Einblick in die Kinderseele



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Einblick in die Kinderseele


Alfred Adlers pädagogischer Optimismus
Autor: Michael Felten

Redaktion: Anja Brockert

Regie: Birgitt Kehrer
Sendung: Samstag 03.03.2007 um 8.30 Uhr in SWR2

Wiederholung: Samstag, 13.09.08 um 8.30 Uhr in SWR2

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Manuskript

Bernd Schäpers:

Vieles von dem, was die Individualpsychologie lehrt, ist Bestandteil von Erziehungswissen geworden - was nicht heißt, dass es auch konsequent umgesetzt wird.


Erzählerin:

Martin war wohl ein hoffnungsloser Fall. Schon seit Jahren konzentrierte er seine jugendlichen Energien nur darauf, den Klassenclown zu spielen. Die Eltern, viel beschäftigte Friseursleute, hatten den einzigen Sohn voller Hoffnung zum Gymnasium geschickt, sein Traumberuf: Pilot. Aber er musste schon die siebte Klasse wiederholen, die nächsten Versetzungen schaffte er nur mit Nachprüfung, und nun fiel das Halbjahreszeugnis der 10 geradezu vernichtend aus: In fünf Fächern eine 5, darunter drei Hauptfächer! Die Lehrer waren verärgert, die Eltern verzweifelt. Was ging nur in dem Jungen vor?


Ansage:

Einblick in die Kinderseele


Alfred Adlers pädagogischer Optimismus


Eine Sendung von Michael Felten
Erzählerin:

Martin selbst schien über seine schlechten Zensuren wenig bekümmert: "Dann mach’ ich eben ‘ne Schreinerlehre, der ganze Buchkram interessiert mich sowieso schon lange nicht mehr!" Nichts besonderes, mag man denken. So etwas spielt sich zur Schuljahrsmitte ja häufiger ab. Meist beginnen die Erwachsenen dann ein großes, oftmals vergebliches Zerren - oder sie lassen die Dinge laufen. Im günstigsten Fall fängt sich der Jugendliche dann in der Lehre, macht vielleicht sogar später noch sein Abitur. Aber das ist Glückssache. Oft bleibt es bei einer beschädigten, ja verunglückten Lernbiografie.


Bernd Schäpers:

Durch die Individualpsychologie bekomme ich einen ganz neuen und anderen Blick auf den Schüler. Ein ganz bedeutender Blickwinkel ist, dass man die Zielhaftigkeit, also die Finalität des Verhaltens in den Blick nimmt; Schüler, nein: Menschen ganz allgemein handeln nicht kausal, aus irgendeinem Grund, weil sie so handeln müssen, sondern sie verfolgen damit ein bestimmtes Ziel, und wenn ich verstehe, wo jemand hin will, welches Ziel er verfolgt, dann bin ich also eher in der Lage, mit ihm zusammenzuarbeiten, ihn zu korrigieren, als wenn ich dieses nicht weiß.


Erzählerin:

Bernd Schäpers ist Konrektor einer westfälischen Realschule und hat sich an einem Alfred-Adler-Institut zum Berater weitergebildet. Die Adlersche Tiefenpsychologie, deren einen Grundpfeiler er hier skizziert, gab auch Martins Leben eine entscheidende Wende. Martin ist nämlich heute weder Schreiner noch Pilot - und schon gar nicht unter die Räder gekommen. Er arbeitet erfolgreich als Sonderschullehrer.


Zitator:

Was auch ein Mensch an Verfehlungen begangen haben mag, verführt durch seine irrtümliche Meinung vom Leben - es braucht ihn nicht zu bedrücken, er kann sich ändern. (Alfred Adler "Der Sinn des Lebens", 1930)


Erzählerin:

In der 10. Klasse bekommt Martin zwei Lehrer, die eine individualpsychologische Zusatzausbildung gemacht haben. Sie erkennen, wie verstrickt der Sechzehnjährige ist und suchen zusammen mit der Familie einen Ausweg.

Martin ist nämlich eigentlich ein wacher, interessierter Junge. Aber beim Lernen fühlt er sich schnell verunsichert, vor allem im Vergleich mit anderen. Als Einzelkind war er lange "der Kleine", die Eltern verhätschelten ihn - und überfrachteten ihn zugleich mit hohen Erwartungen. Die Pubertät eröffnet Martin scheinbar einen Fluchtweg: Durch Jux und Verweigerung bekommt er sehr viel leichter Aufmerksamkeit als durch eifriges Lernen und Anstrengung.
Zitator:

Für mich gibt es keinen Zweifel, dass sich jedes Individuum im Leben so benimmt, als ob es eine bestimmte Vorstellung von seiner Stärke und seinen Möglichkeiten hat. (Alfred Adler "Der Sinn des Lebens", 1930)


Erzählerin:

Bisher hatte sich niemand ernsthaft Martins Flucht in den Weg gestellt, weder in der Schule noch zuhause. Nun stellen die beiden Berater dem Jungen frei, die Schule abzubrechen. Sie legen ihm aber nahe, dass er viel mehr könne, als er bislang gedacht habe. Dann schlagen sie ihm etwas zunächst schier Unfassbares vor: Ab sofort soll er täglich seine Schularbeiten erledigen, und zwar unter Aufsicht. Am Wochenende muss er seine Wissenslücken auffüllen. Zusätzlich bieten ihm die Mentoren an, regelmäßig mit ihnen darüber zu sprechen, wie er sich beim Lernen fühlt. Und auch die Eltern bekommen einen Auftrag: Nämlich standhaft zu bleiben, wenn der Sohn über zuviel Stoff und Stress klagt. Stattdessen sollten sie sich hin und wieder dafür interessieren, was er jetzt schon mehr könne als sie. Und tatsächlich: Plötzlich lernt Martin unermüdlich. Innerhalb weniger Monate schafft er - wenn auch knapp - die Versetzung in die Oberstufe. Und drei Jahre später - die Berater hatten ihre Unterstützung allmählich reduziert - hält er das Abiturzeugnis in Händen. Sein Berufsziel steht jetzt fest: Pädagogischer Spezialist für Entwicklungsstörungen.


Alfred Adler, den Begründer der Individualpsychologie, hätte Martins Geschichte wenig gewundert. Adler - 1870 in Wien geboren, 1937 in Schottland gestorben - war studierter Sozialmediziner und gehörte um die Jahrhundertwende zum Umfeld Sigmund Freuds. Doch bald entwickelte er seine eigenständige, von der Psychoanalyse abweichende Lehre. Adler sah den Menschen nicht nur von seinen Trieben her bestimmt, sondern vor allem vom Wunsch nach sozialer Anerkennung. Das führte zu einem wegweisenden Brückenschlag zwischen Tiefenpsychologie und Pädagogik: Plötzlich wurde nachvollziehbar, warum ein Kind diese oder jene Verhaltensmuster - seinen "Lebensstil" - herausgebildet hatte. Mit diesen Einsichten ließen sich auch schwierigste Erziehungs- und Schulprobleme treffsicher diagnostizieren. Adler demonstrierte das gerne in sogenannten "öffentlichen Lehrberatungen", berichtet sein Biograph Edward Hoffman.
Zitator:

Regelmäßig traf Adler sich mit Lehrern, die bei ihm Rat suchten, in den verschiedenen Schulhäusern. Einer von ihnen berichtete dann im Kreis der Kollegen über einen schwierigen Schüler. Adler stellte zunächst einige Fragen, um die Situation des Kindes zu klären, vielleicht im Hinblick auf seine Beziehung zu Gleichaltrigen oder auf seine Selbstachtung, dann skizzierte er erste Vermutungen über den Fall. Daraufhin wurden die Eltern und das Kind hinzugebeten und in Gegenwart der Lehrer befragt. Manchmal gab Adler dem Kind auch schon einen ermutigenden Anstoß oder den Eltern einen dezenten Hinweis. Sobald die Familie gegangen war, erklärte er die Entstehung des Problems und schlug einen Entwicklungsplan vor ...


Erzählerin:

Nach Adler geht es einem Kind stets darum, seine anfängliche Abhängigkeit und Unzulänglichkeit - er nannte das "Minderwertigkeitsgefühl" - zu überwinden, zu "kompensieren". Dabei bildet es mit der Zeit ein Muster, seinen "Lebensstil" aus. Der "Charakter" also zeigt, wie das Kind vom Minus zum Plus zu kommen gedenkt; er ist ein individuelles Bewältigungskonzept. Wenn die Erzieher es schaffen, dem Kind ein positives Bild von sich selbst und seinen Mitmenschen nahe zubringen - "Gemeinschaftsgefühl vermitteln " heißt das bei Adler - kann es sich im späteren Leben auf nützliche Weise zur "Geltung" bringen. Wenn ein Kind aber unterdrückt, verwöhnt oder vernachlässigt wird, ringt es später entweder nach Dominanz - entwickelt also ein starkes "Machtstreben" - oder aber es wird immer wieder Anforderungen ausweichen. Dabei muss es allerdings nicht bleiben:


Zitator:

Unter meinen Patienten, Kindern wie Erwachsenen, habe ich bisher niemanden gefunden, dem man seine irrigen Mechanismen nicht hätte erklären können!

(Alfred Adler "Individualpsychologie und Wissenschaft", 1927)
Erzählerin:

Die Arbeit mit einem "Sorgenkind" vollzieht sich in drei Schritten: Erst einmal muss der Berater verstehen, welchen inneren Sinn die Auffälligkeit des Kindes hat. Will es durch seine Zappeligkeit mehr Aufmerksamkeit bekommen? Will es nicht lernen, um Misserfolgen auszuweichen? Dann hebt er die positiven Seiten des Kindes hervor: Sein Talent hier, seine Zähigkeit dort, vielleicht seine Sensibilität. Zugleich enthüllt der Berater ihm aber auch die Irrtümer seines "Lebensstils" - und zwar so, dass es sich nicht entwertet oder gekränkt fühlt. Die Beratung stärkt also das Kind, es kann sich jetzt auch Situationen stellen, die bisher bedrohlich wirkten.

Alfred Adler war ein Meister in der Kunst des Erahnens und des feinfühligen Aufdeckens. Er beobachtete seine Patienten sorgfältig und hatte eine gesunde Skepsis vor starren Formeln. Seine Maxime "Es kann auch alles ganz anders sein" ist kein Eingeständnis von Beliebigkeit, sondern drückt vielmehr Gespür für seelische Dynamik aus. Und sie ist eine Warnung für den Therapeuten, sich vorschnell festzulegen.
Zitator:

Bei der speziellen Diagnose muss man durch Prüfen lernen. Zunächst muss man die Ursache erraten. Aber dann muss man sie durch andere Anzeichen belegen. Wenn diese nicht übereinstimmen, muss man hart genug gegen sich sein, um die erste Hypothese zu verwerfen und eine andere Erklärung zu suchen.



Erzählerin:

Schon nach dem Ersten Weltkrieg wurde Adler ausgesprochen populär. Aber er hätte wohl auch der heutigen Schule manches zu sagen. In der Folge von PISA ertönt schließlich überall der Ruf nach individueller Förderung. Und gehört Sozialerziehung nicht dringlicher denn je auf jeden Stundenplan? Mal ganz abgesehen vom schulischen Dauerbrenner, der produktiven Gestaltung von Konflikten zwischen Lehrern und Schülern. Adlers Ansatz kann hier ausgesprochen hilfreich sein, meint Gisela Gerhardt, Englisch-Lehrerin an einer Kölner Realschule. Durch ihre individualpsychologische Weiterbildung kann sie die Schüler heute einfach besser verstehen.


Gisela Gerhardt:

Dass hinter dem konkreten Verhalten oft Muster stehen, Muster, die sie zu ihrer konkreten Lebensbewältigung gelernt haben, Alfred Adler sagt ja : "Jeder will dazugehören", und wenn er es auf eine positive Weise nicht schafft, nimmt er einen anderen Weg, und er nennt ja vier Ziele von Fehlverhalten, nämlich Aufmerksamkeit, Macht, Rache und Beweis der Unfähigkeit, und ich habe festgestellt, alleine die Tatsache, dass ich angefangen habe zu beobachten bei Schülern "Worum geht es hier?" - das brachte mich in die Beobachterposition, ich war raus aus der Beteiligtenposition, ich fühlte mich nicht mehr persönlich darin gefangen.


Erzählerin:

Das Verhalten des Schülers zu durchschauen und es freundlich, aber bestimmt aufzudecken ist freilich nur die eine Seite der Medaille. Denn auch für Alfred Adler spielt sich die pädagogische Dynamik zwischen zwei Akteuren ab, betont der individualpsychologisch geschulte Lehrer Bernd Schäpers:


Bernd Schäpers:

Es geht wie gesagt immer um das "Wozu", nicht um das "Warum", ich muss mich nicht zwangsläufig so verhalten, ich verfolge damit ein Ziel, und sich dieses Ziel bewusst zu machen: "Wo will ich hin mit meinem Verhalten", das gilt genau so für den Lehrer wie für den Schüler.


Erzählerin:

Das unterscheidet individualpsychologische Lehrerkurse von pädagogischen Rezeptbörsen: die Überzeugung, dass es mit dem richtigem Wissen alleine nicht getan ist. Der gute Lehrer muss auch sich selber gut kennen. Er sollte die eigene Haltung reflektieren können, sonst besteht die Gefahr, dass er die Schüler unmerklich verwöhnt:


Gisela Gerhardt:

Wir selbst halten oft nicht aus, dass der Andere etwas durchmachen muss, wir möchten ihm das abnehmen, ich denke, das ist für Lehrer ein Thema und das ist für Eltern ein Thema, und wir vergessen dann, dass wir immer an Anforderungen lernen.


Erzählerin:

Man nennt es auch "Verwöhnungsfalle": Bemühte Erzieher neigen unbewusst dazu, Kindern Unannehmlichkeiten abzunehmen. Weil sie den Kleinen zum Beispiel keinen Wunsch abschlagen können - also aus dem eigenem, ungestillten Wunsch nach Anerkennung. Oder weil sie sich gerne unverzichtbar machen wollen - also aus persönlichem Geltungsdrang.

Oder weil sie das Jammern des Kindes an eigene Überforderungen erinnert. Unnötige Entlastung aber schwächt die Kinder, ja sie provoziert geradezu tyrannische Neigungen. Es war Alfred Adler, der diesen Mechanismus zum ersten Mal - ebenso einfühlsam wie warnend - beschrieben hat.

Schüler müssen sich anstrengen, mit Unlust fertig werden, Enttäuschungen ertragen. Da reicht es nicht, wenn der Lehrer sich nur als Moderator sieht: Er muss beobachten, wie sie mit solchen Schwierigkeiten umgehen, muss sie bei Fluchtversuchen oder Scheinlösungen korrigieren. Vor allem aber muss er sie unterstützend begleiten.

Optimale Unterstützung hieß für Alfred Adler "Ermutigung" - und das meint weitaus mehr, ja etwas gänzlich anderes als Lob. "Ermutigung" bedeutet Wertschätzung, Zutrauen und Anerkennung - nicht nur für gute Leistungen, sondern auch für ehrliches Bemühen. Es bedeutet, ein Kind sozial einzubinden und es sinnvoll herauszufordern. Gisela Gerhardt fasst den Unterschied in ein treffendes Bild:
Gisela Gerhardt:

Lob gibt es am Ende des Rennens, Ermutigung gibt es während des Rennens, und da ist unglaublich viel drin von dem, was Adler meint, denn wenn ich während des Rennens ermutige, muss ich den Lauf genau verfolgen, ich muss selbst achtsamer, aufmerksamer sein, und wenn ich Lob am Ende gebe, das ist einfach, ich kann gucken, wer hat gewonnen, und sagen: "Hey, haste gut gemacht."


Erzählerin:

Wie aber kam der Mediziner Alfred Adler eigentlich zur Individualpsychologie? Erst einmal durch seine Aufgeschlossenheit für die Psychoanalyse. 1902 wurde er von Sigmund Freud zur Mitarbeit in der Wiener Mittwochsgesellschaft eingeladen.

Doch je länger der Austausch mit Freud dauert, desto stärker gewinnt Adler den Eindruck: Die Entwicklung der menschlichen Psyche wird nicht primär von sexuellen Bedürfnissen bestimmt, sondern vom Interesse an sozialer Behauptung. Was für Freud die zentrale Triebfeder des Daseins ist, scheint Adler nur eine Ausdrucksform des Lebens zu sein. Die Persönlichkeit sieht er deshalb auch nicht als Schauplatz innerpsychischer Konflikte, sondern als scheinbar erfolgreiches Muster der Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen. Das Unbewusste braucht also kein Hort düsterer Regungen zu sein, sondern ist lediglich das Unverstandene der eigenen Lebenslogik.

Der Urheber der Psychoanalyse mag dem freilich weder folgen noch lange darüber debattieren - er bricht 1911 die jahrelange Kooperation ab. Während Adler die Pionierarbeit Freuds zeitlebens würdigt, äußert sich dieser seit der Trennung nur noch tief gekränkt über den Abweichler und Konkurrenten.


Seine Einblicke in das kindliche Seelenleben verbreitete Adler schon in den 1920er Jahren unermüdlich - nicht nur in Wien bei Vorlesungen oder Kaffeehausgesprächen, sondern auch auf Vortragsreisen in Europa und Amerika. Eine seiner ersten Studentinnen - Sophia de Vries, spätere Mitarbeiterin am Alfred Adler-Institut in San Francisco - erinnerte sich in 1980 einem Interview an die erste Begegnung:
Sophia de Vries:

I think the first time that I ever saw Adler … … Yes, that deep interest in people!



Zitatorin (overvoice):

Da kam ein kleiner Mann den Gang herauf, mit dem freundlichsten Gesichtsausdruck, den man sich vorstellen kann, und begann sofort zu reden, mit angenehmer Stimme, und es herrschte absolute Stille. Er präsentierte seine Überlegungen sehr nachvollziehbar, sehr geordnet, stets ohne Notizen, immer aus dem Stegreif. Danach gab es viel Applaus, und dann war in der Regel eine weitere Stunde Gelegenheit Fragen zu stellen. Er konnte sich in seiner Wortwahl genau auf das jeweilige Publikum einstellen, wirklich, ein sehr einfühlsamer Mensch! Und er erinnerte sich manchmal noch ein halbes Jahr später an das Besprochene und fragte einen dann "Wie hat sich ihr Fall entwickelt?" Ein phänomenales Gedächtnis! Und dieses tiefe Interesse an den Menschen!


Erzählerin:

Ihren ersten größeren Praxistest konnte die Individualpsychologie schon nach dem Ende des Ersten Weltkrieges bestehen. In Wien wollten damals die Sozialdemokraten die Pauk- und Drillschulen der Monarchie durch moderne Allgemeinbildung ersetzen. Die von Adler geschulten Lehrer und Erzieher konnten diese Reformen bis zur Machtübernahme durch die Faschisten entscheidend prägen. Nach 1934 sahen sich die meisten Individualpsychologen zur Auswanderung gezwungen, die Individualpsychologie breitete sich seitdem vor allem in Amerika aus. In Deutschland besann man sich erst in den Sechziger Jahren wieder auf Adlers Ideen, und dazu trug vor allem sein Schüler Rudolf Dreikurs bei. Sein Buch "Kinder fordern uns heraus" genoss zeitweise den Ruf einer Elternbibel, sein Titel "Psychologie im Klassenzimmer" war damals in aller Lehrermund.


Heute scheinen Erziehungsfragen eine neue Dringlichkeit zu bekommen, Experten diagnostizieren eine "allgemeine Erziehungsunsicherheit". Und während die einen den "Elternführerschein" fordern, holen sich andere Rezepte von der "Super-Nanny". Individualpsychologisch orientierte Elternkurse freilich loten die Familiendynamik tiefer aus:
Christof Horst:

Wir haben uns bewusst auf die Individualpsychologie von Alfred Adler berufen, weil wir dort den Ansatzpunkt "Verstehen des Kindes" wählen konnten, das Kind verstehen, warum verhält es sich so, warum verhält es sich oftmals störend in unseren Augen, und wenn ich dann heraus bekomme, worum es dem Kind eigentlich geht, dass ich dann auch angemessen als Elternteil reagieren kann.


Erzählerin:

Meint etwa Christof Horst, Familienberater in Bonn und Projektleiter des Elternkurs-Konzeptes KESS. "KESS" steht für: Kooperation entwickeln, zu Ermutigung befähigen, Situationen analysieren, soziale Bedürfnisse ernst nehmen.

"Viele häusliche Konflikte", sagt Horst, "haben nämlich eine ähnliche Ursache: Das Kind fühlt sich im Familienverband zu wenig anerkannt und zugehörig, und die Eltern können die Signale seiner Verunsicherung nicht richtig deuten."
Christof Horst:

Kinder, die darin verunsichert sind, die gehen in verschiedene Verhaltensweisen, sie versuchen Aufmerksamkeit zu erregen, sie kämpfen um Macht, oder gehen in ein Verhalten, was unter Rache zu fassen ist, oder eben Rückzug, vermeintliche Unfähigkeit. Die Gefahr ist, dass Eltern anfangen, gegen diese Verhaltensweisen anzukämpfen und versuchen, sie letzten Endes nur zu reduzieren, aber nicht aus 'nem Verstehen heraus, sondern aus 'nem blinden Ankämpfen heraus. Und für uns wichtig, da Adlers Ansatz zu wählen, die Intention des Kindes zu verstehen: "Weshalb gibt es das störende Verhalten? Warum verweigert es sich morgens schnell anzuziehen, es trödelt, oder weigert sich aus dem Haus zu gehen, wenn‘s eigentlich in den Kindergarten geht", da noch mal zu schauen: "Worum kann es dem Kind gehen?"


Erzählerin:

In den Elternkursen versuchen die Berater, den Müttern und Vätern diesen emotionalen Ablauf bewusst zu machen und nach Auswegen aus dem Teufelskreis zu suchen. Vordergründige Strenge ist dabei wenig hilfreich:


Christof Horst:

Wenn wir im Machtkampf sind, spürt jedes Elternteil, wie es darum geht "Na warte, so nicht!", "Ich wird‘ dir zeigen, wer Herr im Hause ist." Und durch Anspiel im Elternkurs wird sehr gut dieses Übertragungsphänomen deutlich und Eltern können nachspüren, was sie bei jeweiligen Themen oder Verhaltensweisen empfinden. Durch das Nachspüren: "Was löst das Verhalten des Kindes bei mir aus?", kann ich eine Ahnung bekommen, was für ein Signal das Kind sendet, Signal, das ist bei uns die Übersetzung für "irrige Nahziele", und wenn sie dann wissen: "Worum kann es dem Kind gehen", bieten wir den Eltern einen Orientierungsrahmen, wie sie angemessen darauf reagieren können, um aus diesem Kreislauf aussteigen zu können. Denn die Kinder können nicht aussteigen, wir als Eltern müssen aussteigen.


Erzählerin:

Elternkurse, das heißt nicht nur alltägliche Konfliktsituationen klären, sondern vor allem an einem positiven Erziehungsklima arbeiten. Nicht alle Mütter und Väter wissen, wie entscheidend die Geschwisterkonstellation für die Kindesentwicklung ist. Alfred Adler hat das als Erster erkannt. Er hielt nicht viel von der Maxime, dass Eltern alle Sprösslinge möglichst gleich behandeln sollten. Jedes Kind nehme die Familienwelt aus einer eigenen Perspektive wahr und brauche daher auch eine ganz individuelle Ansprache. Das älteste Kind zum Beispiel muss die Mutter plötzlich mit einem Bruder oder einer Schwester teilen. Dieses Erlebnis der "Entthronung" verunsichert das Kind, es wird übervorsichtig und versucht, seine "Besitzstände" zu wahren. Das jüngste Kind hingegen nimmt die Familienwelt immer aus der Sicht des "Kleinsten" und besonders Behüteten wahr - das macht es anfällig für Entmutigung, aber auch für Despotismus. "Und die Mittleren", beobachtete Adler, "würden im häuslichen Getümmel gerne übersehen und kämen sich oft entsprechend verloren vor."


In individualpsychologisch orientierten Elternkursen diskutieren die Trainer solche Themen. Sie gehen in der Gruppe konkrete Erziehungsprobleme durch, nutzen Videoszenen und Rollenspiele - und achten immer wieder darauf, dass die Mütter und Väter die große Bedeutung des Sozialen, der Gemeinschaft für die Erziehung erkennen.

Christof Horst:

Adler legt die große Bedeutung auf das Gemeinschaftsgefühl, und das - denke ich - ist in der heutigen Zeit auch sehr wichtig, der Zeit der Differenzierung, Individualisierung; dass die Gemeinschaft - und auch die Bedürfnisse, in einer Gemeinschaft eingebunden zu sein - in den Mittelpunkt gerückt wird. Und ich denke, die zunehmende Zahl der verhaltensauffälligen Kinder gibt uns vielleicht auch das Signal, wie wichtig dieser Aspekt ist und wie sehr er in unseren heutigen Bedingungen zu kurz kommt.


Erzählerin:

Wie sagte Berater Bernd Schäpers zu Beginn dieser Sendung?


Bernd Schäpers:

Vieles von dem, was die Individualpsychologie lehrt, ist Bestandteil von Erziehungswissen geworden - was nicht heißt, dass es auch konsequent umgesetzt wird.
Erzählerin:

In der Tat. Viele psychologische Begriffe und pädagogische Analysen Alfred Adlers sind schon längst in unser Allgemeinwissen eingesickert. Man hat der Individualpsychologie gelegentlich vorgeworfen, sie sei ja nicht viel mehr als gesunder Menschenverstand. Adler pflegte darauf zu antworten: "Das sei es eben, was anderen psychologischen Konzepten zu sehr fehle."

Viele seiner Überlegungen werden heute freilich durch Neurobiologie und Entwicklungspsychologie bestätigt: Wie durch ein feinfühliges Wechselspiel zwischen Mutter und Kind Bindungssicherheit entsteht; dass Heranwachsen nichts anderes ist als kontinuierliches Problemlösen, wie der "Charakter" sich als Navigationssystem des Individuums formt und festigt; dass Gemeinschaftlichkeit eine zentrale Komponente des Glücksempfindens ist.

Vor allem eines scheint bei Adler immer durch: Die Überzeugung von der unbegrenzten Lernfähigkeit eines jeden Kindes. Keiner sei der Sklave irgendwelcher Gene und niemand ein Gefangener seiner Kindheitsumstände.


Zitator:

In Wirklichkeit bringt jedes Kind bestimmte angeborene Möglichkeiten mit. Die Individualpsychologie betrachtet diese aber als Bausteine. Das Gebäude ist das Werk des Kindes. Dabei benutzt es seine Veranlagung und die Einflüsse seiner Umgebung. Es geht im Leben nicht um das, was man hat, sondern darum, wie man es verwaltet. (Alfred Adler "Lebensprobleme", 1937)


Erzählerin:

Kinder können sich unbegrenzt entwickeln, wenn ihnen niemand eine Grenze setzt, andere nicht, vor allem aber sie selbst nicht. So war es ja auch bei Martin, dem Jugendlichen, der in der Pubertät beinahe vom Gymnasium geflogen wäre. Weil die Eltern von ihrem Sohn zwar viel erhofften, ihm aber wenig zutrauten und zumuteten, war der Junge vor allem eines geworden: unsicher. Ohne das Eingreifen seiner beiden Berater wäre daraus bleibende Unfähigkeit entstanden.


Zitator:

Was sind die günstigsten Bedingungen für das Wachstum eines Kindes?


Erzählerin:

... wurde Alfred Adler einmal gefragt. Seine Antwort lautete:


Zitator:

Das Beste, was eine gute Fee einem Kind in die Wiege legen kann, sind Schwierigkeiten, die es überwinden soll.


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Literatur:

Heinz L. Ansbacher, Rowena R. Ansbacher (Hrsg.)

Alfred Adlers Individualpsychologie

Eine systematische Darstellung seiner Lehre in Auszügen aus seinen Schriften

Kartoniert 415 Seiten für 33,- €

Reinhardt Verlag München, 5. Auflage 2004

ISBN 978-3-497-01733-7
Rudolf Dreikurs, Vicki Soltz

Kinder fordern uns heraus

Wie erziehen wir sie zeitgemäß?

366 Seiten broschiert für 14,90 €

Klett-Cotta Verlag 2006

ISBN 978-3-608-93700-5
Rudolf Dreikurs

Psychologie im Klassenzimmer

Kartoniert 352 Seiten für 19,- €



Klett-Cotta Verlag 2003
ISBN 978-3-608-94071-5





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