Einführung in die Religionsphilosophie Cicero, De natura deorum. Vorbemerkung



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Univ.Lektor Dr.Friedrich Wolfram

Vorlesung im SS 2006:


Einführung in die Religionsphilosophie -

Cicero, De natura deorum.


Vorbemerkung:
Ich spreche zunächst nicht über Cicero, sondern über Religionsphilosophie im allgemeinen. Unter der Überschrift "Religionsphilosophie - was ist das?" will ich zunächst verschiedene Zugänge benennen: die je eigene Erlebniswelt; das Bedürfnis des Hausverstands, sich die Dinge einteilend zurechtzulegen; die sprachliche Norm als soziale Institution, wie sie sich in Lexika niederschlägt; die geschichtliche Rückschau; das Spannungsfeld Religion/Philosophie; schließlich Einführungsliteratur. Danach soll gefragt werden, was denn unter "Religion" zu verstehen sei, und das Grundproblem der Religionsphilosophie umrissen werden. Auch soll ein Blick auf die Nachbarwissenschaften geworfen werden.

In einem zweiten Kapitel wird von Cicero als Mensch, Politiker, Schriftsteller und Philosoph die Rede sein, bevor im dritten, dem Hauptteil, Texte aus De natura deorum interpretiert werden. Viertens, abschließend, wird über Ciceros Einfluß auf die Nachwelt zu reden sein.



1. Religionsphilosophie - was ist das?
1.1 Vielfalt der Zugänge.
Wir alle haben unsere Vor-Erlebnisse, Vor-Gefühle und Vor-Urteile, mit denen wir diese Frage stellen. Und ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich annehme, daß niemand von uns glaubt, mit dem Nachdenken darüber - über diese Erlebnisse, Gefühle, Gedanken - fertig zu sein.

Der erste Schritt des Nachdenkens im Rahmen dieser Vorlesung soll sein, uns bewußt zu machen (jede und jeder für sich persönlich), von woher wir uns der Frage nähern; das können nämlich ganz verschiedene, ja konträre Richtungen sein.

Vielleicht hilft dabei die in einem ausgezeichneten Sinn persönliche Stellungnahme eines Dichters:

Der portugiesische Dichter Fernando Pessoa in seinem Buch der Unruhe:


"Ich gehöre zu einer Generation, die den Unglauben an den christlichen Glauben geerbt und in sich den Unglauben gegenüber allen anderen Glaubensüberzeugungen hergestellt hat. Unsere Eltern besaßen noch den Impuls des Glaubens und übertrugen ihn vom Christentum auf andere Formen der Illusion. Einige waren Enthusiasten der sozialen Gleichheit, andere nur in die Schönheit verliebt, andere glaubten an die Wissenschaft und ihre Vorzüge, und wieder andere gab es, die dem Christentum stärker verbunden blieben und in Orient und Okzident nach religiösen Formen suchten, mit denen sie das ohne diese Formen hohle Bewußtsein, nur noch am Leben zu sein, beschäftigen könnten.

All das haben wir verloren, all diesen Tröstungen gegenüber sind wir als Waisenkinder geboren worden." 1


Der österreichische Dichter Thomas Bernhard in einem Interview mit der ORF-Journalistin Fleischmann:
"Fleischmann

Sie verwenden den Begriff 'Herrgott'. Sie glauben ja nicht an ihn, oder?

Bernhard

Glauben braucht man nicht an was, das man ständig sieht. Der Herrgott ist doch überall, brauch' ich ja nicht daran glauben. Sagt ja schon die Kirche: 'Gott ist überall'. Also erspare ich mir den Glauben. Ist ja auch ein Widerspruch, ist ja unsinnig. Wie soll man an eine Kirche glauben, die behauptet, daß sie überall ist? Oder eine Religion halt. Ist nicht ganz durchdacht. Aber wer viel denkt, kommt zu nichts." 2


Oder Peter Handke in "Über die Dörfer":
"Vielleicht gibt es keinen vernünftigen Glauben, aber es gibt den vernünftigen Glauben an den göttlichen Schauder. Es gibt den göttlichen Eingriff, und ihr alle kennt ihn. Es ist der Augenblick, mit dem das Drohschwarz zur Liebesfarbe wird, und mit dem ihr sagen könnt und weitersagen wollt: Ich bin es." 3
Man kann, glaube ich, nicht sagen, daß solche Dichterworte uns aufklären; sie wollen eher Scheinklarheiten verunklären, Verwirrung stiften; aber diese Verwirrung kann nützlich sein, indem sie zu eigener persönlicher Stellungnahme herausfordert.
Eine nur scheinbare Klarheit bieten ja geistesgeschichtliche Einteilungen, die sich an die drei möglichen Optionen halten: Für Religion, gegen Religion, und drittens Indifferenz gegenüber Religion. Denn wenn wir statt auf die Dichter auf die Denker hören, so finden wir, daß kaum einem dieses Prokrustes-Bett paßt. Da wimmelt es von zweifelnden Apologeten ebenso wie von gläubigen Kritikern und leidenschaftlich suchenden Skeptikern. (Um nicht einem Schubladen-Denken Vorschub zu leisten, werde ich nicht damit beginnen, die wichtigen religionswissenschaftlichen Begriffe, wie Theismus, Monotheismus, Atheismus, Agnostizismus etc., zu definieren; wir werden sukzessive auf sie kommen.)

Trotzdem hat auch das Einteilen seinen relativen Wert; es hilft und regt an, Alternativen zu bedenken und vielleicht doch Entscheidungen zu treffen.


Da gibt es also in unserer Zeit und in unseren europäischen Breiten einmal das mögliche Interesse, um der Vollendung der neuzeitlichen Emanzipation willen die jüdisch-christliche Tradition und die Religion überhaupt als falsches Bewußtsein und Ideologie kritisieren und negieren zu müssen.

Andere gehen davon aus, daß man auch in der sich emanzipierenden Welt diese Tradition und die Religion überhaupt apologetisch vertreten kann und muß. Das wäre das zweite mögliche Interesse.

Das dritte ist das Interesse derjenigen, die der Meinung sind, daß in der Gegenwart der Emanzipationsprozeß von der jüdisch-christlichen Tradition vollendet ist und daß damit weder ein Bedürfnis der Kritik noch der Apologie vorhanden ist. Sie beschränken sich darauf, religiöse Vorstellungen und Institutionen empirisch und "wertfrei" zu untersuchen.
Von all dem gilt, was Giuseppe Ungaretti in einem Vers sagt: „Tutto e incipiato ed niente e perfetto“ - "Alles ist begonnen und nichts ist vollendet."
Eine mögliche Annäherung an die Thematik ist die, im Lexikon nachzuschauen. Weil unsere Sprache als soziale Institution angesehen werden kann 4 , können wir Begriffe als "sprachliche Norm", wie sie im Lexikon festgehalten ist, nachlesen.

Die heutige, zeitgenössische Norm unterscheidet sich dabei von der früherer Zeiten, wie man an einem Vergleich von Lexiken verschiedener Jahrzehnte leicht ersehen kann. Es ist sogar sehr aufschlußreich, vom gleichen Lexikon verschiedene Auflagen zu vergleichen.


In einem gängigen Konversationslexikon - z.B. in Meyers Großem Universallexikon in 15 Bänden von 1984 - wird Religionsphilosophie als "philosophische Disziplin, deren Gegenstand die Begriffs- und Wesensbestimmung der Religion ist, im weiteren Sinn" bestimmt.

"Im engeren Sinne gilt R. als philosophische, ausschließlich mit rationalen bzw. wissenschaftlichen Methoden und Argumentationsverfahren operierende Reflexion der Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen von Aussagen der (positiven) Religion(en) und über die Religion(en) einschließlich der kritischen Auseinandersetzung (Religionskritik)". Der Verfasser des Lexikonartikels fügt hinzu, daß, wie die Definition von Philosophie, die Bestimmung der Religionsphilosophie und ihres Gegenstandsbereichs abhängig ist von den jeweiligen religionsphilosophischen, wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Positionen, und sich deshalb nicht einheitlich und generalisierend durchführen läßt.

Er sieht es als allgemein bekannt an, daß im Mittelpunkt des religionsphilosophischen Interesses Aussagen über die Relationen:

Venunft (Ratio) und Offenbarung,

Glaube (Fides) und Wissen,

Gott und Welt,

Gott und Mensch,5

Das Gute - das Böse,

das religiöse Selbstbewußtsein (Gefühl),

das Heilige,

Religion, Gesellschaft und Staat

stehen. Ebenso, daß Religionsphilosophie kein zeitloses Phänomen ist, sondern eine Geschichte hat, wie auch die Sache, um die es ihr geht. Ansätze und Aussagen der Religionsphilosophie finden sich in der philosophischen Tradition seit der griechischen Antike, in der christlichen Tradition seit Origenes (ca.185-254) Zur Ausbildung einer autonomen, methodisch-wissenschaftlich verfahrenden Religionsphilosophie kommt es erst in der Neuzeit im Rationalismus durch Baruch/Benedictus de Spinoza (1632-1677). In der Antike hat es also den Begriff der Religionsphilosophie noch gar nicht gegeben, wohl aber Ansätze und Aussagen derselben.
Der Begriff Religionsphilosophie wird in Deutschland erst seit dem Ende des 18.Jh. gebraucht. Erst seit der Aufklärung gibt es die Religionsphilosophie als eine besondere Disziplin innerhalb der Philosophie bzw. der Theologie. Man kann also die Frage stellen, ob es überhaupt sinnvoll ist, von Religionsphilosophie zu sprechen, auch wenn man sich auf Äußerungen bezieht, die einer früheren historischen Situation entstammen, etwa der Antike.

Willi Oelmüller (1930-1999) hat sich dagegen ausgesprochen, den Begriff Religionsphilosophie zur Kennzeichnung früherer Vorstellungen und Lehren rückzuübertragen. 6

Oelmüller meint: "Auch wenn die griechische Philosophie den Mythos kritisierte, wenn Plato und Aristoteles ihre Philosophie als Betrachtung des Göttlichen verstanden oder wenn die griechisch-römische Antike zwischen der mythischen, natürlichen und politischen Theologie unterschied, gingen sie dabei von Voraussetzungen aus, die nach Christus und erst recht seit der europäischen Aufklärung nicht mehr allgemein anerkannt sind." 7

Die Auslegung biblischer Texte und ihre Applikation für die Gegenwart mit Hilfe philosophischer Vorstellungen, v.a. der von Plato und Aristoteles, die von Anfang an zur jüdisch-christlichen Tradition gehört, war im Sinne Oelmüllers keine Religionsphilosophie, sondern Theologie. Religionsphilosophie sei erst möglich und notwendig gewesen, als die Subjektivität und die kritische Vernunft im Prozeß der Emanzipation und der Aufklärung das "Bedürfnis der Erkenntnis" der Religion hatten.


Man kann aber einwenden: Das „Bedürfnis der Erkenntnis“ ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen, sondern hat sich entwickelt. Hat denn ein Augustinus von Hippo das Bedürfnis der Erkenntnis und die Subjektivität noch nicht gekannt? Wir können auch nicht umhin, von unserem nachaufklärerischen Standpunkt aus uns mit älteren Positionen auseinanderzusetzen, sie in unsere Überlegungen mit einzubeziehen.

Mir scheint wichtig festzuhalten, daß Religionsphilosophie eine Disziplin ist, mit der man sich sowohl innerhalb der Theologie als auch innerhalb der Philosophie beschäftigen kann. 8


Um das nachvollziehen zu können, brauchen wir ein Kriterium zur Unterscheidung von Philosophie und Theologie. Nehmen wir folgendes Kriterium an: Bei einer philosophischen Betrachtung kann man sich nicht auf Offenbarung berufen, hingegen ist es in der Theologie erlaubt. Man kann sich z.B. auf die Bibel, den Koran, die Upanischaden usw., auf eine in der jeweiligen Religion gültige Autorität oder auf eine anerkannte Tradition berufen. Alle diese Argumente können in der Philosophie nicht anerkannt werden. Soll eine Argumentation philosophisch sein, dann müssen die Argumente vernünftig sein. Das heißt aber nicht, daß theologische Argumente von der Philosophie eo ipso für falsch erklärt werden. Man kann mit ihnen so wie mit unbewiesenen Hypothesen umgehen.
Mit Richard Schaeffler bin ich einverstanden, der sagt: "Seit die Philosophie entstand, ist die Religion ihr Thema gewesen. Denn die meisten Fragen, auf die Philosophen zu antworten versuchten, (z.B. die Frage nach dem Ursprung der Welt, nach der Stellung des Menschen im Kosmos, nach den sittlichen Normen des Handelns, nach den Möglichkeiten und Grenzen des Erkennens) sind zuvor Themen mythologischer Erzählungen, kultischer Begehungen, religiöser Weisheitssprüche gewesen." 9
Die Philosophie gewann in ihren Anfängen und immer wieder im Verlauf ihrer Geschichte ihr unterscheidendes Selbstverständnis dadurch, daß sie sich von der Religion - oder von dem, was sie dafür hielt -kritisch abgrenzte.

Es läßt sich nicht leugnen, daß es auch vor der Aufklärung ein Spannungsverhältnis zwischen Religion und Philosophie gegeben hat.

Die Religion ist älter als die Philosophie, sie ist aber auch Zeitgenossin der Philosophie geblieben. Die Religion hat sich, jedenfalls bis heute, nicht in Philosophie oder Wissenschaft aufheben lassen. Sie hat sich auch nicht auf jene praktischen Aufgaben und theoretischen Fragen abdrängen lassen, für die die Philosophie und die Wissenschaft sich als unzuständig erklärten.

Die Religion ist das der Philosophie gegenüber andere geblieben, und zwar auch dann, wenn ein und derselbe Mensch sich mit den gleichen Fragen bald als Philosoph, bald als religiöses Individuum und Mitglied einer Religionsgemeinschaft auseinanderzusetzen versucht.

Ich finde es nicht störend, wenn der Terminus Religionsphilosophie auch rückblickend auf das Spannungsverhältnis Religion/Philosophie - etwa in der Antike - verwendet wird. Es ist ein in einer bestimmten historischen Situation geprägter, aber auch auf andere historische Situationen anwendbarer Begriff.
Variabel ist dabei zweierlei: Die verschiedenen Religionsphilosophen unterscheiden sich einmal durch die Antwort, die sie auf die Frage: "Was ist Religion?" geben wollen. Zum anderen unterscheiden sie sich schon durch die Art der Fragestellung selbst. Was an der Religion (an dem Phänomenkomplex, der unter dem Titel "Religion" zusammengefaßt wird) als auslegungs-und erklärungsbedürftig gilt, welche Auslegungen und Erklärungen als "zureichend" bewertet werden, das ist von mal zu mal verschieden.
In diesem Sinn scheint es zweckmäßig, verschiedene historische Ausprägungen als Typen innerhalb der Religionsphilosophie zu unterscheiden. Platon wird dann einem Typus angehören, Augustinus einem anderen, Hegel wieder einem anderen.
Als Beispiel einer solchen Typologie nenne ich die von R.Schaeffler mit ihrer Dreiteilung:

(1) Religionsphilosophie als Kritik eines "vorrationalen

Bewußtseins"

(2) Religionsphilosophie als Verwandlung von Religion in

Philosophie

(3) Religionsphilosophie auf der Basis philosophischer

Theologie.

Schaeffler ergänzt diese drei (bereits in der Antike vorfindlichen) Typen noch durch einen vierten und fünften aus jüngerer Zeit: den phänomenologischen Typ und den Typ der Analytik religiöser Sprache. Andere Beispiele bieten Wilhelm Dupré, Ulrich Mann u.a.


Der Genitiv "Religions-" im Wort "Religionsphilosophie" kann ein objektiver oder ein subjektiver Genitiv sein. Im ersteren Fall bezieht sich die Religionsphilosophie auf die vernünftige Betrachtung der Religion; im anderen Fall fragt man sich, welche philosophischen Implikationen eine bestimmte Religion hat. Selbstverständlich führt dies jeweils zu ganz anderen Fragen. In den verschiedenen Handbüchern der Religionsphilosophie werden denn auch unterschiedliche Probleme behandelt. Sie werden dadurch zu einer bunten Sammlung:
(1) Was ist Religion?

(2) Welche logischen Regeln gelten für religiöse Aussagen bzw.

was ist ihr logischer Status?

(3) Im Zentrum steht aber m.E. die Frage nach der Wahrheit der

religiösen Aussagen. Wir können sogar behaupten, daß die

Religionsphilosophie sich gerade darin von der



Religionswissenschaft unterscheidet. Die Religions-

wissenschaft fragt nicht nach einer etwaigen Wahrheit oder

Falschheit der von ihr studierten Religionen. In der

Religionsphilosophie wird diese Frage jedoch gestellt. Wir

können folgende Formel aufstellen: Religionsphilosophie =

Religionswissenschaft + das Aufwerfen der Wahrheitsfrage.

(4) Man kann versuchen, die Wahrheitsfrage von einem

bestimmten dogmatischen Gesichtspunkt aus zu beantworten.

Dann ist Religionsphilosophie ein Teil der Dogmatik, und

zwar derjenige Teil, in dem die Diskussion mit den

verschiedenen philosophischen Theorien und mit den anderen

Religionen geführt wird.

(5) Was ist der Wert der verschiedenen religiösen Aussagen und

Handlungen? Fördern sie die soziale und psychische

Integration des Menschen? Die Aufgabe, diese Fragen zu

beantworten, teilt die Religionsphilosophie mit der

Soziologie und Psychologie der Religion.

(6) Was ist der logische Status der theologischen Aussagen?

Das ist etwas anderes als die unter (2) genannte Frage

nach dem logischen Status der religiösen Aussagen.


Religionsphilosophie hat ein Grundproblem. Paul Tillich, ein evangelischer Theologe des vergangenen Jahrhunderts, hat es unübertrefflich formuliert:

"In der Religion tritt der Philosophie ein Objekt entgegen, das sich dagegen sträubt, Objekt der Philosophie zu werden. Die Religion macht, je stärker, ursprünglicher, reiner sie ist, desto nachdrücklicher den Anspruch, der verallgemeinernden Begriffsbildung enthoben zu sein. ... Religion fühlt einen Angriff auf ihr innerstes Wesen, wenn sie Religion genannt wird. ... Die Religionsphilosophie ist also der Religion gegenüber in der eigentümlichen Lage, daß sie das Objekt, das sie erfassen will, entweder auflösen oder sich vor ihm auflösen muß. Beachtet sie den Offenbarungsanspruch der Religion nicht, so verfehlt sie ihr Objekt und spricht nicht von der wirklichen Religion. Erkennt sie den Offenbarungsanspruch an, so wird sie zur Theologie.



Beide Wege sind für die Religionsphilosophie ungangbar. Der erste führt sie an ihrem Ziel vorbei, der zweite führt nicht nur zur Auflösung der Religionsphilosophie, sondern der Philosophie überhaupt. Gibt es einen Gegenstand, der der Philosophie grundsätzlich verschlossen bleibt, so ist ihr Recht auf jeden Gegenstand fragwürdig geworden. Denn sie würde ja außerstande sein, von sich aus die Grenze zwischen diesem verschlossenen Gegenstand, also der Religion, und den übrigen Gebieten zu ziehen. Ja, es wäre möglich, daß die Offenbarung Anspruch auf alle Gebiete machte; und die Philosophie hätte keine Waffe, sich diesem Anspruch zu widersetzen. Gibt sie sich an einem Punkte auf, so gibt sie sich überhaupt auf." 10
Tillich hat mit diesem Gegensatz von Religionsphilosophie und Offenbarungslehre das Problem in seiner ganzen Schärfe gestellt. Und Sie wissen, daß es nicht nur ein dialektisches Problem ist; es hat seine Realität darin erwiesen, daß es zu den schärfsten Kulturkonflikten und zu gewaltigen Kulturschöpfungen geführt hat. Die Geistesgeschichte von Religion und Philosophie zeigt in ihrem ganzen Umfang Erscheinungen, in denen entweder die eine der beiden Formen nahezu rein verwirklicht ist - etwa das frühe Mittelalter einerseits, die Aufklärung anderseits, oder in denen Vermittlungen und Synthesen erstrebt werden - das hohe Mittelalter von seiten der Offenbarungslehre, Idealismus und Romantik von seiten der Philosophie - oder in denen ein Nebeneinander behauptet wird - etwa das späte Mittelalter, der englische Empirismus und der theologische Kantianismus. Der Gegensatz ist letztlich unerträglich; er zerbricht die Einheit des Bewußtseins.

Tillich: "Solange ein naiver Glaube die eine der beiden Seiten für selbstverständlich maßgebend hält, - sei es die Offenbarungslehre, sei es die Philosophie - und die andere ihr opfert, ist der Konflikt verhüllt. Ist die Naivität aber einmal erschüttert - die philosophische genau wie die religiöse -, so bleibt nur die synthetische Lösung."

"Nur der Weg der Synthese ist vernünftig; er ist gefordert, auch wenn er wieder und wieder mißlingt. Aber er muß nicht mißlingen. Denn es gibt in der Offenbarungslehre wie in der Philosophie einen Punkt, in dem beide eins sind. Diesen Punkt zu finden und von da aus die synthetische Lösung zu schaffen, ist die entscheidende Aufgabe der Religionsphilosophie." 11
Es gibt natürlich eine Alternative. Gabriel Garcia Marquez hat sie beschrieben: In seinem Roman "La hojarasca", zu deutsch "Laubsturm" (das Original ist 1955 erschienen) hat er die zentrale Figur sagen lassen:

"Glauben Sie mir, ich bin kein Atheist, Oberst. Mich beunruhigt der Gedanke, daß Gott existiert, ebenso, wie der Gedanke, daß er nicht existiert. Daher ziehe ich vor, nicht darüber nachzudenken."
Religionsphilosophie ist, doch darüber nachzudenken, ob die geistige Beunruhigung nun von der Frage herrührt, ob es Gott gibt, oder von der Tatsache, daß es Menschen gibt, die an Gott glauben oder nicht glauben.
Religionsphilosophie stellt radikale Fragen. Das ist ihre Methode.

Sie kann natürlich auch spezielle Methoden in Anspruch nehmen, wie sie etwa J.M. Bocheński bescheibt 12:

--Die phänomenologische Methode

--Die semiotischen Methoden

--Die axiomatische Methode

--Die reduktiven Methoden

Mit all diesen Methoden kann die Religionsphilosophie in Berührung kommen.
Die erste Methode und die Methode schlechthin aber ist die, von der Aristoteles in seiner Metaphysik redet. Die mit dem Sichwundern, dem thaumázein beginnt, und zu der notwendig die aporía gehört, die Weglosigkeit, Ausweglosigkeit, mit einem Bedeutungsspektrum bis hin zur Verzweiflung. Aber Aporie als Durchgangsstadium, als der Zweifel, der die Voraussetzung zur euporía bildet, zum gelingenden Weg.

Ein katholischer Religionsphilosoph. Romano Guardini (1885-1968) hat in einem Vortrag über „Wahrheit und Ironie“ anläßlich seines 80.Geburtstags seine eigene Fähigkeit zum Staunen so formuliert: „ein Wissen um die Wahrheit und zugleich ein Wissen um die Inkommensurabilität der eigenen Kraft ihr gegenüber; eine Erkenntnis der eigenen Ungemäßheit, aus der aber nicht Skepsis, sondern höchste Zuversicht hervorgeht.“ 13


Hier empfiehlt sich ein kurzer Exkurs in die Frühzeit der Philosophie:

Die Aporie steht am Anfang der Metaphysik und damit auch ihrer „Theologie“: Met. E 1, 1026a23: „Man könnte nämlich fragen, ob die erste Philosophie allgemein (kathólou) ist oder auf eine einzelne Gattung und eine einzelne Weseheit geht.“ (aporéseien gàr án tis póteron poth’ he próte philosophía kathólou estìn è perí ti génos.)

Es geht um die Frage nach dem Verhältnis der „Ersten Philosophie“ zur Ontologie – eine seit Jahrhunderten umstrittene Problematik der aristotelischen Metaphysik. Denn für die Eigenart der Wissenschaft von den Gründen und Prinzipien des Seins gibt Aristoteles zwei verschiedene, sich scheinbar ausschließende Bestimmungen.

(1) Die „Erste Philosophie“ ist die Wissenschaft von der übersinnlichen, prozeßfreien Seinssphäre. Ihr Objekt ist das „Getrennte“ (choristá), d.h. das dem Sein nach Selbständige, und das „Unveränderliche“ (akíneta). Indem ihr Gegenstand als erste Philosophie allen anderen Wissenschaften vorgeeordnet ist, ist sie zugleich Theologie (Met. E 1, 1025b1-1026a23).

(2) Die Wissenschaft von den Gründen und Prinzipien des Seins beschäftigt sich nicht mit einem besonderen Seinsgebiet, sondern mit dem “Seienden als solchen” (ón hê ón) im Sinn einer universalen Ontologie, die die allgemeinsten Strukturmerkmale und Prinzipien von allem, was ist, untersucht (Met. Gamma 1).

Zwischen diesen beiden Bestimmungen, die der Distinktion einer „metaphysica specialis“ und einer „metaphysica generalis“ entsprechen, hat man seit langem einen Widerspruch gesehen, den man im 19. Jh. durch Athetese von Met. E 1 und K 7 als Interpolationen mit theologisierender Tendenz zu beseitigen gesucht hat (Natorp u.a.). Dagegen hat W.Jaeger zwei Entwicklungsstadien im Denken des Aristoteles angenommen (1923), wonach die erste Bestimmung den „theologisch-platonischen“ Entwurf mit einer starken Trennung der Reiche des Sinnlichen und des Übersinnlichen, die zweite dagegen die „aristotelischere“ Entwicklungsstufe mit der Seinskonzeption in einem großen, einheitlichen Stufenbau darstelle. Spätere Forscher haben hier z.T. auch ohne Rekurs auf den Entwicklungsgedanken Schwierigkeiten gesehen. Die beiden Gedankengänge in der Metaphysik sind nach P.Aubenque (1961) in ihrer Unausgeglichenheit Ausdruck der aporetischen Struktur des aristotelischen Denkens und des „zetetischen Charakters der Metaphysik“ (griech. „zétesis“ = Forschung). Aristoteles suchte die Antwort auf die Frage nach einer „Ersten Philosophie“ (Problem des Anfangs) und gelangte zur Seinswissenschaft (Problem der Einheit). „Die Unmöglichkeit der Theologie ist die Wirklichkeit der Ontologie“14

Indem die gesuchte Wissenschaft zur Philosophie des Suchens wird, wird in „schaffendem Scheitern“ die dialektische Struktur des Seins und die Unbeantwortbarkeit der Seinsaporien freigelegt.

Wir dürfen aber nicht übersehen, daß Aristoteles die von den Interpreten empfundene Schwierigkeit selbst gesehen hat. Wenn er sagt: „die erste Philosophie ist allgemein in der Weise, daß sie die erste ist, und ihre Aufgabe ist es, das Seiende als solches zu betrachten...“, so ergibt sich: „Für Aristoteles besteht gar nicht der anstößige Widerspruch zwischen einer „ersten Philosophie“, die allgemeine Seinswissenschaft ist, und einer „ersten Philosophie“, die als Theologie nur die Substanz Gottes erforschte. Die erste Philosophie ... ist eine Theologie von so besonderer Art, daß sie als solche zugleich allgemeine Ontologie sein kann“15

Erklärbar wird eine derartige Verbindung durch die arist. Auffassung von der eigentümlichen Beziehung des ausgezeichneten Teils zum Ganzen. Das „Erste Seiende“ ist ein Seiendes unter anderen und zugleich Prinzip und Grund des Seins für alles Seiende anderer Kategorien, dessen Sein „in bezug auf ein Identisches ausgesagt wird“ (pròs hèn légesthai: Met. Gamma 2). Diese Argumentationsform der pròs-hén-Relation oder „focal meaning“ (Owen 1960) ermöglicht – nach Angabe der platonischen Idee – die Einheit der Ontologie durch den Nachweis einer nicht bloß homonymen Beziehung des Seienden (Met. Gamma 2, 1003b12-19). Da Gott als unbewegter Beweger die erste Substanz und zugleich Seinsfundament aller anderen Substanzen ist, muß Theologie zugleich allgemeine Ontologie sein.

Einige Hinweise auf Literatur, die der Einführung in die Religionsphilosophie dient.


(1) Im Handbuch Philosophie, hrsg. v. Elisabeth Ströker und Wolfgang Wieland: Richard Schaeffler (Bochum), Religionsphilosophie. Freiburg - München (Verlag Karl Alber) 1983.

Dieses Buch ist weder eine Religionsphilosophie noch beschreibt es die vielen Religionsphilosophien, die im Laufe der Geschichte vorgelegt worden sind. Es versucht, Fragestellungen, Lösungsansätze und Methoden zu beschreiben und so einen Überblick über die Vielfalt der Möglichkeiten zu vermitteln, wie Religionsphilosophie verstanden und betrieben werden konnte und heute noch kann.


(2) Gut lesbar ist auch in der Reihe der Uni-Taschenbücher: Hubertus G. Hubbeling (Groningen), Einführung in die Religionsphilosophie. Göttingen (Vandenhoek & Rupprecht) 1981.

Es ist eine Einführung in die wichtigsten Themen, Probleme und Ergebnisse der modernen Religionsphilosophie. Nach einer kurzen historischen Übersicht über repräsentative klassische Religionsphilosophen werden die Hauptaspekte religiöser Erfahrung, der Logik der Religion und der religiösen Sprache thematisiert, wobei zugleich Vertreter der gegenwärtigen Religionsphilosophie vorgestellt werden. Es beginnt mit Anselm von Canterbury.


(3) Ebenfalls ein Uni-Taschenbuch: Kurt Wuchterl (Stuttgart), Philosophie und Religion. Zur Aktualität der Religionsphilosophie. Bern - Stuttgart (Verlag Paul Haupt). Wuchterl geht von der Tatsache aus, daß das Verhältnis zwischen Philosophie und Religion lange Zeit distanziert und kritisch war. Er glaubt aber eine Wende in der analytischen Philosophie zu erkennen, die eine Rehabilitierung der Religionsphilosophie bewirke. Er will in einer Neukonzeption zu einer toleranteren und zugleich intellektuell verantwortbaren Beurteilung religiöser Phänomene führen.
(4) Texte zum Einlesen samt kurzer Einführung bietet der Band: Religionsphilosophie. Eine Einführung mit ausgewählten Texten. Hrsg. von Horst Georg Pöhlmann und Werner Brändle. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1982. Diese Textsammlung beginnt mit Immanuel Kant (1724-1804).
(5) Eine weitere Textsammlung mit 36 Texten enthält das Taschenbuch: Glaube und Vernunft. Texte zur Religionsphilosophie. Hrsg. v. Norbert Hoerster. München (dtv) 1979. Es beginnt mit Albertus Magnus (ca.1193-1280).
(6) W. Oelmüller, R. Dölle-Oelmüller, J. Ebach, H. Przybylski, Diskurs: Religion. Paderborn etc. 1982. (Uni-TB). Enthält Materialien sowohl über Begründungs- und Rechtfertigungsmöglichkeiten, als auch über Transformationen und Bestreitungen von Religion; mit einer großen Bandbreite von Texten, von der altorientalischen Zeit bis zu gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Bemühungen um eine Funktionsbestimmung religiöser Symbolsysteme in der modernen Gesellschaft. Als historisch-systematische Orientierungshilfe etwas vereinfachend. Das Buch hilft wenig, mit den präsentierten Texten etwas anzufangen.
(7) Von katholischer Seite gibt es zu einem wichtigen Teilbereich der Religionsphilosophie eine Einführung: Otto Muck, Philosophische Gotteslehre. Ein Grundriß, der einen problemgeschichtlichen Überblick gibt, insbesondere Kants Kritik an der Rede von Gott würdigt. Er arbeitet Struktur, geschichtliche Bedingtheit und Fortwirken der klassischen "Gottesbeweise" heraus und reflektiert die Möglichkeit und Eigenart der denkerischen Auseinandersetzung mit der Gottesfrage. Ältere katholische Arbeiten, z.B. von Przywara, K.Rahner, B.Welte, sind hier mitberücksichtigt, bleiben aber für sich wichtig.
(8) Vom evangelischen Theologen Paul Tillich existiert eine ältere Darstellung der Religionsphilosophie. Es ist eines der wichtigsten Werke Tillichs. Erstmals 1925, Berlin (Ullstein). Als Urban-TB Stuttgart (Kohlhammer) 1962. Es behandelt: Gegenstand und Methode der Religionsphilosophie, das Wesen der Religion, Wesenselemente der Religion und ihrer Relationen, die Kategorien der Religion.
(9) Wilhelm Dupré, Einführung in die Religionsphilosophie, Stuttgart etc. (Kohlhammer) 1985. Ist als Einführung nicht ganz leicht zu lesen und will eigenständig "Grundzüge einer Theorie des Religiösen und der Religion" vorlegen.
(10) Ulrich Mann, Einführung in die Religionsphilosophie. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1988. Entwirft ebenfalls ein eigenes religionsphilosophisches Modell, in dem alle Einzelfragen in einem spezifischen systematischen Zusammenhang geordnet sind.
(11) Aus jüngster Zeit stammt: Friedo Ricken, Religionsphilosophie, Stuttgart 2003. Ricken geht von der These aus, Religionsphilosophie könne nicht von einem abstrakten Standpunkt aus, sondern nur als Reflexion auf eine gelebte Religion betrieben werden. Das Buch entfaltet daher Sachfragen der Religionsphilosophie anhand von Autoren, die in verschiedenen Traditionen des Christentums stehen. Gemeinsam ist die Abwehr eines rationalistischen Verständnisses von Religion. Von der Gegenwart her soll ein Verständnis der Tradition erschlossen werden: Der Weg führt von Wittgenstein zurück zu Augustinus.
(12) Lesenswerte Einführungen finden sich zum Stichwort "Religionsphilosophie" auch in Nachschlagewerken wie: Religion in Geschichte und Gegenwart / RGG (=evangelisch), Lexikon für Theologie und Kirche / LThK (=katholisch).
So viel zur Annäherung an unser Thema über Einführungsliteratur. Wir versuchen hier systematisch, Klarheit darüber zu schaffen, worüber wir eigentlich reden. Darum müssen wir vorrangig die Frage stellen: Was ist "Religion"?

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