Gericht Asylgerichtshof Entscheidungsdatum 12. 08. 2008 Geschäftszahl



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12.08.2008

Gericht

Asylgerichtshof



Entscheidungsdatum

12.08.2008



Geschäftszahl

268242-2/2008



Spruch

B17 268.242-2/2008/4E


E R K E N N T N I S
Der Asylgerichtshof hat durch den Richter Mag. Perl als Einzelrichter über die Beschwerde des A.N., geb. 00.00.1970, StA. Bolivien, gegen den Bescheid des Bundesasylamtes vom 24.05.2007, Zahl: 03 34.004-BAW, nach Durchführung einer mündlichen Verhandlung am 28.04.2008 zu Recht erkannt:
I. Die Beschwerde wird gemäß §§ 7, 8 AsylG 1997 idF BGBl. 126/2002 hinsichtlich Spruchpunkt I. und II. des angefochtenen Bescheides als unbegründet abgewiesen.
II. Der Beschwerde wird hinsichtlich Spruchpunkt III. stattgegeben und dieser ersatzlos behoben.

Text

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e:


I. Verfahrensgang und entscheidungsrelevanter Sachverhalt:
1. Verfahrensgang
1.1. Der Beschwerdeführer reiste am 28.09.2003 in das Bundesgebiet ein und stellte am 31.10.2003 - während damals aufrechter Schubhaft - einen Asylantrag beim Bundesasylamt Wien, in dem er im Wesentlichen ausführte, dass er von asylrelevanter Verfolgung bedroht sei und um Ladung zu einer Einvernahme ersuche, um seine Fluchtgründe eingehend darlegen zu können.
Im Hinblick auf seinen Asylantrag gab der Beschwerdeführer am 22.12.2003 bezüglich seiner Fluchtgründe an, dass er am 28.09.2003 in Wien angekommen sei und ihn am 15.10.2003 seine Lebensgefährtin aus Bolivien angerufen habe, um ihm mitzuteilen, dass sie von der Polizei bedroht worden sei und deshalb Bolivien verlassen müsse. Sie würde auch nach Österreich kommen, wo der Beschwerdeführer um Asyl ansuchen könnte. Da seine Lebensgefährtin, mit der er auch eine Tochter habe, in Bolivien bedroht worden sei, könne auch er nicht in sein Vaterland zurückkehren.
1.2. In einer Niederschrift vom 28.10.2003 vor der Bundespolizeidirektion Wien/ Fremdenpolizeiliches Büro gab der Beschwerdeführer zu Protokoll, dass er am 28.09.2003 von Slowenien kommend mit einem Autobus nach Österreich eingereist sei. Der Zweck seiner Einreise sei der Besuch bei seinem in Österreich lebenden Bruder, der mit einer Österreicherin verheiratet sei, gewesen. Nach Erörterung der Bestimmungen des § 57 FrG gab er an, dass er in seinem Heimatland weder strafrechtlich noch politisch verfolgt werde.
1.3. In einer weiteren Einvernahme am 03.11.2003 gab der sich noch immer in Schubhaft befindende Beschwerdeführer vor der Bundespolizeidirektion Wien an, dass er jedenfalls in Österreich bleiben wolle, da er ein Problem in Bolivien habe, welches er beim Bundesasylamt erklären werde. Er habe bisher nicht gewusst, dass ihm ein Asylantrag helfen könne, aber nun sehe er diesen als einzige Möglichkeit, um mit seiner Lebensgefährtin und der gemeinsamen Tochter in Österreich bleiben zu können. Sie hätten aber auch Probleme in Bolivien.
1.4. In der Niederschrift vom 01.06.2005 gab der Beschwerdeführer gegenüber dem Bundesasylamt an, dass er Bolivien das erste Mal am 04.05.1996 mit einem Musikerkollegen verlassen habe. Er sei noch einmal im Jahr 2000 (Anm.: die ursprüngliche Angabe des Jahres 2001 wurde vom Beschwerdeführer nachträglich bzw. später als Irrtum bezeichnet) in sein Heimatland zurückgekehrt, da seine Lebensgefährtin dort Probleme gehabt hätte. Auch er selbst habe schon seit dem Jahr 1985 Probleme in Bolivien gehabt, da er als Sohn eines Bergmannes ein Lied für die Bergleute komponiert habe und seitdem auf einer "schwarzen Liste" stünde. Er habe damals Angst gehabt, weil auch Schulkollegen von ihm verschwunden seien und daher habe er dann versteckt gelebt. Auf dieser besagten Liste seien die Kinder der Bergleute notiert gewesen und diese seien der Regierung nicht angenehm gewesen, weil diese Kinder niemals vergessen hätten, dass ihre Väter umgebracht wurden. Durch das von ihm in den 80er Jahren komponierte Lied habe sich die Regierung angegriffen gefühlt und ihn gesucht. Gefunden habe man ihn allerdings nicht. Es sei ihm erst im Jahre 1996 die Flucht gelungen, da er bis zu diesem Zeitpunkt nicht über die nötigen finanziellen Mitteln verfügt habe.
Bei seiner Rückkehr nach Bolivien im Jahr 2000 habe er keine Probleme gehabt, da er von Argentinien über den Landweg eingereist sei. Trotz seiner Angst vor Verfolgung sei er wieder nach Bolivien zurückgekehrt, da er sich große Sorgen um seine Lebensgefährtin gemacht habe. Er habe erst jetzt einen Asylantrag gestellt, da er gedacht habe, dass sich seine Probleme in Bolivien bessern würden. Da seine Lebensgefährtin auch Probleme habe, könne auch er nicht nach Bolivien zurückkehren.
1.5. Das Bundesasylamt hat mit Bescheid vom 31.01.2006, Zl. 03 34.004-BAW, den Asylantrag des Beschwerdeführers gemäß § 7 AsylG 1997 abgewiesen (Spruchpunkt I), seine Zurückweisung, Zurückschiebung oder Abschiebung nach Bolivien gemäß § 8 Abs. 1 AsylG 1997 für zulässig erklärt (Spruchpunkt II) und dessen Ausweisung aus dem österreichischen Bundesgebiet nach Bolivien gemäß § 8 Abs. 2 AsylG 1997 ausgesprochen (Spruchpunkt III).
1.6. Mit Schreiben vom 16.02.2006 erhob der Beschwerdeführer gegen diesen Bescheid wegen Rechtswidrigkeit seines Inhaltes und Rechtswidrigkeit infolge Verletzung von Verfahrensvorschriften, fristgerecht Berufung.
1.7. Der Unabhängige Bundesasylsenat hat mit Bescheid vom 15.11.2006, Zl. 268.242/0-XX/50/06, der damaligen Berufung des Beschwerdeführers stattgegeben und den bekämpften Bescheid gemäß § 66 Abs. 2 AVG behoben und die Angelegenheit zur neuerlichen Verhandlung und Erlassung eines neuen Bescheides an das Bundesasylamt zurückverwiesen.
Der Unabhängige Bundesasylsenat hat seinen Bescheid mit erheblichen Mängeln im Bereich der Sachverhaltsfeststellungen - insbesondere, dass die von der Erstbehörde dem Bescheid vom 31.01.2006 zu Grunde gelegten Länderinformationen zu Bolivien zwar aus dem Jahr 2005 stammen, aber das Ergebnis der vor der Bescheiderlassung abgehaltenen Präsidentschaftswahlen dabei nicht berücksichtigt wurde - begründet.
1.8. Das Bundesasylamt hat mit Bescheid vom 24.05.2007, Zl. 03 34.004-BAW, den Asylantrag des Beschwerdeführers gemäß § 7 AsylG 1997 neuerlich abgewiesen (Spruchpunkt I), seine Zurückweisung, Zurückschiebung oder Abschiebung nach Bolivien gemäß § 8 Abs. 1 AsylG 1997 für zulässig erklärt (Spruchpunkt II) und dessen Ausweisung aus dem österreichischen Bundesgebiet nach Bolivien gemäß § 8 Abs. 2 AsylG 1997 ausgesprochen (Spruchpunkt III).
Das Bundesasylamt ging in diesem Bescheid im Wesentlichen von der Unglaubwürdigkeit des Fluchtvorbringens aus. Das gesamte Vorbringen des Beschwerdeführers erweise sich als sehr vage, schablonenhaft und widersprüchlich. Dazu führte das Bundesasylamt im Wesentlichen aus:
" Die Quintessenz seiner Aussage beläuft sich darauf, dass er in Bolivien von der Regierung verfolgt worden wäre, da sein Vater ein ehemaliger Bergwerksarbeiter gewesen sei. Laut eigenen Angaben, seien die Kinder dieser Bergarbeiter nach einer Tragödie im Jahr 1985 dem Staat nicht mehr genehm, da damals mehrere Bergarbeiter getötet oder verschleppt worden wären. Aufgrund eines Liedes, welches der Antragsteller geschrieben habe, hätte sich die bolivianische Regierung von ihm bedroht gefühlt und ihn verfolgt. Er selbst hätte jedoch keine konkreten Verfolgungshandlungen gegen seine Person feststellen können, da er die meiste Zeit versteckt gelebt hätte, jedoch trotzdem weiterhin zur Schule hätte gehen können. Der Inhalt des Liedes würde die Tragödie beschreiben, welche den Bergarbeitern im Jahr 1985 widerfahren ist. Seine Probleme hätten schon im Jahr 1985 begonnen, er habe jedoch bis zum Jahr 1996 keine finanzielle Möglichkeit zur Ausreise gesehen.
Die Zeitangaben des Antragstellers erwiesen sich während der Einvernahme als überwiegend widersprüchlich. Insbesondere konnte er das Jahr seiner letzten Ausreise nicht konkret zuordnen. Weiters behauptete er, er wäre nur einmal im Jahr 2001 im Heimatland aufhältig gewesen und seine Lebensgefährtin im Jahr 2001 ebenfalls nur ein einziges Mal nach Europa gereist ist, um ihn zu besuchen. Seine leibliche Tochter wurde jedoch bereits am 00.00.2001 geboren und somit wäre eine biologische Vaterschaft praktisch ausgeschlossen. Später korrigierte er seine Angaben und erklärte, es wäre auch möglich, dass sein letzter Aufenthalt in Bolivien im Jahr 2000 stattgefunden hätte, er wäre sich mit den Datumsangaben im Allgemeinen etwas unsicher.
Auch die Tatsache, dass er bis 1996 in seinem Heimatland leben konnte, obwohl er schon seit 1985 mit Problemen zu kämpfen gehabt hätte, lässt sein gesamtes Vorbringen unglaubwürdig erscheinen. Es ist nur wenig nachvollziehbar, dass jemand, der akute Angst vor einer Verfolgung zu gewärtigen hat, über elf Jahre im Heimatland verweilt. Da aus seinen Angaben hervorgeht, dass dieser zwar im Jahr 1996 ausgereist sei, aber erst im Jahr 2003 einen Asylantrag eingebracht hat, wird weiters die Annahme verstärkt, dass es sich bei seinem Vorbringen nicht um in der Realität tatsächlich erlebte Ereignisse handelt. Dieser Verdacht wird ebenso dahingehend untermauert, als das der Antragsteller im Jahr 2000 bzw 2001 freiwillig nach Bolivien zurückgekehrt ist. Es ist jedoch davon auszugehen, dass der Antragsteller angesichts einer tatsächlichen Bedrohung nicht ins Heimatland zurückgekehrt wäre. Außerdem muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass er bei mehreren vorhergehenden, polizeilichen Einvernahmen keine Verfolgung im Heimatstaat geltend gemacht hat."
Weiters habe der Beschwerdeführer in der Niederschrift vor der Bundespolizeidirektion Wien, am 28.10.2003 angegeben, dass der Grund seiner Einreise nach Österreich ein Besuch bei seinem Bruder gewesen wäre und er im Heimatland keiner politischen oder strafrechtlichen Verfolgung ausgesetzt sei. Diese Aussage sei ihm bei einer weiteren niederschriftlichen Einvernahme vorgehalten worden, worauf er geantwortet habe, dass er nicht wisse, warum er dies gesagt habe.
In einer Gesamtschau betrachtet sei das Bundesasylamt zu dem Schluss gekommen, dass der maßgebende Sachverhalt nicht den Tatsachen entspreche.
1.9. Der Asylwerber, vertreten durch RA Dr. Lennart Binder, erhob mit Schreiben vom 13.06.2007 gegen den Bescheid des Bundesasylamtes vom 24.05.2007,
Zl. 03 34.004-BAW, neuerlich fristgerecht Berufung (nunmehr Beschwerde).
Gegen die erstinstanzliche Entscheidung wurde dabei u.a. vorgebracht, dass der Beschwerdeführer bereits im Jahr 1985 Probleme mit der Regierung gehabt hätte, welche 1996 massiv und bedrohlich geworden seien. Es habe damit begonnen, dass die Bergwerke in Bolivien geschlossen wurden und danach Demonstrationen stattgefunden hätten. Als Sohn eines Bergmannes sei der Beschwerdeführer auch auf eine sogenannte "schwarze Liste" gesetzt worden und von der Polizei gesucht worden. Der Beschwerdeführer habe studiert und einige seiner Schulkollegen seien damals spurlos verschwunden. Der Beschwerdeführer habe daraufhin immer wieder seine Wohnung gewechselt und habe unter falschem Namen Zimmer angemietet, um von der Polizei nicht gefunden zu werden.
Er habe lange Zeit für seine Flucht arbeiten und sparen müssen und sei dann nach Österreich geflüchtet. Mittlerweile sei es auch seiner Lebensgefährtin und seiner Tochter gelungen nach Österreich zu flüchten.
Die divergierenden zeitlichen Angaben hätten sich dadurch ergeben, dass es aufgrund der Zeitspanne zwischen dem Beginn der Probleme des Beschwerdeführers und der Vielzahl der Ereignisse, die passiert seien, lebensnahe sei, sich mit zeitlichen Angaben zu irren. Der Beschwerdeführer habe in seinem Heimatland studiert und die Kosten für seine Flucht erst verdienen müssen, was in Bolivien nicht einfach sei. Aufgrund der genauen Vorbereitung seiner Flucht sei auch der lange Aufenthalt trotz Verfolgung zu begründen. Der Beschwerdeführer werde in seiner Heimat Bolivien von der Polizei gesucht und verfolgt. Im Falle einer Rückkehr drohe ihm Verfolgung und Inhaftierung. Dem Beschwerdeführer sei daher Asyl zu gewähren.
Zum Berufungsgrund der Mangelhaftigkeit des Verfahrens wurde angeführt, dass es die Behörde verabsäumt habe, sich mit der konkreten Situation des Beschwerdeführers und der aktuellen Situation auseinanderzusetzen.
Die Verpflichtung, ein amtswegiges Ermittlungsverfahren durchzuführen, bedeute, dass die konkrete und aktuelle Situation untersucht werde. Dies sei im vorliegenden Fall verabsäumt worden, insbesondere dadurch, dass dem Bundesasylamt genügend Material vorliegen müsse, aus dem die Verfolgungssituation erkennbar wäre.
Zum Berufungsgrund der unrichtigen rechtlichen Beurteilung wurde vorgebracht, dass sich die Behörde nicht mit der konkreten Situation des Beschwerdeführers auseinandergesetzt habe und daher eine rechtliche Auseinandersetzung mit dem Vorbringen des Beschwerdeführers nicht möglich gewesen sei.
Eine Ausweisung widerspreche daher Art. 8 EMRK. Von einer Ausweisung sei daher unter Berücksichtigung der nahen Familienangehörigen Abstand zu nehmen.
Es wurde daher der Antrag gestellt,
a) dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren;
b) allenfalls den angefochtenen Bescheid aufzuheben und zur Ergänzung des Verfahrens an die 1.Instanz zurückzuverweisen;
c) eine mündliche Berufungsverhandlung anzuberaumen;
d) allenfalls festzustellen, dass die Zurückweisung, Zurückschiebung, Abschiebung und Ausweisung unzulässig ist.
1.10. Mit Schreiben vom 02.04.2008 wurden - vom vormals zuständigen Unabhängigen Bundesasylsenat - die Ladungen zur öffentlichen mündlichen Berufungsverhandlung den Verfahrensparteien unter Anschluss der aktuellen Länderberichte und -feststellungen zu Bolivien übermittelt.
1.11. Das Bundesasylamt gab mit Schreiben vom 10.04.2008 bekannt, an der Berufungsverhandlung vom 28.04.2008 nicht teilnehmen zu können, und beantragte die Abweisung der gegenständlichen Berufung (nunmehr Beschwerde).
1.12. Am 28.04.2008 fand im Beisein des Beschwerdeführers, seiner Lebensgefährtin und seiner Tochter sowie in Begleitung ihrer Rechtsvertreterin bei dem vormals zuständigen Unabhängigen Bundesasylsenat eine öffentlich mündliche Berufungsverhandlung statt. Vom Beschwerdeführer wurde eine Vollmacht vorgelegt, mittels welcher er sowohl dem Verein für MigrantInnen als auch dessen Obmann RA Dr. Lennart Binder Vollmacht erteilte. Im Zuge dieser Verhandlung wurde der Beschwerdeführer nochmals ausführlich zu seinen Fluchtgründen befragt.
Auf die konkrete Frage, ob die Beschwerdeführer mit dem Inhalt der Berichte bzw. Gutachten und Stellungnahmen einverstanden seien, oder ob es aus ihrer Sicht dazu Anmerkungen oder Ergänzungen gäbe, gab der Beschwerdeführer an, diese Unterlagen nicht zu kennen. Die Vertreterin der Beschwerdeführer führte sodann aus, die Unterlagen studiert und auch einiges angemerkt zu haben. Die Dokumentation sei aber sehr umfangreich und die Übersetzung ins Spanische sei nicht einfach gewesen.
Der Beschwerdeführer gab an, im Mai 1996 erstmals aus Bolivien ausgereist zu sein und sich danach in Miami, Moskau und Budapest aufgehalten zu haben. Grund für die Ausreise sei gewesen, dass sein Vater, welcher Bergarbeiter gewesen sei, Anfang der 80er Jahre unter der Regierung von Hugo Vancer Suarez ermordet worden sei. Der Beschwerdeführer und andere Bergarbeiterkinder hätten aufgrund der Ermordung ihrer Väter einen Protestmarsch ("Marsch für das Leben") veranstaltet. Unter der damaligen Regierung sei damals ein Dekret erlassen worden, welches den Tod für den gesamten Bergbau bedeutet habe. Die Regierung habe weiters eine "schwarze Liste" erstellt, die es bis heute noch gebe. Viele seiner Mitstreiter seien damals auch auf dieser Liste gestanden und würden heute nicht mehr leben. Er habe damals auch ein Lied komponiert. Dieses Lied und das Massaker, welches 1985 in Folge des Dekrets stattfand, hätten ihn dazu veranlasst, Bolivien zu verlassen.
Angesprochen auf seine Tätigkeit als Musiker und die mit dieser Tätigkeit im Zusammenhang stehenden Reisen, gab der Beschwerdeführer an, nach Mai 1996 ca. 4 Jahre lang im Ausland (darunter Rumänien, Jugoslawien, Deutschland etc.) gewesen zu sein. Zu Dauer und Orten seines genauen Aufenthaltes befragt, gab der Beschwerdeführer Folgendes an:
" Ich kann mich nicht an die genauen Jahreszahlen erinnern, also wann ich wo war. Ich habe als einzige Verdienstquelle meine Tätigkeit als Musiker und habe im Rahmen dieser Tätigkeit viele Länder kennen gelernt, nicht nur Slowenien und Kroatien, sondern auch Italien, Frankreich und viele andere Länder. Ich weiß also nicht mehr genau, wann ich nach Österreich gekommen bin, es stimmt aber auf alle Fälle, dass mein Bruder hier lebt."
Nach der Ausstellung seines Reisepasses im Jahr 1999 beim bolivianischen Konsulat in Salzburg befragt, gab der Beschwerdeführer weiters an, dass er damals in Europa seinen Reisepass verloren hätte und in Salzburg einen neuen beantragt habe. Er sei allerdings nur zur Ausstellung des Passes in Salzburg gewesen und habe sich dort nicht länger aufgehalten.
Auch konnte der Beschwerdeführer nicht darlegen, dass er trotz seines mehrjährigen Aufenthaltes außerhalb von Bolivien in einem anderen europäischen Staat Aktivitäten zur Erlangung eines legalen Aufenthaltes in einem der anderen europäischen Ländern setzte. Darauf angesprochen, dass er bei seiner Niederschrift im Zuge der Schubhaft angegeben habe, dass er in Bolivien weder einer strafrechtlichen noch politischen Verfolgung ausgesetzt sei, gab der Beschwerdeführer an, sich nicht daran erinnern zu können, dies gesagt zu haben, es aber unter Umständen möglich sein könne, dies erwähnt zu haben, da er bei seiner Verhaftung sehr nervös und verzweifelt gewesen sei. Das Problem in Bolivien seien die Oligarchen, die die Menschen nicht in Ruhe leben lassen würden. Im Falle einer Rückkehr fürchte er um die Sicherheit und Zukunft seiner Tochter.
Auf konkrete Bedrohungen angesprochen, führte der Beschwerdeführer aus, dass sich die allgemeine politische Situation trotz der Regierung unter Evo Morales nicht geändert habe und er deswegen nicht in sein Land zurückkehren könne. Präsident Evo Morales sei Opfer einer Verschwörung und jeder, der seine Interessen auch verfolge, sei auch Opfer einer solchen Verschwörung.
Der Berufungswerber legte zur Untermauerung seiner Ausführungen über die politische Situation in Bolivien eine DVD und Internetausdrucke vor, welche zum Akt genommen wurden.
Zu seinem persönlichen Umfeld befragt, gab der Beschwerdeführer an, dass er außer seiner Lebensgefährten und der gemeinsamen Tochter einen Bruder in Österreich habe, er aber nicht wisse, seit wann sein Bruder in Österreich lebe.
Die Verhandlung wurde nach Befragung des Beschwerdeführers auf den 15.05.2008 vertagt und dem Beschwerdeführer die Möglichkeit eingeräumt, bis zum 15.05.2008 eine Stellungnahme zu den Länderfeststellungen (die mit der Ladung übermittelt worden waren) abzugeben. In der öffentlich mündlichen Berufungsverhandlung am 15.05.2008 wurde mit der Befragung der Lebensgefährtin des Beschwerdeführers fortgesetzt und von der Beschwerdeführervertreterin angemerkt, dass der Inhalt der Länderdokumentation nun durchgearbeitet worden sei und die Beschwerdeführer mit dem Inhalt einverstanden seien.
2. Sachverhalt
2.1. Zur Person des Beschwerdeführers und seinen Fluchtgründen wird festgestellt:
Der Beschwerdeführer ist bolivianischer Staatsbürger und am 00.00.1969 geboren. Seine Identität steht fest.
Die Lebensgefährtin des Beschwerdeführers, Fr. C.M., mit der der Beschwerdeführer ein gemeinsames Kind hat, ist ebenfalls in Österreich aufhältig und der Beschwerdeführer lebt mit seiner Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Kind in einem Haushalt.
Die Feststellungen bezüglich der Familienverhältnisse zum oben erwähnten Beschwerdeführer sind dem Akt der Erstbehörde sowie auch den Angaben des Beschwerdeführers zu entnehmen und werden von Seiten des Asylgerichtshofes nicht in Zweifel gezogen.
2.2. Zur Lage in Bolivien wird festgestellt
Allgemeiner Überblick
Bolivien hat eine Fläche von 1.098.581 Quadratkilometern und liegt im Herzen Südamerikas. Seit seiner Gründung als Republik (1825) hat Bolivien rund die Hälfte seines ursprünglichen Territoriums eingebüßt. Im Salpeterkrieg (1879-1883) verlor es seinen Zugang zur Pazifikküste an Chile und ist seither Binnenland, was traumatisch wahrgenommen und beklagt wird. Das Land grenzt im Norden und Osten an Brasilien, im Südwesten an Paraguay, im Süden an Argentinien, im Südosten an Chile und im Osten an Peru. Trotz seines relativ geringen wirtschaftlichen und politischen Gewichts haben Entwicklungen in Bolivien daher beträchtliche Ausstrahlung auf die Region; nicht zuletzt die historisch sprichwörtliche politische Instabilität und die Tradition einer der stärksten Arbeiter- und Bauernbewegungen des Halbkontinents. "Rebellion in den Venen", lautet der Titel eines Standardwerks über Bolivien. (Dunkerley, 1984) Che Guevara wollte Mitte der 1960er Jahre von hier aus die Revolution entfachen und "zwei, drei, viele Vietnam" schaffen (Lessmann, 2006). Seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1825 hat Bolivien mehr Regierungen erlebt als Jahre; zwischen 1964 und 1982 eine Abfolge teilweise blutiger Militärdiktaturen.
Bolivien hat eine Bevölkerung von annähernd 9 Millionen. Mehr als 60% davon verstehen sich explizit als Angehörige eines von 35 indigenen Völkern. Die größten davon sind Quetchua mit 2.3 Mio. und Aymara mit 1.6 Mio. Menschen. Beide stammen vom Altiplano, der fast 4.000 Meter hoch gelegenen Ebene zwischen Ost- und Westkordillere. Und sie sind so zahlreich, dass in Bolivien, wenn man von indigenen Völkern sprach, implizit stets die kleineren Völker aus dem Tiefland gemeint waren; jedenfalls bis vor wenigen Jahren. Quetchua und Aymara identifizierten sich nach der Revolution von 1952/53 stets mehr nach sozio-ökonomischen Kategorien: als Mineros (Bergarbeiter) oder Trabajadores Campesinos (Kleinbauern) die in der Landarbeitergewerkschaft organisiert waren. Erst mit dem Zusammenbruch des Bergbaus Mitte der 80er Jahre und der indigenistischen Konjunktur im Vorfeld des so genannten Kolumbusjahres zur 500-Jahr-Feier der "Entdeckung Amerikas" (1992) begann man, sich wieder stärker auf seine indianischen Wurzeln zu berufen, die freilich stets auch vorhanden gewesen waren. Nach einem halben Jahrtausend des Ethnozids, der Versklavung und der Unterdrückung, der Inquisition und der "Ausrottung des Aberglaubens", der Ausbeutung, Diskriminierung, Beleidigung und Geringschätzung zeichnet sich Bolivien durch eine unerhört starke Präsenz von Elementen andiner Kulturen aus, deren Wurzeln nicht selten bis in vorinkaische Horizonte zurückreichen; in Kunst und Brauchtum, im Volksglauben, aber auch in der sozialen Organisation und in der Politik: Eine oftmals un- oder missverstandene Kultur des Widerstands, namentlich in Gestalt des Synkretismus und im Fortbestand dörflicher Kollektivität, die wiederum insbesondere in Gemeinschaftsarbeiten (ayni, minga) und in Formen konsensualer Entscheidungsfindung zum Ausdruck kommt.
Weder die Revolution von 1952/53, noch die Redemokratisierung nach 1982 schafften es, einen integrativen Prozess des Nation Building in Gang zu setzen und stellten der persistenten andinen Kollektivität das individualistische Konzept des Staatsbürgers entgegen. Die Landreform von 1953, mit ihrem Slogan: "Das Land gehört dem, der es bearbeitet", stellte nicht nur dem Großgrundbesitzer den
(klein-)bäuerlichen Privateigentümer gegenüber, sondern gerade auch dem dörflichen Kollektiv. Um es mit den Worten der bolivianischen Soziologin Silvia Rivera Cusicanqui zu sagen: "Die Menschenrechte der Indios werden erst anerkannt, wo sie aufhören Indios zu sein" (Rivera, 1993, 50) - wo sie eine westliche Identität annehmen. Indianische Kultur und Lebensweise wurden stets als minderwertig und als Hindernis für Fortschritt und Entwicklung angesehen und diskriminiert.
Diese ethnisch-kulturellen Demarkationslinien decken sich weitgehend mit dem Gegensatz zwischen Arm und Reich. Gemäß dem Index für menschliche Entwicklung der Vereinten Nationen liegt das Land auf Position 115 und gehört damit zu den so genannten "Ländern mit mittlerem Einkommen". Doch jeder vierte Bolivianer oder Bolivianerin muss mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. (UNDP, 2006, 293) Es herrscht große soziale Ungleichheit: Auf die 10% der ärmsten Bevölkerungsschicht kommen nur 0,3% des Einkommens, auf die reichsten 10% der Bevölkerung 47,2%. (UNDP, 2006, 337)
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