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Manuskript




Literatur
Reihe: Wortspiel. Literatur Deutschlandradio Kultur

Titel: Der Yogi und der Kommissar

Erinnerungen an den Schriftsteller Arthur Koestler

Autorin: Barbara Spengler-Axiopoulos

Übersetzung: (a.d. Englischen) Barbara Spengler-Axiopoulos

Redaktion: Sigried Wesener


Stimmen: Sprecherin

Sprecher


Zitator

O-Ton Koestler

Musik


Musikeinspielung: CD1, Balanescu Quartet, Nr. 1, Spotdance,

00:00-00:24, normal beginnen und dann langsam bei den ersten Sätzen ausklingen lassen...)


Sprecherin:
Am 24. Oktober 1956 gegen halb drei Uhr morgens wurde George Mikes (sprich Mikesch), ein Exilungar, der in London lebte, durch das Läuten des Telefons höchst unsanft aus dem Schlaf gerissen. Der Anruf kam von seinem Freund Arthur Koestler, der ihm berichtete, daß er zusammen mit einem anderen ungarischen Schriftsteller gegenüber der ungarischen Vertretung stünde. Sie hätten ein paar Backsteine gesammelt und wollten jetzt die Scheiben der Gesandtschaft einwerfen. Mikes solle unbedingt dazu kommen! Auf dessen Frage, was sie denn damit bezweckten, sagte Koestler : „Wir wollen auf den Volksaufstand in Ungarn aufmerksam machen!“

Mikes antwortete, daß die Zeitungen in diesen Tagen ohnehin genug über Ungarn berichteten und er von solchen Aktionen wie Steinschmeißen wenig halte. Einige Sekunden blieb es in der Leitung still, bis Koestler explodierte: „Zum Teufel mit deiner Mäßigung,“ und er knallte den Hörer auf die Gabel.(1)



Musik wieder für ein paar Takte hochziehen...CD Nr.1,1, 00:42-00:55
Sprecher:
Es ist nicht leicht nachzuvollziehen, daß Arthur Koestler heute fast vergessen ist. Wenn sein Name fällt, denken die meisten nur noch an seinen Roman „Sonnenfinsternis“, der zu den bedeutendsten politischen Werken des 20. Jahrhunderts zählt. Dabei hat Koestler seiner Epoche zeitlebens auf den Nerv gefühlt und sie zwei Jahrzehnte lang entscheidend mit geprägt: er erlebte, erlitt, analysierte und dokumentierte sie als Betroffener. Als Aktivist griff er in das Zeitgeschehen ein und vermochte die Problematik der Umstände hinterher brillant in Worte zu fassen. Koestler schrieb unter dem Druck der Geschichte und er verfaßte keinen Text, der nicht im Dienst einer Sache stand.

Als „kompromißlos, mutig, unsentimental und...grenzenlos neugierig“ bezeichnet ihn Christian Buckard, der kürzlich eine Koestler-Biografie veröffentlichte.(2) Koestler, der ein umfangreiches Werk hinterließ, gehörte zu den engagiertesten und einflußreichsten Intellektuellen seiner Zeit. Er verbrachte ebensoviel Zeit seines Lebens in Gefängnissen wie in Bibliotheken und Lesesälen.



Vor dem letzten Satz wieder Musik hochziehen: CD,1,Nr.1, 01:01-01:11
Sprecherin:

Am 3. März 1983 nahmen sich der damals achtundsiebzigjährige Arthur Koestler und seine fünfundfünfzigjährige Ehefrau Cynthia in ihrem Londoner Haus das Leben. Er hatte seinen Tod sorgfältig geplant. Es war ein demonstrativer Akt für die freiwillige Sterbegesellschaft „Exit - The Society for the Right to Die with Dignity“, deren Vizepräsident Koestler war. In seinen letzten Lebensjahren litt er an der Parkinson’schen Krankheit, und, was seine Freunde nicht wußten, an Leukämie. Nicht den Tod fürchtete er, wohl aber den Prozeß des Sterbens. Für Koestler, der während des Spanischen Bürgerkrieges zum Tod verurteilt worden war, und der sich in den fünfziger Jahren in England vehement für die Abschaffung der Todesstrafe eingesetzt hatte, war es nur konsequent, ein menschenwürdiges Sterben als ein humanes Grundrecht zu betrachten. Wie aus seinem Abschiedsbrief hervorgeht, wußte er jedoch nicht, daß seine Frau ihm in den Tod folgen würde:


Zitator:

Ich möchte meine Freunde wissen lassen, dass ich ihre Gesellschaft in einer friedlichen Stimmung verlasse, mit der kleinen Hoffnung auf ein nicht persönliches Weiterleben jenseits der Grenzen von Raum, Zeit, Materie und unseres Begriffsvermögens. Das „ozeanische Gefühl“ hat mir in schwierigen Momenten oft geholfen und tut es auch jetzt, während ich dies schreibe.

Was es gleichwohl sehr schwer macht, diesen endgültigen Schritt zu tun, ist der Gedanke an den Schmerz, den er meinen wenigen überlebenden Freunden und vor allem meiner Ehefrau Cynthia bereiten muß. Ihr verdanke ich den relativen Frieden und das Glück, das ich in meiner letzten Lebensperiode genießen konnte – wie niemals zuvor.(3) Musikeinspielung CD 1,1, 1:20-1:31
Sprecher:
Der Ungar Arthur Koestler lebte in Deutschland, Frankreich, den USA und England. Er war polyglott und wechselte mühelos vom Ungarischen ins Wienerische, vom Französischen ins Englische. Koestler war ein Kosmopolit, der seine Wurzeln verloren hatte. Zeitlebens drängte ihn der brennende Wunsch, sich einer Sache voll und ganz zu verschreiben, „dazuzugehören“, auch wenn er ein schwieriger Mensch und mitunter selbst für seine Freunde kaum noch zu ertragen war. Daß er mit jedem Wechsel der Sprache auch eine andere Identität annehmen mußte, gab ihm das Gefühl einer tiefen Verlorenheit:
Zitator:
Es gab.... eine Art von Schwierigkeit, die mich all die Jahre hindurch begleitet hat: der Sprachkonflikt in meinem Kopf. Bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr sprach ich zu Hause deutsch und in der Schule ungarisch.....1940 mußte ich, diesmal plötzlich und ohne Übergang, die Sprache zum zweitenmal wechseln, von Deutsch zu Englisch. „Sonnenfinsternis“ war das letzte Buch, das ich in deutscher Sprache schrieb; meine seitherigen Bücher sind ausnahmslos englisch geschrieben. Im Wachzustand denke ich heute englisch; im Schlaf oftmals ungarisch, deutsch oder französisch. Da ich chronischer Schlafwandler bin, wird meine Frau oft durch mein vielsprachiges Kauderwelsch geweckt.(4)

Musikeinspielung: CD1,2,0:00-012
Sprecherin:
Was Koestler in seinem Leben auch anfing, immer verfolgte er sein Ziel mit Besessenheit. Das Schreiben war vielleicht seine größte Leidenschaft. Dabei beeindruckt die Vielseitigkeit unterschiedlicher Themen und Fachgebiete, zwischen denen er sich mühelos bewegte. Koestler veröffentlichte sechs Romane, darunter „Gladiatoren“ über den Sklavenaufstand des Spartakus und „Diebe in der Nacht“, einen packenden Roman über den Aufbau der Kommune „Esras Turm“ in Palästina unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg. Koestler schrieb ebenso kenntnisreich über Leben und Werk Johannes Keplers wie über außersinnliche Wahrnehmung. Er beschäftigte sich mit der Psychologie des Witzes wie mit dem Wesen der menschlichen Kreativität. Er veröffentlichte Essays über Literatur und Kunst, über das Wesen des Sowjetkommunismus und die Synthese von esoterischer und materialistischer Welt in dem viel beachteten Essayband „Der Yogi und der Kommissar.“

Als Reporter berichtete Koestler aus dem Spanischen Bürgerkrieg, interviewte König Feisal vom Irak, schrieb über den Nordpolflug des Zeppelin und die Königin von Saba. Es gab kaum ein Thema, für das er sich nicht begeistern konnte.


Sprecher:
Aus Koestlers schriftstellerischem Vermächtnis ragen heute vor allem seine autobiographischen Schriften hervor. Die grandiosen Bände „Pfeil ins Blaue“ (Arrow in the Blue) von 1952 und „Die Geheimschrift“ (The Invisible Writing) von 1954 bieten dem Leser einen einzigartigen Einblick in die erste Hälfte des düsteren zwanzigsten Jahrhunderts, das er an exponiertester Stelle mit erlebte. Als der Schriftsteller nach dem Krieg in England die waghalsige Expedition in seine bewegte Vergangenheit und die verschlungenen Pfade seiner Psyche unternahm, war er sich der Bedeutung dieses Unternehmens durchaus bewußt:
Zitator:

Während des Spanischen Bürgerkrieges, als ich im Gefängnis saß mit der Aussicht, an die Wand gestellt zu werden, tat ich ein Gelöbnis: Wenn ich lebendig aus dieser Geschichte herauskäme, dann würde ich eine so aufrichtige und gegen mich selbst schonungslose Selbstbiographie schreiben, daß Rousseau und Cellini im Grabe erröten müßten.(5)



Musikeinspielung: CD 1, Stück 2, 0:13 – 0:36
Sprecherin:
Koestler sieht sich ohne Not in der Tradition der „Bekenntnisse“ des großen Vorgängers Rousseau, durch den Enthüllung und Selbstbezichtigung im autobiographischen Schreiben ihren Stellenwert erhalten haben.

Unbestreitbar ist, daß die Spaltung des eigenen Selbst in ein erlebendes und ein beobachtendes Ich auch bei Koestler höchst ambivalente Gefühle erzeugt, was die Lektüre seiner autobiographischen Schriften zu einem aufregenden Leseerlebnis werden läßt.


Sprecher:
Die Welt, der Arthur Koestler entstammt, gibt es heute nicht mehr. Der multiethnische Kosmos der Habsburger Monarchie mit ihren Ostjuden und dem assimilierten Judentum in den Metropolen Wien, Budapest und Prag ist auf brutale Weise für immer zerstört worden....

Arthur Koestler wurde am 5. September 1905 als einziges Kind einer assimilierten jüdischen Familie in Budapest geboren. Sein Vater Henrik, ein Industrieller, der sich leicht zu naiven Begeisterungsstürmen hinreißen ließ, hielt die Seinen stets mit neuen Entdeckungen in Atem. Koestlers Mutter, die der jüdischen Oberschicht Prags entstammte, wurde als Adele Zeiteles in Wien geboren. Da sie die Ungarn als Barbaren ansah, sprach sie mit ihrem Sohn nur deutsch, was dazu führte, daß Koestler zweisprachig aufwuchs.


Sprecherin:
Er war ein einsames, hochbegabtes Kind, das extrem unter den ständigen Stimmungsschwankungen seiner herrischen und unberechenbaren Mutter litt. In seiner Kindheit, so schrieb Koestler, sei alles verboten gewesen, was nicht ausdrücklich erlaubt gewesen sei:
Zitator:

Das Gefühlsklima meiner ersten Lebensjahre schwankte zwischen dem der Tropen und dem der Polargebiete.(6)



Musikeinspielung: CD1,St.2, 1:08-1:15
Sprecher:

Der junge Koestler liebte Schach, lernte Sprachen und interessierte sich für die Unendlichkeit. Er zog sich in die Welt der Naturwissenschaften zurück, deren Phänomene ihn brennend interessierten. Er stellte sich einen Pfeil vor, der mit solcher Kraft hinauf ins Blau geschossen wurde, daß er über die Schwerkraft der Erde hinaus, am Mond und an der Anziehung der Sonne vorbeigetragen wurde; was aber passierte dann mit ihm? Diese Frage ließ ihn nicht los: Er wollte dem Universum seine Geheimnisse entreißen:


Zitator:
Die Helden meiner Jugend hießen Darwin und Spencer, Kepler, Newton und Mach; Edison, Hertz und Marconi – die Buffalo Bills an der Front der Forschung. (7)

Musikeinspielung: CD 1, St. 2, 1:30-1:44
Sprecherin:
Im November 1918 proklamierte Ungarn seine Unabhängigkeit von

Österreich. Wenige Monate später rissen die Kommunisten unter der Führung von Béla Kun die Macht im Lande an sich. Ihnen folgte der weiße Terror unter der Regierung Admiral Horthys, des ersten präfaschistischen Regimes in Westeuropa.

Die Familie Koestler floh im Sommer 1919 nach Wien und hatte ab da nie mehr einen festen Wohnsitz. Für Arthur Koestler, der zeitlebens ein stolzer Ungar war, würde es keine Rückkehr nach Budapest mehr geben.

Im Wintersemester 1922 schrieb er sich an der Technischen Hochschule von Wien ein.


Sprecher:
In diesen Jahren eines sich verschärfenden Nationalismus wurde Wien immer mehr zu einem Ort antisemitischer Hetzkampagnen.

Koestler trat im gleichen Jahr in die schlagende jüdische Studentenverbindung „Unitas“ ein. Sie wollten zeigen, daß Juden sich genauso schlagen, trinken, singen und streiten konnten wie andere auch. Durch sein Engagement in der zionistischen Bewegung kam Koestler zum ersten Mal mit den traditionsverbundenen Ostjuden zusammen, von denen er sich distanzierte. Für ihn war der Zionismus die Rettung, er erschien ihm wie „eine Art Wunderkur für ein krankes Volk“(8):


Zitator:
Vielleicht übte der Gedanke eines jüdischen „Nationalheims“ deshalb so große Anziehungskraft auf mich aus, weil ich seit den Kindertagen in Hotels und Pensionen gewohnt hatte. Ein „heimatloser Kosmopolit“ von jung auf, mit einer mehrsprachigen Bildung und ständig unterwegs, hatte ich wohl das unbewußte Bedürfnis, Wurzeln zu schlagen, zu bauen und zu schaffen.(9)
Sprecherin:
Der Koestler-Biograph Christian Buckard urteilt, daß der Zionismus, der Traum von der Rückkehr des jüdischen Volkes nach Israel, Koestlers erste große Liebe wurde.(10) Die Zeit bei der Unitas gehörte für ihn zur glücklichsten Periode seines Lebens.

In diesen Jahren knüpfte Wladimir Jabotinsky, ein hochgebildeter russischer Jude mit einer charismatischen Ausstrahlung, in den europäischen Zentren Kontakt zu jüdischen Jugendorganisationen. Er war Mitglied der politisch rechts stehenden Zionisten und wurde Koestlers politischer Mentor und väterlicher Freund. Koestler nannte ihn zärtlich „Jabo“:


Zitator:
Das war Wladimir Jabotinsky, der erste politische Schamane meines Lebens. (11)
Musikeinspielung: CD 1, Stück 4, 0:31 – 0:50
Sprecher:

Die Universität konnte Koestlers drängende Fragen nicht beantworten. Er brach sein Studium in Wien ab und schiffte sich im April 1926 nach Haifa ein. Er wollte beim Aufbau von „Eretz Israel“ helfen. Deshalb verdingte er sich zunächst in einer Siedlung, war aber der harten körperlichen Arbeit in einer Obstplantage nicht gewachsen. Er kehrte nach Haifa zurück, wo er als Saftverkäufer arbeitete und nachts am Strand schlief, da er völlig abgebrannt war. Durch die Vermittlung eines Wiener Verbindungsbruders wurde Koestler ein Jahr später Ullstein-Korrespondent für den Nahen Osten. Das gewaltige Imperium des Ullstein-Nachrichtendienstes verkörperte den politischen Liberalismus und die moderne Kultur der Weimarer Republik : Koestler belieferte die Leser mit Reiseberichten und politischen Informationen, von einem Artikel über byzantinische Mosaike bis zu den Bordellen Beiruts.


Sprecherin:

Nach einem Jahr als Ullstein-Redakteur in Paris näherte sich Koestler dem Höhepunkt seiner bisherigen Karriere: er wurde Wissenschaftsredakteur bei der Vossischen Zeitung in Berlin und war seinem Traum, die Welt zu enträtseln, ein gutes Stück näher gekommen. Er verdankte diese Stellung seinem Förderer Franz Ullstein, der meinte, Koestler zeige eine besondere Begabung für die Popularisierung naturwissenschaftlicher Themen. Im Juli 1931 durfte er die erste deutsche Nordpolexpedition in einem Zeppelin als Exklusivberichterstatter begleiten. Bei ihrer Rückkehr eine Woche später wurde die Mannschaft begeistert in Berlin-Tempelhof in Empfang genommen und auch Koestler nach seinen Erlebnissen gefragt:


Einspielung CD 2, O-Ton-Koestler: (0.00-0:24)
Der gewaltigste Eindruck war natürlich der der ungeheuerlichen Einsamkeit, der tagelang bewanderbaren, befahrbaren Wüsten, in denen da und dort an kleinen Punkten kleine Menschenhäuflein, fünf, sechs Mann, von den andern tausende und zehntausende Kilometer entfernt, beisammen saßen. So vor Dixon und anderen kleinen Radiostationen.

Musikeinspielung: CD 1, St.4, 1:11 – 1: 18

Sprecher:
Daß Koestler seine Stelle bei Ullstein verlor, lag daran, daß er Ende 1929 in die KPD eingetreten war. Im Rückblick bezeichnete er diese Zeit als „Jahre übervoll an Sinn.. eine Glaubenshandlung wie ein Ausdruck meiner Sehnsucht, ich selbst zu werden und nichts daneben“(12):
Zitator:
Als nächstes verliebte ich mich in den Fünfjahresplan. Auf einem Sechstel unserer kranken Erdoberfläche hatte das gigantischste Aufbauwerk aller Zeiten begonnen; dort wurde aus Beton und Stahl Utopia gebaut.....Zu konstruieren, zu bauen, zu schaffen – darin lag die Anziehungskraft des Glaubens.(13)
Sprecherin:

Mit gleicher Begeisterung wie auf den Zionismus stürzte sich Koestler auf den Kommunismus. 1932 unternahm er eine einjährige Reise durch die Sowjetunion, wo er sich an Ort und Stelle von den gewaltigen Neuerungen überzeugen wollte. Schon während dieser Reise begannen ihn Zweifel an diesem System zu quälen, die er immer wieder zurückdrängte. Seine Stelle als Journalist bei Ullstein hatte er verloren, und so war die neue Freundschaft, die er bei seiner Rückkehr in Paris schloß, für ihn wie eine Initiation: Koestler lernte Willy Münzenberg, das legendäre Genie der antifaschistischen Propaganda kennen und arbeitete für ihn, er wirkt mit am „Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror.“


Sprecher:

Und einen anderen Freund fürs Leben gewann Koestler in Paris; es war Manès Sperber, durch dessen Einfluß er zu begreifen begann, wie gefährlich der Antisemitismus war, der sich in Deutschland ausbreitete. Gleichzeitig beobachtete er mit Grauen „den Beginn der Schreckenszeit in der UDSSR.“ Auf Vermittlung Willy Münzenbergs machte sich der heimatlose Linke Arthur Koestler 1936 als Zeitungskorrespondent auf den Weg nach Spanien, wo der Bürgerkrieg wütete. Ziel seiner Reise war es, im feindlichen Hauptquartier Beweise für die deutsche und die italienische Intervention zugunsten General Francos zu sammeln. Bei seiner dritten Reise nach Spanien, im Februar 1937, wurde Koestler verhaftet und zu Tode verurteilt. Im Provinzialgefängnis von Sevilla wartete er auf die Vollstreckung der Todesstrafe. Die Zeit in der spanischen Todeszelle hat Koestler als die entscheidendste Periode seines Lebens, eine geistige Krise und einen Wendepunkt zugleich bezeichnet:


Zitator:

Unser Gehör nahm übernatürliche Schärfe an. Wir hörten alles. Wir hörten in den Nächten der Erschießungen um zehn Uhr abends das Telephon im Büro läuten. Wir hörten den diensthabenden Wächter sich melden. Wir hörten, wie er in kurzen Abständen wiederholte: desgleichen.. desgleichen.. desgleichen... Wir wußten, es war die Staatswanwaltschaft, die die Liste der in dieser Nacht zu Erschießenden durchgab. Wir wußten, daß der Wärter vor jedem „desgleichen“ einen Namen niederschrieb. Aber wir wußten nicht, ob unsere dabei waren. Das Telephon läutete immer um zehn. Dann hatte man bis Mitternacht... Zeit, auf seiner Pritsche zu liegen und zu warten. Jede Nacht machte man die Bilanz seines Lebens und jede Nacht fiel sie ungünstiger aus. (14)



Musikeinspielung: CD 3, St. 1, 0:09 – 0:23
Sprecherin:

Koestlers „Ein Spanisches Testament“, das er nach seiner Befreiung schrieb, brachte ihm internationale Anerkennung ein. Er gehörte jetzt zu den großen europäischen Schriftstellern.

Die Erfahrungen in Sevilla markierten einen Einschnitt auf seinem kreativen Weg. Er hatte, während er sich Euklids Beweis für die Unendlichkeit der Primzahlenreihe an die Zellenwand gekritzelt hatte, für Sekunden das Gefühl, ein Hauch der Ewigkeit, ein Schwingen des Pfeils im Blauen habe ihn berührt.

Für einen Moment war sein „Ich“ mit dem universalen Sein in Verbindung getreten und darin aufgegangen: diesen Prozeß der Auflösung und unbegrenzten Ausdehnung empfand er als das „ozeanische Gefühl“, als den Frieden, der das Verständnis übersteigt.


Sprecher:

Unter dem Schock der Schauprozesse war Koestler 1938 aus der KPD ausgetreten. In Paris, wo er ab jetzt unter den Linken zu den Renegaten zählte, wurde er 1939 verhaftet und als unerwünschter Fremdling im Konzentrationslager „Le Vernet“



in den Pyrenäen eingesperrt. Als Fremdenlegionär gelang ihm unter dem Namen Albert Dubert die abenteuerliche Flucht von Marseille über Casablanca und Lissabon nach England. Bei seiner Ankunft dort im Jahr 1940 wurde er als Untersuchungshäftling mit falschen Papieren für einige Monate in der Haftanstalt von Pentonville interniert. Die vier Jahre zwischen 1936 und 1940, bis er sich in England niederlassen konnte, standen für ihn im Zustand einer „chronischen Angstneurose“. Und doch läßt Koestler keinen Zweifel daran, daß es für ihn so kommen mußte:
Zitator:
Das von mir beschriebene Leben war tatsächlich bis 1940 die typische Geschichte eines mitteleuropäischen Intellektuellen im totalitären Zeitalter. Es war völlig „normal“ für einen Schriftsteller, Künstler, Politiker oder Lehrer, der ein Minimum von Integrität besaß, Hitler oder Stalin mehrere Male knapp zu entkommen, verfolgt und verbannt zu werden, mit Gefängnissen und Konzentrationslagern Bekanntschaft zu schließen.(15)
Musikeinspielung: CD 3, St. 1, 0:56 – 1:05
Sprecherin:
In einem Brief an seinen Freund Egon Erwin Kisch hatte Koestler sich sehr deutlich über die Gründe seines Parteiaustritts geäußert; er prangerte deren moralische Degeneration an, das Fehlen einer revolutionären Ethik und die Unterordnung aller Entscheidungen unter den Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit.(16) Koestlers Romantrilogie „Gladiatoren“ von 1939, „Darkness at Noon“ von 1940, der unter den deutschen Titel „Sonnenfinsternis“ Furore machte, und „Arrival and Departure“ von 1943 steht unter dem Zeichen des Verfalls der Moral während revolutionärer Prozesse. In dieser Phase, so lautet seine Botschaft, heiligt nur noch der Zweck die Mittel.
Sprecher:
In „Sonnenfinsternis“, dem letzten Roman, den Koestler auf deutsch schrieb, wird diese Problematik am deutlichsten. Er widmete ihn den „Männern der Moskauer Prozesse,“ Nikolai Bucharin und Karl Radek, die er in Moskau persönlich kennengelernt hatte. Dem alten Revolutionär und ehemaligen Volkskommissar Rubaschow werden konterrevolutionäre Verbrechen vorgeworfen. Dieser begreift während endloser quälender Verhöre, daß die Partei ihm alles genommen hatte, was er geben konnte und ihm alle Antworten schuldig geblieben war. Mit seinem Geständnis erweist er ihr einen letzten Dienst, indem er ihre Schuld auf sich nimmt. Während Rubaschow in seiner Zelle darauf wartet, zu seiner Hinrichtung geführt zu werden, gehen ihm folgende Gedanken durch den Kopf:
Zitator:
Es war ein Fehler im System; vielleicht lag er in dem Satz, den er bisher für unwiderlegbar gehalten hatte, in dessen Namen er andere geopfert hatte und selbst geopfert wurde: in dem Satz, daß der Zweck die Mittel heiligt. Dieser Satz war es, der die große Fraternität der Revolutionäre getötet hatte und sie alle Amok laufen ließ. Wie hatte er einst in sein Tagebuch geschrieben? „Wir haben alle Konventionen über Bord geworfen, unsere einzige Richtschnur ist die der logischen Konsequenz; wir segeln ohne ethischen Ballast.“

Vielleicht lag hier der Kern des Übels. Vielleicht war es den Menschen nicht bekömmlich, ohne Ballast zu segeln. Und vielleicht war Vernunft allein ein unzureichender Kompaß, der einen solch umwegig krummen Kurs entlangführte, daß das Ziel sich schließlich im Nebel verlor.(17)


Sprecherin:
„Sonnenfinsternis“ wurde ein Bestseller und Koestlers meistgelesenes Buch. Allein in Frankreich wurden zu Beginn der 1940er Jahre 400.000 Exemplare verkauft. Er wurde damit allerdings auch zum bestgehaßten Schriftsteller der französischen Kommunisten. Sie kauften sämtliche Exemplare auf und verbrannten sie. In den Jahren des kalten Krieges wurde der Roman zum Kultbuch des ideologischen Antikommunismus. Besonnene Intellektuelle nannten Koestler einen antistalinistischen Kreuzfahrer und warfen ihm vor, die Welt nur noch als Geschichte der Expansion des Sowjetstaates zu begreifen.
Musikeinspielung: CD 1, St. 10, 0:00 – 0:10
Sprecher:
Im Alter von fünfzig Jahren widmete sich Koestler der Geschichte der Wissenschaft, der Theorie der Evolution, der Neurologie und der Parapsychologie. Er verfasste eine Abhandlung über den schöpferischen Akt in Kunst und Wissenschaft und den Menschen als Irrläufer der Evolution. Als er begann, sich mit Parapsychologie zu beschäftigen, sagten ihm viele Leser ihre Gefolgschaft auf, was ihn kränkte. Eine Anerkennung als Wissenschaftler blieb Koestler zeitlebens versagt. Er gönnte es sich endlich, seiner so lange vernachlässigten Yogi-Seite nachzugeben. Er wollte nicht mehr allein der Arbeit des Kommissars, der politischen Realität, sondern auch seinem „ozeanischen Gefühl“ nachspüren.
Sprecherin:
In England, wo Koestler mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte, fühlte er sich, wie der Titel seines Buches „Stranger on the Square“(18) nahelegt, niemals ganz zu Hause in seinem Haus am Montpelier Platz. Doch waren ihm die höflichen und zivilisierten Engländer ans Herz gewachsen, er bezeichnete England als ein „Davos für innerlich wunde Veteranen des totalitären Zeitalters.“(19)

Der todesmutige Arthur Koestler hat nicht nur die Konflikte und Brüche seiner Epoche beschrieben, er hat sie auch allesamt selbst gelebt. Sein Leben war reich an interessanten Begegnungen; er war bekannt als notorischer Frauenjäger und dreimal verheiratet. Niemals ging er einem Konflikt aus dem Weg und er hatte mindestens ebenso viele Gegner wie Freunde. In Israel, das ihm zeitlebens am Herzen lag, blieb Koestler immer umstritten. Er war nicht wenig stolz darauf, daß die Entscheidung der UNO zur Teilung Palästinas 1947 auch von seinem Roman „Diebe in der Nacht“ beeinflußt worden war.


Sprecher:

Arthur Koestler versuchte in seinem Leben nichts weniger als den Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen Physik und Parapsychologie. Sein Freund George Mikes nannte ihn „den letzten der Renaissance-Menschen:“(20)

In einem Nachruf machte der Schriftsteller Philip Toynbee

Koestler vielleicht das schönste Kompliment: ab hier



Musik einblenden und über den Schluss ausklingen lassen:

CD 4, St. 6, 0:00 – 0:30

Zitator:
Arthur Koestler war einer jener heterogenen Denker, deren Irrtümer viel wertvoller sind als die richtigen Erkenntnisse

kleinerer Geister....(21)


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