7 Kapitel] Die Marienwunder von Chartres zwischen Legende und



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Sermo rusticus


An höfische Sehnsüchte und Erwartungen einer feudal-aristokratischen Zuhörerschaft angepaßt, überhöht das Wunderbuch von Chartres in seinem Mittelteil die schillernde Welt der Burgen, Turniere und Minneabenteuer. Doch die Mehrzahl der Wunderprotagonisten stammt auch in Chartres (wie andernorts) aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden (vgl. Karte VII)123. Diesen ländlichen Bevölkerungskreisen widmet der Autor schließlich auch den dritten und letzten Teil seiner Wundersammlung. Ausführlich verweilt er im Vorspann des 26. Wunderberichts, des Strafwunders an einem gewissen Wilhelm von La-vardin, der es gewagt hatte, am Tag des heiligen Germanus Hafer zu schneiden, beim pa-storalen Nutzen von Wundergeschichten, in deren Mittelpunkt ganz gewöhnliche Menschen stehen. Er weist darauf hin, daß die Kraft des Heiligen Geistes sich nicht nur an weltlichen oder geistlichen Würdenträgern manifestiere, sondern eben auch an denen, die sich auf der untersten Sprosse der Gesellschaftsleiter befänden, den Landarbeitern124.

Dieser auf Landarbeiter ausgerichtete letzte Wunderblock dient primär didaktisch-dis-ziplinierenden Zwecken, wobei sich der Autor, wie schon Johannes von Coutances, eng

121 Diese Bemerkung trifft gewiß nicht nur auf wunderbücher wie dasjenige aus Chartres zu, sondern genauso auf das Schaffen eines Gautier von Coinci oder einer Marie de France, denken wir etwa an ihre aristokratisch orientierte Ausgestaltung des Sankt-Patrick-Purgatoriums (Das Buch vom Espurgatoire saint Patrice der Marie de France und seine Quelle, ed. K. warnke [1938]), vgl. dazu den Beitrag von S. M. cingolani, Agiografia, epica, romanzo. Tradizioni narrative nella Francia del secolo XII, in: Rac-colte di vite di santi dal XIII al XVIII secolo, hg. von S. boesch gajano, Brindisi 1990, S. 65-89, sowie Mary Dominica legge, Anglo-Norman Hagiography and the Romances, in: Medievalia et Humanistica 6 (1975), S. 41-49.

122 J. le goff, L'imaginaire medieval, Paris 1985, S. 17-39, Le Merveilleux. L'imaginaire et les croyances en Occident, Paris 1984, und D. poirion, Le merveilleux dans la litterature francaise du moyen äge, Paris 1982.



123 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta III, S. 5l4:populus cujusdam castri in Wasti-nensi territorio siti, quod Castrum Nantonis apellatur, IV, S. 515: in Aurelian[ensi] diocesi [quod] habitato-res cujusdam castri quodPiverium apellatur. V, S. 517: homines Bonevallis, VI, S. 517: In Parisiensi diocesi, apud villam que Palatiolum apellatur, VIII, S. 519 f.: habitatores castri cujusdam super Auduram siti, quod Curvavilla dicitur, IX, S. 520: in territorio Wastinensi, apud villam que apellatur Batiletum, XVII, S. 531:

Est villa quedam justa vicum qui dicitur Bonavallis, XIX, S. 538: in pago Dunetensi apud villam Robore-tum, XXI, S. 542: apud villam in Carnotensi territorio sitam, que Prunerium dicitur, XXII, S. 543: apud villam episcopi que Chambleium apellatur, XXIII, S. 544: in quadam villa, que a Sancti Prisci nomine appellationem sortita est, XXIV, S. 545: in Cenomanensi diocesi contigit apud villam que dicitur Blevia, XXV, S. 546: in villa quadam beate Marie quam Bercherias nominant, XXVI, S. 547: in parrochia de Soors villa distante ab urbe Carnotensi per 1111 millaria.

124 Ebd. XXVI, S. 547 (wie Anm. 47), vgl. dazu ward (wie Anm. 7), S. 20-32.
[p.195]
an die zeitgenössischen, um Reorganisation und Disziplinierung der ländlichen Kirchgemeinden besorgten Konzils- und Synodalbeschlüsse anlehnt125. In groben Zügen skizziert er am Beispiel einer Wollweberin - der ausführlichste Wunderbericht der Sammlung - die wichtigsten Punkte der bischöflichen Reformpolitik: l. die Notwendigkeit eines dorfeige-nen Priesters, 2. das Arbeitsverbot am Samstag sowie an Sonn- und Feiertagen126, 3. die Bedeutung des Beichtsakraments127 und 4. die Gehorsamspflicht gegenüber dem Dorf-geistlichen128. An letzter Stelle hebt er zusätzlich noch hervor, daß der »religiös-magische« Einsatz von Weihwasser und Bekreuzigung einzig dem Priester vorbehalten sei129. Diesen Reformanliegen entsprechen einerseits das erzählerische Gewicht, das er Kirchgemeinden unter der Leitung des Dorfgeistlichen einräumt130, andererseits gerade auch seine qualitativ und quantitativ überraschenden Bemühungen, mittels Strafwundern die Einhaltung des Arbeitsverbotes am Samstag sowie an den Sonn- und Feiertagen einzufordern.

Die äußerst breit dargelegten Beispiele diesbezügliche Zuwiderhandlungen verraten dabei eine eigentümliche Parteilichkeit: Denn der strafenden Hand Gottes sind ausschließlich Leute ausgesetzt, die sich aus materieller Not nicht an das Arbeitsverbot halten konnten. Armut soll den Jüngling Benedikt aus Mondeville, der noch keine sechzehn Jahre alt war, dazu gezwungen haben, sich nach Rouvray-Saint-Florentin in fremde Dienste zu begeben. Das »Bäuerchen«, das ihn bei sich eingestellt hatte, befahl ihm, am Tag der heiligen Agatha Stroh zu binden131. Armut soll auch Wilhelm von Lavardin dazu gebracht haben, am Tag des heiligen Germanus zu arbeiten132. Ähnliche Gründe macht der Autor auch bei der besagten Wollweberin aus Bonneval geltend, von der Jean le Marchant einleitend präzisiert:




Illec oft la chapelle estoit

Ert unefame qui metoit

En filier grant eure et grant peine.

Ne filloit mie lin, mes leine.

De sä quenoulle einsint vivoit,

De nulle autre oeuvre ne servoit133.

125 Dazu weiterhin bedeutend Olga dobiache-rojdestvensky, La vie paroissiale en France au XIIIe siede d'apres les actes episcopaux, Diss. Paris 1911, sowie den jüngsten Überblick von M. aubrun, La Paroisse en France: des origines au XVe siede, Paris 1986, und H. platelle, La paroisse et son eure jusqu'ä la fin du XIIIe siede. Orientations de la recherche actuelle, in: L'encadrement religieux des fideles au Moyen Age et jusqu'au Concile de Trente, Paris 1985, S. 11 -26. In Chartres war die Hälfte der Gemeinden in klösterlichen Händen.

126 Vgl. Kapitel l, Anm. 126.

127 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XVII, S. 332 f. -Jean le Marchant, Mirades de Notre-Dame de Chartres XXV, S. 191-196.

128 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XVII, S. 534 f. -Jean le Marchant, Mirades de Notre-Dame de Chartres, S. 197.

129 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XVII, S. 533 f. -Jean le Marchant, Mirades de Notre-Dame de Chartres, S. 200-203.

130 Priester begleiteten die Wagenprozessionen nach Chartres (II und VIII), bezeugten die Echtheit der Wunder (IX) und standen ihren Kirchgängern bei Unfällen mit Rat und Tat zur Seite (VIII).

131 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XIX, S. 538: ruricola. -Jean le Marchant, Mirades de Notre-Dame de Chartres II, S. 61.

132 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XXVI, S. 546. -Jean le Marchant, Mirades de Notre-Dame de Chartres XXVI, S. 207/25.

133 Jean le Marchant, Mirades de Notre-Dame de Chartres XXV, S. 190/11-16.
[p. 196]
(Da, wo die Kapelle war, gab es eine Frau, die mit sehr viel Mühe und Fleiß spann. Sie spann nicht Linnen, sondern Wolle, und lebte auf diese Art von ihrer Spindel. Keine andere Tätigkeit verrichtete sie.)

Wie wir verschiedentlich schon beobachtet haben, ziehen die Strafwunder eine strikte Grenze zwischen ländlicher Frauen- und Männerarbeit bzw. zwischen Heim- und Feldarbeit134. Der Fall der Wollweberin aus Bonneval weist aber insofern über den gewohnten Rahmen hinaus, als sich darin Vorformen des Verlagswesens andeuten. Denn, so fahren Jean le Marchant und sein unbekannter Vorgänger fort, die Frau habe in der besagten Woche weniger Wolle verarbeitet als sonst, und so sei unverarbeitetes Rohmaterial übriggeblieben. Um keine finanziellen Einbußen zu erleiden, hätte sie die restliche Wolle trotz des Arbeitsverbotes und trotz der Angst, von den Nachbarn entdeckt zu werden, am Samstag verarbeiten müssen135. Trotz ihrer ausgeprägten Stilisierungstendenzen bergen Wundergeschichten zuweilen äußerst wertvolle Informationen, wie etwa den knappen Hinweis darauf, daß die »nordfranzösisch-belgische« Wollindustrie schon früh Vorformen des Verlagswesens ausgebildet haben muß136. Es bleibt uns aber versagt, an dieser Stelle näher auf diesen Fragenkomplex einzugehen.

Abgesehen von den drei erwähnten Strafwundern, vermeidet es der Autor jedoch gewöhnlich, auf materielle Probleme der Lebenssicherung mehr als nur stichwortartig einzugehen. Er bemüht sich aus pastoral-didaktischen Gründen stets darum, möglichst positive Bilder seiner Zeit zu zeichnen; er entwirft geradezu schlaraffenlandartige Phantasiegemälde, wenn er die Bewohner von Pithiviers sich an den nichtversiegenden Weinfässern von Le Pulset laben läßt. In dieser idealtypischen Welt finden weder Arme noch Kranke einen Platz137. Schauplatz der einzigen Wundergeschichte, die das Thema des paiiper et infirmis aufgreift, ist bezeichnenderweise die Stadt Chartres: Ein greiser Mann namens Wilhelm fristete, von einem Leistenbruch gekrümmt und auf Krücken angewiesen, sein Dasein vor den Toren der Kathedrale. Zur Entschuldigung dafür, daß er von Almosen lebte, führt der Autor an, er hätte eben nicht mehr für sich selbst aufkommen können, habe
134 Vgl. u. a. Radbod II. von Tournai und Noyon, Lectio VI, Sermo de annunciatione beatae Mariae Vir-ginis, in: migne, PL 150, Sp. 1531-1535 (vgl. L. bourgain, La chaire francaise au XIIe siede d'apres les manuscrits, Paris 1879, S. 355-358) oder die Marienwunder von Rocamadour: Miracula beatae Virginis Ru-pis Amatoris I, 22 und III, 19, ed. Chanoine E. albe (1907), S. 110 ff. (Burgund) und 302 ff. (Figeac).

135 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XVII, S. 531. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XXV, 190 f., sowie Alfonso X, 0 Sabio, Cantigas, ed. W. mettmann. Bd. II (1961), S. 50 f., Nr. 117: omo hüa mollerprometera que non lavrasse no sabado e per seu pecado lavrou, efoi logo tolleita das mäos; eporen mandou-sse levaraSanta Maria de Chartres, e foi guarida.

136 Vgl. A. E. verhulst, La laine indigene dans les anciens Pays-Bas entre le XIIe et le XVIIe siede, in:

RH 248 (1972), S. 281-322, und die verschiedenen Beiträge in: Produzione, commercio e consumo dei pan-ni di lana (nei secoli XII-XVIII), Florenz 1976. - Zur hochmittelalterlichen Frauenarbeit allgemein vgl. Kapitel l, Anm. 128.

137 wunderheilungen (Miracula V, VII, XXI) treten ausgesprochen stark in den Hintergrund. Neben dem Bettler Wilhelm (VII) wird einzig das Beispiel einer jungen Frau aus Prunay (im Chartrais) ausführlicher dargestellt, die ein Jahr lang bettlägerig gewesen war und von ihrem Mann dann nach Chartres getragen wurde (Miracula XXI, S. 541 ff. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres V, S. 88-93). Die »literarischen« wunderberichte des frommen Taubstummen (XIII), das »Gontradewunder« und dasjenige des Knaben, dem der Ritter die Zunge abgeschnitten hatte, sind hier nicht berücksichtigt.
[p. 197]
kein Recht gehabt, und die Not habe ihn zur Bettelei gezwungen138. Das Bettlerdasein verlangte zu Beginn des 13. Jahrhunderts eine Begründung, wobei der Autor erstmals in der Reihe marianischer Wunderbücher den Gedanken des beschämten Armen aufgreift139.

Frauenwelt und Kindernöte

Den Kern der »volkstümlichen« Wunderberichte bilden indessen nicht die Strafwunder, sondern - mit insgesamt sechs Fällen - die wunderbaren Errettungen verunglückter Kinder. In ihrem Mittelpunkt steht die Botschaft, daß, wer auch immer mit Gaben zur Jungfrau von Chartres pilgere, auf ihren Beistand zählen könne. Und, so präzisiert der Priester aus Batilly, in dessen Predigt diese Passage eingeflochten ist, dies gelte nicht nur für einen selbst, sondern erstrecke sich quasi automatisch auch auf die eigenen Kinder und die gesamte Habe140. Der ländliche Wunderblock handelt von Kleinkindern, die Scherben verschlucken, die man ihnen zum Spielen in die Wiege gereicht hat, oder die ohne Aufsicht bei Häuserbränden dem drohenden Feuertod ausgesetzt sind141. Ältere Kinder drohen, in nahegelegenen Flüssen, Brunnen und Wassergräben zu ertrinken (IX, XII, XXIII und XXIV) - realistische Gefahren, von denen auch zeitgenössische Gerichtsprotokolle wie die englischen »coroners' rolls« sprechen142. Ein Beispiel: Am Tag Mariae Himmelfahrt schickt etwa eine Frau aus Batilly ihre kleine Tochter zum Brunnen, um Wasser zu holen. Der Dorfbrunnen ist so tief, »daß von oben bis zum Wasser sieben Armbreiten eines erwachsenen Mannes darin Platz gehabt hätten und vom Wasser bis zum Boden drei weitere«. Beim Wasserschöpfen fällt das Mädchen kopfüber in den Brunnen. Knapp über dem Wasser bleibt es jedoch mit den Haaren an einem Mauervorsprung hängen. Über das lange Ausbleiben ihrer Tochter besorgt, eilt die Mutter zum Brunnen, findet das Kind aber nirgends. Zitternd und bleich nähert sie sich dem Brunnen und vertraut das Mädchen dem Schutz der »ruhmreichen Herrin von Chartres« an. Sie entdeckt die Kleider, die auf dem Wasser schwimmen, und schreit den Schacht hinunter. Das Mädchen antwortet ihr, es lebe noch und sei ganz gesund. Sie tröstet es und verspricht Hilfe zu holen. Der Autor kommentiert: »Was wir soeben die Mutter sagen hörten, tat sie, damit das Mädchen nicht den

138 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta VII, S. 519. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XIV, S. 132 f.

139 G. ricci, Naissance du pauvre honteux: entre l'histoire des idees et l'histoire sociale, in: Annales ESC 38(1983). S. 158-177.

140 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta IX, S. 521 (= Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XVI, S. 140).

141 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XXII, S. 543 f. und XXV, S. 546. Eigentümlicherweise hat gerade das letzte Wunder (Nr. XXV) besondere Anziehungskraft auf die Nachwelt ausgeübt, unter anderen bei: Stefan von Bourbon, Tractatus de diversis materiis predicabilibus, ed. A. lecoy DE LA marche (1877), S. 105 f., Nr. 123, und im Rosarius II, 27 (2. Hälfte 14. Jh., BN, Ms. fr. 12483). ed. A. langfors, S. 623: De l'enfant que Nostre Dame garda en son berseul que U ne fut ars, la meson ou U estoit, arse: Marie des enfans a eure: / En bercieus de maise pointure / Les deffent et d'autres peris, / Que ne soient navre ou peris. / Monstrer le te weilpar un conte / Que U Livres des dons raconte.

142 Vgl. Barbara A. hanawalt, The Ties That Bound. Peasant Families in Medieval England, Oxford 1986, 177 f., dies., Seeking the Flesh and Blood of Manorial Families, in: JMH 14/1 (1988), S. 33-46, und DIES., Childrearing Among the Lower Classes of Late Medieval England, in: JIH 8 (1977), S. 1-22, sowie die unter Anm. 20 aufgeführte Literatur.
[p. 198]
Mut verliere.«143 Danach ruft sie laut um Hilfe, worauf auch unverzüglich Leute herbeiströmen. Man zieht das Mädchen hoch und nimmt es unter Tränen freudig in die Arme, als ob es von den Toten auferstanden sei144.

Die Kinderwunder gewähren, wie sich bei dem Mädchen aus Batilly gezeigt hat, einen interessanten Einblick in die ländliche Frauenwelt, die der Autor des Chartreser Wunderbuches idealtypisch als wohlstrukturiertes und wohlorganisiertes Netz nachbarschaftlicher Solidaritäten konzipiert hat. Im Mittelpunkt dieser Frauenwelt stehen Nachbarinnen und Freundinnen - wobei der Begriff Freundschaft in diesem Zusammenhang mit Verwandtschaft gleichzusetzen ist. Bei den Kinderunfällen wiederholt sich stets derselbe Ablauf: Wird ein Kind vermißt oder halbtot aufgefunden, übergibt man es unverzüglich dem Schutz der Muttergottes145. Darauf erhebt sich der clamor, das gesellschaftlich kodierte Geschrei, dessen Funktion darin bestand, Nachbarn und Eltern bzw. Nachbarinnen und Mütter zu alarmieren146. Binnen kurzem eilen die Frauen herbei, stehen mit Rat und Tat der unglücklichen Mutter zur Seite und begleiten sie später auch auf ihrem Weg nach Chartres, um der Jungfrau zu danken147. Stellvertretend sei das Beispiel eines verunglückten Mädchens aus Saint-Pret angeführt: Ohne Wissen seiner Mutter hatte das Kind das Haus verlassen und war kurz darauf in einen Wassergraben gefallen. Eine Nachbarin kam zufällig vorbei, entdeckte das Mädchen und erhob ihre Stimme, »wie es Brauch der Frauen ist«148, zum Geschrei, um die Nachbarsfrauen zusammenzutrommeln. Diese waren auch sogleich zur Stelle. Gemeinsam zog man den Körper des Mädchens aus dem



143 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta IX, S. 521.

144 Ebd. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XVI, S. 141 ff.

145 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta IX, S. 521: et cum illam non invenisset exan-guis et trepida propius accessit, gloriose Camoti domine suam devotius commendans filiam, XII, S. 524: Cur-rit itaque piissima domina etfestinat videre corpus submersi pueruli, gloriosam Camoti dominam lacrimosis fredbus invocans et exorans quatinus spiritalem sibi restituat filium; vovet etiam se deinceps ad ipsius ec-clesiam Camotensem annis venturam singulis si eum viventem receperit, XXII, S. 543: mater, dominam Carnotensis ecciesie devocius invocans et ei sepius suam commendans filiam, XXIII, S. 544: Adcurrit igitur mater ad clamorem exangui similis et attonita, beatam Mariam Camoti dominam clamosis et lacrimfosJis vocibus memorans et exorans quatinus filiam suam sibi redderet et a mortis periculo eam liberaret, XXIV, S. 545: et materni doloris gladius ejus aninam pertransisset, in se tandem reversa gloriosam Camoti dominam que tunc temporis in eadem urbe tot et tantis miraculis suam illustrabat ecdesiam ut sibi filium redderet exoravit, vovit etiam se ad domum propriam nullatenus reversuram donec ad domum beate Virginis, ecdesiam scilicet Camotensem filium detulisset, XXV, S. 546: statim materni timoris aculeo perforata gloriosam Carnoti dominam invocavit et ei juniorem filiam commendavit, vovens etiam quod si filiam suam salvam reciperet ad ecdesiam Camotensem eam absque dilatione deferret. 146 Ebd. VI, S. 518; IX, S. 521; XII, S. 523 f.: Conperto infortunio lu[c]tuosus clamor exoritur per totum castrum; interitus pueri nontiatur; accurrunt omnes, accurrunt singuli et puerum ab aqua festinant trahere, XVII, S. 533: sed facto vespere jampre multitudine doloris se nonpoterat continere, gemere cepit et non va-lens sustinere, cepit damare. Venerunt vicini, affuerunt multi nescientes causam clamoris mirabantur, XIX, S. 538: Nee mora, clamoribus agitati de agris et domiciliis concurrunt plures, XXII, S. 543: Sane custos infan-tule cum ei succurrere nullatenus potuisset, vehementer expavit et cum eam vidisset exanimem cum clamore etfletu nimio voces miserabiles edidit. Cuncurrentibus itaque ad clamorem vicinis occurit tandem et mater, XXIII, S. 544: Postmodum vero una ex vicinis mulieribus justa fossatum pertransiens etpuellulam intus sub-mersam aspiciens more muliebri vocem extulit cum clamore, ad extrahendum inde corpus puellule non solum matrem miserrimam verum tarn vicinos quam vicinas midieres convocavit.

147 Miracula VI, S. 518, XII, S. 524, XVII, S. 534. XIX, S. 539, XXII, S. 543, XXVI, S. 548. Als wallfahrtsbegleitung: ebd. IX, S. 522, XIX, S. 539, XXIII. S. 544, XXV. S. 546, XXVI, S. 548.

148 Ebd. XXIII. S. 544. -Jean le Marchant. Miracles de Notre-Dame de Chartres VII, S. 101/44-46.
[p. 199]
Wasser. Durch das Geschrei alarmiert, eilte nun auch seine Mutter herbei. Bleich und voller Entsetzen rief sie laut und unter Tränen die Jungfrau von Chartres um Hilfe und bat, sie möge ihre Tochter aus der Todesgefahr erlösen149.

Die Verlockung ist groß, aus diesen Wundergeschichten zu schließen, zu Beginn des 13. Jahrhunderts habe die Marienverehrung die Form eines »Mütterlichkeitskultes« angenommen. Doch handelt es sich bei den Kinderwundern um ein Charakteristikum der zeitgenössischen Hagiographie, das primär auf jenen gesamtgesellschaftlichen Wandel in der Wahrnehmung von Kindern hindeutet, der uns erstmals in der klösterlichen Wundersammlung Saint-Pierre-sur-Dive begegnet ist150. Einzig die Stilisierung mütterlicher Trauer und mütterlichen Schmerzes zeugt in bezug auf geistliche Vorstellungsmuster von einer wachsenden Verschmelzung von Mütterlichkeit und Muttergottesschaft151. So besinnt sich der Autor in der dramatischen Szene, in der eine Frau aus Blevy den Körper ihres Söhnchens aus dem Wasser zieht, der Worte des »Planctus«: et materni doloris gladius ejus animam pertransisset (»und das Schwert des mütterlichen Schmerzens hatte ihre Seele durchbohrt«)152.

***

Das hybride Wunderbuch von Chartres, in dem Mirakel, Legende und Exempel ineinandergreifen und ländlich-didaktische Wundertypen höfisch-aristokratische Marienlegenden ablösen, ist die letzte im »Herzen des französischen Königtums« nachweisbare Wundersammlung der Muttergottes. In welchem Maße gerade sie englischen Einflüssen ausgesetzt war, darauf haben die zahlreichen inhaltlichen Querbezüge zum anglo-nor-mannischen Kulturraum hingewiesen.



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