Verena Ofner die historischen romane robert neumanns eine Analyse


Formale Konzeption der historischen Romane



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Formale Konzeption der historischen Romane

Der Roman „Der Favorit der Königin“ gliedert sich in fünf Bücher, die sich in ihrem Aufbau am Lebenslauf der Hauptfigur Struensee orientieren. Das erste Buch beinhaltet im Wesentlichen die Thronfolge Christians nach dem Tod Friedrichs V. und seine Heirat mit Mathilde. Struensee sitzt währenddessen unzufrieden als Medikus in Altona, von wo aus er als Leibarzt mit auf die Reise Christians genommen wird. Im zweiten Buch verfügt Struensee aufgrund seines starken Einflusses auf Christian bereits über indirekte Macht über Dänemark, versucht aber aus taktischen Gründen auch Mathilde auf seine Seite zu ziehen. Zwischen beiden entspinnt sich bald eine Liebesbeziehung. Struensee nützt seine gemeinsame Reise mit dem Königspaar zum Staatsstreich und bildet nun mit Berndt, Rantzau, Bernstorff und Mathilde eine neue Machtkonstellation. Im dritten Buch setzt Struensee, der am Höhepunkt seiner Regentschaft angelangt ist, zahlreiche Reformen durch. Christian überträgt ihm sogar die Regierungsvollmacht. Allerdings beginnt sich bereits eine Opposition rund um Juliane zu bilden, und auch Freunde Struensees, Rantzau und Schimmelmann, fallen allmählich von ihm ab. Das vierte Buch schildert den ersten Versuch der Adeligen, Struensee über die Börse zu Fall zu bringen. Das Vorhaben scheitert aber. Dennoch sind die Massen nach Verlusten in der Lotterie von Struensee enttäuscht und wenden sich von ihm ab. Im fünften Buch wird schließlich die Verhaftung und Hinrichtung Struensees geschildert. Mathilde wird außer Landes gebracht. Juliane übernimmt die Macht in Dänemark.

Überblickt man die Konzeption des Romans, so zeichnet sich eine deutliche, am klassischen Drama angelehnte Pyramidenstruktur ab, die sich am Aufstieg und Fall Struensees und den damit verbundenen Veränderungen der Machtkonstellationen orientiert: „Books I and V portray Struensee in isolation: in Book I as a result of his desire to remain anonymous, in Book V as a result of his imprisonment and execution. Books II and IV portray transitions between power and impotence: Struensee’s rise to power in Book II and his fall in Book IV. Book III presents Struensee at the height of his power.“ Jedes Buch scheint also für einen Punkt in Struensees Karriere und für eine Etappe in seiner Machtausübung zu stehen.

Zwischen dem ersten und dem fünften Buch ist außerdem eine markante zyklische Verbindung zu erkennen, die die kurze Episode von Struensees Machtübernahme und die Rückkehr zum politischen Status quo ante in Dänemark betont.618 Beide Bücher verbindet die Darstellung politischer Instabilität und Konfusion, die Schließung und Aufhebung der dynastischen Hochzeit zwischen Christian und Mathilde mit den daran anschließenden Mitgiftverhandlungen, die Ankunft und Abreise der Königin, der in beiden Büchern auftauchende Rousseau und der Tod von Friedrich V. und Struensee. Bruce M. Broerman hebt vor allem das Medaillon619, das Struensee im ersten Buch bei einem Ball aufhebt und bei seiner Hinrichtung wiederfindet, als das wichtigste verbindende Element der beiden Bücher hervor: „This symbolises the course of Struensee‘s life, the political power that fate placed into his hand, and the uncertainty of the reality and value of both. By keeping the medallion in England and replacing it in his pocket before his execution, Struensee affirms the course of his life and his actions.“620

Als besonders auffällig in der Konzeptionsweise des Struensee-Romans erweist sich außerdem die Einstiegsszene zu Beginn des Buches. Der Blick des Erzählers fällt auf das gesamte Land Dänemark, beschreibt seine geographischen Nachbarstaaten sowie die Beschaffenheit des Landes und zoomt sich daraufhin immer näher zum eigentlichen Schauplatz der Handlung, dem Königspalast in Kopenhagen. Mit diesem erzählerischen Kniff wird sofort der Ort, die Zeit und die wichtigste Grundkonstellation der Handlung festgelegt.
Ähnlich verhält es sich bei Neumanns zweitem historischen Roman „Die Freiheit und der General“. Auch hier wird aus der Vogelperspektive das Land Ungarn beschrieben, womit zugleich das politische Geschehen (Revolution), die zeitliche Verortung (Mitte des 19. Jahrhunderts) und die geographische Umgebung Ungarns (Österreich, Rußland, Polen) geklärt werden.

Der formale Aufbau des Buches gliedert sich ebenfalls in fünf Bücher, die wiederum in verschiedene Einzelszenen unterteilt sind. Wie schon beim Struensee-Roman so ist die Konzeptionsweise auch hier an das Leben der Hauptfigur Rosa angelehnt: Im ersten Buch wird Rosas Werdegang zum Räuberhauptmann beschrieben. Nach dem Vorfall mit den österreichischen und ungarischen Offizieren versucht Rosa gemeinsam mit Kossuth einen Prozess anzustrengen, der aber von den Aristokraten mit Tricks niedergeschlagen wird, indem Kossuth zum Ablegaten ernannt und Rosa als Pferdedieb verhaftet wird. Dieses widerfahrene Unrecht prägt Rosa für sein weiteres Leben, denn nach der Flucht aus dem Gefängnis ist er in ein Räuberdasein gezwungen. Das zweite Buch setzt zehn Jahre später ein. Zu diesem Zeitpunkt ist Rosa bereits ein gefürchteter und berühmter Räuberhauptmann, Kossuth ein Revolutionsführer. Durch Zufall trifft Rosa wieder auf Kossuth und wird von ihm für den Kampf gegen die Österreicher angeworben. Beinahe im Alleingang kann Rosa, nun zum General aufgestiegen, den Sieg für die Ungarn erringen, wird aber nach getaner Arbeit von Kossuth fallen gelassen. Im dritten Buch hat sich die ungarische Lage dramatisch verschlechtert, Rosa wird von Kossuth nochmals überredet, ihm zur Flucht in die Türkei zu verhelfen. Die ungarische Revolution wird von den Österreichern niedergeschlagen. Im vierten Buch treibt Rosa, der wieder in sein Räuberleben zurückgekehrt ist, die ungarische Sache alleine weiter und versucht, aufgrund seines „Arbeitspensums“ bereits krank, Kaiser Franz Joseph zu entführen, um Kossuth wieder ins Land zu holen. Das Bemühen scheitert, Rosa wird gefangen genommen. Das fünfte Buch schildert siebzehn Jahre später die Entlassung Rosas aus der Gefangenschaft und seine vergeblichen Versuche, den alten Prozess neu aufzurollen. Schließlich stirbt er, auf der Suche nach Kossuth, in Italien.

Auch bei „Die Freiheit und der General“ ist in der Konzeption des Romans eine an Rosas Leben orientierte pyramidische Struktur ablesbar, allerdings nicht so stark und eindeutig wie zuvor beim Struensee-Roman. Im ersten Buch erscheint Rosa als unbescholtener Bürger, erst aufgrund des Vorfalls mit den Offizieren erwacht sein Unrechtsgefühl, das ihn schließlich ins Gefängnis bringt und ihn zum Leben als Räuber zwingt. Im zweiten Buch zieht er mit Kossuth in den Krieg und trägt für Ungarn den Sieg davon. Im dritten Buch folgt der dramatische Höhepunkt, als Rosa Kossuth unter fast unmöglichen Bedingungen ins Ausland bringt. Im vierten Buch lebt Rosa wieder als Räuberhauptmann, diesmal mit verstärkten politischen Einstellungen, gerät aber aufgrund seines Entführungsversuches in Gefangenschaft. Das fünfte Buch schildert ihn nach der Entlassung ohne Freunde und Einfluss.

Im ersten und fünften Buch erscheint Rosa demnach als Einzelgänger, im ersten weil er ohne Freunde aus Polen nach Ungarn kommt, im fünften weil von seinen Gefährten niemand mehr lebt. Sein Unrechtsgedanke verfolgt ihn aber in beiden Büchern. Im zweiten und vierten Buch kämpft Rosa für die ungarische Freiheit. Im dritten Buch vollbringt er das Unmögliche und hilft Kossuth ins Exil.

Auch einige zyklische Elemente, die das erste und das letzte Buch miteinander verbinden, wurden bei dieser Aufzählung bereits angedeutet. Rosa versucht einen Prozess anzustrengen, aber in beiden Büchern wird dieses Bestreben von einem Andrassy verhindert. Die Machtkonstellation stellt sich in beiden Büchern als die gleiche dar: Ungarn ist in den österreichischen Reichsverband eingegliedert, die Unabhängigkeit ist damit, auch wenn Ungarns Position durch den Ausgleich gestärkt worden ist, nicht verwirklicht. Entscheidende Klammer zwischen den beiden Büchern ist jedoch Rosas Unrechtsgedanke. Dieser wird schon am Beginn des Buches in einer Unterredung mit Kossuth akzentuiert: „Es ging nicht um dieses Weib, das geschrien hat – es ging um das Unrecht! Ja, so wollte er es sagen. Es regnet Unrecht. Und jeder hat eine Regentonne, und es dauert lange, bis die voll ist. Aber dann! Dann, eines Tages, Herr Doktor – ein einziger Tropfen, und das kann sein, weil dein Vater erschossen wird, oder auch nur weil dir ein Wagenrad seinen Dreck an den Mantel spritzt, oder weil eine Frau schreit, die du nicht kennst und nie gesehen hast. Aber eben das ist der Tropfen, und auch Sie, Herr Doktor, hat er nicht ruhen lassen, und Sie haben mich selbst geholt, damit Recht Recht bleibe in meinem ungarischen Vaterland!621 Auch am Ende des Romans hält Rosa an seiner Überzeugung fest, wie er in einem Gespräch mit Julius Andrassy beweist: „Und auch was anderswo geschieht in der Welt, beim französischen Kaiser und ich weiß nicht wo sonst noch, Krieg und Unglück und alles – das ist nur ein Teil. Und auch daß sie einen General entlassen zum Beispiel, obzwar er ein guter und ehrlicher General ist, und dann wieder auch, wenn ein Räuber einen Kaufmann anfällt, der hat ihm doch nichts getan, und mehr Sachen von solcher Art – auch das ist nur ein Stück und ein Teil, wenn Sie verstehen, Herr Minister und Graf, was ich damit sagen will. Ein Teil von dem Ganzen. Von dem Unrecht, das in der Welt ist!622 Rosas Kampf gegen das Unrecht ist also der Leitgedanke, der sich durch den gesamten Roman zieht und an dem Rosa bis zu seinem Tod unbeirrt festhält.

Die Konstruktionsweise und der Aufbau von Neumanns historischen Romanen ist also eine sehr ähnliche: beide weisen eine Gliederung in fünf verschiedene Bücher auf, die jeweils die Biographie der Hauptfiguren zum Vorbild hat. Beim Struensee-Roman ist dieser Aufbau eindeutig am klassischen Drama orientiert, beim Sandor-Roman finden sich hingegen nur leise Anklänge an das Pyramidenprinzip. Bei beiden Romanen lassen sich jedoch starke zyklische Elemente feststellen, die eine thematische Klammer um beide Romane bilden. Beim Struensee-Roman ist das verbindende Thema die Macht, beim Sandor-Buch der unbezwingbare Glaube.



Die Position des Erzählers
Völlig deckungsgleich hat Robert Neumann den Erzähler seiner historischen Romane gestaltet, der in beiden Werken eine sehr ähnliche Position und ein übereinstimmendes Gehabe an den Tag legt. Charakterisiert ist die Erzählfigur durch ihre auktoriale und überaus dominante Position, die sich im Text auf verschiedene Weisen bemerkbar macht.

Beispielsweise überblickt der Erzähler das gesamte Geschehen, er kann sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft sehen und in der geschilderten Zeit herumspringen, sie dehnen und raffen. So kennt er etwa die Vergangenheit Rantzaus, der Katharina der Großen bei der Ermordung des Zaren geholfen haben soll623, oder kann die Wikingerkriege des frühen Mittelalters in Erinnerung rufen624. Er beurteilt auch die Ereignisse im Hinblick auf ihre späteren Auswirkungen. Zum Beispiel weiß er, dass der geschilderte Börseneklat in Kopenhagen später einmal als Schwarzer Freitag in die Geschichte eingehen wird. 625

Der Erzähler blendet außerdem immer wieder mehrere Szenen, die gleichzeitig an verschiedenen Orten passieren, ineinander. So ist ihm etwa genau bekannt, dass Schimmelmann, Reverdil und Struensee hinter den beleuchteten Fenstern in der Nacht vor der Abreise aus England mit dem Schreiben von Briefen beschäftigt sind626. Auch bei der Anfangsszene des Sandor-Romans überblickt er sowohl die Geschehnisse in der Gaststube der Offiziere, als auch Rosas Verhalten am Gang. Beide Szenen werden parallel geschildert, erst beim Eintreten Rosas in den Offiziers-Raum läuft die Handlung wieder synchron.627

Einzelne Handlungsstränge werden immer wieder vom Erzähler fallen gelassen und erst zu einem späteren Zeitpunkt im Text wieder aufgenommen. So stellt sich beim Einbruch in Struensees Schreibtisch erst später heraus, wer dafür verantwortlich ist.628

An manchen Stellen nimmt der Erzähler sein sonst so dominantes Wissen aber auch absichtlich zurück und stellt sich ahnungslos. Beispielsweise beteiligt er sich an den Mutmaßungen über Mathildes und Struensee erste gemeinsame Nacht. Er reiht zunächst Aussagen verschiedener Zeugen, die etwas über die Liaison der beiden zu wissen glauben, aneinander und stellt dann selbst Vermutungen an: „Was in den folgenden Stunden vor sich ging, ist ungewiß; doch muß sich die Königin tatsächlich noch eine geraume Weile in ihrem Eckkabinett aufgehalten haben, einem düster eichenholzgetäfelten, für den besondern Anlaß dieses allerhöchsten Besuchs durch ein paar rasche Deckchen und einen hellen Fenstervorhang zu einem Boudoir aufgeheiterten Raum. Auch scheint es ihr Ernst darum gewesen zu sein, mit dem König das Bett zu teilen.“629 Einige Sätze nach dieser mit scheinbarem Nichtwissen angereicherten Stelle kehrt der Erzähler aber zu seinem auktorialen Verhalten zurück. Der Schnitt ist im Text deutlich zu erkennen: „Ob sie vorher tatsächlich den Schlafraum des Königs aufgesucht, ob sie mit ihm gesprochen, ob sie ihn schon schlummernd gefunden und sich darum noch einmal zurückgewandt hat, bleibt ungewiß. Struensee saß noch auf – es war nahe an Mitternacht. Als die Frau eintrat, erschrak er sehr. – Ja, als frören sie – so zitterten sie beide vom ersten Augenblick, obgleich es warm war im Zimmer;“630 Durch diesen Kunstgriff wird im Text Spannung aufgebaut und das Knistern zwischen Struensee und Mathilde sowie die Gerüchteküche am Hof dargestellt. Eine ähnliche Szene findet sich auch in „Die Freiheit und der General“: Rosas Flucht aus dem Gefängnis wird anhand von Augenzeugenberichten nachgestellt.631 Dem Erzähler gelingt mit diesem Kniff eine schnelle Raffung der Ereignisse und eine stärkere Dynamik im Text.

An einigen Stellen schlüpft der Erzähler für kurze Passagen in eine seiner Figuren und stellt so ihre Meinung und Sicht der Dinge dar. Dies ist zum Beispiel der Fall, als Christian Struensee und Mathilde überrascht. Auch hier ist das Hinübergleiten von der Erzählerrede zu Christians Gedanken genau gekennzeichnet: „Er stand da in einem verlassenen Raum, den gesehen zu haben er sich nicht erinnerte und den er nicht sah, und starrte schräg vor sich nieder auf das Parkett. Und hatte es nun also zu tragen. Wie war das nun also? Hatte er etwas schlecht gemacht? Ein Stein lag auf dem Grund des reglosen Wassers, das seine Seele war. Er wußte um seine wüste Zeit – der tolle Christian, nicht wahr? –, doch schien ihm das dort hinten zu liegen, sehr weit und nicht ganz wirklich. Das Böse war daran gewesen, ihn mit Haar und Haut zu fressen – aber dann war doch einer gekommen und hatte ihn gerettet. Struensee!“632 Im Sandor-Roman wird beispielsweise das Auftauchen Rosas in der Schlacht aus der Sicht des österreichischen Generals Seissertitz geschildert, um Rosas Effektivität und den Schrecken der Österreicher über sein Schlachtengeschick zu zeigen.633 Derartige personale Einfühlungen sollen die Figuren einerseits selbst zum Sprechen bringen und ihre Gefühle und Gedanken aufzeigen, andererseits soll auch die Wirkung, die die Umgebung und andere Figuren auf sie haben, ausgedrückt werden. Neumann selbst nennt diese Technik „Impersonation“: „Was ich hier Impersonation genannt habe, ist das Aufschließen eines Charakters von innen her mittels einer eigenen Zunge, in seinem eigensten Idiom.“634 Neumann versucht nicht „über meine Charaktere zu sprechen, sondern sie sprechen zu lassen, in ihrem eigensten sprachlichen und seelischen Idiom.“635 Die Schilderung der Ereignisse und Personen soll damit an Substanz gewinnen.

An manchen Stellen fließt auch die Gegenwart des Erzählers in den Text ein. Wie bereits beschrieben, ist dies vor allem an solchen Stellen der Fall, an denen der Erzähler Dokumente für die Authentizität der Darstellung in seine Schilderung eingefügt. Diese Geschichtsquelle scheint der Erzähler wie im Falle des Gemäldes von Struensee, Mathilde und den Schimmelmanns vor Augen zu haben, da er im Text von der Beschreibung seines Eindrucks des Bildes direkt zu den historischen Geschehnissen überleitet. Damit wird die Zeitdistanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart und die Geschichtszugehörigkeit der geschilderten Ereignisse akzentuiert, zusätzlich erhält die Erzählung dadurch einen gewissen objektiven Beigeschmack.

An anderen Stellen des Textes hinterfragt der Erzähler jedoch die Objektivität seiner Quellen, indem er zwar scheinbar authentische Zeitzeugenberichte auflistet, aber sie schließlich in Frage stellt und offenbar sogar korrigiert. Ein Beispiel dafür ist die Verhaftungsszene Struensees: „Es ist später gelogen worden, Struensee habe sich feige und ohne Widerstand in sein Schicksal gefunden und dem Köller augenblicklich um Gnade bittend seinen Degen überreicht. In Wirklichkeit spielte sich all das im Zimmer des Berndt ab, das durch einen Korridor von Struensees Räumen getrennt lag.“636 Der Erzähler dokumentiert anhand solcher Textstellen die problematische historische Überlieferung, sein dominantes Verhalten wird dabei besonders stark betont.

Typisch für den Erzähler beider historischer Romane sind auch Bewertungen und Kommentare, die er immer wieder, meist in einem Nebensatz, bei den verschiedenen Ereignissen und Figurenhandlungen abgibt. Ein Beispiel für eine solche Bewertung ist jene Szene, als Rosa erbost Julia Sendreis Kleid vom Boden aufhebt: „Noch stand er da mit seiner Flagge (und dieser zerrissene Weiberkittel war die übelste Flagge nicht, für ein zerrissenes und geschändetes Land).“637 Ebenso bewertet er die Bestellung von Oberst Keith zum englischen Gesandten: „und es mochte sein, Georg von England hatte doch nicht ganz so übelgetan, als er statt einem Diplomaten diesem alten Haudegen und Einzelgänger und Weiberfeind den Gesandtenposten in Kopenhagen gab.“638 Erzählerkommentare zeigen sich bei Aussprüchen wie „Aber es kam ohnedies, wie Gott es wollte!“639 oder „Ach, er war ein Träumer.640

Im Sandor-Roman wendet sich der Erzähler am Schluss des Buches sogar direkt an den Leser, indem er über den Lebensweg Rosas philosophiert: „Mir aber, da ich diese Zeilen niederschreibe, ist es, mit diesem Greifbaren sei nichts gegriffen. Mag sein, es war nicht mehr, als daß die Stimme des großen Kossuth, dem er angehangen hatte ein Leben lang, noch einmal, eingerostet, aus einem Jahrzehnteabgrund, über ihn Macht gewann und ihn auf diese Reise lockte. Mag sein, es war nicht mehr, als daß da wirklich einer die Gnade der Verwirrung fand, die ihm für einen rauschhaften Augenblick in einem Dirnenlächeln die eine schenkte, die verschollen war und nicht wiederkam. Wie aber, wenn jene Gnade noch weiterging? Und wenn, was einem stumpfen Blick sich darbot als Verwirrung, in Wahrheit eine Helle war – Teil jener großen Helle, die einen wohl aufrufen und höher steigen lassen mag, aus der Erdengebundheit des Kampfes ums Recht zur Demut des Gehorsams, und noch höher, dorthin, wo jenseits der Gesichter die Liebe wohnt?641 Der Erzähler fügt also seine eigenen Gedanken in den Text ein und erschafft somit eine reflektierende Ebene, die dem Leser alternative Betrachtungsweisen der dargestellten Ereignisse eröffnet.

An vielen Stellen finden sich auch ironische oder parodistische Züge, die entweder in kurzen Sätzen oder Bemerkungen wie bei der Beschreibung Schwarzenbergs als „Metternichs linke Hand642 vorkommen oder sich auch bei längeren Passagen bemerkbar machen. Ein Beispiel dafür ist der Besuch Kaiser Franz Josephs in Ungarn, für den die magyarischen Behörden ihre eigenen Beamten als Statisten für die „spontanen“ Volksaufläufe zu Ehren des Kaisers einsetzen: „Gott erhalte, Gott beschütze< – sangen sie die alte österreichische Kaiserhymne; und es war verwunderlich, wie die zweihundert ungarischen Bauern, von den Feldern zusammenströmend bei der Annäherung des garantiert unangesagten kaiserlichen Reiter- und Wagenzuges, die deutsche Sprache beherrschten.“643 Derartige Episoden werden vom Erzähler mit einem steten Augenzwinkern geschildert, beinhalten aber dennoch sehr viel Aussagekraft. So wird anhand dieses Kaiserbesuchs das gespannte Verhältnis zwischen Ungarn und Österreich und die Realitätsfremde von Franz Joseph charakterisiert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Erzähler in beiden historischen Romanen eine sehr dominierende Stellung einnimmt. Er weiß alles, überblickt die Geschichte, ordnet die Szenen in geeigneter Weise an, um für Spannung zu sorgen, er kommentiert und bewertet, er hält sich manchmal bewusst aus der Schilderung zurück, um sich später wieder mit Ironie in den Mittelpunkt der Erzählung zu stellen, und bemüht sich immer wieder um besondere Objektivität in der Darstellung. Auch Hermann Kesten lobt den facettenreichen Erzähler Neumann: „Fortwährend seziert Robert Neumann die Handlung seiner Romane und seine Figuren vor den Augen seiner Leser, er kommentiert ihre Leiden und Erlebnisse, er analysiert seine Späße und ihr Pläsier, deckt alle psychologischen Hintergründe und anatomischen Vordergründe auf. Er spielt den Filmregisseur, beleuchtet die Szene, dunkelt ab, reißt den Theatervorhang auf, koloriert heftig und ist glücklich und stolz mit allen seinen Künsten, stets auf dem Sprung wie ein Kabarettist, stets im Einverständnis mit dem Leser, den er nicht losläßt, stets unterhaltend und gescheit, stets ein Schelm und ein Schäker, stets der glänzende Erzähler und der lachende Parodist, stets Robert Neumann.“644



Szenenschnitte und Perspektivenwechsel
Die Darstellung der historischen Ereignisse ist von einem raschen Perspektivenwechsel und vielen Szenenschnitten geprägt. Die Handlung scheint dabei von einem Schauplatz zum anderen und von einer Figur zur nächsten zu springen. Ein Beispiel für den raschen Perspektivenwechsel ist etwa die Hinrichtungsszene von Struensee, bei der mehrere Szenen parallel ineinander geblendet werden: Mathilde packt begeistert ihre Sachen für die Überfahrt nach England, da sie glaubt, Struensee werde mit ihr an Bord gehen, Struensee und Berndt suchen jeweils Kleider aus und werden zur Hinrichtung gebracht, Juliane beobachtet von ihrem Turmzimmer aus die Geschehnisse am Galgenberg, die englische Kriegsflotte zieht am Meer auf, um Mathilde abzuholen, Guldberg redet mit Schimmelmann wegen eines Kredits zur Rückzahlung der Mitgift Mathildes und das Volk strömt zur Hinrichtungsstätte. Alle diese Szenen werden durch das Bimmeln der Glocken Kopenhagens zusammengehalten, erst als alles vorbei ist (Mathilde am Schiff, Struensee und Berndt geköpft), verstummt es.645

Auch Rosas Entführungsversuch des Kaisers wird aus mehreren Blickwinkeln geschildert. Rosa beobachtet das Geschehen von einem Hügel aus, Kiss versucht Schulkinder von dem Platz, auf dem das Kidnapping geplant ist, wegzulocken, Katona schmiedet mit seinen Gefolgsleuten Rachepläne für Rosa, der Kaiser und seine Beamten machen sich zur Überfahrt über den Fluss bereit. Die Verbindung zwischen den Szenen besteht in Marika, die bei Rosa stehend den Kaiserzug und Kiss beobachtet und danach zur Überprüfung des Einsatzes zu Katona reitet.646

Der häufige Szenen- und Perspektivenwechsel dient zur Herstellung von Gleichzeitigkeit, Dynamik und Multiperspektivität im Roman. Der Leser springt aufgrund dieses Erzählertricks von einem Schauplatz zum nächsten, kann die Ereignisse aus mehreren Blickwinkeln betrachten und wird mit verschiedenen Meinungen und Sichtweisen konfrontiert. Da die Ereignisse auf einen kurzen Zeitraum komprimiert werden, erscheint die Handlung als besonders dicht, die Spannung wird deutlich erhöht.

Typisch für Neumanns historische Romane sind auch die vielen Szenenschnitte, in denen die Handlung einer Passage einfach abgebrochen und zu einer anderen Szene übergeblendet wird. Solche Szenenschnitte können verschiedene Funktionen haben, beispielsweise dienen sie zur Aussparung von für die Handlung irrelevanten Stellen. So wird nach dem zweiten Zusammentreffen von Rosa und Kossuth sofort zur Aufnahme der Anklage in Kossuths Büro übergeleitet647, nach der Beschreibung Mathildes auf Hirschholm Christians und Struensees Besuch bei der Königin angeschlossen.648 Szenenschnitte werden aber auch für den schnellen Wechsel von einer Figur zu einer anderen eingesetzt. Zum Beispiel wird von der in einer Kutsche sitzenden Julia Sendrei zu Ethelka Andrassy, die ebenfalls gerade eine Kutschenfahrt unternimmt, übergeblendet649 oder von Rosa zu Kossuth umgeschaltet: „Recht genau zu der Zeit, da Rosa mit einem Bild Kossuths ritt, hielt Kossuth ein Bild Rosas in der Hand.“650 Eine weitere Funktion der Szenenschnitte liegt in der Gegenüberstellung von verschiedenen Meinungen. So wird etwa Körmendis Ansicht von der Uneinnehmbarkeit der Stadt Karlowitz mit der gleichzeitigen Erstürmung durch Kiss widerlegt651 oder Julia Sendreis Trauer um ihren angeblich toten Gatten mit einer Szene des kämpfenden Petöfi kontrastiert.652

Die häufigen Szenenschnitte und Perspektivenwechsel sorgen im Text für viel Dynamik und Spannung, die Neugier des Lesers wird geweckt, da die Erzählstränge unvollendet abgebrochen und erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder fortgesetzt werden. Durch die verschiedenen Blickwinkel scheint der Leser außerdem einen umfassenderen Blick auf die Ereignisse zu bekommen.

Montage von Dokumenten und Zeitzeugenberichten
In den Erzählfluss seiner historischen Romane hat Robert Neumann zahlreiche Dokumente und Zeitzeugenberichte eingeflochten, die neben dem Erzähler eine andere Sichtweise vermitteln und damit dem Text einen starken objektiven und realistischen Charakter verleihen. Ein Beispiel dafür ist jene Stelle am Ende der Englandreise, in der sowohl Schimmelmann, Reverdil und Struensee mit Briefeschreiben beschäftigt sind. Alle drei Verfasser geben mit ihren, vom Erzähler in den Text montierten Briefen eine Zusammenfassung und ihre spezielle Sichtweise der Reise wieder.653 Außerdem werden verschiedene Aspekte, Schimmelmanns Ärger über Christians Verschwendungssucht, Reverdils Befremden über die gescheiterte Ehe zwischen dem Königspaar und Struensees nicht sehr positiver Eindruck von König und Adel, miteinander in Verbindung gebracht. Die Bilanz der Reise fällt in den Briefen eher schlecht aus. Auch im Sandor-Roman finden sich in den Text eingebaute Dokumente, wie etwa Rosas Brief an Kossuth, in dem er die Wiederaufnahme des Prozesses fordert.654 Anhand solcher Textstellen kommen die Figuren – Neumanns Streben nach Impersonation entsprechend – selbst zur Sprache und geben ihre eigene Sichtweise der Geschehnisse wieder.

Dokumente werden vom Erzähler aber auch benutzt, um Licht in unklare Abläufe und Ereignisse zu bringen und anhand der vorhandenen Tatsachenberichte den wahren Charakter der Geschehnisse zu rekonstruieren. Beispielsweise werden zur Darstellung und Bewertung der Reise von Christian, Mathilde und Struensee verschiedene Augenzeugenberichte zusammengefügt: Der des Landgrafen Karl von Hessen, der sich über Struensees ungebührliches Verhalten gegenüber der Königin wundert, der des Kammerpagen, der verliebte Blicke zwischen Struensee und Mathilde gesehen haben will, und der Bericht des Kammerjunkers von Warnstedt, der beobachtet haben soll, wie Struensee gewaltsam die Hand des winkenden Christian in die Kutsche zurückgezogen hat.655 All diese durch Augenzeugen belegten Spuren evozieren beim Leser die Annahme einer Liebesbeziehung zwischen Mathilde und Struensee. Allerdings stellen die Berichte keine wirklichen Fakten, sondern Gerüchte und Vermutungen dar. Der Erzähler selbst spricht von „Kammerjunkergerede, Weibergezischel, Domestikengeschwätz656.

Die verschiedenen Dokumente setzt der Erzähler vorwiegend auch für die Bestätigung der von ihm berichteten Fakten ein. So wird etwa der Entlassungsbrief Rosas als General657 oder Struensees Todesurteil658 in den Text eingebaut. Sie belegen die vom Erzähler aufgestellten Behauptungen und verleihen dem Roman damit eine authentischere Note.

An einigen Stellen wird der Wahrheitsgehalt der Quellen jedoch hinterfragt, indem Dokumente, die bewusste Geschichtsverfälschungen enthalten, gezeigt werden. Ein gutes Beispiel dafür sind jene schon zuvor beschriebenen Berichte der dänischen und englischen Gesandten, die völlig verdrehte Tatsachenberichte in ihre jeweilige Heimat schicken.659

Die montierten Textstellen dienen aber auch zur Komprimierung und Verkürzung der Ereignisse. So stellt etwa die eingefügte Lebensbeichte des Wraxall die Geschichte nach Struensees Tod in aller Kürze dar und beschreibt seine eigenen Bemühungen für Mathildes Reinstallation als Königin.660 Die Handlung wird damit gestrafft, beinhaltet jedoch trotzdem die wichtigsten Informationen.

Die Dokumente und Zeitzeugenberichte suggerieren also, auch wenn sie nur von Neumann erfunden wurden, eine verstärkte Objektivität, da neben dem Erzähler auch noch eine Außenstimme, die eine andere Sichtweise einbringt, in den Text aufgenommen wird. Der Erzähler stützt sich in seiner Berichterstattung auch immer wieder auf die ihm scheinbar vorliegenden Dokumente und erscheint dadurch wie ein Geschichtsforscher, der die einzelnen Überbleibsel aus einer Epoche sammelt und mit ihnen die Geschichte rekonstruiert. Auf diese Weise wird sowohl eine historiographische als auch eine reflexive Note in den Text eingebracht. Elke Nyssen honoriert dies: „Die Erzählperspektive des Romans ist dadurch gekennzeichnet, daß Neumann sich um größte Objektivität bemüht. Er führt Dokumente und Memoiren von Zeitgenossen des Geschehens an, legt die Interessen der Schreibenden offen und gelangt dadurch zu einer über den Ereignissen stehenden Perspektive.“661 Die Glaubwürdigkeit der Schilderung wird mit diesem Kunstgriff sichtbar erhöht.



Stilistische Besonderheiten
Neumanns Spachstil wird in der Sekundärliteratur meist als sehr exzessiv und überladen beschrieben, auch sein englischer Übersetzer Muir beklagte sich aus diesem Grund über Schwierigkeiten, den mit einer Vielzahl von Nebensätzen und Beifügungen aufgeladenen Stil Neumanns ins Englische zu übertragen.662 Und wirklich scheint sein Sprachgebrauch ein sehr dichter und komprimierter zu sein: „Und gegen die Anfechtung, er, der Thronstürzer, Tyrannenhasser, habe sich nun doch noch in die Rolle des Favoriten einer Fürstin gefügt, hatte er die beruhigende Erwägung, daß sich dieses Favoritentum auf dem Umweg über erfaßte Gelegenheiten, suggerierte Gedanken, unterschriebene Zettelchen ja doch wieder ins Große auswirkte, zu Volkswohl und staatlicher Reform – eine Erwägung im übrigen, die zugleich knabenhaft und pedantisch war und die er im nächsten Augenblick, vor sich selbst errötend, wieder verwarf.“663 Mit dieser Überfüllung der Sätze ist ein relativ schnelles Erzähltempo und ein großer Aussagegehalt auch in nur kurzen Szenen verbunden. Neumanns Stil ist daher geprägt von einer Dominanz von Nebensätzen, von der großzügigen Verwendung von Adjektiven und Adverbien und eingeschobenen Sätzen. Neumann gelingt es damit, einen hohen Informationsgehalt und eine detaillierte Schilderung mit einer spannenden Erzählweise zu verbinden.

Typisch für seinen Stil sind auch die immer wiederkehrenden Wiederholungen und Parallelisierungen von Wörtern, Phrasen, Sätzen oder gar einzelner Szenen. Diese Parallelschaltungen haben im Text unterschiedliche Funktionen: einmalige Wiederholungen sollen zwei von einander getrennt stehende Passagen miteinander in Bezug setzen. So absolviert etwa Christian genauso wie Struensee gymnastische Übungen664, wodurch sich Struensees Einfluss auf den König offenbart, ebenso ist der König sowohl beim Unterschreiben der Regierungsvollmacht Struensees als auch der Verhaftungsbefehle nackt, wodurch Höhepunkt und Fall von Struensees Macht miteinander kontrastiert werden.

Permanente Wiederholungen von bestimmten Phrasen im Text dienen hingegen meist zur näheren Charakterisierung der Figuren. Bernstorff beispielsweise kennzeichnet für ihn überraschende Situationen immer mit dem Wort „charmant“665, Christian stellt sich immerzu die Frage „Hatte er etwas schlecht gemacht?“666, wodurch seine geistige Schwäche zum Ausdruck kommt, Marika ist stets um eine tiefe Stimme bemüht667 und Lewy zieht in die Welt, um Abenteuer und die Wirklichkeit zu erleben.668 Derartige Parallelschaltungen, die sich in beiden Büchern durch den gesamten Text ziehen, dienen zur näheren Charakterisierung und, wenn die Figuren nicht ausdrücklich benannt werden, zu ihrer schnellen Identifizierung. Ein Beispiel ist Marikas Überfall auf eine Kutsche. Die betroffenen Figuren glauben bei dem im Unsichtbaren bleibenden und mit tiefer Stimme sprechenden Räuber an einen Mann, der Leser errät aufgrund der Phrase sofort, dass Marika hinter dem Überfall stecken muss.669

Parallelisierungen innerhalb kleinerer Szenen betonen die Geschlossenheit des Textabschnittes. So wiederholt Struensee, als er über seine Verliebtheit zu Mathilde verzweifelt ist, mehrmals den Satz „o Mathilde, o Leben, o Bitternis670, oder Erzherzog Franz Karls Umgebung nimmt von ihm mehrmals keinerlei Notiz.671

Derartige Parallelisierungen setzen also immer zwei Textabschnitte miteinander in Beziehung, ziehen Vergleiche, rufen eine Ähnlichkeit hervor oder machen auf Unterschiede aufmerksam. Meist ist auch eine Charakterisierung der betreffenden Figur damit verbunden. Allerdings kann dies nur eine nähere Ausdifferenzierung sein, da fast alle Figuren bei ihrem ersten Auftreten sofort vom Erzähler vorgestellt und beschrieben werden: „Dieser Dr. Kossuth, Ludwig mit Vornamen, war ein noch junger, aus bescheidenen Verhältnissen stammender Mann – kastanienbraunen Haares, verhältnismäßig klein gewachsen, schlank, schmächtig. Er war seiner neuen und ein wenig überstürzten Beamtung zum Trotz den breiteren Kreisen der Stadt nicht bekannt – und bei den engeren und oberen hatte der ungerechter- und erbitternderweise einen zweideutigen Ruf. Daß er gegen diesen täglich zu kämpfen hatte, mochte verantwortlich sein für den scharfen Zug um die Winkel seines jünglinghaften Mundes und für die Düsternis eines allgemeinen Weltschmerzes, die über seinen von einem weichen Bartflaum zu bewußter Jungmannschönheit emporgesteigerten Zügen lag, und vielleicht sogar für die besondere Düsternis, die seine ganze grazile und mobile, geschmeidigharte und von innen her brennende Erscheinung an jenem Vormittag verschattete.“672 Mit diesen einführenden Beschreibungen wird sogleich der Charakter und das Aussehen einer Figur festgelegt und die Zuordnung zu einem bestimmten Lager offenbat. Diese Art der Charakterisierung weist jedoch deutliche Züge eines Trivialromans auf, auch wenn die Figuren zum Teil über Handlungen und direkte Reden charakterisiert werden. Triviale beziehungsweise kolportagehafte Elemente673 finden sich beispielsweise ebenso in der Darstellung der Liebesszenen zwischen Mathilde und Struensee, die sofort für einander entflammen und sich vergeblich ihrer Gefühle zu erwehren versuchen: „Sie war sehr verwirrt, sie stand nun wieder Aug in Auge mit dem Mann. Er umstrickt mich, dachte sie, er umstrickt auch mich, ich soll ihm mißtrauen, und ich mißtrau‘ ihm nicht. Es war wie ein zarter Rausch, sich aufzugeben. Ich vertrau‘ ihm, ich vertrau‘ ihm, dachte sie vielemal, indes sie da Aug in Auge standen, und das war bitterlich ernst und war doch leicht und tat gar nicht weh. >Struensee<, sagte sie vor sich hin und formte mit ihren Lippen zum erstenmal dieses neue und fremde Wort und erschrak.“674

Weitere stilistische Besonderheiten zeigen sich in den Vorausschauen, die Verweise auf spätere Geschehnisse im Text beinhalten. So wird etwa Struensees Untergang mehrfach prophezeit: Rousseau denkt sich nach der Unterredung mit ihm, dass er dieses Stück Historie nicht selbst schreiben möchte,675 Juliane starrt beim Aushecken ihres Gegenschlages fortwährend auf den Galgenberg, wo später die Hinrichtung Struensees stattfinden wird,676 einer seiner Leibdiener fällt beim ersten Austragen des neuen gräflichen Wappens nieder und vergießt Blut darüber.677 Auch im Sandor-Roman steht der Überfall Rosas auf den Kaiser unter schlechten Vorzeichen: Rosa ist an Sumpffieber erkrankt, Marika verschläft den Einsatz, auf dem für die Garde vorgesehenen Platz stehen Schulkinder und Katona schmiedet Rachepläne gegen Rosa.678

Der Leser soll aufgrund all dieser stilistischen Besonderheiten – des exzessiven Sprachstils, der Parallelisierungen und der Vorausschauen – vom auf diese Weise erzeugten abwechslungsreichen und spannenden Erzählstrom mitgerissen werden.

Traditionelles vs. modernes Erzählen
Die Betonung des Hiatus zwischen literarischer Fiktion und historischen Fakten auf mehreren Ebenen des Textes ist der Grundgedanke von Hans Vilmar Gepperts und Harro Müllers Definitionen des „anderen“ historischen Romans. Dieser Hiatus kann, wie im ersten Teil der Arbeit genauer beschrieben, auf verschiedene Weisen betont werden. Eine diskontinuierliche, nicht-lineare Anordnung der Zeit und der historischen Ereignisse, die Betonung der temporären Distanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart können den Hiatus ebenso betonen wie die durch Montage von verschiedenen Texten und Perspektiven erreichte Mehrdimensionalität, die Zurückdrängung narrativer Elemente und die Dominanz systemischer über individuelle Kräfte der Geschichte.

Sucht man nach derartigen „anderen“ Darstellungsarten in den beiden historischen Romanen Robert Neumanns, so finden sich einige Stellen, an denen der von Geppert geforderte Hiatus akzentuiert wird. So sind zahlreiche Dokumente und Zeitzeugenberichte in beide Texte montiert, die neben der Perspektive des Erzählers auch andere Blickwinkel einbringen und Objektivität in der Schilderung der historischen Ereignisse herstellen sollen. Allerdings benutzt Neumann hierfür keine authentischen Dokumente aus der Geschichte, sondern setzt von ihm selbst fingierte in den Text ein. Dennoch kann er an ihnen die Perspektivenabhängigkeit und Subjektivität der Quellen aufzeigen und die problematische Rekonstruktion der Geschichte dokumentieren, die sich der Wahrheit nur annähern, sie aber nie erreichen kann,.

Verschiedene Blickwinkel auf die geschichtlichen Ereignisse werden dem Leser auch durch die zahlreichen Szenenschnitte und Perspektivenwechsel angeboten, woran sich ebenfalls die Standortabhängigkeit des Betrachters offenbart. Allerdings findet sich ein derartiges Erzählverhalten nur in gewissen Passagen, die Multiperspektivität stellt daher kein durchgehendes Prinzip der Romane dar.

Die von Geppert verlangte Betonung der Beziehung von Vergangenheit und Gegenwart ist ebenfalls in den historischen Romanen Neumanns verankert. Die Erzählergegenwart wird bei der Betrachtung von Geschichtsdokumenten durch den Erzähler mehrere Male in den Text eingeblendet, ebenso betonen Vor- und Rückblenden auf historische Ereignisse den Ablauf der Zeit und die Kontinuität der Geschichte.

Hervorzuheben als moderne Elemente in Neumanns Werken sind auch die vielen satirischen Passagen, die eine zweite, über die Darstellung reflektierende Ebene in den Text einfügen. Auf dieser „Metabene“ werden Rückblenden und Vorausdeutungen eingeflochten, sowie Kommentare und Bewertungen eingefügt.

Gegenüber diesen modernen Zügen erweisen sich in den historischen Romanen Neumanns allerdings die traditionellen Erzählformen als vorherrschend. Der auktorial positionierte Erzähler dominiert und dirigiert das gesamte Geschehen: er ordnet die einzelnen Szenen an, strukturiert die Handlung, gibt genaue Personenbeschreibungen ab, schlüpft in die Gedanken seiner Figuren und fügt zur besseren Untermalung Dokumente in den Text ein. Passagen, in denen die Geschichte oder die historischen Personen selbst sprechen können, gibt es kaum, der Erzähler behält in beiden Romanen stets die Oberhand.

Die Handlung ist vor allem im Struensee-Roman stark an die historischen Fakten angelehnt, wodurch der Aufbau sehr klar gegliedert, die Kapitel genau strukturiert sind. Diachrone, nicht-lineare Erzählmomente finden sich daher bis auf einige aus Spannungsgründen eingefügte Rückblenden nicht.

Im Zentrum der Geschichtsdarstellung stehen die handelnden Personen mit ihren Bestrebungen und Emotionen. Die Geschichte erscheint vollkommen privatisiert, bei der Personenbeschreibung lassen sich sogar einige triviale Elemente feststellen. Die historischen Entscheidungen und Ereignisse werden fast ausschließlich auf die Psychologie der Figuren zurückgeführt, historische Strukturen und Prozesse vernachlässigt, die Meinungen und die Bedürfnisse der Masse aus der Darstellung ausgeblendet. Auch beim „Volksheld“ Rosa Sandor ist dies der Fall, da er aufgrund seines Räuberdaseins vom normalen Volksleben ausgeschlossen zu sein scheint.

Zusammenfassend betrachtet sind sowohl „Der Favorit der Königin“ als auch „Die Freiheit und der General“ dem traditionellen Romantypus zuzurechnen, obwohl sich einige moderne Züge in beiden Romanen bemerkbar machen. Diese sind aber nicht mit der nötigen Konsequenz im Text verankert, das unterhaltende, narrative Element steht zu stark im Vordergrund. Der Grund dafür mag in Robert Neumanns Konzeptionsweise der historischen Romane liegen, die am Beginn seiner Exilzeit auf die ökonomische einträgliche Produktion von Unterhaltungsliteratur ausgerichtet war. Zu starke experimentelle Formen hätten wohl kaum in seine wirtschaftlichen Kalkulationen gepasst.

Der Einfluss des Exils: Gegenwartsbezüge und antifaschistisches Potential in den historischen Romanen Robert Neumanns
Robert Neumann verfasste beide historischen Romane in der Anfangszeit seines britischen Exils, kurz nachdem er sich aufgrund der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland und der Errichtung der austrofaschistischen Diktatur in Österreich zum endgültigen Verlassen seines Heimatlandes entschlossen hatte. In Anbetracht dieses Entstehungshintergrunds drängt sich natürlich die Frage auf, ob in Neumanns Werke direkte oder indirekte Bezugnahmen zur Gegenwart eingeflossen sind und ob die klare antifaschistische Haltung des Autors auch aus seinen Büchern abzulesen ist.

Die Sekundärliteratur jedenfalls meint, in „Der Favorit der Königin“ und in „Die Freiheit und der General“ deutliches antifaschistisches Potential entdecken zu können. Ulrich Scheck etwa glaubt, dass in Neumanns historischen Romanen seine politische Einstellung gegen den Nationalsozialismus durchaus zum Tragen kommt.679 Speziell für den Struensee-Roman spricht er von einigen „satirisch gegen die Hitlerdiktatur polemisierenden Passagen680. Johannes Sachslehner will in diesem Buch sogar eine deutliche „Polemik gegen Hitler681 erkennen. Elke Nyssen hingegen widerspricht dieser Auffassung, sie ortet in Neumanns Geschichtsromanen eine klare „Flucht in die Vergangenheit“: „Vor allem wegen der detaillierten Darstellung der Heiratspolitik, der Reduzierung politischer Prozesse auf psychologische Ursachen und der fehlenden Beschreibung der historischen und sozialen Voraussetzungen für das Geschehen ist der Roman objektiv als ‚Flucht vor den Problemen der Gegenwart‘ zu werten. Der historische Roman ‚Struensee‘ leistet weder Aufklärung über historische Prozesse noch enthält er Aktivierungsfunktion im Kampf gegen den Nationalsozialismus.“682

Im Folgenden sollen nun beide Geschichtsromane Robert Neumanns auf ihren Gehalt an Gegenwärtigem und auf ihr antifaschistisches Potential untersucht werden. Direkte Parallelen zur Entstehungszeit lassen sich in beiden Werken kaum finden, die Bezüge scheinen vielmehr in die thematischen Auseinandersetzungen der Bücher verpackt worden zu sein. Die inhaltliche Ähnlichkeit zwischen den historischen Romanen Neumanns ist allerdings frappant: beide behandeln – wenn auch in unterschiedlicher Akzentuierung und Ausgestaltung – fast dieselben Themenbereiche.
Machtstrukturen und –konstellationen




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