The International Journal



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Dr. James M. DuBois completed his B.A. in psychology at Franciscan University, his M.A. in philosophy at the University of Rhode Island, and his Ph.D. at the Internationale Akademie für Philosophie im Fürstentum Liechtenstein. He is currently an Assistant Professor of philosophy offering courses in Philosophy of the Human Person, Epistemology and Metaphysics at Franciscan University's Austrian campus in Gaming, Lower Austria. (+43) 7485 8708.

Werterkennen oder Sinnfindung?
Paul H. Bresser (+)

Zusammenfassung:


Über Werterkennen zu sprechen, setzt voraus, sich darüber zu verständigen, was ein Wert ist oder was einen Wert hat. Zu unterscheiden sind: rein materielle Werte, einfache Lebenswerte, die die biologische Lebenserhaltung sichern, hilfreiche Zweckwerte, die der Erleichterung der Lebensbewältigung dienen können und die technische Fortentwicklung ermöglichen. Hinzu kommen die seelischen, die subjektiven oder emotionalen und im engeren Sinne persönlichen Werte. Im Zusammenhang damit, aber doch den subjektiven Werten übergeordnet, sind die ideellen, die geistigen, die moralischen und ethischen Werte zu unterscheiden. Diese geistigen Werte zu definieren ist ein philosophisches Problem. Sie erkennen und finden führt in den Bereich des Bekennens und des Glaubens. Diese Wertewelt leuchtet nur am Horizont der Psychotherapie auf, ist aber nicht zum Inhalt des psychotherapeutischen Dialogs zu machen. Psychotherapie hat in erster Linie in der Welt der seelischen Werte eine unsicher gewordene oder verlorene Orientierung zu vermitteln. Wenn dies von Frankl als Sinnsuche oder Anleitung zur Sinnfindung gedanklich durchleuchtet und anschaulich belegt wird, dann ist darin unser Weg der Psychotherapie zu sehen.

Abstract:


Before we can speak about value perception, we have to agree about what is a value or what is valuable. We may distinguish mere material values, basic vital values ensuring biological life preservation, useful instrumental values that may serve to make life easier and to enable technical progress. In addition, there are psychological, subjective-emotional values which are in a certain sense personal. Related to these, yet of a higher rank than the subjective values, are the ideal, the spiritual, the moral and ethical values. To define these spiritual values is the task of philosophy. To perceive and find them we have to enter the realms of confessing and believing. This world of values remains ever visible at the horizon of psychotherapy, but it should not be made the subject matter of the psychotherapeutic dialogue. The primary task of psychotherapy is to aid in regaining, within the world of psychological values, an orientation that may have been lost or obscured by uncertainty. Insofar as this endeavour has been interpreted by Frankl as support and guidance in finding meaning, just that is our approach to psychotherapy.
Das hier - mit Bezug auf das Leitmotiv einer Tagung [1] - gewählte Thema schlägt einen Bogen zwischen zwei Begriffen, deren Verknüpfung mit einem Fragezeichen versehen sei. Die Begriffe Wert und Sinn werden möglicherweise allzu pauschal verknüpft und in eine zu große Nähe gerückt. Durchblättern wir die Schriften von Viktor E. Frankl, dessen Gedankengut wir uns verpflichtet fühlen, dann muß unmittelbar auffallen, einen wie hohen Stellenwert bei ihm der Begriff Sinn hat und wie zurückhaltend Frankl mit der Anwendung des Begriffes Wert ist. Speziell schreibt er über den Begriff Wert beispielsweise in seinem Buch "Der unbewußte Gott" [2]:
"..im Gegensatz zum jeweils ... konkreten Sinn von Situationen (sind) Werte per definitionem abstrakte Sinn-Universalien".
Das ist - so kurz gefaßt - nicht leicht verständlich und wir befinden uns mit dieser Formulierung an der Schwelle zur Philosophie. Jedenfalls entfernen wir uns mit den einschlägigen Anschlußüberlegungen von dem, was in der praxisorientierten Logotherapie gedanklich aufzubauen und dem Menschen als Hilfe anzubieten ist.
In einer früheren Arbeit [3] habe ich erläutert, inwieweit die Philosophie in die Gedankenwelt der Logotherapie und in die Gesprächsführung mit den Patienten einzubeziehen sei. Für eine solche Einbeziehung ergeben sich durchaus praktische Anknüpfungspunkte. Aber die theoretische Grundlegung der Logotherapie und die Weiterführung der Gedankenschritte muß auch an einer philosophischen Grenze haltmachen, damit der lebenspraktische Rahmen des Therapierens nicht in ein ausschweifendes oder ringendes Philosophieren einmündet. Es läßt sich zwar auch über Logotherapie philosophieren, aber das muß denjenigen überlassen bleiben, die dafür über den notwendigen Wissens- und Denkrahmen verfügen. Insofern könnte das hier aufgegriffene Thema auch mit dem Untertitel verbunden werden: Inwieweit ist Philosophie nicht in das therapeutische Denken und Handeln einzubeziehen?
Zunächst sei eine Differenzierung des Wertbegriffes skizziert. Wenn wir den Begriff sehr weit fassen, dann haben alle Lebensbereiche des Menschen eine Wertperspektive, aber die verschiedenen Werte gehören durchaus unterschiedlichen Kategorialbereichen an. Es kann von einer Werthierarchie, also von niederen und höheren Werten, aber auch von relativen und absoluten Werten gesprochen werden.
Im einzelnen sind mit einer einfachen Gliederung zu unterscheiden: die rein materiellen Werte (1), die einfachen Lebenswerte (2), die hilfreichen Zweckwerte (3), die subjektiven Erlebniswerte (4) und schließlich das, was wir als absolute oder geistige Werte (5) anerkennen. Zu diesen 5 Stichworten sei folgendes ausgeführt:
1. Als Beispiel eines materiellen Wertes sei das Geld genannt. Zunächst haben Geldstücke einen unterschiedlichen Materialwert, aber sie haben zugleich einen nicht weniger materiellen Wert in einer Geldwertordnung. Das ist nicht weiter zu erläutern.
2. Daneben gibt es die einfachen Lebenswerte. Alles, was für uns in einem wörtlichen und eng gefaßten Sinne lebensnotwendig ist, besitzt einen elementaren Lebenswert. Für den Hungernden hat Eßbares, für den Kranken hat rettende Hilfe einen entsprechenden Stellenwert. Was der biologischen Selbsterhaltung dient, besitzt diesen ganz natürlichen, aber rein biologischen Lebenswert.
3. Hinzu kommen hilfreiche Zweckwerte, die zwar nicht lebensnotwendig sind, die aber doch lebenserleichternd sein können und die technische Lebensbewältigung fördern. Erfindungen von ganz einfachen handwerklichen Instrumenten bis hin zu den großartigsten technischen Errungenschaften, die unsere menschlichen Entfaltungsmöglichkeiten bereichern, die zur bequemeren Lebensgestaltung und zur besseren Lebenssicherung beitragen, besitzen auf ihre Weise einen Zweckwert, der unser menschliches Leben mitgestaltet. Wir können auch diese Werte in einem weiteren Sinne noch als Lebenswerte einordnen. Jedoch führen uns diese Werte in einen Bereich, in dem das natürliche Leben in künstliche Lebensformen übergeht, bis schließlich zivilisatorische oder technische Zuspitzungen der Lebensperfektion sogar unnatürliche Auswirkungen herbeiführen. So können diese Lebenswerte (im weiteren Sinn), die überwiegend rationale Zweckwerte sind, durchaus lebenseinschränkende oder gar lebensgefährliche Folgewirkungen auslösen.
4. Als im engeren Sinne menschliche Werte sind die Erlebniswerte einzuordnen, die uns seelisch etwas bedeuten. So haben freudige Mitteilungen, zu gegebener Zeit Worte des Trostes, in kritischen Lebensphasen selbstwertstärkende Impulse und vor allem persönliche Erfolgserlebnisse einen mehr oder weniger hohen, vorwiegend subjektiven Stellenwert, also einen persönlichen Erlebniswert. Je nach der augenblicklichen oder auch andauernden Lebenssituation, je nach der speziellen Interessenrichtung, je nach den individuellen Lebenszielen und je nach der sozialen Aufgeschlossenheit haben Ereignisse, Erfahrungen und Begegnungen einen entsprechenden Erlebniswert. Es kann bei diesen Erlebniswerten in der Gegenüberstellung zu den materiellen, zu den biologischen und zu den rationalen Werten auch von spezifisch seelischen Werten gesprochen werden.
5. Neben diesen verschiedenen Wertbereichen gibt es die Wertdimension, in der wir von geistigen Werten sprechen. Es sind Werte, die über das natürliche Leben, über die künstliche Ausgestaltung des Lebens und über die subjektiven Erlebniswerte hinausreichen und die für uns den Charakter eines überpersönlichen Wertes besitzen. Sie dienen auf ihre Weise einer inneren Bereicherung des Menschen. Sie entspringen schöpferischen Leistungen und finden ihren Ausdruck in Kunst, Philosophie und Religion. Wir sprechen von ideellen oder von absoluten Werten, von den Werten des Guten, des Schönen und des Wahren, von den Werten der Vernunft und des Glaubens. In ihnen erfahren wir Erlebnis- oder Erkenntniswerte, die über das vorwiegend Subjektive des Erlebens und über das vorwiegend Rationale des Erkennens hinausreichen. Sie verweisen auf jenen irrationalen oder metaphysischen Horizont, der unser menschliches Leben mit seinen leib-seelischen Grundlagen zu einer personalen sittlich-geistigen Existenz werden läßt. Diese geistigen, ideellen oder absoluten Werte entsprechen dem, was Frankl die Sinn-Universalien nennt.
Die Auflistung dieser grundverschiedenen Wertdimensionen ließe sich im Detail gewiß noch weiter differenzieren. Im vorliegenden Zusammenhang genügt der Hinweis auf diese wesentlichen und typischen Perspektiven einer menschlichen Wertordnung. Mit dieser Gegenüberstellung wird eine verdeutlichende Unterscheidung dessen ermöglicht, was für den Menschen auf seine Weise einen Bedeutungs- oder einen Sinnwert besitzt. Die Frage nach dem Werterkennen oder nach dem Werterleben ist differenzierend im Blick auf die verschiedenen Wertbereiche zu beantworten.
Zu der Frage, wie erlangen wir Kenntnis von den verschiedenen Werten, läßt sich zunächst vereinfachend folgendes sagen:
1. Das Wissen vom Wert des Geldes ist eine einfache erlernbare Kenntnis und keine anderweitig zu ermittelnde Erkenntnis.
2. Das Erkennen der einfachen Lebenswerte, also ein Wissen von dem, was im engsten Sinne des Wortes lebensnotwendig ist, erfahren wir aus den Lebensgewohnheiten, in die wir hineinwachsen. Zum Teil sind es instinktive Steuerungen, die nicht mit einem bewußten Werterkennen verbunden sind, die aber dem elementaren Ziel der Lebenserhaltung dienen. Die Voraussetzungen hierfür sind auch jedem Tier eigen. Die menschliche Leistung des bewußten Erkennens ist in diesem Bereich nur sehr eingeschränkt - oder ausschließlich in der nachträglichen Reflexion erfahrbar.
3. Was die Wertqualität des Zweckes besitzt, erkennen wir in erster Linie oder ausschließlich mit dem Verstand. Er befähigt uns, das Zweckmäßige zu entdecken oder auch zu gestalten. Durch Vorarbeit anderer wird uns das meiste, was der Lebenserleichterung dient und zur Lebenssicherung beiträgt, als erlerntes Wissen und als erlernbares Gestalten überliefert. Das, was sich mit unterschiedlicher Entwicklungshöhe als Kultur- oder Zivilisationsstufe des schaffenden Menschen darstellt, ist seine Welt der Zweckwerte. Wenn wir den Verstand in anschaulicher Weise als die Fähigkeit des Menschen zum Finden, Erfinden und Sichzurechtfinden umschreiben, dann ist er das Instrument des Werterkennens unter dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit. Wenn wir die Bereiche der materiellen Werte, der einfachen Lebenswerte und der hilfreichen Zweckwerte zusammenfassen, dann bleiben wir noch ganz außerhalb dessen, was uns zum Verständnis der Sinnwerte hinführt. Die Verknüpfung der Begriffe Wert und Sinn, das Gespräch über Werterkenntnis und Sinnfindung ist ausschließlich auf den Bereich der seelischen Werte einerseits und der geistigen Werte andererseits zu konzentrieren.
4. Für die Bedürfnisse und die Begründung der Psychotherapie müssen wir uns schließlich auf die seelischen Wertperspektiven beschränken. Die geistigen Werte haben ihren Stellenwert allenfalls am äußersten Horizont dessen, was wir Psychotherapie, also ärztliche oder psychologische Seelsorge nennen.
5. Alle Inhalte des Nachdenkens über das Gute, Schöne und Wahre, alle Fragen des Glaubens und der Gerechtigkeit können nicht zum Gegenstand des psychotherapeutischen Gespräches gemacht werden. In ihnen sind die geistigen Werte geborgen. Vielleicht leuchtet bei der persönlichen Begegnung zwischen dem Therapeuten und dem Patienten im Rahmen der Erörterung allgemeiner Lebensfragen gelegentlich die eine oder andere weltanschauliche Frage auf, aber dann nähert sich der Psychotherapeut schon einer Grenze, an der seine Zuständigkeit endet. Eine Grenzüberschreitung in den Bereich der Moral, zum Thema der Tugenden oder in die Welt der Glaubenswahrheiten, also in den engeren Kreis der geistigen Werte, muß vermieden werden.
Diese orientierende Gegenüberstellung macht einerseits ein Dilemma der Psychotherapie, aber andererseits auch ein methodisches Selbstverständnis des Psychotherapeuten deutlich.
Inwiefern ist von einem Dilemma zu sprechen? Es geht um die gedankliche und thematische Unterscheidung zwischen Geisteshaltung und Seelsorge im Sinne einer geistigen Aufrüstung einerseits und Lebenseinstellung und Seelsorge im Sinne einer seelischen Aufrichtung andererseits. Die Vermittlung von geistigen Werten erfolgt als Wegweisung im Labyrinth von Gut und Böse, als Anleitung zum Kunstverständnis und durch Förderung des Bekenntnisses zu den überzeitlichen Tugenden des menschlichen Handelns. Die Orientierung an Tugendbegriffen und an geistigen Perspektiven des schöpferischen Menschseins beugen dem Mißlingen der Lebensbewältigung vor. In ihnen ist das Fundament einer Erziehung des Menschen zu sehen. Sie sind die Prägekräfte einer sittlich-geistigen Reifung des Menschen und sie dienen zugleich der schöpferischen Selbstentfaltung. Was dem Menschen durch die Vermittlung von geistigen Werten zugänglich gemacht wird, dient einer besonderen Form der Lebenstüchtigkeit und bereichert ihn auch noch in den Schattenwinkeln des irdischen Lebens.
Allerdings liegt es in der Natur des Menschen begründet, daß er unter dem Eindruck der ihn bedrängenden Lebensumstände dazu neigt, an den als absolut gesetzten Werten zu zweifeln. Er gerät dadurch in eine ringende Auseinandersetzung mit den Tugendbegriffen und mit den Glaubenswerten. Das kann in ein Konflikterleben hineinführen, unter dem er leidet und das seine Lebensbewältigung gefährdet. In solchen Fällen ist Seelsorge im Sinne einer moralischen Aufrüstung angezeigt.
Diese Aufgabe kann nur sehr eingeschränkt dem Psychotherapeuten zugewiesen werden. Hierzu sind nicht ausschließlich theologische Seelsorger, sondern auch solche lebenserfahrene und persönlich zugewandte Gesprächspartner geeignet oder berufen, die dem Menschen moralischen Rückhalt vermitteln oder die ihm von der augenblicklichen Last in einer tragischen Lebenssituation etwas abnehmen können. Es bedarf dann nicht dessen, was wir im engeren Sinne Psychotherapie nennen. Vielmehr bedarf es einer inneren Aufrüstung und einer Neubesinnung auf das, was der Mensch sich selbst und seinen Mitmenschen schuldig ist. Dabei ist die Orientierung an Lehr- und Leitsätzen hilfreich, die beispielsweise besagen: "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" - oder - "Richte Dein Leben so ein, daß Du es vor Dir und vor Gott verantworten kannst". Das sind Lebensmaximen, die sich an geistigen Werten orientieren und die nur sehr bedingt zu einem spezifisch psychotherapeutischen Gespräch gemacht werden können. Es sind mahnende Denkanstöße und Verhaltenspostulate, die jeder lebenserfahrene und sich seiner persönlichen Verantwortung bewußte Mensch vermitteln kann. Für eine solche Aufgabe liefert der Denkrahmen und die Lebenskultur der Weltreligionen, aber auf ihre Weise auch eine philosophische oder politische Bildung das geistige und zugleich einfache lebenspraktische Fundament. Die thematischen Schwerpunkte der weltanschaulichen Perspektive können vom Arzt und vom Psychologen nicht zum Inhalt ihres Bemühens gemacht werden. Im Selbstverständnis des Psychotherapeuten hat es stets seine Privatsache zu bleiben, wie er weltanschaulich, politisch oder religiös orientiert ist und welchen geistigen Werten er sich persönlich verpflichtet fühlt. Auch die Patienten haben Anspruch darauf - ganz gleich, wie nihilistisch oder orthodox sie sein mögen - nicht gerade vom Arzt oder Psychologen in dieser Hinsicht angesprochen zu werden. Was hierüber im Gedankenaustausch oder auch in der weltanschaulichen Belehrung (vielleicht sogar Bekehrung) geleistet werden kann, sollte nicht Psychotherapie genannt werden, obwohl es unter Umständen eine echte seelische Hilfe bewirkt. Als Spezifikum kommt aber bei diesen Formen der "Menschenbehandlung" stets so etwas wie ein moralischer Appell hinzu. Erkenntnisse im Bereich der geistigen Werte sind immer zugleich Bekenntnisse zu diesen Werten. Solche Bekenntnisse haben unmittelbar etwas Verpflichtendes. Das kann nicht Ziel einer Psychotherapie sein.
Psychotherapie, die sich vielfach in der Randzone einer einfachen Lebensberatung bewegt, hat auch eine breite Randzone zu den mahnenden Aufgaben der Menschenbehandlung. Hinsichtlich des fließenden Übergangs von der individuellen Lebensberatung zu einer reflektierten Psychotherapie sind Abgrenzungsprobleme nicht erkennbar. Nur wenn es um kostenrechtliche oder bürokratische Zuständigkeitsentscheidungen geht, ist der Schwerpunkt Beratung vom Schwerpunkt Behandlung möglichst deutlich zu trennen. Aber diese Trennung ist sachlich nicht zwingend. Hinsichtlich des psychotherapeutischen Hilfsangebotes in der Gegenüberstellung zum moralischen, weltanschaulichen oder religiösen Hilfsangebot sollten die Zuständigkeiten möglichst deutlich voneinander getrennt bleiben.
In der Randzone von geistiger und seelischer Wertorientierung steht der Psychotherapeut gelegentlich vor einem Dilemma, nämlich vor der Frage, ob die Knotenpunkte der konfliktträchtigen Erlebnisverarbeitung überhaupt in seinem Kompetenzbereich zu entflechten sind oder ob nicht der Appell an den Verantwortungsträger Mensch vordringlicher ist. In weiten Bereichen der sogenannten Sozialtherapie ist nicht Psychotherapie im engeren Sinne geboten, sondern in erster Linie verantwortungsbewußtes Sozialtraining auf dem Hintergrund mahnender und verpflichtender Zielsetzungen. Die einseitige Psychologisierung solcher Probleme ist für das angestrebte Behandlungsziel oftmals eher hinderlich als förderlich. Das Erkennen der Werte, um die es im Rahmen mahnender und verpflichtender Zielsetzungen geht, setzt ein Bewußtmachen und eine Anerkennung geistiger Werte voraus.
Im Rahmen der Psychotherapie geht es in erster Linie oder ausschließlich um seelische oder - wie es eingangs genannt wurde - um Erlebniswerte. Wie lassen sich nun die Erlebniswerte näher umschreiben? Die Welt ist unermeßlich reich an Erlebniswerten. Alles, was uns aus der Außenwelt begegnet, und alles, was sich in unserer Innenwelt regt, bildet in der Zusammenschau einen weiten Horizont, in dem Erlebniswerte wie Lichter aufleuchten oder wie Schatten auf uns zukommen. Jedes Detail innerhalb des äußeren und des inneren Anschauungsraumes, jeder einzelne Gedanke, jede Erinnerung, alles hat einen mehr oder weniger ansprechenden Erlebniswert. In der vielschichtigen Dynamik des Erlebnisgeschehens haben die Einzelphänomene nicht nur einen unterschiedlichen Stellenwert, sondern auch einen unterschiedlichen Erlebniswert. Aber der Erlebniswert jedes Details hängt ganz wesentlich von der inneren und äußeren Gesamtsituation des Menschen ab. Ein tröstendes Wort hat seinen entsprechenden Erlebniswert nur in einer trostbedürftigen Situation, und wenn man nicht dazu aufgelegt ist, verliert selbst ein geistreicher Witz seine spezifische Erlebnisqualität. In Abhängigkeit von der körperlichen Befindlichkeit, von der augenblicklichen Gemütsverfassung, von dem unter Umständen fesselnden Umfeldgeschehen und je nach Fixierung der Aufmerksamkeit haben alle Fakten und Geschehnisse ihren jeweils einzigartigen Erlebniswert. Erlebniswerte sind immer subjektive, unter Umständen auch ganz einmalige Erlebnisqualitäten.
Besonders zu betonen ist, daß alle materiellen Werte, alle einfachen Lebenswerte, alle Zweckwerte im jeweiligen Lebenszusammenhang ihren unterschiedlichen Erlebniswert besitzen. Wer Hab und Gut verloren hat, für den haben finanzielle, also rein materielle Hilfen, einen hohen Stellenwert. Für den Verdurstenden ist Trinkwasser als einfacher Lebenswert von allerhöchstem Erlebniswert. Alles, was uns die Technik zur Lebensgestaltung anbietet, alles, was einen Zweckwert hat, gewinnt je nach Lebenssituation und je nach persönlicher Lebenseinstellung einen individuellen Erlebniswert. Für manchen Zeitgenossen besitzt das Auto einen hohen Erlebniswert. Wie liebenswert ist uns das, was dem Zweck der Bequemlichkeit dient, und wie leicht fällt es trotzdem vielen, auf erreichbare Bequemlichkeit zu verzichten.
Zu den Erlebniswerten besonderer Art zählen die Inhalte schöpferischer Leistungen, die Werke der Kunst und die Beweise schlichter Barmherzigkeit, die ihrerseits Ausdruck eines geistigen, eines ideellen oder eines universellen Wertes sind. Die Erlebniswerte umfassen also die ganze Skala von den rein materiellen Werten bis zu den ideellen Werten.
Als handelndes und denkendes Individuum ist der Mensch immer auch mitgestaltend eingebunden in seinen Lebensraum. So ist er mehr oder weniger beteiligt an dem, was ihm zum Erlebniswert wird. Beteiligt ist er nicht nur als handelndes und schaffendes Wesen, so daß es ihm gelingt, Einfluß auf die eigene Lebenssituation und ihren Erlebniswert zu nehmen. Vielmehr vermag er mit seiner Denk- und Vorstellungstätigkeit das erlebte Bild seiner Situation auch anzureichern oder einzukleiden mit irrealen und schöpferischen Bewußtseinsinhalten. Diese können der Erlebnisqualität des Gegenständlichen eine eigene emotionale Färbung oder eine mehr rational-bedeutungsvolle Perspektive verleihen. Damit gewinnt die Realität - so wie sie rein anschaulich wahrgenommen wird - neue Dimensionen im Spektrum der Erlebniswerte.
Soweit die Erlebniswerte als Gefühle auf den Menschen einwirken, vermag er sich ihnen hinzugeben oder sich ihnen geradezu auszuliefern, aber er kann sie auch mit den Möglichkeiten seiner Vorstellungs- und Gedankentätigkeit verarbeiten. Entsprechendes gilt für seine Triebimpulse. Er kann sie augenblicksgebunden ausleben. Aber die Erfordernisse des menschlichen Zusammenlebens lassen das nicht immer zu und daher ist er mehr oder weniger gezwungen und auch fähig, seine Triebregungen einer angemessenen Steuerung unterzuordnen.
Im Unterschied zum trieb- und instinktgebundenen Verhalten des Tieres, dessen Erlebniswerte im übrigen fast ausschließlich einfache Lebenswerte sind, ergibt sich für die Erlebnisverarbeitung des Menschen ein sehr viel differenzierteres und reicheres Spektrum der Erlebniswerte.
Im Zusammenspiel unterschiedlicher Erlebniswerte kommt es unter Umständen zu sehr dissonanten oder konkurrierenden Erlebniskonstellationen. Daher wird der Mensch oft hin- und hergerissen. Da nun das Handeln des Menschen immer auch an geistigen Werten orientiert ist, ergeben sich vielfältige Spannungen oder auch Konflikte nicht nur zwischen verschiedenen Erlebniswerten einerseits, sondern auch zwischen den seelischen und geistigen Werten andererseits. Diese Gegebenheiten bedingen, daß der Mensch als handelndes Wesen immer auch ein konfliktträchtiges Wesen ist.
Alle Zusammenhänge und die vielschichtigen Vorgänge der Erlebnisverarbeitung lassen sich nicht übersichtlich machen. Im Endergebnis führt die Beschreibung und Aufzählung stets an eine Grenze, zumal jeder einzelne Erlebniswert eine rein subjektive Erlebnisqualität besitzt.
Demgegenüber lassen sich geistige Werte durch Leitsätze des Handelns, durch schöpferische Leitbilder, durch Leitgedanken einer philosophischen oder pragmatischen Tugendlehre oder durch Leitlinien einer religiösen Wahrheitssuche veranschaulichen oder sprachlich gestalten. In diesem Sinne ist es zu verstehen, daß geistige Werte immer universellen Charakter haben. Es sind Werte an sich, mehr hilfreiche, mehr bereichernde oder mehr verbindliche Orientierungspunkte des Handelns und des Denkens. Alle Erlebniswerte sind dagegen grenzenlos relative Inhalte der Erlebnisverarbeitung. Es gibt keine verallgemeinerbare Werterkenntnis im Subjektiven, sondern allenfalls eine wertfreie Beschreibung und damit eine Verabsolutierung der Subjektivität.
Es kann nicht von positiven oder negativen Erlebniswerten gesprochen werden. Die Freude ist ebenso wie die Trauer, die Selbstsicherheit ebenso wie der Selbstzweifel ein Erlebniswert, eine Erlebnisqualität, die den Menschen mehr oder weniger bewegt, für die er ein Recht in Anspruch nehmen kann und mit der er dann auf seine Weise umzugehen hat.
Die unumgängliche Konfliktträchtigkeit des menschlichen Erlebens hat ihre Wurzeln nicht nur in den dialektischen Spannungen zwischen geistigen und seelischen Werten. Sie erwächst vor allem aus den Umständen des Zusammenlebens. Es kommt zu konkurrierenden Erlebniswerten im Beziehungsfeld von Ich und Du, von Ich und Wir. Im übrigen steht der Mensch mit wechselnder Aktualität im Spannungsfeld zwischen Neigungen und Hemmungen, zwischen Strebungen und Steuerungen, zwischen Gefühlen und Überlegungen, zwischen Fürchten und Hoffen, zwischen Selbstsicherheit und Selbstzweifeln. Je differenzierter und je sensibler der Einzelne ist, um so vielfältiger sind oftmals die Irritationen oder Zwischentöne des seelischen Kontrastprogramms. Die auseinander oder gegeneinander strebenden Kräfte werden dem Betroffenen mehr oder weniger bewußt und er wird mehr oder weniger darunter leiden. In jedem Einzelfall ist die Gesamtkonstellation unterschiedlich ausgestaltet und in jeder Situation ändert sich die Gewichtsverteilung oder die Wertperspektive des Erlebens.
Das Panorama der Erlebniswerte kann sich einer vorherrschenden Ausgewogenheit annähern. Diejenigen, bei denen das der Fall ist, werden gewiß nicht zum Psychotherapeuten streben. Im Gesichtsfeld des Psychotherapeuten erscheinen die Menschen, bei denen die Konstellation der Erlebniswerte in irgendeiner Weise erheblich aus dem Gleichgewicht geraten ist. Bestimmte Gefühle oder Vorstellungen haben ein quälendes Übergewicht erlangt. So leidet der Betroffene an allgemeinen oder an objektgebundenen Ängsten, an zwanghaft ihn beherrschenden Gedanken, an verunsichernden Selbstzweifeln oder an nicht zu verharmlosenden Enttäuschungen und das führt dazu, daß er mit sich selbst nicht fertig wird. Gottseidank gibt es viele Selbstregulierungskräfte im Seelischen und der Zeitfaktor hilft mit, kritische Problemsituationen der Erlebnisverarbeitung zu überwinden. Aber es gibt eben Menschen, die sich in Gefühlsregungen hoffnungslos verstricken, oder solche, deren Klagehaltung sich schließlich wie ein Selbstzweck ausgestaltet, und wieder andere, die von unüberwindlich erscheinenden Befürchtungen so gebannt sind, daß ihre Lebenstüchtigkeit auf ein Minimum reduziert ist.
Wenn man die erlebnisreaktiven Fehlverarbeitungen neurotisch nennt, so liegt ihnen stets eine Vorstrukturierung in der Persönlichkeit zugrunde, die entweder Persönlichkeitsstörung oder Charakterschwäche genannt werden kann.
Wenn in das individuell strukturierte Gefüge der Erlebnisverarbeitung ein seelischer Krankheitsprozeß eingebrochen ist, also eine Psychose mit einer eigengesetzlichen, ich-fremden Dynamik, dann werden immer ärztliche oder medizinische und im Blick auf die Diagnose generalisierbare Maßnahmen angezeigt sein. Aber wenn es lediglich um eine Fehlentwicklung der Erlebnisverarbeitung geht oder wenn es zu einer Dekompensation der menschlichen Konfliktträchtigkeit gekommen ist, dann geht es stets um individuelle psychologische Hilfen. Über den menschlichen Rat und Beistand hinaus kann eine reflektierte Form von Psychotherapie angezeigt sein. In solchen Fällen ist eine psychopharmakologische Behandlung oder eine medikamentöse Unterstützung in der Regel problematisch.
Wenn wir mit Viktor Frankl ein spezifisches Psychotherapieverständnis haben und Logotherapie als eine sinnzentrierte Psychotherapie bezeichnen, dann ergibt sich die eingangs gestellte Frage, wie wir Sinnfindung in einen gedanklichen Zusammenhang bringen können mit Werterkennen und Werterleben. Die Erlebniswerte finden und erkennen wir nur beim Patienten selbst, die geistigen und universellen Werte können oder sollen nach unserem Verständnis nicht zum Inhalt der Psychotherapie gemacht werden.
Neben dem Wert- ist nun noch der Sinnbegriff zu definieren. Er beinhaltet immer eine gerichtete oder hinweisende Intention. Wenn wir fragen: "Was hat das für einen Sinn?", so meinen wir: "Worauf geht das hinaus, worauf weist uns das hin?" Im Alltagssprachgebrauch stehen die Begriffe Sinn und Zweck dicht nebeneinander. Man fragt etwa: "Was hat dieser Hebel für einen Sinn?" Gemeint ist: "Was hat er für einen Zweck?" Wenn nach dem Sinn eines Vorganges gefragt wird, geht es meist um die Frage nach dem Ziel - oder: "Was ist der Zweck dieses Vorgangs?" Ein weiteres Beispiel: Wir sprechen vom Wortsinn, weil das Wort uns auf das hinweist, was es uns besagt. So kann auch noch ein gedanklicher Bezug hergestellt werden zu den Sinnesorganen, die immer auf bestimmte Sinnesreize gerichtet und wie eine Antenne auf Empfang ausgerichtet sind. Das ist ihre Funktion oder ihr Zweck.
In der Gegenüberstellung der Begriffe Zweck und Sinn ließen sich - abgesehen von ihrer gemeinsamen Komponente des Gerichtetseins - zahlreiche differenzierende Unterscheidungen vornehmen. Seelische Vorgänge haben nie im engeren Wortsinn einen Zweck. Ihre Gerichtetheit, ihre Intentionalität ist eher mit dem Begriff Sinn zu verknüpfen. Alle Erlebnisvorgänge besitzen eine intentionale Komponente. Gefühle sind innere Bewegkräfte, die uns in eine Richtung weisen. Gedanken sind immer auf ein Gedankenziel gerichtet. Hinzu kommen vielfältige Strebungen, Intentionen, Bedürfnisspannungen, Triebimpulse und schöpferische Kräfte, die alle ihre Gerichtetheit haben und auf einen Sinn zielen.
Dem seelischen Leben wohnt insgesamt eine Gerichtetheit inne, die im Spannungsfeld der Erlebnisvorgänge auf einen Lebenssinn hinzielt. Alle Dynamik des Seelischen, soweit sie nicht erkennbar von biologischen Faktoren bestimmt ist, wurzelt im Unterbewußtsein. Das gilt auch für das Sinnstreben des Menschen. Wir lokalisieren die Wurzeln dieses Sinnstrebens in den Bereich des geistigen Unbewußten, also in den Bereich, in dem auch das Gewissen und die schöpferischen Potenzen ihren intentionalen Kraftquell haben. Die sinngerichteten Regulierungskräfte des Erlebnisgeschehens leiten den Menschen in der Regel zu dem Ziel einer erfolgreichen Lebensgestaltung, aber der Mensch ist mitverantwortlich an dem Gelingen beteiligt. Wird das Ziel einer individuellen Lebensgestaltung jedoch verfehlt und führt das konfliktträchtige Zusammenspiel der Erlebniswerte zu einem Leidenszustand von Neurosequalität, dann muß eine Neuorientierung der Sinnperspektive gefunden werden.
Im logotherapeutischen Gespräch wird darauf verzichtet, in der Vergangenheit nach Ursachen, Motiven oder Gründen für die seelische Fehlentwicklung zu suchen. Vielmehr geht es darum, im Spannungsfeld der individuellen Konfliktlage - ganz gleich aus welchen Gründen es dazu gekommen ist - Erlebniswerte aufzudecken und zu stärken, die das - vor wie nach - konfliktträchtige seelische Geschehen wieder in eine Richtung lenken, die das Weiterleben nicht nur erleichtert, sondern auch wieder sinnvoll erscheinen läßt. Oft geht es um nicht mehr als eine Neugewichtung der Erlebniswerte. Oder es geht um einen Zugewinn an Selbstverfügbarkeit im Spannungsfeld der Ängste oder Zwänge, der Gesundheitsbesorgtheit oder der Hoffnungslosigkeit. Ängste, Zwänge, Zukunftssorgen, die sich gleichsam verselbständigt haben, ohne daß sie von einem Krankheitsprozeß verursacht wurden, müssen den Stellenwert in der Erlebnisverarbeitung finden, der es dem Menschen ermöglicht, sich wieder als ihr Herr und nicht mehr als ihr Knecht zu fühlen.
Ob dies durch eine einfache Dereflexion, durch die Pointe der paradoxen Intention, durch vernunftorientierten Einstellungswandel, durch einen aufklärenden Dialog über Erlebniswerte, durch schlichte Einübung von Verhaltenstechniken, durch eine Neuorientierung in der Lebenssituation oder durch begleitende Entspannungsübungen geschieht, wird immer eine Frage bleiben, die von Fall zu Fall unterschiedlich zu beantworten ist und auch von Therapeut zu Therapeut unterschiedlich beantwortet wird. Übergeordnet muß nur die Zielsetzung bleiben, die Selbstverfügbarkeit des Menschen bewußt zu machen. So müssen ihm Erlebniswerte oder Erfolgserlebnisse sichtbar werden, mit denen er die unausweichliche Konfliktträchtigkeit des täglichen Lebens besser meistert. Dieses Ergebnis ist schließlich mehr als nur ein subjektiver Erlebniswert. Es ist zugleich ein Erfolg, der zum Maßstab dafür werden kann, was dem Menschen möglich ist, wenn er seelische Krisen und Tiefpunktsituationen zu überwinden hat. Solche persönlichen Leistungen haben, ohne daß ihnen ein universeller Wert zugesprochen werden kann, einen hohen ideellen Wert. Es darf ihnen ein Vorbildcharakter zugesprochen werden. Ein solches Vorbild kann im Einzelfall zu einem unersetzlichen Erlebniswert für denjenigen werden, der sich in einer ähnlichen Lage befindet.
Das logotherapeutische Bemühen um Sinnfindung setzt voraus, die Selbstverfügbarkeit und die geistige Natur des Menschen zu postulieren, sie nicht nur als real gegeben einzuschätzen, sondern auch als universellen geistigen Wert zu akzeptieren. Da der leidende Mensch in der Regel auch ein überwiegend ichgebundener Mensch ist, erweisen sich häufig die auf den Mitmenschen oder auf die Mitwelt gerichteten Erlebnisperspektiven als Wegbereiter eines neuen Lebenssinnes. Das wird mit dem Begriff Selbsttranszendenz ins Gespräch gebracht. Was ansonsten aus dem Gedankengut der Logotherapie hier noch einzubringen wäre, muß aus praxisbezogenen Schriften herausgelesen werden.
Zum gewählten Thema sei abschließend folgendes gesagt: Die Unterscheidung von seelischen und geistigen Werten erscheint hilfreich, um das Gespräch über Werterkenntnis gedanklich zu strukturieren. Seelische Werte, also Erlebniswerte, kann nur der einzelne Mensch für sich oder in sich entdecken. Im Leidensfalle bedarf es einer dahingehenden Ermunterung und zusätzlicher gedanklicher Anregungen. Demgegenüber sind geistige oder universelle Werte immer nur zu erkennen in gelungenen Gestaltungen: das Gute in der guten Tat, die Barmherzigkeit in einer barmherzigen Handlung, das Schöne in den Naturlandschaften, in künstlerischen Werken oder in den schönen Dingen. Ein genereller menschlicher Wert ist auch in der Vorbildhaftigkeit der Lebensgestaltung zu sehen. Gelungene Sinnfindung besitzt eine solche Vorbildqualität.
Sinnfindung ist ein Wert an sich, und zwar ein hoher individueller Erlebniswert einerseits und zugleich für andere als Vorbild ein ideeller, wenn auch nicht universeller Wert. Die Orientierung an solchen ideellen Werten, also die erfolgreich vorgelebte Lebensgestaltung und die vorbildhafte Meisterung persönlicher Probleme bilden den wichtigsten Erfahrungshintergrund für unsere logotherapeutische Arbeit. Was der Mensch zu leisten vermag, lernen wir von denen, die es geleistet haben. Das ist ein wesentlicher Teil unserer Werterkenntnis und unserer persönlichen Wertverwirklichung.

Literaturhinweise

1) Werterkennen - Werterleben - Wege zur Sinnfindung. Leitthema einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Logotherapie, 25. 27.10.1991 Essen, Bundesrepublik Deutschland.
2) Frankl, Viktor E., Der unbewußte Gott, Kösel München, (7.Aufl.1988), S.84
3) Bresser, Paul H., Warum und wie weit Einbeziehung der Philosophie? In: Logotherapie 4.Jg. 1989/90 S.79

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