Verena Ofner die historischen romane robert neumanns eine Analyse


Flucht vor der Gegenwart oder antifaschistische Waffe? Die Debatte um den historischen Roman im Exil



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Flucht vor der Gegenwart oder antifaschistische Waffe? Die Debatte um den historischen Roman im Exil

Innerhalb des gesamten Schaffens der deutschsprachigen Schriftsteller, die ins Exil geflohen waren, nahm die Gattung des historischen Romans eine zentrale Stellung224 ein. Vor allem ab der Mitte der 1930er Jahre benutzten immer mehr Autoren das historische Genre für die Darstellung ihrer Anliegen, sodass Günther Heeg für diesen Zeitraum von einer „Wendung zur Geschichte“225 sprechen kann. Auch Günther Mühlberger und Kurt Habitzel dokumentieren in ihrer Datenbank zum historischen Roman ein rapides Anwachsen der Gattung in den 1930er Jahren.226 Insbesonders zwischen den Jahren 1934 und 1939 lässt sich eine Blütezeit des historischen Romans ablesen, danach beginnt die Produktion geschichtlicher Stoffe zugunsten der Behandlung von zeitgenössischen Themen wieder abzunehmen.

Dieser Ansturm auf den Geschichtsroman ist aber keine plötzliche Erscheinung, denn bereits in den 1920er Jahren wurde eine reiche Palette an historischen Werken publiziert. Nach der Erfahrung des Ersten Weltkrieges, der russischen Revolution und der Bildung des österreichischen Staates und der deutschen Republik hatte sich unter den Lesern ein starkes politisches Bewusstsein und ein großes Interesse an der Geschichte herausgebildet. Diesem Bedürfnis nach Erklärung der historischen Prozesse und nach der persönlichen Verortung in der Geschichte scheint der historische Roman jener Zeit nachgekommen zu sein.227

In den Jahren nach 1933 dürften sich diese Bedürfnisse verstärkt haben, sodass sich beinahe alle deutschsprachigen Schriftsteller von Rang dem historischen Genre zuwandten. Die enorme Produktion an Geschichtsliteratur fiel auch den zeitgenössischen Literaturkritikern auf, die über dieses Phänomen geteilter Meinung waren. So brach in den Exilzeitschriften eine rege Debatte über den historischen Roman aus, die sich an der Frage entzündete, ob der historische Roman nach 1933 für die Gegenwart relevant sei und für die antifaschistische Agitation genutzt werden könne. Den Anstoß zu dieser Debatte gab Kurt Hiller, der gegen die realitätsferne Behandlung von Geschichte in derartigen Krisenzeiten wetterte: „Aber wenn das Belletristengezücht mit Büchern über Katharina von Rußland, Christine von Schweden, Josephine von Frankreich, über Ferdinand den Ersten, Philipp den Zweiten, Napoleon den Dritten, den falschen Nero und den echten Peter, mit dieser ganzen [...] Wissenschaft des Nichtwissenwertens dem Publikum Kleister ins Hirn schmiert und uns Verantwortungsschriftstellern, uns Denkmännern, uns Vorbereitern des Morgens die Luft nimmt, so treffe dies Pack von Gestrigen der saftigste Fluch! Fruchtet er nichts, dann macht nur weiter! Es gibt immer noch einige Isabellas, über die kein Roman vorliegt, und auch Ramses der Vierte, Pippin der Mittlere, Winrich von Kniprode, Sultan Suleiman, Melanie die Ausgefallene von Paphlagonien fanden bisher, soweit ich sehe, ihren Monographen nicht. Hitler wird übermorgen Kaiser von Europa sein, weil ihr heute geldgierig und feige vor der Forderung des Tages flieht.228 Hiller wirft den Autoren historischer Romane also eine Flucht in die Vergangenheit und eine Verweigerung des antifaschistischen Kampfes in der Gegenwart vor. Die Exilliteratur solle sich seiner Auffassung nach lieber der politischen Agitation widmen und nicht vor den Anforderungen der Gegenwart davon laufen.


Die Autoren historischer Stoffe wehrten sich gegen diese Vorwürfe von Hiller, da sie ihre historischen Romane sehr wohl als ein Mittel zum Kampf gegen den Faschismus und als eine Möglichkeit zur Behandlung von Gegenwartsproblemen begriffen.

Für Lion Feuchtwanger etwa diente die Geschichte, wie er in seinem Aufsatz „Vom Sinn und Unsinn des historischen Romans“229 schildert, zur Objektivierung der Gegenwart: „Ich habe nie daran gedacht, Geschichte um ihrer selbst willen zu gestalten, ich habe im Kostüm, in der historischen Einkleidung immer nur ein Stilisierungsmittel gesehen, ein Mittel, auf die einfachste Art die Illusion der Realität zu erzielen. Andere haben ihr Weltbild, um es klarer aus sich heraus zu projizieren, in eine größere räumliche Entfernung gerückt, es in irgend einer exotischen Gegend angesiedelt. Ich habe mein (natürlich zeitgenössisches) Weltbild zum gleichen Zwecke zeitlich distanziert, das ist alles.“230 Feuchtwanger meint also mit Hilfe der Geschichte eine bessere und objektivere Betrachtung der Gegenwart erzielen und aktuelle Inhalte deutlicher wiedergeben zu können. Die Geschichte ist für Feuchtwanger demnach nur ein totes Material, in das er eine gegenwärtige Problematik hineinprojiziert.231 Das Vergangene soll auf diese Weise „für die Gegenwart und die Zukunft fruchtbar232 gemacht werden. Aus diesem Grund ist für Feuchtwanger der historische Roman sehr wohl als Mittel im politischen Kampf einsetzbar, auch wenn er in seinen Romanen keine direkten Handlungsempfehlungen gibt, sondern nur zur Änderung des Geschichtsbewusstseins seiner Leser beitragen will. Die historischen Fakten verwendet Feuchtwanger als bloßes Material für seine Romane, mit dem er völlig frei umgehen könne. Dadurch unterscheide er sich vom Historiker: „Was ist denn ein Historiker? Ein Mann, der an der Hand von Fakten Gesetze der Entwicklung der Menschheit aufzuzeichnen sucht. Der Autor historischer Romane aber will, wie wir gesehen, nichts dergleichen aufzeichnen, sondern nur sich und sein Weltbild.“233 Insofern zieht Feuchtwanger „eine illusionsfördernde Lüge einer illusionsstörenden Wahrheit234 vor, um sein Weltbild entsprechend in seinen historischen Romanen umsetzten zu können. Denn für ihn ist ein historischer Roman „in den meisten Fällen glaubwürdiger, bildhaft wahrer, lebendiger und lebendzeugender als eine saubere, exakte Darstellung der historischen Fakten.“235

Auch Alfred Döblin verteidigt in seinem Aufsatz „Der historische Roman und wir“236 die Behandlung geschichtlicher Themen in seinen Werken. Für Döblin besteht zwischen einem „gewöhnlichen“ und einem historischen Roman kein prinzipieller Unterschied: „Der historische Roman ist erstens ein Roman und zweitens keine Historie.“237 Er betont mit diesem Satz den subjektiven Zugang des Schriftstellers zu seinem Material im Gegensatz zum Historiker: „Gebot für den Historiker war: alle Fakten stehen lassen. Der Autor erhält andere Befehle: er durchdenkt und durchtastet Zug um Zug seinen Stoff, und wenn er zugreifen will und zugreift, so wird er nicht getrieben von einem wahnhaften Objektivitätsdrang, sondern von der alleinigen Echtheit, die es für Individuen auf dieser Erde gibt: von der Parteilichkeit des Tätigen.“238 Funktion eines historischen Romans ist nach Döblin die Spezialberichterstattung aus der persönlichen und gesellschaftlichen Realität239, die sowohl die historischen Tatsachen, die „Spitzengeschichte“, als auch Einzelpersonen und gesellschaftliche Zustände, die „Tiefengeschichte“, behandeln müsse. Diese Art der Darstellung sollte seiner Meinung nach in jedem Roman der Fall sein: „Im Sinne einer solchen Tiefengeschichte ist jeder einfache gute Roman ein historischer Roman, und er ist unzweifelhaft, wir können es kontrollieren, echt.“240 Nach Döblin sollte die Auseinandersetzung des Autors mit der Geschichte nicht vom Stoff getrennt sein, sondern „in den Figuren und mit dem Handlungsablauf“241 erscheinen.

Auch Döblin betont wie Feuchtwanger den starken Gegenwartsbezug des historischen Romans, in den „das Feuer einer heutigen Situation242 hineingetragen werden müsse. Gerade im Exil sieht er aus diesem Grund einen starken Zwang zum historischen Genre: „Aber wo bei Schriftstellern die Emigration ist, ist auch gern der historische Roman. Begreiflicherweise, denn abgesehen vom Mangel an Gegenwart ist da der Wunsch, seine historischen Parallelen zu finden, sich historisch zu lokalisieren, zu rechtfertigen, die Notwendigkeit, sich zu besinnen, die Neigung, sich zu trösten und wenigstens imaginär zu rächen.“243 Neben den Gründen für die Behandlung historischer Stoffe beschreibt Döblin in seinem Aufsatz auch die Funktion des historischen Romans im Exil: die antifaschistische Agitation. „Die Entlarvung und Anprangerung dieser ungeheuerlichen Entartung, das ist das Eine, was dem, der heute schreiben will, mit auf den Weg zu geben ist, - als Aufgabe und Kraft, die den Zauberstab bewegt. Es ist das Negative. Positiv: die Autoren haben sich weit aus der Sphäre der Gewalt, der Menschenverachtung und der Grausamkeit zu entfernen. Sie haben die Feigheit und die bequeme Unklarheit zu vermeiden. Das Schreckliche ist nicht um seiner selbst willen aufzusuchen, sondern als abscheulich und entartet zu zeichnen. Der unermüdliche Kampf aller Menschen, besonders der Armen und der Unterdrückten, um Freiheit, Frieden, echte Gesellschaft und um Einklang mit der Natur gibt genug Beispiele für Tapferkeit, Kraft und Heroismus.“244 Das richtige Mittel zur Darstellung der Gegenwart sieht Döblin – ähnlich wie später Hans Vilmar Geppert – in einer experimentellen Schreibweise: „die aktiven, fortschreitenden Schichten drängen heute nach der Berichtseite, die nicht aktiven, beruhigten und gesättigten nach der Märchenseite.“245



Georg Lukács stellt sich in der Debatte um den Sinn des historischen Romans im Exil in seinem Aufsatz „Der Kampf zwischen Liberalismus und Demokratie im Spiegel des historischen Romans der deutschen Antifaschisten“246 ebenfalls auf die Seite der das historische Genre verteidigenden Autoren. „Es ist eine bekannte und auffallende Tatsache, daß in der deutschen antifaschistischen Literatur der historische Roman eine führende Rolle spielt. Es wäre vollständig falsch, hierin eine Abkehr von der Gegenwart und von ihren Kämpfen zu erblicken. Im Gegenteil. Diese historischen Romane sind fast ausnahmslos kriegerische Pamphlete gegen den deutschen Faschismus.“247 Der historische Roman des Exils geht nach der Meinung Lukács also in die Offensive über und definiert sich als Waffe im Kampf gegen den Faschismus. Allerdings ortet Lukács, wie schon zuvor beschrieben, einen groben Mangel in der Darstellung der Geschichte durch die exilierten Autoren: „Es handelt sich um den Kampf zwischen der liberalen und der demokratischen Weltanschauung in der Seele der Volksfrontschriftsteller.“248 Dieser Kampf ist für ihn in den historischen Romanen der Exilautoren deutlich ablesbar, wobei „liberal“ mit der von ihm angeprangerte Entfremdung vom Volk gleichzusetzen ist: „Die Schriftsteller beschäftigten sich weitgehend nur mit den seelischen Problemen der oberen Schichten. Die großen Fragen des Volkslebens, die grundlegenden Probleme des gesellschaftlichen und politischen Lebens lagen lange Zeit außerhalb des Themenkreises der führenden deutschen Literatur.“249 Der Kampf gegen den Faschismus ist nach Lukács aber nur mit einer demokratischen Einstellung zu gewinnen, zu der die antifaschistischen Schriftsteller in der Emigration zu langsam ihren Weg fänden: „Aus Deutschland sind etliche liberal-pazifistische Humanisten vor Hitler geflohen – und erst in der Emigration begannen sie den Weg der revolutionären Demokratie zu betreten. Dieser Weg bedeutet den Weg zum Volke, das neuerwachte Vertrauen in die Kraft und in die Instinktsicherheit des Volkes. Es bedeutet die wachsende Erkenntnis, daß nicht nur die wirklichen Ergebnisse des politischen Lebens von der Aktivität des Volkes hervorgebracht werden, sondern daß auch die wirklichen Gipfelpunkte der Kultur aus dem Volksleben herauswachsen.250 Kernpunkt dieser neuen Literatur sollte nach Lukács die Wendung zum Volk sein, also die Bearbeitung der Geschichte in Verbundenheit mit dem Leben und der Entwicklung des deutschen Volkes. „Die Größe des Volkes, die Größe des aus ihm gewachsenen, in ihm wurzelnden Menschen in den großen Krisen der Geschichte: das ist das Wesen des klassischen historischen Romans, die Grundlage seiner Wirkung in der ganzen Welt.“251 Bei der Gestaltung dieser Volksverbundenheit ist ihm die Anlehnung an das klassische Erbe des historischen Genres besonders wichtig. Lukács lehnt etwa die von Döblin bevorzugte moderne Erzählweise ab und bevorzugt die realistische Gestaltung des historischen Stoffes252, die ihm in den Romanen des Exils fehlt. „Aber die künstlerische Komposition dieser Romane ist zumeist noch modern, ist durchsetzt von den falschen, volksfremden liberalen Traditionen der vergangenen Periode: sie ist noch nicht volkstümlich, noch nicht demokratisch. Hier ist ein scharfer Widerspruch zwischen dem politischen und weltanschaulichen Wollen der Verfasser und ihrer künstlerischen Gestaltungsweise sichtbar.“253
Überblickt man diese Stellungnahmen zum Sinn des historischen Romans in der Emigration, so lässt sich erkennen, dass alle Autoren in ihren theoretischen Abhandlungen den Gegenwartsbezug und die antifaschistische Ausrichtung ihrer Werke betonen. Sie sind überzeugt, trotz der geschichtlichen Thematik die aktuellen Fragen ihrer Gegenwart in ihren Werken umzusetzen und damit der „Forderung des Tages“, wie es Hiller formulierte, gerecht werden zu können. Hervorgehoben wird bei ihnen auch der subjektive Zugang zu den geschichtlichen Fakten, die von den Autoren im Gegensatz zum Historiker ganz nach der persönlichen Intention eingesetzt und gestaltet werden. Dies zeigt, dass bei den historischen Romanen des Exils nicht die objektive Schilderung der Geschichte, sondern die Behandlung der aktuellen Thematik im Vordergrund steht.

Eine unterschiedliche Meinung zeigt sich nur in stilistischen Fragen. Während Döblin eher experimentelle Formen bevorzugt, plädiert Lukács für eine realistische Darstellungsweise des historischen Stoffes. Damit zeichnet sich bereits die Frage nach den Gestaltungsmöglichkeiten im Exil ab, die von traditionell-realistischen bis hin zu experimentell-modernen Erzählformen reichen können.






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