Verena Ofner die historischen romane robert neumanns eine Analyse


Illegitime Machtergreifung und höfische Intrige



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Illegitime Machtergreifung und höfische Intrige


„Macht“ erweist sich als eines der zentralen Themen in „Der Favorit der Königin“, schließlich ziehen sich Machtkämpfe und Regentschaftswechsel als permanente Motive durch den gesamten Roman. Geschildert werden diese Machtverschiebungen, wie bereits beschrieben, anhand der Biographie Struensees, die auch die Vorlage für die fünfgeteilte Konzeption des Romans in Anlehnung an das klassische Drama darstellt. Allein daran zeigt sich der wichtige Stellenwert des Themas „Macht“ in Neumanns erstem historischen Werk.

Eine Regentschaftverschiebung zeigt sich gleich am Beginn der Erzählung. Friedrich V., wegen dessen verschwenderischer und an Luxus orientierter Hofhaltung die Staatskassen leergeräumt sind und das Volk hungern muss683, stirbt nach längerer Krankheit. Die Thronfolge übernimmt sein ältester Sohn Christian, zu diesem Zeitpunkt erst 17 Jahre alt. Christian erweist sich ebenso wie sein Vater als Paradebeispiel für einen verantwortungslosen König. Er vergnügt sich mit lasterhaften Freunden und Frauen, gibt sich dem Alkoholgenuss hin und ist aufgrund seines Lotterlebens an Staatsgeschäften nicht interessiert. Aus diplomatischen Gründen wird er mit der englischen Prinzessin Mathilde verheiratet. Nach der Vergewaltigung Mathildes entfremden sich beide Ehepartner, Christian begibt sich, flüchtend vor seinen Eheproblemen und der Regierungsverantwortung, auf Reisen, wo sich seine Verschwendungssucht und seine beginnende Geisteskrankheit offenbaren. Christians Unfähigkeit, Staatsgeschäfte zu führen, zeigt sich also bereits am Beginn des Romans, in dessen Verlauf er aber immer weiter zum Negativbild eines Herrschers emporwächst.

Am Königshof wird aufgrund der augenscheinlichen Schwäche des Königs bereits heftig intrigiert. An der Spitze der Machtstreitigkeiten steht seine Stiefmutter, Juliane, die ihren eigenen, allerdings körperlich behinderten Sohn auf dem Thron sehen will und deshalb Christian einen „Leporello zum Lakaien und einen feinen Lumpen zum Kumpan gewählt hatte, um ihn vor der Zeit durch Sinnenlust zu zermürben [...] und den Weg zum Thron für ihre eigene verkrüppelte Brut frei zu machen.“684 Aber auch um die verschiedenen Ämter am Königshof wird heftig gekämpft, wobei die Konflikte zunächst von zwei unterschiedlichen Lagern ausgetragen werden: den sogenannten „Gespenstern“, bestehend aus den älteren Adeligen rund um Juliane, und den jungen Aristokraten rund um den Grafen Holck: „Die Partei der Gespenster zu Kopenhagen war gut im Zuge gewesen, den Jungen rund um den Grafen Holck das Wasser abzugraben und eine Position rund um die andre zu entreißen. Die des Ersten Hofpredigers zum Beispiel, wobei man den jungen Pastor Bolander nur mit dem gefälligen Fräulein von Eyben in Verruf bringen mußte, um ihn unmöglich und dem guten Münter, der doch über die Schwester der Frau mit den Reventlows verwandt war, den Weg frei zu machen. Oder die des Stellvertretenden Kammer-Justitiars, die mit dem einem wirklichen Hoffräulein der Königin-Witwe Juliane nahestehenden Herrn von Juell-Wind zweifellos besser besetzt war als mit dem Aktuar Uhldahl, der zwar einunddreißig Jahre im Amt und eigentlich an der Reihe, aber bürgerlichen Geblüts und nur mit einer Stockfleth (von den mit dem Grafen Holck durch jene bald durch den Tod liquidierten Kinder-Ehe versippten Stockflehts) mittels einer etwas weit hergeholten Stiefgeschwisterkindschaft vervettert war.“685

Gegenüber diesen höfischen Intrigen und Machtkämpfen und dem liederlichen König erscheint Struensee, der als Reisearzt in die adelige Gesellschaft eingeführt wird, im Laufe der Handlung immer deutlicher als ein positives Gegenbild zu den bestehenden Machtstrukturen. Während der gesamten Reise hält sich Struensee dezent im Hintergrund, beobachtet die Szenerie und verweigert sich den wüsten Spielen und Trinkgelagen seiner adeligen Reisekollegen. Aber so wie sie will auch Struensee Macht. War er zuvor „tatenlos und machtlos686 und voll mit von Rousseau inspirierten Plänen in Altona gesessen, so nutzt er nun seine Stellung als Leibarzt, um Macht über den König zu bekommen. Bald zeigt sich der Einfluss Struensees auf Christian, wodurch sich nun erstmals im Roman so etwas wie eine wirksame Machtkonstellation und Regentschaft formiert.

Bereits auf der Reise hat Christian einige seiner zwielichtigen Kumpane entlassen, nach seiner Ankunft in Kopenhagen veranlasst er eine Aufstellung der Reisekosten und will ab sofort täglichen Rapport über die wichtigsten politischen Geschehnisse. Auch neue Verordnungen wie eine Sondersteuer zur Deckung der Reisekosten oder die Eindämmung der Verschwendung am Hof werden erlassen, sogar die allgemeinen Menschenrechte werden in Dänemark eingeführt. Die Handschrift Struensees zeigt sich in diesen Handlungen deutlich, allerdings ist Christian mit der Regierungsarbeit überfordert. Für Struensee erweist sich also die Einflussnahme über den König als ineffektiv, da er keine direkte Kontrolle auf die Regierungsgeschäfte ausüben und seine Pläne nicht umsetzen kann.

Struensee versucht nun, Mathilde auf seine Seite zu ziehen, indem er ihr seine Ideen erklärt und ihr die Bücher Rousseaus zum Lesen gibt: „Sie haben den König gesehen – Sie wissen, wie es um ihn bestellt ist. Das Land verrottet. Der einzige Mensch, der Macht haben kann über dieses Land – der sind Sie. Wenn Sie wollen. Werden Sie eine Königin! Sie sind sehr jung. Ich will Ihnen Bücher zu lesen geben, gute Bücher. Wenn Sie mir das erlauben. Ich will viele Stunden zu Ihnen sprechen. Wenn Sie mir das erlauben. Das ist alles. Viel? Es ist viel.“687 Mathilde wird von Struensee als Kurier eingesetzt, sie soll ihren Einfluss auf Christian geltend machen und ihm Schriften zum Unterzeichnen vorlegen. Aber auch dieser Plan funktioniert nicht, da Minister Bernstorff einfach das Verordnungsblatt vom Tisch des Königs entfernt.688

Nach diesen ersten Fehlschlägen nutzt Struensee schließlich die gemeinsame Reise mit dem Königspaar zur Machtergreifung. Mathilde wird seine Geliebte, Christian verfällt, nachdem er die beiden überrascht hat, wieder in seine alte Lethargie. In dieser Situation entlässt Struensee alle Funktionäre des Hofstaates vom Kammerpagen aufwärts, löst den Staatsrat auf und besetzt fast alle wichtigen Positionen neu.689 Gemeinsam mit Rantzau, Berndt, Bernstorff und Schimmelmann bildet er nun eine wirksame Machtapparat, in dessen Rahmen er zahlreiche Reformen im Sinne Rousseaus umsetzen kann. Formell erscheint diese Machtkonstellation noch immer als eine königliche Regentschaft, da sämtliche Erlässe Christians Unterschrift tragen, in Wirklichkeit hat Struensee jedoch eine effektive Diktatur in Dänemark aufgebaut.

Seine Machtergreifung, seine Reformen, die auf Kosten der Reichen den Armen im Lande zugute kommen, und Mathildes Schwangerschaft geben dem Adel genug Gründe für eine heftige Opposition gegen den Schattenkönig. Beispielsweise spuckt der russische Gesandte Filosofow, als er nicht vor den König gelassen wird, Struensee auf den Rock.690 Und auch seine Verbündeten beginnen durch verschiedene Intrigen am Hof langsam von ihm abzufallen. Rantzau fühlt sich etwa von Struensee ungerecht behandelt, da er nur den Posten des Armeekommandanten bekommen hat, Schimmelmann ist wegen der Errichtung einer Staatslotterie verärgert und Berndt wird mit dem Ränkespiel einer Hofdame auf die gegnerische Seite zu ziehen versucht.

Während die Intrigen gegen Struensee also voll einsetzten, stellt ihm Christian eine Regierungsvollmacht aus, mit der der geheime Diktator nun am Höhepunkt seiner Macht angelangt ist. Mit dieser Vollmacht zeigen sich aber auch die Schattenseiten einer Regentschaft, denn erstmals machen sich bei Struensee negative Züge bemerkbar. Obwohl er zuvor auf Luxus keinen allzu großen Wert gelegt hat, bestellt er sich nun eine eigene Leibgarde und lässt sich, da er von Christian in den Grafenstand erhoben wurde, ein eigenes Wappen und eine Prachtkutsche anfertigen.691 Der adelige Widerstand wird dadurch stärker: Ein Schmähplakat wird aufgehängt692, in der Kirche gegen seine Reformen gewettert693 und sein Schreibtisch aufgebrochen.694 Struensee bekommt angesichts dieser Schmähung und Bedrohung seiner Machtfülle Angst, in seinem Äußerem ist nach diesen Vorfällen eine sichtbare Veränderung abzulesen: „Die Grausamkeit eines Cäsaren, bis dahin hinterlistig verborgen gehalten, habe nun für jedermann sichtbar mit einem Schlag sein Antlitz beherrscht, ein drohend vorgeschobenes Kinn, die satten Lippen eines Wollüstlings, ein furchtbarer Raubtierblick.“695 Aber auch im Inneren Struensee scheint es zu brodeln zu beginnen. Denn er rächt sich an seinen Feinden, indem er die Pressefreiheit wieder abschafft, die Verhaftung der Verteiler von Pamphleten anordnet und die Kirchenreden zensuriert. Er entlässt Bernstorff, den Kirchenprediger Münter und 123 Beamte, behält aber Rantzau aus Rache als einzigen im Amt.696 In diesen Handlungen, die allein auf Machterhalt und Rache ausgerichtet sind, offenbaren sich nun die diktatorischen Züge Struensees, der sich nach dem Verlust seiner Verbündeten nur mehr auf die Zustimmung des Volkes stützen kann. In gewisser Weise lesen sich diese Passagen des Romans wie eine Persiflage auf Hitler, da sich einige Andeutungen auf das NS-Regime in Deutschland erkennen lassen: Struensees Macht stützt sich vor allem auf das Volk, er führt Reformen zur Bewahrung seines Machtstatus ein, seine Grausamkeit ist zunächst verschleiert, erst allmählich kommt sie – mit der Vergrößerung der Machtfülle – zu Tage.

Struensee kann jedoch seine Macht nicht lange halten, da der Widerstand der Adeligen am Hof stetig wächst und Pläne zum Gegenschlag ausgeheckt werden. Der erste Versuch, Struensee über die Lotterie-Aktien an der Börse zu stürzen, schlägt aufgrund der Intervention Schimmelmanns fehl. Trotzdem verlieren die Aktien an Wert, wodurch nun auch das Volk sich gegen Struensee wendet.697 Erst der zweite Versuch des Adels klappt. Die Verschwörer rund um Juliane dringen in den Königspalast ein und lassen den verwirrten Christian die Verhaftungsdekrete von Struensee, Berndt und Mathilde unterschreiben. Struensee und Berndt werden verhaftet und kurze Zeit später hingerichtet, Mathilde wird nach England zurückgebracht. Die Machtkonstellation ändert sich also mit der Verhaftung Struensees erneut. Juliane übernimmt nun die Regentschaft in Dänemark. Nach der erfolgreichen Machtübernahme bereichern sich sie und ihre Mitverschwörer: Rantzau wird Chef der Infanterie und bekommt einen Orden, Beringskjold wird Kammerherr, Guldberg Minister und Juliane selbst lässt Möbel, Gewand und Schmuckstücke Mathildes in ihr Schloss überführen.698 Einige Jahre später ändert sich die Machtkonstellation aber erneut. Der Kronprinz, Sohn von Christian und Mathilde, verdrängt die unbeliebt gewordene Juliane vom Thron und führt die Reformen Struensees wieder ein.

Macht und Machtstreben sind also zentrale Themen in Neumanns erstem historischen Roman, die anhand von Struensees Aufstieg und Fall und der Intrigen seiner adeligen Umgebung dargestellt werden. Wie zuvor schon beschrieben folgt sogar die Gliederung des Buches dem Wandel von Struensees Macht und Einfluss.699

Die Machtkonstellationen zeigen sich aber nicht nur in der dänischen Innenpolitik, sondern auch in den internationalen Beziehungen zu anderen Ländern. Das hervorstechendste Beispiel im Buch ist sicherlich die englisch-dänische Verbindung. Das am Anfang geplante Bündnis zwischen beiden Ländern in Form der dynastischen Heirat zwischen Christian und Mathilde erweist sich realpolitisch als wirkungslos, da die Ehe zwischen den beiden nicht unproblematisch verläuft und Mathilde schließlich sogar Struensees Mätresse wird. Dennoch hält England an seiner Prinzessin fest und verlangt nach der Verhaftung ihre Auslieferung. Juliane will zwar Mathildes Kopf, sieht sich aber nach dem Aufmarsch der englischen Kriegsflotte zur Herausgabe Mathildes gezwungen. Dreißig Jahre später demonstriert England seine Macht und rächt sich mit einem plötzlichen militärischen Schlag gegen Dänemark.700

Macht, Politik und Intrige stehen also thematisch im Mittelpunkt von „Der Favorit der Königin“. Bruce M. Broerman sieht aus diesem Grund einen starken Gegenwartsbezug und spricht vom Roman als einer „Parodie“ auf die Politik: „Far from being a mere fictionalized biography of Struensee and a historical account of his age, the novel becomes a literary expression of politics in general, a parody on politics based upon a historical example. As such, it is not limited to a particular geographical area or historical period, but has general significance as well, as demonstrated by the unmistakable references to Newmann´s contemporary world.“701 Trotz der Parallelen zu Neumanns zeitgenössischer Welt lassen sich direkte antifaschistische Bezüge kaum finden, nur die bereits aufgezeigte Stelle zeigt Anklänge an das NS-Regime. Dennoch war das Thema „Macht“ in den 1930er Jahren sicherlich eins der zentralen und bewegenden Probleme, sodass allein in der Behandlung des Themas ein Gegenwartsbezug gegeben ist. Es bleibt allerdings bei Andeutungen, ein offensichtlicher Bezug oder ein direkter Angriff gegen das NS-Regimes fehlen im Roman.
Nationaler Ungehorsam gegen die Macht des Kaisers

Auch in Robert Neumanns zweitem historischen Roman „Die Freiheit und der General“ sind die dargestellten Machtverhältnisse einem ständigen Umbruch unterworfen, allerdings kämpfen hier nicht zwei Gruppen im königlichen Umfeld gegeneinander, sondern zwei Nationen: das ungarische Volk zielt auf Autonomie und möchte sich aus dem von Österreich dominierten Reichsverband lösen.

Die Beziehung zwischen beiden Ländern wird von Beginn an als problematisch geschildert. Für die Österreicher erscheinen die Ungarn als ein widerspenstiges Volk, das der „schon ein paar Jahrhunderte währenden Eroberung702 vehement entgegentritt, die Ungarn sehen im österreichischen Adel „Freund-Feinde703, die sich immer wieder in die heimischen Angelegenheiten mischen. Im Buch zeigt sich der Antagonismus zwischen beiden Nationen vor allem in den persönlichen Begegnungen von Österreichern und Ungarn: „Andrassy las. >Das muß man verbieten<, sagte er heiser. Er verstellte sich nicht mehr. Was da gespielt wurde, war nicht nur ein Schlag gegen seine Familie. Hol‘ der Henker den dicken Georg, den er nicht mochte. Aber das war eine Demütigung ungarischer Nobilität! Ungarischer Adel wurde da wieder einmal vor dem Volke bloßgestellt und des Paktierens mit den Österreichern verdächtigt! >Verbieten!< verlangte er. >Aber das geht doch nicht<, sagte Schwarzenberg leise und stand langsam auf. >Wir haben doch Pressefreiheit.< Ja, auch er verstellte sich nicht mehr. Er sagte kaum hörbar und haßerfüllt: >Tut mir ja leid, daß es gerade einer von Ihrer Familie ist, lieber Graf.<704

Im Zuge der 1848er Revolutionen, die sich über ganz Europa erstrecken, flammt auch in Ungarn die permanent bestehende Antipathie zu den Österreichern wieder auf. Die kriegerische Auseinandersetzung zwischen den beiden Ländern stellt schließlich den Tiefpunkt im gemeinsamen Verhältnis dar. Österreich muss seine Hegemonie aufgeben, den Ungarn gelingt es sogar, die Frontlinie bis kurz vor Wien zurückzudrängen.705 Die Magyaren haben damit die alte Machtkonstellation verändert und ihre Unabhängigkeit von der österreichischen Monarchie ertrotzt.

Sieben Monate später verändert sich die Lage jedoch erneut. Die Österreicher erobern sich mit russischer Unterstützung die Vorherrschaft in Ungarn zurück, Sanktionen und Hinrichtungen begleiten die erneute Machtübernahme in der aufmüpfigen Provinz.706 Damit ist das Verhältnis zwischen Ungarn und Österreichern zum Status quo ante zurückgekehrt. Erst zwanzig Jahre später stellt der Ausgleich die bilateralen Beziehungen auf eine neue Basis, zumindest formal erscheinen nun beide Länder gleichberechtigt zu sein. Das Zusammentreffen von Ungarn und Österreichern erweist sich kühl wie eh und je: „Er wandte sich sogar dem Grafen Wurmbrand zu, der aus Wien kam (nun kamen sie wieder, die lieben österreichischen Freunde!) und sagte absichtlich und erst recht auf ungarisch, das der andere nur jämmerlich radebrechte (aber sie würden es schon wieder erlernen): >Hast ja nichts dagegen, lieber Wurmbrand, bleib nur ruhig sitzen, wird dich vielleicht interessieren – der letzte lebendige Freiheitsheld, der euch verprügelt hat!< Der Österreicher lachte ein wenig künstlich. Er sagte nasal und nun erst recht auf Wienerisch (sie würden es schon noch nicht ganz vergessen haben, die lieben Ungarn): >Du – Rosa Sandor, also da weiß ich dir eine Menge Geschichten!707

Der Roman schildert also einen Kampf um die nationale Freiheit, der am Ende niedergeschlagen wird und somit keine Veränderung der Situation mit sich bringt. Nur der Wunsch und der Keim nach neuen nationalen Aktivitäten bleibt erhalten. In der Schilderung der Ereignisse des Aufstands und dessen Niederschlagung wird Kritik an nationaler Unterdrückung laut, ein Plädoyer für die Gleichberechtigung der Völker lässt sich erkennen. Neumann widerspricht damit dem Herrenrassen-Gedankengut der Nationalsozialisten und wendet sich gegen jegliche nationale Unterdrückung. Direkte Bezugnahmen zu Neumanns Gegenwart finden sich im Text allerdings nicht.

Antifaschistische Bezüge lassen sich am ehesten noch bei der Beschreibung der österreichischen und ungarischen Machthabern vermuten. Die österreichischen Kaiser werden allerdings – im Gegensatz zu Struensee, der im Lauf der Handlung auch diktatorische Züge annimmt – als relativ schwache Regenten geschildert. Ferdinand spielt lieber Tarock als sich mit Regierungsgeschäften zu beschäftigen, Franz Joseph ist zwar verantwortungsbewusst, erweist sich aber bei seinem Ungarnbesuch als realitätsfremd. Nur Minister Schwarzenberg und Erzherzogin Sophie sind als machtvolle und entscheidungsstarke Regenten gezeichnet. Gemeinsam verweigern sie das Gespräch mit der ungarischen Delegation und lösen damit die Revolution aus.708 Dennoch hat laut Elisabeth Freundlich die politische Situation der 1930er Jahre „nicht das geringste mit der dort geschilderten Zeit und Gefühlslage zu tun. Die ahnungslosen und zynischen österreichischen und ungarischen Aristokraten hatten keinerlei Ähnlichkeit mit den Machthabern des Dritten Reiches, ja sie mußten neben ihnen geradezu als liebenswerte Gestalten erscheinen.“709

Der ungarischen Adel, die ungarischen Offiziere und Behörden zeigen den kaiserlichen Machtapparat im Kleinen. So wird etwa die von Kossuth und Rosa aufgesetzte Anzeige gegen Georg Andrassy von der ungarischen Aristokratie mit zahlreichen Tricks und einer ausgeklügelten Taktik niedergeschlagen. Kossuth wird von ihnen als Ablegat zum Preßburger Landtag geschickt, Rosa für eine nicht begangene Tat als Pferdedieb verhaftet.710 Ebenso lässt der Stadtrat Vödrös von Rosas Räuberbande die leeren Bankkassen der Stadt Seged ausrauben, um die Versicherungssumme kassieren zu können.711 Die magyarischen Machthaber schrecken also nicht vor krummen Methoden zurück, um ihren Status beizubehalten oder sich peinlicher Vorwürfe entledigen zu können.

Nur Rosa leistet den korrupten Behörden und Politikern Widerstand, setzt sich dem Griff der Staatsgewalt entgegen und sorgt für ausgleichende soziale Gerechtigkeit, indem er von den Reichen Geld raubt und es den Armen gibt.

Auch die ungarischen Machthaber tragen also eher negative Züge, direkte antifaschistische Anspielungen sind jedoch nicht an ihnen ablesbar. Nur Rosas Widerstand gegen die staatlichen Behörden und Organisationen kann als Aufforderung zum Handeln gegen die korrupte und missliebige Staatsmacht gedeutet werden. Gegenwartsbezüge liegen damit wieder im vagen thematischen Bereich, direkte Vergleiche können nicht gezogen werden.



Bedingungsloser Glaube und Kampf für die Überzeugung



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