SÜdwestrundfunk swr2 Wissen – Manuskriptdienst



Download 110.32 Kb.
Date conversion29.04.2016
Size110.32 Kb.

SÜDWESTRUNDFUNK

SWR2 Wissen – Manuskriptdienst




Ein kalter Frieden


Ägypten und Israel - 30 Jahre nach Camp David

Autorin: Esther Saoub

Redaktion: Anja Brockert

Regie: Maria Ohmer

Sendung: Donnerstag, 11.Setember 2008, 8.30 Uhr, SWR 2

_________________________________________________________________


Bitte beachten Sie:

Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.

Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen

Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.


Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Wissen/Aula

(Montag bis Sonntag 8.30 bis 9.00 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in

Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030

_________________________________________________________________

Entdecken Sie den SWR2 RadioClub!
Lernen Sie das Radioprogramm SWR2 und den SWR2 RadioClub näher kennen!

Fordern Sie unverbindlich und kostenlos das aktuelle SWR2-Programmheft und das Magazin des SWR2 RadioClubs an.


SWR2 RadioClub-Mitglieder profitieren u.a. von deutlichen Rabatten bei zahlreichen Kulturpartnern und allen SWR2-Veranstaltungen sowie beim Kauf von Musik- und Wort-CDs. Selbstverständlich erhalten Sie auch umfassende Programm- und Hintergrundinformationen zu SWR2. Per E-Mail: radioclub@swr2.de; per Telefon:

01803/929222 (14 c/Minute); per Post: SWR2 RadioClub, 76522 Baden-Baden

(Stichwort: Gratisvorstellung) oder über das Internet: www.swr2.de/radioclub.

SWR 2 Wissen können Sie ab sofort auch als Live-Stream hören im SWR 2

Webradio unter www.swr2.de

Besetzung:

Autorin

Zitator 1



Zitator 2

Zitator 3



Dieses Manuskript enthält kursive Textpassagen, die aus Zeitgründen

in der ausgestrahlten Sendung gekürzt wurden.

[O-Ton (Boutros Boutros-Ghali)

Zitator 1:

Das war der größte Sieg für die ägyptische Diplomatie.

Denn so lange ägyptisches Land besetzt war, konnte die Diplomatie sich um nichts anderes kümmern – alles war darauf gerichtet, dieses Land wieder zu bekommen, und zwar durch Verhandlungen.
Autorin:

Boutros Boutros-Ghali, ehemaliger ägyptischer Staatssekretär für Äußeres.


O-Ton (Shalom Cohen)

Zitator 2:

Nach Sadats Besuch in Jerusalem habe ich beschlossen, meine ganze Karriere zu ändern. Ich wollte Diplomat werden, um mich im Dialog zwischen Juden oder Israelis und der arabischen Welt zu engagieren.
Autorin:

Shalom Cohen, israelischer Botschafter in Kairo].


O-Ton (Anwar al-Sadat)

Zitator 3:

Möge es keinen Krieg und kein Blutvergießen mehr geben zwischen Arabern und Israelis. Gott lädt in das Haus des Friedens ein. Und führt den, der es will, auf den rechten Weg.
Autorin:

Anwar al-Sadat, ehemaliger ägyptischer Präsident.


Musik (Shadia: Sinai)
Ansage:

Ein kalter Frieden. Ägypten und Israel - 30 Jahre nach Camp David. Ein Feature von Esther Saoub.


Musik
Autorin:

„Herzlichen Glückwunsch zum Frieden“ singt die ägyptische Sängerin Shadia. Mit diesem Lied gratuliert sie ihrem Land zum israelisch-ägyptischen Friedensvertrag, der ersten Annäherung überhaupt zwischen dem jüdischen Staat und seinen arabischen Nachbarn. Am 9. November 1977 machte der ägyptische Präsident Anwar al-Sadat den ersten Schritt – mit einer folgenschweren Rede vor dem ägyptischen Parlament:


O-Ton (Sadat)

Zitator 3:

Hört gut zu was ich sage: Ich bin bereit, bis ans Ende dieser Welt zu gehen, wenn das einen einzigen meiner Söhne, Soldat oder Offizier, davor bewart, verletzt zu werden – nicht getötet, nur verletzt!
Autorin:

Das Ausmaß dieses Entschlusses wurde den ägyptischen Abgeordneten kurze Zeit später klar: Sadat machte ernst und bestieg ein Flugzeug nach Tel Aviv. Mit an Bord war der damalige ägyptische Staatssekretär und spätere UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali.


O-Ton (Boutros Ghali)

Zitator 1:

Ich war sehr erstaunt über die Ruhe von Präsident Sadat während des Fluges. Als ob wir nicht in politischer Mission unterwegs wären, sondern auf einer Urlaubsreise! Das war meine erste Wahrnehmung. Die zweite war, dass ich mir die Entfernung zwischen Kairo und Tel Aviv längst nicht so kurz vorgestellt hatte. Wir waren überrascht, als wir uns nach wenigen Flugminuten schon wieder zur Landung bereit machten.
[Autorin:

Auch über 30 Jahre danach scheint Boutros Ghali die Reise noch lebhaft vor Augen zu stehen. Wir sitzen in seinem Büro im Egyptian Council for Human Rights, dem Menschenrechtsrat, den er heute – neben vielen anderen Organisationen – leitet. [Auch mit seinen 82 Jahren ist Boutros Ghali ein vitaler, humorvoller Mann. [Die markante schwarze Brille hat er inzwischen durch ein unauffälligeres silbernes Modell ersetzt. Sonst sieht er aus wie immer. „Ich setze mich rechts neben Sie, wissen Sie warum? Auf dem linken Ohr höre ich besser“.


Zitator 1:

Dann wählen wir noch die Sprache für das Interview, Französisch, Englisch oder Arabisch? Ghali entscheidet sich für seine Muttersprache.]

Viel Zeit für den sonst landesüblichen Smalltalk hat der Ex-Diplomat nicht: „Fangen wir an, ich habe noch was vor“. Und schon ist er wieder im Jahr 1977, auf dem Flughafen von Tel Aviv, wo Präsident Anwar al-Sadat aus dem Flugzeug steigt.
O-Ton Ghali:

Zitator 1:

Alle Scheinwerfer waren auf Sadats Flugzeug gerichtet. Die israelische Öffentlichkeit stand da draußen und konnte sich nicht vorstellen, dass wirklich ein ägyptischer Präsident angekommen war. Als der Präsident dann erschien und aus dem Flugzeug stieg, war es sekundenlang völlig still – außer dem Applaus natürlich. Ich stand direkt hinter Sadat, und in diesem Augenblick völliger Stille hatte ich den Eindruck, dass hier etwas Seltsames, Ungewöhnliches vor sich ging.
Autorin:

In seinem Buch „Ägyptens Weg nach Jerusalem“ hat Ghali den Moment so beschrieben:


Zitator 1:

Ich hatte das Gefühl als blickte ich auf eine Seite der Geschichte, geschrieben mit brennenden Lettern: Israel kam mir so fremd vor wie ein Land irgendwo im Weltall. Jahrzehntelang war es der Feind gewesen, das Krebsgeschwür im Körper der arabischen Welt. Wir hatten alles daran gesetzt, es zu zerstören. Ich bemerkte noch einmal die Ruhe, die Präsident Sadat umgab. Er stand da, gebadet im Glanz von scheinbar Tausend Flutlichtern. Seine Gegenwart wirkte wie eine biblische Erscheinung.]


Autorin:

In mehreren Autos fuhr die Delegation nach Jerusalem. Ghali saß im selben Auto wie der israelische Außenminister Moshe Dayan. Sie versuchten es mit einer Konversation über Archäologie. Die Straße hinauf nach Jerusalem war gesäumt von Menschen, die israelische und ägyptische Fahnen schwenkten. Mütter hoben ihre Kinder hoch, damit sie den Autokorso sehen konnten, erinnert sich Ghali. Am folgenden Tag trat Anwar al-Sadat vor die Knesset:


O-Ton (Sadat)

Zitator 3:

Lassen Sie mich ihnen ohne das geringste Zögern sagen, dass ich nicht zu Ihnen unter diese Kuppel gekommen bin, um sie darum zu bitten, Ihre Truppen aus den besetzten Gebieten abzuziehen. Der vollständige Rückzug aus den nach 1967 besetzten arabischen Gebieten ist eine logische und nicht diskutierbare Tatsache. Niemand sollte darum bitten müssen. Jedes Gespräch über dauerhaften und gerechten Frieden, jeder Schritt in Richtung friedliche Koexistenz und Sicherheit in diesem Teil der Welt wird bedeutungslos, solange Sie arabischen Boden mit Waffengewalt besetzt halten.
Autorin:

Präsident Sadat bot den Israelis Frieden, im Tausch gegen das von ihnen besetzte Land. Zum ersten Mal wurde damit ein Grundsatz ausgesprochen, der seither alle Nahostfriedensverhandlungen bestimmt hat: Land gegen Frieden. Im Prinzip hatten die Israelis dieses Angebot auch akzeptiert, sonst hätten sie Sadat wohl nicht in die Knesset gebeten. Allerdings waren sie von Anfang an entschlossen, lediglich über ägyptischen Boden zu verhandeln. Bereits auf der Fahrt nach Jerusalem klärte der israelische Außenminister Moshe Dayan Staatssekretär Boutros Ghali darüber auf, dass die Palästinenserfrage in Sadats Rede vor der Knesset nicht vorkommen dürfe. Ghali gab diese Anweisung pflichtschuldigst an seinen Präsidenten weiter. Aber der hielt sich nicht daran:


O-Ton (Sadat)

Zitator 3:

Das palästinensische Volk hat Anspruch auf seine legitimen Rechte. Die palästinensische Sache ist der Grund und der Kern des Konflikts, und so lange sie nicht gelöst ist, wird der Konflikt sich weiter verschlimmern und neue Dimensionen erreichen. Ich sage Ihnen in allem Ernst, dass es keinen Frieden geben wird ohne die Palästinenser. Es ist ein schwerwiegender Fehler mit unvorhersehbaren Folgen, diese Ursache zu übersehen oder beiseite zu schieben.
Autorin:

Diese fundamentale Uneinigkeit schon beim ersten Treffen hätte beiden Seiten eine Warnung sein sollen: Den Ägyptern, weil Israel wohl nie ernsthaft vorhatte, der Forderung nach einem umfassenden Frieden nachzukommen. Und den Israelis, weil Sadats Voraussage eingetroffen ist: der Konflikt mit den Palästinensern hat sich tatsächlich verschlimmert und immer neue Dimensionen erreicht. Doch zunächst waren alle optimistisch: Ein dreiviertel Jahr lang fuhren diplomatische Delegationen über den Suezkanal hin und her. Die Ägypter in der Hoffnung, dass weitere arabische Staaten sich der Initiative anschließen würden; die Israelis im Bestreben, mit dem militärisch stärksten arabischen Nachbarland einen separaten Frieden auszuhandeln. Der Rest der Welt spaltete sich in zwei Lager, entlang der Frontlinie des Kalten Krieges: Die Sowjetunion distanzierte sich, die USA unterstützten Sadats Pläne. Je weiter die Verhandlungen mit Israel fortschritten, desto mehr näherte sich Sadat dem westlichen Lager an - und verriet damit in den Augen vieler seinen Amtsvorgänger Gamal Abdel Nasser, der enge Verbindungen mit der UdSSR gepflegt hatte. Es war also kein Zufall, dass man schließlich auf Einladung des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter wieder zusammenkam: Israels Ministerpräsident Menachem Begin, begleitet unter anderem von Ezer Weizmann und Moshe Dayan, und Anwar al-Sadat, mit seinem Außenminister Muhammad Kamil, Staatssekretär Boutros Ghali und weiteren Diplomaten. Am 17. September 1978 trafen alle im nordamerikanischen Camp David ein. Boutros Ghali erinnert sich an eine besondere Atmosphäre:


O-Ton (Ghali)

Zitator 1:

Es war anders als bei traditionellen Verhandlungen, die ich erlebt habe: Man sitzt sich in zwei Gruppen gegenüber und diskutiert. Dort wurde im Wald verhandelt: Wir gingen spazieren, hatten bilaterale Treffen. Die Einheit von Zeit, Ort und Handlung, wie wir sie aus dem antiken Theater kennen, war aufgehoben: Wir konnten keine Zeit festsetzen, wir wussten noch nicht einmal, wie lange das Ganze dauern würde, wir konnten den Ort nicht bestimmen, es gab viele kleine Häuser und wir trafen uns mal hier, mal dort, oder redeten, während wir gingen. Das war eine neue Erfahrung. Auch die Handlung stand nicht fest: einer wollte über Jerusalem diskutieren, der andere nicht. Die Themen waren nicht einfach.
Autorin:

Zweimal forderte Sadat seine Delegation auf, die Koffer zu packen, zweimal überredete ihn Präsident Carter zu bleiben. Mehrere Entwürfe wurden – mal von der einen, mal von der anderen Seite – als inakzeptabel abgelehnt. Dann schließlich war die Abschlusserklärung fertig und wurde unterschrieben:


O-Ton Ghali:

Zitator 1:

Der Standpunkt von Präsident Sadat war unveränderlich. Wir Experten aus dem Außenministerium hatten die Sorge, dass die Initiative scheitern würde, aber er entschied bis zum Ende zu gehen und hatte Erfolg. Das war der größte Sieg für die ägyptische Diplomatie. Denn so lange ägyptisches Land besetzt war, konnte die Diplomatie sich um nichts anderes kümmern – alles war darauf gerichtet, dieses Land wieder zu bekommen, und zwar durch Verhandlungen. Diese Bemühungen gingen auf Kosten aller anderen Probleme: Wenn Israel irgendwo eine Botschaft eröffnete, brauchten wir auch eine, wenn Israel an einer Messe teilnahm, mussten wir dort auch hin. Die palästinensische Sache wog schwerer als der Streit ums Nilwasser. Ägypten vernachlässigte alle anderen Probleme, weil es nur auf Israel konzentriert war.
Autorin:

Die Abschlusserklärung von Camp David war ein Gewinn für beide Seiten - besonders wenn man die militärische und strategische Bedrohung betrachtet, die die Grenze für beide Länder über Jahrzehnte dargestellt hatte.

O-Ton (Beinin)

Zitator 3:

Die ägyptische Armee war zu jener Zeit die größte und beste. Für Israel war Ägypten über vier Kriege der gefährlichste Feind. Deshalb war die Einigung eine Errungenschaft für Israel. Umgekehrt sollte man aber auch die Bedeutung für die ägyptische Seite nicht unterschätzen: 1956 und 1967 war es Israel gewesen, das Ägypten angegriffen hatte. Also sicherte sich auch Ägypten bis zu einem gewissen Grad dagegen ab, dass so was noch mal passierte.
Autorin:

Professor Joel Beinin lehrt an der Universität Stanford in den USA und leitete zwei Jahre lang die Abteilung Nahoststudien an der Amerikanischen Universität Kairo. Er ist Jude und hat zeitweise in Israel gelebt. Je tiefer er allerdings in die Lebenssituation der Palästinenser dort Einblick erhielt, sagt er, desto mehr kam er zu der Überzeugung, dass er in einem solchen Staat nicht leben könne. Dennoch hat ihn die Region nicht wieder losgelassen. Wie kaum ein anderer Wissenschaftler versteht Beinin es, beide Seiten des Konflikts ins Auge zu fassen:


O-Ton (Beinin)

Zitator 3:

Ich glaube es gab eine Möglichkeit für einen umfassenden Frieden, sprich: für Verhandlungen zwischen Israel und der PLO. Aber nur, wenn Sadat bereit gewesen wäre, im Zweifelsfall ohne ein Abkommen abzureisen. Er hätte die USA davon überzeugen müssen, dass eine Übereinkunft zwischen Ägypten und Israel nur möglich ist, wenn es gleichzeitig auch eine Übereinkunft zwischen Israel und den Palästinensern gibt. Als Ägypter, der sich mit dem Feilschen auskennt, hätte Sadat wissen müssen, dass derjenige den besten Preis aushandelt, der bereit ist, ohne die Ware abzuziehen. Aber er wollte nicht mit leeren Händen abziehen, das ist klar. Es gab einen Moment, in dem er beschlossen hat: Okay, wenn ich keinen umfassenden Frieden haben kann, nehme ich Frieden für Ägypten.
Autorin:

Keine drei Monate nach Camp David werden Sadat und Begin mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Obwohl beide Staaten zu diesem Zeitpunkt theoretisch noch im Kriegszustand sind. Der eigentliche Friedensvertrag wird erst am 26. März 1979 in Washington DC unterschrieben. Er beendet alle Feindschaft zwischen Israel und Ägypten und garantiert gegenseitige Anerkennung. Israel verpflichtet sich, seine Truppen aus dem besetzten Sinai abzuziehen. Ägypten gestattet israelischen Schiffen freie Fahrt durch den Suezkanal. Die Sache der Palästinenser kommt in dem Dokument nicht mehr vor.

Das Bild der drei händeschüttelnden Staatsmänner – Sadat, Carter und Begin – geht um die Welt. Nach der Unterschrift wendet sich ein glücklicher Präsident Sadat an die Anwesenden:
O-Ton (Sadat)

Zitator 3:

Im Namen Gottes, Präsident Carter, liebe Freunde. Dies ist sicherlich einer der glücklichsten Momente in meinem Leben. Es ist ein historischer Wendepunkt von großer Bedeutung für alle friedliebenden Nationen. Diejenigen unter uns, die mit der Gabe der Weitsicht beschenkt sind, werden die Dimension unserer heiligen Mission verstehen.
Autorin:

Auch Menachem Begin tritt vors Mikrofon: Er spricht vom drittwichtigsten Tag seines Lebens: Nach der Staatsgründung Israels und der Eroberung Jerusalems.


O-Ton (Begin)

Zitator 2:

Ich bin aus dem Lande Israel gekommen, dem Land Zions und Jerusalems. Und hier stehe ich voller Bescheidenheit, stolz, ein Sohn des jüdischen Volkes zu sein, ein Angehöriger der Generation des Holocaust und der Erlösung.
Autorin:

Die Reaktion der Welt ist geteilt: Der Westen – allen voran die USA - beglückwünschen die beiden Staaten. Auch zuhause in Ägypten wird Sadat zunächst bejubelt. Die Bevölkerung glaubt, dass die politische Sicherheit Investoren aus dem Ausland anlocken und endlich wirtschaftlichen Aufschwung bringen wird. Die arabischen Nachbarn dagegen verschärfen ihre Haltung: Aus der bloßen Ablehnung der Friedensinitiative entwickelt sich eine aktive Isolationspolitik. Die Arabische Liga schließt Ägypten aus und verlegt ihr Hauptquartier von Kairo nach Tunis. [Auch aus der Konferenz Islamischer Staaten und der Organisation der afrikanischen Einheit versuchen die Friedensgegner Ägypten zu vertreiben, ebenso aus der Bewegung der Blockfreien Staaten - obwohl Ägypten den Bund mitbegründet hatte.] Staatssekretär Boutros Ghali wird fortan von seinen arabischen Kollegen geschnitten:


O-Ton (Boutros Ghali)

Zitator 1:

Es gab eine Zeit der offenen Feindschaft mir als Minister und Verantwortlichem gegenüber - oder zumindest den fehlenden Wunsch, mit mir zu sprechen. Wenn ich in einen Raum kam, in dem die arabischen Außenminister zusammenstanden, gingen sie auseinander. Manchmal traf ich dann einen Minister auf der Toilette, der begrüßte mich flüsternd „Boutros, wie geht’s dir?“, und lief dann schnell raus ...
Autorin:

Das Weltgeschehen schien den Kritikern des Friedensvertrages Recht zu geben: Israel hielt sich nicht an die Terminvereinbarungen und gab den Sinai nur sehr zögerlich an Ägypten zurück. 1981 wurde dann Präsident Sadat von der ägyptischen Extremisten-Bewegung islamischer Gihad ermordet. Ein knappes Jahr später marschierte die israelische Armee in den Libanon ein und vertrieb die PLO Jasser Arafats nach Tunesien. Der jüdisch-amerikanische Historiker Joel Beinin betrachtet diese Zusammenhänge sehr kritisch:


O-Ton (Beinin)

Zitator 3:

Nachdem der Abzug von der Halbinsel Sinai fast abgeschlossen war - im April 1982 – sprach für Israel nichts dagegen, den Libanon anzugreifen. Die Vereinigten Staaten waren über den Krieg informiert und hatten ihn im Voraus gut geheißen. Ägypten konnte nichts dagegen tun. Die Tatsache, dass Israels südliche Grenze dank des Friedensvertrags mit Ägypten sicher war, war zweifelsohne einer der Gründe dafür, dass Israel glaubte, ungeschoren davonzukommen. Die arabische Welt ließ es ihrerseits so aussehen, als hätte Ägypten, wenn nicht aktiv mit Israel kollaboriert, so doch zumindest zu dem Krieg beigetragen. Und das war für Ägypten nicht gut.
Autorin:

Das Ansehen der Ägypter sank mit jeder Militäraktion Israels. 1985 bombardierte die israelische Luftwaffe das Hauptquartier der PLO in Tunis, 60 Menschen starben. Zwei Jahre später wehrten sich die Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten mit der sogenannten Intifada. Bilder von Steine werfenden Kindern und israelischen Soldaten waren in allen arabischen Fernsehkanälen zu sehen. Der Vorwurf der arabischen Regierungen war immer der gleiche: Ägypten unterhält Beziehungen zum sogenannten israelischen Aggressor. Dass dieselben Regierungen in ihren eigenen Ländern gegen die Palästinenser vorgingen, wurde dabei geflissentlich übergangen, sagt der ehemalige Diplomat Boutros Ghali:


O-Ton (Ghali)

Zitator 1:

Ich werde Ihnen einen Witz erzählen: wir waren auf einer Konferenz, in Indien, so weit ich mit erinnere, und ich habe gesagt, ich werde Shakespeare zitieren: „Der Geruch des Blutes klebt an deinen Händen“. Ich meinte damit den jordanischen Delegationsleiter, denn kurz davor hatte Jordanien einen Palästinenseraufstand blutig niedergeschlagen. Fünfzehn Minuten später sagte der Jordanier in seiner Rede: „Der ägyptische Minister ist sehr versiert in englischer und französischer Literatur und hat Shakespeare erwähnt, wir können ebenfalls Shakespeare zitieren: „Auch du, Brutus“.
Musik: Sabah al Khair ya Sina
Autorin:

„Guten Morgen Sinai, komm in unsere Umarmung“, singt der berühmte ägyptische Musiker Abdel Halim Hafez. Sein Lied erinnert daran. Die Halbinsel Sinai war das Unterpfand für den ägyptisch-israelischen Frieden – Ein 60.000 Quadratkilometer großes Stück Land, knapp ein Sechstel der Größe Deutschlands; geprägt vor allem von Wüstenlandschaft und beeindruckenden Bergmassiven, darunter der Berg Sinai, auf dem Moses die zehn Gesetzestafeln erhalten haben soll. Und dann ist da noch das Rote Meer:


Atmo Wellen

Atmo Klangelemente vor Hippieladen in Dahab


Autorin:

Dahab, ein Küstenort im Südosten der Halbinsel. Das ehemalige Beduinendorf war lange Zeit ein beliebter Hippietreff. Heute kommen Taucher aus aller Welt nach Dahab, um das Korallenriff zu bestaunen, das sich an der gesamten Sinaiküste entlang zieht. Vor den Läden mit bunten Baumwollkleidern klimpern leise die Windspiele; eine friedliche Ruhe liegt über der Uferpromenade. Anders als die Touristenhochburg Scharm el-Scheich hat Dahab sein Flair behalten - obwohl es in den letzten 20 Jahren um ein Vielfaches gewachsen ist.


Atmo InMo-Hotel Dahab
Autorin:

Im InMo-Hotel treffen sich am Abend die Besitzer mit ihren Freunden unter einer alten Dattelpalme. Das Gespräch kreist um die alten Zeiten, als es in Dahab nichts gab außer dem Meer, den Palmen und einfachen Camps für die Tauchpioniere.

Der Beduine Mubarak Hamid Sobeh wurde in Dahab geboren, als der Sinai noch zu Ägypten gehörte. 1967 kamen die Israelis. [Umbi - wie ihn alle hier nennen - hat den 67er Krieg als kleiner Junge miterlebt, an den folgenden, den sogenannten Yom Kippur Krieg 1973, erinnert er sich gut. Damals eroberte Ägypten die Halbinsel kurzzeitig zurück:
O-Ton (Mubarak Hamid Sobeh)

Zitator 2:

Ich hatte damals ein Auto. Wir haben die Bewohner in die Berge gebracht. Wir sind so lange hin und her gefahren, bis das Benzin alle war. Die Autos blieben stehen, denn tanken konnte man ja nicht mehr. Nach zwei Wochen kamen Hilfslieferungen aus dem Norden des Sinai: Weizen, Mehl und so weiter. Von den Vereinten Nationen glaube ich. Das haben sie dann an die Leute verteilt.
Autorin:

Der Yom Kippur Krieg war ein Schock für Israel: Am höchsten jüdischen Feiertag griffen Syrien, Jordanien und Ägypten gleichzeitig an.] In wenigen Tagen durchquerte die dritte ägyptische Armee den Sinai. Israel erhielt Waffenlieferungen aus den USA und wenige Wochen später war der Spuk vorbei: Ariel Sharon eroberte den Sinai zurück. Umbis Heimat gehörte damit wieder zu Israel. Der junge Mann lernte Hebräisch und arbeitete in einer Militärbasis in Scharm el-Scheich. Er mochte die Israelis, junge Leute wie er, die ihn gut behandelten. Dann mischte sich das Weltgeschehen erneut in sein Leben ein:


O-Ton (Mubarak Hamid Sobeh)

Zitator 2:

Zur Zeit von Camp David habe ich geheiratet. Wir haben damals in der Stadt el-Thur gewohnt, aber gearbeitet habe ich in Sharm-el-Sheich. Dann wurde der Sinai in drei Teile geteilt, die Israel nach und nach an Ägypten zurückgegeben hat. Thur kam mit dem ersten Teil zu Ägypten. Nach der Rückgabe konnte ich nicht mehr dorthin, weil ich ja im israelischen Scharm arbeitete - also habe ich meine Frau in meinen Heimatort Dahab geholt. Der war damals auch noch israelisch.
Autorin:

Doch schließlich gehörte der gesamte Sinai wieder zu Ägypten.

[Für diejenigen, die sich von Israel aus hier niedergelassen hatten, war es ein schmerzvoller Abschied. Einige Siedler hatten in Dahab und Sharm-el-Sheich ihre Kibbuzim gegründet; junge israelische Soldaten wohnten in den damals noch verschlafenen Orten. Auch den Deutschen Rolf Schmid hatte es in den Sinai verschlagen. Er kam nach dem 73er-Krieg mit den ersten europäischen Tauchern über Tel Aviv nach Sharm-el-Sheich, gründete eine Tauchbasis – und lebt bis heute hier. Auf einem Felsen über der Badebucht erinnert er sich an die Zeit von Camp David:
O-Ton (Schmid)

Wir waren uns über die Konsequenzen nicht im klaren, zu was das führen könnte. Es war einfach so, wir haben uns hier niedergelassen, eine bunte Mischung an Leuten aus aller Welt mit unseren israelischen Mitarbeitern und Partnern. Scharm el-Scheich ist gewachsen, auch auf dem zivilen Sektor, es gab mehr Geschäfte, mehr Restaurants. Und all diese Leute hatten dann auch Kinder, die zur Schule gegangen sind, das war ein neues Leben in einer neuen Stadt, das war Heimat. Und auf einmal steht das im Raum, dass alle wegmüssen. [ggf. kürzen: Man muss sich vorstellen, du bist in deinem Heimatdorf und plötzlich kommt die Tatsache auf dich zu, dass du weg musst.] Und das war eine Vorstellung, die die wenigsten begriffen hatten, zu was dieser Besuch führen konnte.


Autorin:

Sadats historischer Besuch in Jerusalem war plötzlich auch für die Israelis kein Grund mehr zum Feiern - zumindest nicht für diejenigen, die im Sinai lebten.]

Das israelische Militär machte ernst: Es räumte die Siedlungen eine nach der anderen, teilweise gegen den erbitterten Widerstand der Bewohner. Die ägyptische Regierung kaufte Israel jedes einzelne Gebäude ab und versuchte die Hotels und Tauchbasen weiter zu führen. Die Beduinen, gewöhnt an die relativ laxe Bürokratie der Israelis, lernten die strikten Seiten der ägyptische Verwaltung kennen. Mubarak Hamid Sobeh:
O-Ton (Mubarak Hamid Sobeh)

Zitator 2:

Einen Monat nach der Rückgabe habe ich eine ehemals israelische Autowerkstatt in Scharm el-Scheich gekauft. Ich hatte einen Abschleppwagen, der Unfallautos transportieren konnte, mit hebräischer Aufschrift. Die sah der Bürgermeister, der aus Kairo stammte und sagte: „Der ist Jude, sein Auto hat eine hebräische Aufschrift“. Also hat er mich aus der Werkstatt geworfen, mein Eigentum konfisziert und die Werkstatt für die Stadtverwaltung genutzt.
[Autorin:

Kurzerhand sattelte Umbi auf Tourismus um:


O-Ton (Mubarak Hamid Sobeh)

Zitator 2:

Ich habe ein Fischerboot gekauft, mit dem ich Taucher aufs Meer gefahren habe. Nach zwei Jahren haben sie gesagt, das geht nicht mit einem Fischerboot, du brauchst ein Passagierboot mit Papieren und so. Also habe ich ein neues Boot gekauft, und es Horeya 1 genannt, Freiheit. Ich nannte es Freiheit, weil ich keinerlei Freiheit sehen konnte – es gab nur Unterdrückung. Später hatte ich Freiheit 2, Freiheit 3, Freiheit 4 und so weiter. Alle zwei Jahre habe ich eine neues Boot gekauft.]
Autorin:

Allmählich zogen immer mehr Ägypter in den Sinai – zum Beispiel Mohammad al-Kabbani, der hier seine deutsche Frau Ingrid kennenlernte. Gemeinsam betreiben sie heute im Küstenort Dahab das InMo-Hotel. Vom Frieden zwischen Israel und Ägypten hat Ingrid Kabbani von Anfang an wenig gemerkt - obwohl zunächst Zehntausende israelische Touristen in den Sinai kamen:


O-Ton (Ingrid)

[Es war komisch: Zum einen die Ägypter, für die der Krieg gar nicht so weit weg war, wo die Älteren mit dabei waren, die standen nach wie vor sehr negativ gegenüber den Israelis.]Ich kam frisch aus Deutschland und habe mich gewundert, was das für ein Hass ist von den Ägyptern gegenüber den Israelis. Ich wollte sehr neutral sein. Und ich habe diesen Hass täglich zu spüren gekriegt, weil auch die Israelis die runterkamen, sehr arrogant waren. Sie haben gesagt: Das ist unser Land, wir mussten das abgeben, und die schmutzigen Ägypter gehören hier gar nicht her.


Autorin:

Hass und Misstrauen der Ägypter schlagen mit den Jahren in Enttäuschung um: Denn der wirtschaftliche Aufschwung, den man sich vom Friedensvertrag erhofft hatte, bleibt aus. Jetzt rückt auch die Frage der Palästinenser wieder in den Vordergrund - und mit ihr die Forderung nach einem umfassenden Frieden für alle arabischen Nachbarn, wie ihn Präsident Sadat ursprünglich angestrebt hatte. Die ägyptische Bevölkerung stellt sich immer mehr gegen das Abkommen von Camp David. Boutros Ghali:


O-Ton (Ghali)
Zitator 1:

Die Ablehnung kam nicht gleich, sondern erst, als wir gemerkt haben, dass die Verhandlungen über eine Selbstbestimmung der Palästinenser nirgends hinführten. In dieser Zeit habe ich im Kabinett den Ausdruck „kalter Frieden“ benutzt, genau wie „kalter Krieg“. Ich denke, solange die Palästinenserfrage nicht gelöst ist, wird es ein kalter Frieden bleiben. Die ägyptische Öffentlichkeit kann nur schwer akzeptieren, dass Palästinenser unterdrückt werden, in Gaza und sogar in Israel, wo sie Staatsbürger sind und 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen.


Autorin:

Die Beziehungen zu Israel dürfen sich nicht normalisieren, solange es den Palästinensern schlecht geht, sagen heute viele Ägypter. Und während anderswo Künstler und Intellektuelle Friedensinitiativen gründen – etwa zwischen Israelis und Palästinensern – vermeiden ihre ägyptischen Kollegen fast panisch jeden Kontakt. [Ein Autor wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, weil er nach Israel gereist ist. Der Dokumentarfilm einer ägyptischen Autorin wurde im Land heftig kritisiert, weil sie darin ihrer teilweise jüdische Familie nachspürte und auf Tanten stieß, die inzwischen in Israel wohnen. Und im Dezember 2007 hätte Ägypten beinahe das Filmfestival von Dubai boykottiert, weil man sich dort mit dem Gedanken trug, den israelischen Film „Die Band von nebenan“ zu zeigen - ein Märchen über israelisch-ägyptische Annäherungsversuche.



Atmo Film: Bus, Musik, Fragen auf dem Flughafen

Autorin (über Atmo): Der Film erzählt von einem Polizeiorchester aus Alexandria, das nach Israel fährt, um bei der Eröffnung eines arabischen Kulturzentrums zu spielen.


Atmo Fragen auf dem Flughafen

Autorin:

Aber weil es auf dem gerade eröffneten Flughafen in Tel Aviv noch keine arabischen Schilder gibt, nehmen die Männer den falschen Bus und landen in einem Dorf in der Wüste, das den Namen Beit ha Tikwa, „Haus der Hoffnung“, nicht verdient hat:

O-Ton (Filmausschnitt )


Autorin:

Es gibt hier kein arabisches Kulturzentrum, antwortet die israelische Frau auf die höfliche Frage des ägyptischen Offiziers: keine arabische, keine israelische, überhaupt keine Kultur. Hölle - sagt der junge Mann neben ihr.


Was folgt ist ein zaghafter Dialog der Kulturen. Die verirrten Ägypter und die in der Wüste verlorenen Israelis entdecken Gemeinsamkeiten und lernen voneinander. Eine Fantasiegeschichte, nahe an der Realität und doch unter den gegebenen Umständen undenkbar. Immerhin: Einmal durfte „Die Band von nebenan“ in Ägypten gezeigt werden: Auf Initiative der israelischen Botschaft, vor geladenem Publikum in einem internationalen Hotel in Kairo. In der anschließenden Diskussion stellten die wenigen ägyptischen Zuschauer keine Fragen zum Film, sondern zur Situation der Palästinenser.]
Autorin:

In einem Bereich freilich werden Beziehungen zwischen Israel und Ägypten geduldet – in der Wirtschaft, und zwar mit wachsendem Erfolg. [Das Geheimnis: Man spricht nicht darüber, sagt der israelische Botschafter in Kairo, Shalom Cohen:


O-Ton (Cohen)

Zitator 2:

Natürlich redet niemand darüber, auch nicht in der Presse, denn die Ägypter sträuben sich, ihre Wirtschaftsbeziehungen mit Israel publik zu machen. Sie haben vielleicht Angst vor der öffentlichen Meinung, oder vor anderen arabischen Staaten. Aber wir arbeiten weiter und tun alles, um die Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu verbessern. Natürlich werden die Kontakte enger, in den letzten fünf Jahren haben sie sich sehr verändert.]
Autorin:

Ein Meilenstein ist ein trilaterales Wirtschaftsabkommen zwischen Israel, Ägypten und den USA. In besonderen Freihandelszonen, sogenannten „qualified industrial zones“, kurz QIZ, werden Produkte hergestellt, die zollfrei in die USA exportiert werden dürfen. Einzige Bedingung: 10,5 Prozent des verwendeten Materials müssen aus Israel stammen.

[Im Handelsministerium in Kairo ist Dr. Ali Awni für die Freihandelszonen zuständig. Er erklärt in perfektem Englisch, warum die QIZ in keinerlei Widerspruch zur anti-israelischen Haltung der meisten Ägypter stehen:
O-Ton (Awni)

Zitator 2:

Schätzungsweise 250 bis 350.000 Arbeiter sind in QIZ (Kju-Ei-Zet)-Fabriken beschäftigt. Und ich spreche hier nicht von Zulieferern oder Service-Netzwerken rund um die Zonen! Das sind enorm viele Menschen, und sie konnten nach einem minimalen Training anfangen. In einem Land wie Ägypten, das so viele Arbeitskräfte hat, ist diese Art von Industrie sehr wichtig. Das erkennen die Geschäftsleute ebenso an wie die Arbeiter. Und ich denke, beide sehen dieses Abkommen als eine rein wirtschaftliche Beziehung.]
Autorin:

Die Entwicklung geht steil nach oben: Im Dezember 2004 wurde das QIZ-Abkommen unterzeichnet, bis zum ersten Quartal 2008 haben sich die Anzahl der Firmen und der Exportwert annähernd verdreifacht. [Produziert und verkauft werden in der Regel Textilprodukte, seit neuerem auch Lebensmittel. Durch die QIZs ist es Ägypten außerdem gelungen, mehr Direktinvestoren aus dem Ausland zu holen. Der wirtschaftliche Aufschwung, den sich Präsident Sadat einst von seinem Friedensvertrag versprochen hat, ist endlich doch eingetreten - mit 25 Jahren Verspätung. Ali Awni führt das allerdings auf innere Reformen zurück. Die Rolle des Friedensvertrages spielt er herunter.

O-Ton (Awni)

Zitator 2:

Wie jedes Land konnten auch wir nicht in einem andauernden Zustand des Krieges leben, das ist klar. Aber geht es deswegen mit der ägyptischen Wirtschaft bergauf? Ich denke das ist ein Aspekt, aber es gibt noch andere. Das wirkliche Hindernis waren meiner Meinung nach dringend nötige Reformen, die in den letzten drei, vier Jahren durchgeführt wurden. Sobald man anfängt zu reformieren, entfesselt man Potentiale, die lange Zeit eingesperrt waren.]
Autorin:

Und wie sieht das Verhältnis zwischen Ägypten und Israel heute auf der politischen Ebene aus? Der Kontakt ist seit Camp David nie eingeschlafen – der israelische und der ägyptische Staatschef treffen sich regelmäßig, wenn auch nicht in Jerusalem oder Kairo, sondern lieber auf halber Strecke in Scharm el-Scheich. Auch als Vermittler zwischen der palästinensischen Hamas und Israels Regierung spielt Ägypten eine wichtige Rolle. Es vergeht kaum ein Monat, ohne dass der ägyptische Geheimdienstchef nach Israel fährt. Die übrigen 80 Millionen Ägypter wollen an solch eine Reise allerdings nicht einmal denken. [92 Prozent der über 18jährigen betrachten Israel nach wie vor als Feind. Nur zwei Prozent nennen das Nachbarland einen Freund. Immer wieder kursieren Israelfeindliche Songs und Karikaturen; eine Unterschriftenaktion will den Friedensvertrag annullieren, es gibt Proteste gegen die Erdgaslieferungen Ägyptens nach Israel.

Selbst diejenigen, die keine Abneigung gegen Israel verspüren, haben doch Berührungsängste.] Umgekehrt spricht das israelische Anti-Terror Büro in regelmäßigen Abständen Reisewarnungen für den Sinai aus; die Gefahr, von ägyptischen Terroristen entführt zu werden sei zu groß.

Über eines sind sich beide Seiten einig: Es ist und bleibt ein kalter Frieden. Doch wer nach der Zukunft der Beziehungen fragt, erhält sehr unterschiedliche Antworten.

[Der israelische Botschafter in Kairo, Shalom Cohen, wünscht sich ein besseres Bild seines Landes in Ägypten]:
O-Ton (Cohen)

Zitator 2:

Dieser schöne Friedensvertrag muss auf allen Ebenen erfüllt werden. Es ist schade, dass es keine Friedensprogramme mit israelischen Schulen gibt, keinen kulturellen Austausch zwischen den beiden Völkern. Es gibt keinen Dialog von Mensch zu Mensch. Wir haben jetzt 30 Jahre Frieden mit Ägypten, eine längere Zeit Frieden, als Nicht-Frieden. Und immer noch gibt es eine neue Generation, die nicht viel über Israel weiß, für die Israel nur der Feind auf der anderen Seite der Grenze ist, der Soldat, der den Palästinenser bekämpft, aber das ist falsch, völlig falsch. Dieses Bild, das nur die eine Seite der Medaille sieht und nicht auf das größere Ganze schaut, sollte korrigiert werden.
Autorin:

Aber wie könnte das geschehen? Der Historiker Joel Beinin kehrt zurück zur Kernfrage des ganzen Abkommens: Den Palästinensern.


O-Ton (Beinin)

Zitator 3:

Ich glaube nicht, dass es eine positive Beziehung zwischen Israel und irgendeinem arabischen Land geben kann, solange die Palästinenserfrage nicht gelöst ist. Auch wenn im Prinzip produktive Beziehungen und gegenseitiger Respekt zwischen Ägypten und Israel vorstellbar sind - solange die Palästinenserfrage ausgeklammert bleibt, herrschen in der Öffentlichkeit Ärger und Verbitterung. Selbst wenn die breite Bevölkerung die Tiefe des Problems nicht versteht, und auch wenn die meisten Ägypter ihre Kinder keine Palästinenser heiraten lassen ... Aber die öffentliche Feindschaft gegen Israel ist so ausgeprägt, dass es für die ägyptische Regierung keinen Weg gibt, die Beziehungen mit Israel zu verbessern.
[O-Ton (Cohen)

Zitator 2:

Unserer Meinung nach ist das Gegenteil richtig. Wir werden sehen – und wir arbeiten daran, dass die Ägypter sich unserer Vision annähern: Mehr Normalisierung, mehr Kooperation, mehr Austausch wird auch zu mehr Frieden mit den Palästinensern führen.]
Autorin:

Wie könnte aus dem kalten Frieden ein warmer Frieden werden? Das letzte Wort hat der ehemalige UN-Generalsekretär Boutros Ghali:


O-Ton (Ghali)

Zitator 1:



Das Abkommen war immer an ein anderes geknüpft: die Selbstbestimmung des palästinensischen Volkes. Dieses andere Abkommen ist nicht zustande gekommen und die Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern hatten auch später keinen Erfolg. Also hängt der Frieden zwischen Ägypten und Israel - oder der Schritt von einem kalten zu einem warmen, normalen Frieden - von der Gründung eines palästinensischen Staates ab. Wenn ein palästinensischer Staat existiert, und die Probleme zwischen Israel und Syrien gelöst sind, wachsen die Möglichkeiten mit Israel und insbesondere mit den dort lebenden Palästinensern zusammenzuarbeiten.
* * * * *
Literatur:
Boutros Boutros-Ghali, „Egypt’s Road to Jerusalem“, Random House New York, 1997






The database is protected by copyright ©essaydocs.org 2016
send message

    Main page