Verena Ofner die historischen romane robert neumanns eine Analyse


Von liberaler Handhabung zur Internierung: die britische Flüchtlingspolitik



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Von liberaler Handhabung zur Internierung: die britische Flüchtlingspolitik

Die Haltung der britischen Behörden gegenüber den vor dem Nationalsozialismus geflohenen Emigranten erwies sich in den Jahren zwischen 1933 und 1945 als sehr zwiespältig und bipolar: Zwar galt England traditionellerweise als ein ausgesprochen offenes und einreisefreundliches Land – zum Beispiel war zwischen den Jahren 1826 und 1905 die Einreise völlig frei - , als aber aufgrund einer großen Einwanderungswelle von russischen Juden um das Jahr 1905 die öffentliche Opposition zu dieser liberalen Flüchtlingspolitik stieg, führten die britischen Behörden erste Verordnungen zur Reglementierung des Zuwanderungsstroms ein.174

Das erste dieser Gesetze war das sogenannte „Einwanderungsgesetz“, das im selben Jahr verabschiedet wurde und den britischen Grenzbeamten die Abweisung von unerwünschten Einwanderern wie Kranken, finanziell Schwachen und Kriminellen gestattete. Die Ausländerzahlen sanken aufgrund dieser Verordnung sofort. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges verschärfte England seine Einreisebestimmungen, zudem wurden die Rechte der bereits in Großbritannien ansässigen Ausländer eingeschränkt. Sie alle mussten sich polizeilich registrieren lassen, ungefähr 40 000 deutsche Einwanderer wurden während des Krieges sogar interniert.175 Diese restriktive Gesetzgebung verstärkte sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges mit dem „Aliens Restriction Act“ von 1919 und der „Aliens Order“ von 1920 nochmals: Einwanderer, sofern sie keinen ausreichenden Unterhalt nachweisen konnten, durften das Land ab sofort nur mehr mit einer Genehmigung des Arbeitsministeriums betreten.176

Aufgrund der rigiden Einwanderungsbestimmungen zählte England in den ersten Jahren der Emigration nicht zu den besonders beliebten Exilländern. Von allen demokratischen Staaten Europas hatte es bis 1938 die wenigsten Flüchtlinge - Jan Hans spricht von nur etwa 8000 Emigranten177 - aufgenommen. Gründe dafür liegen vor allem in der wirtschaftlich angespannten Situation Englands, das nach der Weltwirtschaftskrise selbst mit ökonomischen Problemen und Arbeitslosigkeit zu kämpfen hatte. Die Flüchtlinge wurden in dieser Lage nur als zusätzlicher Ballast für die Wirtschaft empfunden. Außerdem fürchtete die Regierung bei einer Steigerung der Ausländerzahlen negative Reaktionen der Bevölkerung. Außenpolitisch setzte England zu dieser Zeit gegenüber Deutschland seine Appeasement-Politik fort, der eine zu großzügige Aufnahme von Flüchtlingen vielleicht geschadet hätte. Aus diesen Gründen versuchte England den Strom der Emigranten durch Kontrollen und durch strikte Verordnungen möglichst klein zu halten. Eine illegale Einreise war aufgrund der Insellage fast unmöglich.

Als im Jahr 1938 durch die beginnende Expansion des Deutschen Reiches der Andrang an den Grenzen Englands erneut stieg, beschloss die britische Regierung die Einführung eines Visa-Systems, um den Flüchtlingsstrom zu reglementieren und zu steuern. Nur jene Flüchtlinge, die dem Land von Nutzen sein konnten, sollten aufgenommen werden. Nicht humanitäre oder moralische Überlegungen sondern nur der Nutzeffekt für das eigene Land standen bei dieser „Flüchtlingsauslese178“ im Vordergrund.

Zusätzlich war die Genehmigung eines Visums an ein generelles Arbeitsverbot, an die Pflicht zur Weiterreise in ein anderes Land und an den Nachweis einer sogenannten „Garantiesumme“ zur finanziellen Absicherung des Flüchtlings gekoppelt.179 Nur wenige Emigranten konnten dabei auf eigene Ressourcen zurückgreifen oder auf englische Verwandte, Freunde oder Bekannte zählen, die meisten waren auf den Beistand der verschiedenen Hilfsorganisationen angewiesen. Etwa zwanzig Organisationen, zum Teil mit verschiedenen Schwerpunkten, subsumierten sich unter dem 1938 gegründeten Dachverband des „Coordinating Comitee for refugees“. Sie setzten sich für die Rettung der Menschen aus den Problemzonen ein und kümmerten sich um ihre materielle und psychische Versorgung. Da sich die Organisationen moralisch dazu verpflichtet sahen, möglichst vielen Menschen zu helfen, waren ihre finanziellen Möglichkeiten aber bald erschöpft. Der englische Staat leistete keinerlei materielle Unterstützung für die Flut an Emigranten, sondern bürdete Privatpersonen und –institutionen die gesamte finanzielle Last auf. Hans-Albert Walter vermutet in dieser Vorgehensweise der englischen Behörden ein bewusstes Regulativ um die Zulassungsquote niedrig zu halten.180


Außenpolitisch hielt England auch nach der Annexion Österreichs an seiner „Appeasement“-Politik fest und setzte sogar noch die Abtretung der Sudetenländer an Hitlerdeutschland durch.181 Erst die Novemberpogrome im Deutschen Reich führten zu einem Umschwung in der Haltung der englischen Regierung, da die britische Öffentlichkeit und das Parlament sich für die rasche Ermöglichung einer vorübergehenden Zuflucht in England einsetzten. Die Neuankömmlinge wurden in provisorischen Massenquartieren wie dem „Kitchener Camp“ untergebracht, von wo aus sie in andere Länder weitergeleitet werden sollten, zahlreiche Spendenaktionen wurden organisiert.

Damit machte sich in der britischen Asylpolitik und -praxis innerhalb weniger Monate in den Jahren 1938/39 ein gravierender Wandel bemerkbar: Waren bis 1938 nur etwa 8000 Flüchtlinge aufgenommen worden, so stieg diese Zahl Anfang 1939 bereits auf 20 000, beim britischen Kriegseintritt befanden sich 50 000 Deutsche und Österreicher, sowie 6000 Tschechen im Land. Am internationalen Standard gemessen verhielt sich England in dieser problematischsten Phase der Emigration im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, die ihre Grenzen verschlossen, sehr großzügig. Auch die Stellung der Exilanten war in England besser als in vergleichbaren europäischen Ländern182. Die Flüchtlinge wurden als Opfer der eigenen Appeasement-Politik gesehen, der Antisemitismus und der Antigermanismus hielten sich in Schranken.

Der Erwerb der britischen Staatsbürgerschaft war für die meisten Emigranten zu diesem Zeitpunkt jedoch aussichtslos, da ein fünfjähriger, ununterbrochener Aufenthalt und die Beherrschung der Landessprache für eine Bewilligung erforderlich waren.
Der Eintritt Englands in den Zweiten Weltkrieg im September 1939 brachte in der britischen Flüchtlingspolitik allerdings eine abrupte Abkehr von den eben erst gepflogenen liberalen Tendenzen mit sich. Alle ausgestellten Visa verloren ihre Gültigkeit, die im Land befindlichen Emigranten wurden als „enemy aliens“, also als feindliche Ausländer, eingestuft. Darunter war eine Person zu verstehen, „die weder britischer Staatsbürger ist noch unter britischem Schutz steht, und die Nationalität eines Staates besitzt, der sich im Kriegszustand mit Seiner Majestät befindet.“183 Sie mussten sich vor sogenannten „Ausländertribunalen“ verantworten, die die Loyalität der Emigranten gegenüber ihrem Gastland prüfen und verdächtige Personen ausfindig machen sollten.

Für die Beurteilung der Flüchtlinge wurde ein dreistufiges Klassifizierungssystem184 eingeführt. Die Kategorie A war für jene Personen vorgesehen, an deren Loyalität Zweifel bestanden und damit ein mögliches Sicherheitsrisiko darstellten. Sie wurden unverzüglich interniert. In die Kategorie B wurden jene Emigranten eingestuft, deren Loyalität nicht klar eruiert werden konnte. Sie wurden zwar nicht interniert, mussten sich aber bestimmten Beschränkungen im Alltagsleben unterwerfen, beispielsweise war ihnen der Besitz von Automobilen, Fotoapparaten und Landkarten untersagt. Unter die Kategorie C fielen jene Personen, die sich vor den Tribunalen klar als „einfache“ Flüchtlinge ausweisen konnten. Ihnen wurden keinerlei Beschränkungen auferlegt. Insgesamt wurden rund 73 350 Emigranten von den Tribunalen überprüft, davon nur etwa 570 Personen der Kategorie A und 6780 Fälle der Kategorie B zugeordnet.185 Der überwiegende Großteil der Flüchtlinge blieb also von Restriktionen oder Internierungen verschont, ein Zeichen für den zunächst noch liberalen Umgang mit den „enemy aliens“. Im November 1939 wurde von der britischen Regierung sogar die allgemeine Arbeitserlaubnis für alle Personen der Kategorie C angedacht, außerdem sollten finanzielle Unterstützungen im kommenden Jahr eingeführt werden.


Mit den beunruhigenden Ergebnissen am Schlachtfeld begann die Stimmungen gegenüber den Emigranten allerdings zu kippen. Die britischen Boulevardblätter brachten die militärischen Misserfolge der Alliierten mit den „inneren Feinden“ in Zusammenhang und schürten damit vor allem nach der deutschen Invasion in Skandinavien die Angst vor Spionen und Saboteuren im eigenen Land. Auch die britischen Behörden und das Parlament wurden für die fremdenfeindliche Stimmung der Bevölkerung empfänglicher und überlegten nervös mögliche Maßnahmen gegen die „enemy aliens“. Der deutsche Angriff gegen den Westen im Mai 1940 brachte schließlich die Entscheidung für eine Umstellung der liberalen Flüchtlings- auf strikte Internierungspolitik.186 Am 15. Mai ordnete die britische Regierung die Festnahme und Internierung aller Männer der Kategorie B an, kurz darauf folgte die Internierung der B-Frauen. Für alle C-Personen wurden ähnliche Restriktionen erlassen, wie sie zuvor für die Kategorie B gegolten hatten. Die Kapitulation Frankreichs leitete schließlich auch die Internierung der C-Männer im Juni 1940 ein.

Anhand dieser Vorgehensweise zeigt sich die enge Verbindung der Maßnahmen mit den politischen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges. Die Nervosität Englands, die mit den militärischen Misserfolgen stieg, schien sich direkt auf die Flüchtlingspolitik auszuwirken. So wurden am Höhepunkt der Internierungen rund 27 000 Menschen von den englischen Behörden in den verschiedenen Lagern festgehalten.187



Da die Regierung die Anzahl der Internierten unterschätzt hatte, mussten zusätzlich einige provisorische Camps errichtet werden. Dementsprechend problematisch waren in den meisten dieser Lager die hygienischen Umstände und die Verpflegung der Internierten. Zusätzlich waren Zeitungen und Informationen gerade in der Phase des für England dramatischsten Kriegsgeschehens verboten, teilweise wurden die Emigranten auch mit deutschen Kriegsgefangenen zusammengelegt, was zu einigen Auseinandersetzungen und Protesten führte. Die meisten Inhaftierten wurden schließlich auf die Insel Man verlegt, die bereits im Ersten Weltkrieg als Internierungsstätte gedient hatte. Auch Robert Neumann, der aufgrund eines Rechtsstreites mit einem englischen Verlag in die Kategorie B eingestuft worden war, wurde dorthin gebracht: „Unser Lager bestand aus einer Gruppe halbverfallener Hotelchen und Pensiönchen am Meeresstrand, sie hatten schon lange zuvor Bankrott gemacht, aber jetzt kaufte sie der englische Staat und zog um sie einen doppelten Stacheldraht. Das war das Lager.“188 In diesen Lagern besserten sich die Zustände für die Internierten beträchtlich, der Umgang zwischen Bewachern und Bewachten war fair, die Internierten konnten sich selbst verwalten und viele handwerkliche, kulturelle und sportliche Aktivitäten organisieren189. Robert Neumann etwa beteiligte sich an der Herausgabe der Lagerzeitung „Mooragh Times“. Die Internierung stellte natürlich für alle Betroffenen trotz der humanen Bedingungen und den vielfältigen, selbst ins Leben gerufenen Beschäftigungen eine schwere psychische Belastung dar.
Aufgrund der Platznot in den englischen Lagern bemühte sich die britische Regierung bald um eine Verschickung der Internierten in die Dominions in Übersee. Nach längeren diplomatischen Verhandlungen erklärten sich Kanada und Australien zur Aufnahme eines Teils der inhaftierten Emigranten bereit. So liefen im Juni und Juli 1940 fünf Deportationsschiffe aus, von denen ein Schiff rund 2500 Internierte nach Australien brachte, die restlichen vier Schiffe sollten rund 5800 Internierte nach Kanada überführen. Eines dieser Schiffe, die „Arandora Star“, wurde jedoch von einem deutschen Unterseeboot torpediert und sank. Dabei ertranken etwa 650 Menschen, nur 450 konnten bei diesem Unglück gerettet werden. Auf den anderen Transporten herrschten zum Teil katastrophale Bedingungen, da die Schiffe komplett überladen waren und Flüchtlinge gemeinsam mit Kriegsgefangenen verschifft wurden. Auf der Fahrt nach Australien kam es beispielsweise sogar zu Plünderungen seitens der Besatzung.190 Als die kanadischen und australischen Behörden nach der Ankunft der Internierten bemerkten, dass es sich großteils nicht - wie von ihnen angenommen - um nationalsozialistische Verbrecher sondern um Flüchtlinge vor dem NS-Regime handelte, und sich bei der britischen Regierung beschwerten, organisierte diese Ende 1940 die ersten Rücktransporte der Deportierten nach England.
Nach Bekanntwerden der Schiffskatastrophe der „Arandora Star“ begann sich die öffentliche Meinung über die Emigranten erneut zu wandeln, auch das Unterhaus debattierte über den Sinn der Internierungen und beschloss schließlich die Revision der bereits erfolgten Maßnahmen, die sich im Gegensatz zu den überhasteten Internierungen als sehr schwierig und langwierig erwies.191 Vor allem die Rücktransporte aus den Lagern in Übersee ließen sehr lange auf sich warten. Ende 1940 waren insgesamt erst um die 10 000 Internierte, also etwas weniger als die Hälfte, freigelassen worden.

Die britische Regierung bemühte sich, die Entlassenen in die britische Kriegswirtschaft zu integrieren, da die Internierungen eine erhebliche finanzielle Belastung bedeutet hatten und die Angehörigen der Gefangenen zumeist auf finanzielle Unterstützungen durch den britischen Staat angewiesen waren. Zu diesem Zweck wurde im Juli 1941 ein Arbeitsvermittlungsamt eröffnet, das Emigranten die Arbeitssuche erleichterte und Umschulungsprogramme anbot. Ende 1941 konnten bereits 82 Prozent der registrierten Männer und 60 Prozent der Frauen zwischen 16 und 65 Jahren am Arbeitsmarkt untergebracht werden.192 Für viele bedeutete dies den Startschuss für die erfolgreiche Integration in das Gastland.


Überblickt man die Entwicklung der britischen Flüchtlingspolitik in den Jahren der Emigration vor dem Nationalsozialismus, so zeigt sich ein permanentes Pendeln zwischen xenophobischen Einschränkungen und liberaler Gastfreundschaft. Vor allem die öffentliche Meinung und die Stimmungsschwankungen in der Bevölkerung beeinflussten die Politik der Regierung, die auf Kosten der Flüchtlinge Zugeständnisse an die emotionale Lage der Bürger machte. Insgesamt kann die britische Flüchtlingspolitik als eine „Politik ‚der halboffenen Tür‘“193 eingeschätzt werden, da England grundsätzlich zwar sehr strikte Einreisebestimmungen anwandte, aber gerade in den kritischen Jahren 1938 und 1939, als viele andere Länder die Grenze dicht gemacht hatten, sich zu einer breiten Unterstützung und Aufnahme der Flüchtlinge aus den von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten bereit erklärte.

Literarisches Leben und Produktionsbedingungen im britischen Exil
Wie die Gesamtheit der Flüchtlinge litten natürlich auch die Schriftsteller, die nach England emigriert waren, unter den existenzbedrohenden Bedingungen des Exils. Sie waren ebenfalls mit juristischen Problemen, dem „enemy alien“-Status, den Internierungen und den damit verbundenen psychischen Belastungen konfrontiert. Besonders hart traf die emigrierten Autoren allerdings der mit der Flucht einhergehende Wechsel in ein anderes Sprachgebiet und der Verlust der gewohnten sprachlichen und kulturellen Umgebung. Da die Autoren durch diesen Wechsel nicht nur ihr angestammtes Publikum verloren, sondern in fast allen Fällen wieder in die Anonymität zurückschlitterten, bedeutete dies einen direkten Angriff auf die „Wurzel ihrer kulturellen, materiellen und psychischen Existenz194. Fast alle Autoren hatten aufgrund eines nur unsicheren und schwankenden Einkommens mit einer Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse und materiellen Problemen zu kämpfen.

Verdienstmöglichkeiten ergaben sich für die emigrierten Schriftsteller natürlich in erster Linie im journalistisch-literarischen Bereich. Innerhalb Englands war die Veröffentlichung eines deutschsprachigen Buches allerdings sehr unwahrscheinlich. Die wenigen in Großbritannien ansässigen Verlage nahmen das finanzielle Risiko einer deutschsprachigen Publikation selten auf sich, zeigten aber eine große Bereitschaft, Bücher von emigrierten Autoren in englischer Übersetzung zu publizieren.195 Deutschsprachige Bücher wurden nur von den kleinen Verlagen der Emigrantenorganisationen wie dem „Free Austrian Books“-Verlag des „Austrian Centres“ oder dem „Verlag der österreichischen Jugend“ veröffentlicht. Die meisten nach England emigrierten Autoren bemühten sich daher, ihre Bücher außerhalb ihres Gastlandes in einem der bekannteren Exilverlage zu veröffentlichen. Die Verdienste waren jedoch auch hier eher kläglich, da die Bücher aufgrund der niedrigen Auflagen – die durchschnittliche Produktionsgröße lag um die 3000 Stück196 - zu höheren Preisen verkauft werden mussten und die Verlage mit einem Preis-Dumping, das Joseph Goebbels mit innerhalb Deutschlands konfiszierten Büchern in den europäischen Ländern veranstaltete, zu kämpfen hatten. Zusätzlich gingen mit der Expansion des Dritten Reiches immer größere Teile des deutschsprachigen Publikums verloren.

Viele Schriftsteller versuchten auch, Artikel in den verschiedenen, in fast allen Gastländern erscheinenden deutschsprachigen Zeitschriften zu veröffentlichen. In England war die deutschsprachige Publizistik beispielsweise mit mehreren Blättern vertreten, etwa mit der „Zeitung“, die ab März 1941 zunächst täglich, ab 1942 wöchentlich erschien. Den finanziellen und herausgeberischen Hintergrund für die Zeitschriften lieferten meist die verschiedenen Emigrantenorganisationen. So zeichnete sich etwa das „Austrian Centre“ für den „Zeitspiegel“ und die „Österreichischen Nachrichten“ verantwortlich, die Sozialisten gaben die „London-Information“ heraus.197 Insgesamt waren die Verdienstmöglichkeiten auf dem journalistischen Sektor aber eher gering, da ein Überschuss an Mitarbeitern und Anbietern von Artikeln vorhanden war und nur niedrige Honorare ausbezahlt werden konnten.198

Einige emigrierte Autoren versuchten sich als Übersetzer von deutschsprachigen Werken, aber auch hier war die Konkurrenz zu den einheimischen Kollegen sehr groß und die Honorare nicht allzu hoch. 199 Ökonomisch einträglich gestalteten sich hingegen Lesungen, Vorträge und Vortragsreisen in den Gastländern, wofür allerdings ein gewisser Bekanntheitsgrad und gute Kenntnisse in der Landessprache erforderlich waren. Stimmten diese beiden Voraussetzungen, so konnten die emigrierten Autoren durchaus mit einem guten Nebeneinkommen rechnen.200

Ein weiteres journalistisches Arbeitsgebiet bot sich Schriftstellern in der Mitarbeit in der englischsprachigen Presse und dem britischen Rundfunk. Doch stießen die Emigranten hier ebenfalls auf Sprachbarrieren und eine starke einheimische Konkurrenz, sodass nur wenige auf eine regelmäßige Mitarbeit zählen konnten. Bessere Möglichkeiten als in der Presse gab es bei der BBC, nachdem die britische Regierung zu Propagandazwecken deutschsprachige Programme und ab dem Jahr 1942 einen eigenen „Österreich-Dienst“ in den Sendebetrieb aufgenommen hatte. Allerdings war die Chance, etwas veröffentlichen zu können, eher gering, wie sich Robert Neumann beschwerte: „Ich [...] schrieb für die BBC, deutsch, von fünfzig Dingen, die ich schrieb, brachten sie fünf [...].“201 Einige Autoren betätigten sich auch am Sektor des Spielfilms, wo die Verdienste sehr einträglich sein konnten. Viele Projekte wurden jedoch abgelehnt.202

Sogar das Theater wurde im Exil weitergeführt: Kleine Theatergruppen wurden aufgebaut, die in Form von Wanderbühnen deutschsprachige Stücke zur Aufführung brachten. Allerdings war die Spieldauer meist sehr kurz, da das nötige Publikum fehlte und die Kosten für die Ausstattung und die Kostüme meist nicht gedeckt waren. Ein erfolgreiches Exiltheater war etwa das „Laterndl“, das von österreichischen Emigranten im Londoner Exil betrieben wurde.203

Trotz dieser vielen unterschiedlichen Verdienstmöglichkeiten, die es scheinbar für die emigrierten Schriftsteller gab, litten fast alle Autoren aufgrund eines schwankenden und unsicheren Einkommens unter materiellen Problemen. Meist waren Nebenverdienste oder überhaupt die Annahme einer berufsfremden Arbeit für die Finanzierung des Lebensunterhaltes notwendig. Vielfach übernahmen die Ehepartner die Versorgung der gesamten Familie.204 Robert Neumann etwa war zu manchen Zeiten ganz auf den Verdienst seiner Ehefrau angewiesen: „Da saß ich und tat nichts und verdiente im Jahr 1940 acht Pfund und elf Schillinge und im Jahr 1941 zweiundzwanzig Pfund und im Jahr 1942 - . Hätte B. [seine zweite Frau Franziska Becker, Anm.] nicht ihr Amt gehabt, wir wären verhungert.“205 Teilweise waren die Schriftsteller überhaupt auf die finanzielle Unterstützung der verschiedenen britischen Hilfsorganisationen oder auf Solidaritätsakte der besser verdienenden Kollegen angewiesen.

Der Großteil der nach England emigrierten Autoren lebte also am Existenzminimum und musste sich ständig mit materiellen Problemen herumschlagen. Weltweit lebte nur ein knappes Dutzend deutschsprachiger Autoren ohne finanzielle Nöte und verfügte über Wohlstand und materielle Annehmlichkeiten.206


Die Exilerfahrung in ihrer Gesamtheit, also der Schock des Verlusts der heimatlichen Existenz, das Trauma der Flucht und der Kampf ums tägliche Leben im Exil, beeinflusste natürlich die Produktionsweise, den Inhalt und die Form der in der Emigration geschriebenen Literatur.

Als eines der Hauptprobleme der Schriftsteller erwies sich die Sprache selbst, da es mit dem lang andauernden Wechsel in ein anderes Sprachgebiet und der damit verbundenen Trennung von der gewohnten muttersprachlichen Umgebung zu Unsicherheiten in der eigenen Sprache kam und sich mit der immer stärkeren Anpassung an das Gastland für viele Autoren die Frage stellte, in welcher Sprache sie schreiben sollten: in ihrer angestammten oder in ihrer neu erworbenen Sprache? Für die meisten Autoren wäre die Aufgabe der Muttersprache einem Identitätsverlust und dem Abstreifen der eigenen Geschichte und Kultur gleichgekommen, weshalb die Autoren, um ihr Erbe zu bewahren, an der deutschen Sprache festhielten. „Die Entscheidung für die Muttersprache war zwar eine Entscheidung gegen die künstlerische Selbstaufgabe, aber zugleich der Entschluß zu einer künstlerischen Gratwanderung. Die Absturzgefahr war um vieles größer geworden als im Herkunftsland, wo die Verbindung mit dem literarischen Leben und die Einbettung in den ununterbrochenen sprachlichen Kommunikationszusammenhang dem Autor ständig Kontrollmöglichkeiten zuspielte, seine sprachliche Artikulation ständig von dem allgemeinen Wachstums- und Veränderungsprozeß der Sprache her bereicherte.“207 Der fehlende Kontakt zum Heimatland barg also die Gefahr der „Erstarrung und Mumifizierung208 der Muttersprache mit sich. Dies äußerte sich meist entweder in einer Verarmung der sprachlichen Mittel oder in einer übertriebenen Hochstilisierung des Deutschen.

Den Wechsel in die englische Sprache riskierten die emigrierten Autoren meist aus wirtschaftlichen Gründen oder um sich auch sprachlich an England zu assimilieren und sich endgültig vom Heimatland abzuwenden. Allerdings kämpften die Autoren, die vor der Emigration meist nicht oder nur kaum Englisch sprechen konnten, mit der Beherrschung der Sprache. Robert Neumann etwa wechselte 1942 mit seinem Buch „Scene in Passing“ ins Englische, das von den Kritikern aufgrund seiner unfreiwillig originellen Diktion209 gelobt wurde: „Es war [...] in einer Sprache geschrieben, die Nichtengländer für englisch halten, Engländer für >irgendwoher von den Äußeren Hebriden vielleicht< oder amerikanisch, Amerikaner ebenfalls für amerikanisch >aber nicht dorther, wo ich zu Hause bin – Amerika ist ein großes Land!<210 Oft führte aber die Verwendung von beiden Sprachen – Englisch zur Kommunikation im Alltag, Deutsch bei der literarischen Arbeit - zu einer Vermischung und einer Wechselwirkung zwischen alter und neuer Sprache. „Bei den Exulanten hat sich ein sprachliches Selektionsorgan herausgebildet, das, Sicherheit in der neuen und Unsicherheit in der angeborenen Sprache paradox vereinend, ein in sich gebrochenes, neues Idiom kreiert.“211 Derartige Interferenzen zeigen sich etwa auch bei den späteren, wieder auf Deutsch geschriebenen Werken von Robert Neumann, in die er zahlreiche englische Ausdrücke eingefügt hat.

Manche Autoren, vor allem junge und in ihrem Heimatland noch unbekannt gebliebene, verstummten im Exil angesichts der Sprachprobleme und der finanziellen Nöte gänzlich.


Der exilierte Autor stand mit seiner literarischen Produktion also in einem doppelten Spannungsfeld: Einerseits pendelte er zwischen den beiden Polen Heimatland und Gastland, gleichbedeutend mit Vergangenheit und Gegenwart, andererseits zwischen den beiden Extremen Assimilation und Isolation.212 Aus diesem Dilemma sieht Elisabeth Bronfen drei mögliche Auswege: „Erstens die Identifikation mit dem Status oder der Existenz als Exilierter, wobei die Gefahr besteht, daß jede Akkulturation verweigert und der Zustand des Verlustes fetischiert wird; zweitens die Identifikation mit dem Land, das ihn aufgenommen hat, was im besten Fall zu einer Einbürgerung führt; drittens die Identifikation mit dem Ursprungsland, das ihn ausgestoßen hat, wobei die Gefahr einer Erstarrung in Nostalgie besteht.“213 So unterschiedlich diese drei Typen auch sein mögen, so verbindet sie doch ein gemeinsamer Nenner: Die Suche nach der eigenen Identität im Spannungsfeld zwischen Heimat und Gastland beziehungsweise Vergangenheit und Gegenwart, in das die Autoren aufgrund des Exils gestoßen worden waren. Diese Identitätssuche bedingte bei allen Schriftstellern das Überdenken der eigenen literarischen Praxis und einen neuen Selbstentwurf im Exil.
Zum Austausch, zur Hilfe und zur gemeinsamen Bewältigung und Überbrückung des Exils errichteten die Emigranten zahlreiche Organisationen. Die nach England emigrierten Schriftsteller gründeten den 1938 in Österreich aufgelösten P.E.N.-Club in London mit Franz Werfel als Präsidenten, Sigmund Freud als Ehren-Präsidenten und Robert Neumann als geschäftsführenden Sekretär neu.214 Im Zentrum der P.E.N.-Aufgaben stand vor allem die humanitäre Hilfe für die geflüchteten Autoren wie etwa die Beschaffung eines Visums und einer Unterkunft sowie die Vermittlung von Arbeitsmöglichkeiten und Berufsverbindungen.215 Natürlich war der österreichische Exil-P.E.N.-Club vor allem auch ein Ort des kulturellen Kontaktes und Austausches unter den Schriftstellern, wie zum Beispiel die Organisation der „Ersten österreichischen Kulturkonferenz“, die unter der Leitung des P.E.N.-Clubs stand.

Aber auch andere, aus dem politischen Bereich kommende Organisationen216 setzten sich für die Fortführung des kulturellen Lebens und die Bewahrung der österreichischen Kultur im Exil ein. Die bedeutendste dieser politischen Exilorganisationen war das im Jahr 1939 gegründete „Austrian Centre“217, das, auch wenn es von den Kommunisten, die als die aktivsten unter den österreichischen Parteien gelten konnten, initiiert wurde, als überparteilich angesehen werden konnte. Das „Austrian Centre“ stellte für die österreichischen Emigranten eine eigene Bibliothek, einen Leseraum und ein Restaurant zur Verfügung, gab eine eigene deutschsprachige Zeitschrift heraus und trat mit zahlreichen kulturellen Veranstaltungen in Erscheinung.

Im Jahr 1941 rief das „Austrian Centre“ zur Bildung des „Free Austrian Movements“218 auf, das sich schließlich aus insgesamt elf Exilorganisationen konstituierte. Seine Ziele waren primär politische wie die Nichtanerkennung der österreichischen Annexion, die Sicherung der österreichischen Autonomie, die Mobilisierung der exilierten Österreicher zur Unterstützung des alliierten Kampfes, die Änderung des „enemy alien“-Status, aber auch die Garantierung kultureller Arbeit. So veranstaltete das „Free Austrian Movement“ regelmäßig Vorträge, Lesungen, Kabarett- und Theaterabende. Aufgrund seiner weitreichenden Tätigkeit erfreute sich das „Free Austrian Movement“ ständigen Zulaufs. Ende 1943 konnte es bereits die Mitarbeit von 27 Organisationen, darunter des österreichischen Exil-P.E.N.-Clubs, und die Mitgliedschaft von 7000 Personen verzeichnen. Im Jahr 1944 weitete sich die Vereinigung zum „Free Austrian World Movement“ aus, der größten Exilorganisation weltweit mit 25 000 Mitgliedern. Neben der zentralen Arbeit für die österreichischen Flüchtlinge fungierte das „Free Austrian World Movement“ vor allem auch als Sprachrohr für die Schaffung eines österreichischen Bewusstseins und die Formulierung von Nachkriegskonzeptionen für einen unabhängigen österreichischen Staat.219
Zusammenfassend lassen sich im literarischen Exil in Großbritannien zwei Entwicklungsphasen erkennen: Bis zum Jahr 1938 hatte England aufgrund der geringen Zahl an Emigranten, die von den strikten Einreisebestimmungen abgehalten wurden, keine sehr große Bedeutung als literarisches Exil. Kulturpolitische Infrastruktur hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt kaum gebildet, Exilzeitschriften, Verlage und kulturelle Einrichtungen fehlten. Aus diesem Grund orientierten sich die in England ansässigen Autoren eher am Kontinent, um dort in den bekannteren Exilverlagen ihre Werke zu veröffentlichen. Einigen Autoren gelang es aber auch, ihre Werke innerhalb Englands zu publizieren, meist aber nur in englischer Übersetzung, die sie entweder – vor allem mit der längeren Dauer des Exils – selbst anfertigten oder von professionellen Übersetzern bearbeiten ließen.220

Ab 1938 wurde England aufgrund der politischen Ereignisse und der nunmehr geänderten, liberaleren Einreisebestimmungen zum wichtigsten Asylland in Europa. Nun gründeten die Exilanten die ersten Kulturzentren: Die Österreicher eröffneten das „Austrian Centre“ und später das „Free Austrian Movement“, die Deutschen den „Deutschen Kulturbund“, gaben deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften heraus und organisierten kulturelle Veranstaltungen, wodurch die Kommunikation der nach England emigrierten Künstler ermöglicht wurde.221 Da mit der Expansion des Dritten Reiches die Verlagssituation am Kontinent immer problematischer wurde, begannen viele ursprünglich deutschsprachige Autoren in Englisch zu schreiben, da auf diese Weise eine Veröffentlichung leichter zu erreichen und die Verdienste einträglicher waren. Problematisch war nur die mangelnde Perfektion in der Sprachbeherrschung, da muttersprachliche Leser den „accent“, der den meisten emigrierten Autoren trotz des langen Aufenthaltes in England anhaftete, bemerkten.222

Robert Neumann durchlief genau diesen Weg. Seine ersten Werke, die er im britischen Exil verfasste, schrieb er noch in deutscher Sprache und veröffentlichte sie deutschsprachig in Verlagen am Kontinent, in England in englischer Übersetzung. Ab dem Jahr 1942 wechselte er, wie beschrieben, schließlich ins Englische, da ihm die Erfolgsaussichten günstiger erschienen und er sich von der Sprache der Heimat, die ihn verstoßen hatte, lösen wollte. Erst nach seinem Umzug in die Schweiz begann er wieder, seine Werke in deutscher Sprache zu verfassen.

Dennoch erlitten auch seine Bücher das typische Exilanten-Schicksal: Sofern die Werke der Exil-Autoren nicht nach dem Zweiten Weltkrieg nochmals im deutschsprachigen Raum veröffentlicht wurden, blieben sie unbekannt. Dies gilt vor allem für jene Werke, die von österreichischen Autoren in englischer Sprache geschrieben wurden, da ihre Zuordnung problematisch ist: Die deutsche Literaturwissenschaft befasst sich nicht mit ihnen, da sie in einer Fremdsprache geschrieben wurden, die englische Literaturwissenschaft sieht in ihnen hauptsächlich Werke österreichischer oder deutscher Autoren.223

Die Bücher der österreichischen Autoren demonstrieren jedoch, dass trotz der widrigen Umstände und Produktionsbedingungen die literarische Arbeit im Exil fortgesetzt wurde. Dass die Erfahrungen, die die Autoren in der Emigration gemacht haben, dabei in die Darstellung einflossen und die wirtschaftliche Umstände einen Wechsel der Sprache und der Form bewirkt haben, lässt sich deutlich an ihren Werken ablesen.

Eine stark beanspruchte Gattung: Der historische Roman im Exil




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