüge finden sich in beiden Texten kaum, antifaschistisches Potential und thematische Bezüge zu Neumanns Gegenwart lassen sich aber sehr wohl erkennen. Neumann setzt sich in den Romanen mit den Fragen nach der Legitimation von Macht und dem Recht zum Kampf für die Freiheit auseinander, untersucht die Rolle und die Beeinflussbarkeit des Volkes und die Situation des Judentums und fragt nach den Möglichkeiten des Glaubens und der Ideologie in menschenunwürdigen Zeiten. Neumanns eigenem theoretischen Ansatz von der Notwendigkeit eines Gegenwartsbezuges der historischen Gattung wurde mit diesen sich am Anfang seines Exils aufdrängenden Fragen sicherlich Folge geleistet, das von ihm geforderte Überzeitliche und Menschliche in eine historische Kulisse verpackt.
Robert Neumanns Intention beim Schreiben seiner beiden historischen Romane richtete sich einerseits sicherlich nach seinen finanziellen Bedürfnissen, wie die schnelle Konzeptionsweise und die Selbsteinschätzung des Autors beweisen. Andererseits nützte Neumann seine beiden Werke auch, um Antworten auf die Fragen seiner Zeit zu finden, wie an der Auswahl der Thematik und an dem Versuch, ein positives Bild der tristen Gegenwart gegenüberzustellen, abzulesen ist. Neumann erweist sich insgesamt als ein durch das Exil beeinflusster Autor, der die zeittypischen Strömungen – wenn auch in unterschiedlicher Intensität – in Form und Inhalt seiner Werke aufgenommen hat.

Beide historischen Romane zählen sicherlich nicht zu seinen bedeutendsten Arbeiten und sicherlich ebenso wenig zu den wichtigsten Werken der historischen Exilliteratur, dennoch stellen sie – in Anbetracht ihrer problematischen und schwierigen Entstehungsbedingungen – eine passable schriftstellerische Arbeit dar.

Schließt man von seinem historischen Werk auf Neumanns gesamtes Schaffen als Romanschriftsteller, das von ihm und seinen Kritikern als qualitativ besser eingeschätzt wurde, so ist Robert Neumann dreißig Jahre nach seinem Tod sicherlich zu unrecht vergessen. Eine Aufarbeitung des Prosawerks dieses vielseitigen und experimentierfreudigen Schriftstellers würde lohnen.

Literaturverzeichnis



Primärliteratur

Robert NEUMANN, A Woman Screamed (übersetzt v. Willa u. Edwin Muir; London, Toronto, Melbourne, Sydney: Cassell 1938).


Robert NEUMANN, Der Favorit der Königin (Lizenzausgabe für die Sammlung ‚Welt im Buch‘; Wien, München, Basel: Desch 1953).
Robert NEUMANN, Der Favorit der Königin (München: dtv 1996).
Robert NEUMANN, Die Freiheit und der General (München, Wien, Basel: Desch 1958).
Robert NEUMANN, Eine Frau hat geschrien. (Zürich: Humanitas 1938).
Robert NEUMANN, Ein leichtes Leben. Bericht über mich selbst und Zeitgenossen (Wien, München, Basel: Desch 1963).
Robert NEUMANN, Mein altes Haus in Kent. Erinnerungen an Menschen und Gespenster (Wien, München, Basel: Desch 1957).
Robert NEUMANN, Stimmen der Freunde. Der Romancier und sein Werk. Zum 60. Geburtstag am 22. Mai 1957 (Wien, München, Basel: Desch 1957).
Robert NEUMANN, Struensee: Doktor, Diktator, Favorit und armer Sünder (Amsterdam: Querido 1935).
Robert NEUMANN, Typisch Robert Neumann. Eine Auswahl (München: Desch 1975).
Robert NEUMANN, Vielleicht das Heitere. Tagebuch aus einem andern Jahr (München, Wien, Basel: Desch 1968).


Aus dem Nachlass

Entwurf zum Aufsatz über „Impersonation“, undatiert: ÖNB, Ser. n. 21.359 a-b.


Entwurf zum Sandor-Roman, undatiert: ÖNB, Ser. n. 21.755.
Internierungstagebuch von 1941: ÖNB, Ser. n. 21.608.
Korrespondenz Alfred Knopf an Robert Neumann, 3.12.1936: ÖNB, Ser. n. 22.471.
Korrespondenz Dr. Paul Kris an Robert Neumann, 20.2.1937: ÖNB, Ser. n. 22.472.
Korrespondenz Herbert Reichner an Robert Neumann, 7.5.1937: ÖNB, Ser. n. 22.472.
Korrespondenz Victor Gollancz an Robert Neumann, 11.1.1937: ÖNB, Ser. n. 22.472.
Maturazeugnis aus dem Schuljahr 1914/15: ÖNB, Ser. n. 21.632.
Memoirenmanuskript von Heinrich Neumann mit dem Titel „Journal“, von Robert Neumann selbst überarbeitet, undatiert: ÖNB, Ser. n. 20.893.
Semestral-Ausweis des k.u.k. Maximilian-Gymnasiums aus dem Schuljahr 1911/12: ÖNB, Ser. n. 21.632.
Vertrag zwischen dem Desch-Verlag und Robert Neumann über den Struensee-Roman, undatiert: ÖNB, Ser. n. 21.635.
Vertrag zwischen der Allianz-Film und Robert Neumann über den Struensee-Film, 14.3.1955: ÖNB, 21.633.
Zeitungsausschnitte mit Rezensionen zum Sandor-Roman, unterschiedliche Datierungen: ÖNB, Ser. n. 21.650.

Korrespondenz Robert Neumann an Stefan Zweig, 15.10.1934: DÖW, 19532/2.


Korrespondenz Robert Neumann an Stefan Zweig, 1.8.1937: DÖW, 19532/2.
Korrespondenz Robert Neumann an Stefan Zweig, 20.10.1938: DÖW, 19532/2.
Zeitungsausschnitte mit Rezensionen zum Sandor-Roman, unterschiedliche Datierungen: DÖW, 11548/3.





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