7 Kapitel] Die Marienwunder von Chartres zwischen Legende und



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Grenzüberschreitungen


Die Wunderberichte der anonymen Sammlung aus Chartres sind ausgesprochen literarisch. Sie bewegen sich allesamt in einer mythischen Zeit, in eo tempore, die mit einer Ausnahme78 eine genaue Datierung der Ereignisse unmöglich macht79. Gerade die einleitenden Bauprozessionen lassen offen, ob es sich nicht lediglich um eine kunstvolle Umformulierung der Ereignisse von 1144/1145 handelt, mit denen wir uns im letzten Kapitel beschäftigt haben.

Der Autor als Erzählinstanz tritt distanziert hinter das Legendengeschehen zurück und kommentiert es didaktisch-moralisierend nur in Ausnahmefällen80. Auch verweist er selten darauf, das Wunder mit eigenen Augen gesehen zu haben. Von zwei Ausnahmen abgesehen, vermeidet er es zudem, in der ersten Person Singular zu sprechen; stellvertretend für das Domkapitel greift er lieber auf die Kollektivform »wir« zurück81. Seine persönlichen Interventionen beschränken sich meist auf topische Wundereinleitungen, dieses Wunder dürfe nicht verschwiegen werden, jenes falle ihm noch ein82. Nur in wenigen Fällen gestaltet er den Rahmenkommentar etwas ausführlicher83.

In den Wundergeschichten bilden literarische Stilisierung und didaktische Strukturierung eine Einheit. Spiegelbildlich wiederholt sich etwa das Strafwunder an einer Wollweberin aus Bonneval84, die dem samstäglichen Arbeitsverbot zuwidergehandelt hat, um daran ausführlich die Bedeutung des Beichtsakraments zu exemplifizieren85. Antithetisch konfrontiert der Autor an anderer Stelle einen frommen und rechtschaffenen Taubstummen mit dem abschreckenden Beispiel eines blinden Narren, der sich kurz nach der Ankunft in Chartres zielstrebig in die Taverne begibt, um die Vorzüge des berühmten

78 Ebd. XXVI, S. 546-549.

79 Ebd. III-V, IX, XI, XVI, XXI-XXIII, XXV.

80 Ebd. II, S. 512: quod siquidem eo disponentevelpermittentefactumfuisse arbitror, VI, S. 518: Quis ergo dubitet beatam ibi affuwe Mariam (...). Predictus itaquejuvenis cum a terre sinn in quo absconditus fuerat die tercia liberatus exiret,Jone quidem, immo illi qui per Jonam figuratus est quantum ad hoc, si anderem dicere, comparibilis, XI, S. 523: Unde credimus quod beata Domini mater suo tunc adventu eamdem illustravit ecciesiam, XII, S. 524: Quid plura? reviviscit puer et loquitur et non tarn parentibus suis, ut estimo, quampie etfideli devottoni domine sanus et incoluminis redditur, XIII, S. 525 f.: cepit tandein quodjejunus illuc cum eo non venit penitere et ebrietatis magis, ut reor, quam devotionis lacrimas fundere, XXII, S. 544: et beate Dei genitrici eam offerens que prius velud mortua, immo ut arbitror, vere mortua.

81 Ebd. II, S. 512: et inter nos aliquandiu conversatus itajam notus haberetur ut michi sepius et quam pluribus aliis, quare mutus esset scire volentibus, IV, S. 517: Nam etplerisque infirmis hujus sacri libamen poculi multorum testimonio novimus profuisse, XIII, S. 524: Referente quodam egregio milite, Willermo scilicet de Soldeio, et quibusdam amicis suis id ipsum protestantibus, nobis veraciter intimatum est in ejusdem militis patria, XXI, S. 543: Huic siquidem miraculo ego ipse cum ceteris hoc spectantibus presens interfui et tarn ab ipsa muliere quam ab eis qui eam adduxerant rei veritatem diligentius etplenius audivi et didici, ebd. XXII, S. 544: quod ego et multi alii oculis nostris vidimus et manibus contractavimus et quod adhuc in ecclesia Carnotensi ad monimentum miraculi reservatum est, XXV, S. 546: quod [die Wiege] in eadem ecclesia aliquanto tempore vidimus reservari.

82 Ebd. VII. VIII, X. XII, XIV-XVI, XX, XXIV. XXV.

83 Ebd. III, XVI, XXI, XXVI.

84 Ebd. XVII, S. 531-536. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XXV, S. 190-205.

85 Vgl. J. longere, La penitence d'apres quelques Status synodaux francais du XIIIe siede, in: Horizons marins. Itineraires spirituels (Ve-XVIIIe siecles). Bd. I: Mentalites et societes, Paris 1987, S. 183-200; Nicole beriou, Autour de Latran IV (1215): la naissance de la confession moderne et sä diffusion, in: Groupe de la Bussiere, Pratiques de la Confession des Peres du desert ä Vatican II, Paris 1983, S. 73-93; L. K. little, Les techniques de la confession et la confession comme technique, in: Faire croire (wie Anm. l), S. 87-99.
[p. 188]

Weins der Gegend zu kosten86. Die Wunderheilung des frommen Taubstummen als solche verliert ihre Bedeutung; sie tritt deutlich hinter den Anspruch auf Erbauung und ünterichtung zurück87. Die pastorale Funktion des Mirakels untermauern auch die mnemo-technischen Zusammenfassungen des Geschehens am Ende der Wunderberichte XIII und XVII88. Mirakel und Exempel verschmelzen. Damit erhärtet sich gleichzeitig der Ver-dacht, daß sich der Autor an einer älteren, nicht überlieferten Vorlage orientiert hat. Sollte das Wunderbuch den Stadtbrand von 1194 also doch überlebt haben?



Gontrade oder das chambre especial der Jungfrau

In den Kontext wachsender Grenzauflösung zwischen Mirakel und Exempel ist schließ-lich auch der eigenwillige Umgang des Autors mit dem Typus »Rivalitätswunder« einzu-ordnen. Es geht ihm nicht mehr darum, das eigene Sanktuar von möglichen Nebenbuhlern abzugrenzen oder abzuheben. Vielmehr überwiegt die Haltung, die eigene Gnadenstätte

sei die einzige und wichtigste der Welt. Das »Zungenwunder« an dem Knaben aus Perche, dem wir in Haimos Brief begegnet sind, nunmehr zu einer kultpropagandistischen Stän-dedidaxe umformuliert, soll in seiner Spätfassung sogar die neue Pilgerwelle von 1194 ausgelöst haben89. Den normannischen Konkurrenten Saint-Pierre-sur-Dive erwähnt der Autor nicht mehr.

Das ausgeprägte Selbstbewußtsein Chartres' artikuliert sich besonders deutlich in der Rezeption des »Gontradewunders«. Der Autor unterläßt jede Anstrengung, die Wundergeschichte den veränderten zeitlichen und örtlichen Verhältnissen anzupassen. Ohne die geringste Abweichung übernimmt er den Wortlaut des »Libellus«. An zentraler Stelle, nach der Heilung Gontrades, interpoliert er jedoch eine promonitorische Vision, worin

die Jungfrau die geheilte Frau auffordert, überall zu verkünden, daß die Herrin aus Char-tres die Urheberin der Wundertat sei. In Jean le Marchants Übersetzung leitet das »Gontradewunder« die Wundersammlung sogar ein90:

86 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XIII, S. 524 ff. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XX, S. 155-161.



87 Jacques de Vitry, Exempla, ed. Th. F. crane (1890), S. xli: Relictis enim verbis curiosis etpolitis, convertere debemus Ingenium nostrum ad edificationem rudium et agrestium eruditionem, quibus quasi corporalia etpalpabilia et talia queper experientiam norunt frequentius sunt proponenda. Magis enim moventur exterrioribus exemplis quam auctoritatibus velprofundis sententiis.

88 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XIII, S. 525 f. und XVII, S. 536. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XXV, S. 204 f., vgl. dazu J. berlioz, La memoire du predicateur. Recherches sur la memorisation des recits exemplaires, XIIIe-XVe siecles, in: Temps, memoire, tradition au Moyen Age, Aix-en-Provence 1983, S. 157-183.

89 Dies ist im übrigen die einzige Passage, in der der Autor ein negatives Ritterbild entwirft. Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta II, S. 511 (Jean Le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres IV, S. 79 f.): »Ein Knabe, noch in zartem Alter, kindlich, verspielt und von einfacher Natur, wohnte in Perche. Nun geschah es, daß er einen gewaltätigen und hartherzigen Ritter dabei beobachtete, wie er im Geheimen mit einem Mädchen redete und es wollüstig umarmte. Das Mädchen aber fürchtete die väterliche

Strenge und die Schwatzhaftigkeit des Knabens sehr. Es warnte den Ritter, sein Vater könne über den Knaben leicht davon erfahren. Da lockte der Ritter den Knaben auf verbrecherische und bösartige Weise an einem geheimen Ort, überredete ihn, sich auf den Boden zu legen, die Augen zu schließen und die Zunge herauszustrecken. Dann schnitt er dem Knaben einen nicht geringen Teil der Zunge ab, und entriß ihm die Fähigkeit zu reden, so daß er nichts mehr erzählen konnte, es sei denn mit himmlischer Kraft.« Ebd.I, S. 53.

[p. 189]
La dame de Chartres, ce di,

»T'a garie, ce puez savoir.«

Par ce poez entendre, a voir,

Qu'elle a, si com nos lison,

A Chartres, sä mestre meson.

La donce mere Dien, en terre,

A Chartres la doit l'en requerre Comme en sä chambre especïal

Et comme en son palés roial

Ou l'en la sert come raïne

A cui tretot li mont encline.

A Chartres est sä metre iglise

Qui si noblement est assise

Que la dame tient sous sä main

Et tout Chartres et tout Chartein91.(Die Herrin von Chartres, sagte sie, hat dich geheilt, das mußt du wissen. Dadurch könnt ihr hören oder sehen, daß sie, wie wir lesen, in Chartres ihr Haupthaus hat auf Erden. In Chartres muß man die süße Muttergottes suchen. Hier hat sie ihren bevorzugten Hof und ihren königlichen Palast. Hier dient man ihr als Königin, die der ganzen Welt geneigt ist. In Chartres ist ihre Hauptkirche. Hier thront sie edel; hier hält die Herrin ganz Chartres und das Chartrais in ihren Händen.)

Jean le Marchant verfaßte seine Dichtung im Auftrag des Bischofs Matthäus (1247-1259)92. Die Übersetzung sollte die Wunder einem größeren, nicht lateinkundigen Publikum zugänglich machen. Die vulgärsprachliche Fassung weicht im allgemeinen nur geringfügig von der lateinischen Vorlage ab93. Persönliche Zusätze beschränken sich auf einleitende Bemerkungen zu den Schriftquellen oder der Erzählsituation sowie auf hymnische Anrufungen der Jungfrau94. Einschneidend wirken sich jedoch Jean le Marchants Veränderungen der Wunderabfolge auf das Gesamtkonzept der Sammlung aus: Die Bauprozessionen stellt er den aristokratischen und volkstümlichen Wunderberichten nach95. Den Abschluß bilden zusätzliche literarische Marienmirakel, die er teilweise den »Miracles de Nostre Dame« Gautiers von Coinci entnommen hat96. Die Übersetzung ist noch stärker literarisch stilisiert als ihre lateinische Vorlage97.

91 Ebd. XVIII, S. 58 f./216-230. - Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XVIII, S. 537 f.

92 Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres III, S. 67/48-58: Trove fu, ce devez savoir /Au tens a l'esveque Mähe, / A cui U a moult agree / Que ceste oevre fut commenciee / Et achevee et avanciee, / Et dou latin en roumans mise / Et de la laie gent aprise, / Qui le latin mie n'entendent, / Li loi, par droit, au clercs s'atendent, / Qu'i leur exposent l'escriture, / Qui leur est a entendre ocure.

93 Mit Ausnahme der beiden am Ende der Sammlung integrierten Wunderberichte: Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XXVII, D'une fame qui ofri une töaille a l'autel Nostre Dame de Chartres, S. 213-216, und XXXII, Des ardans quifurent esteins par Nostre Dame et son einseignement, S. 238-241.

94 Ebd., Prolog. I-III. V, VIII, X-XII, XIV, XV, XVII, XVIII, XXI. XXII, XXVII, Epilog.

95 Zum Aufbau der Wundersammlung vgl. P. kunstmann, Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres, S. 9: l (lat.)-3 (franz.), 2-4, 3-10, 4-11, 5-12, 6-13, 7-14, 8-15, 9-16, 10-17,11-18,12-19.13-20, 14-21,15-22,16-23,17-25,18-1,19-2, 20-24,21-5, 22-6. 23-7, 24-8.25-9,26-26, 27-28. Die Wunder 29-32 sind Zusätze von Jean le Marchant (vgl. Anm. 96).

96 Miracles de Notre-Dame de Chartres XXIX, S. 222-225: Dou chancelier de Chartres qui salüet volen-tiers Nostre Dame, vgl. wilson (wie Anm. 9), S. 178 f.. - Miracles de Notre-Dame de Chartres XXX, S. 226-235: De Robert de Joe, vgl. das gleichnamige Kapitel in Teil V dieser Arbeit. - Ebd. XXXI, S. 236 f.:



Du prestre qui ne savoit chantier fors de Nostre Dame, vgl. wilson (wie Anm. 9), S. 182 f. - Miracles de Notre-Dame de Chartres XXXII, S. 238-241: Des ardans quifurent esteins par Nostre Dame et son einseignement.
[p. 190]
Mit seinen »nordfranzösischen« Vorgängern teilt das lateinische Wunderbuch die geringe Präzenz von Adel und Rittern. Nur an zwei Stellen treten sie als Wunderprotagonisten ins Zentrum des Geschehens98. Das Bild wäre jedoch verfälscht, beschränkten wir uns lediglich auf die Hauptdarsteller. Höfisch-aristokratische Züge beherrschen den mittleren Teil der Wundersammlung nämlich auf andere Weise: Einerseits beobachten wir über die sekundären Handlungsträger eine Aufwertung aristokratischer Momente, andererseits gestaltet der Autor den Erzählrahmen vorzugsweise höfisch-ritterlich. Dazu einige Beispiele: In Palaiseau hatte man einen Jüngling namens Wilhelm mit der Reinigung des Dorfbrunnens beauftragt. Die Stützmauern brachen ein und begruben ihn lebendig unter sich. In eindringlichen Farben schildert der Autor bei dieser Gelegenheit die Bestürzung des dortigen Herrn". Auch als in der Burg Sully-sur-Loire ein noch keine zwölf Jahre alter Knabe in einen Brunnen fiel, verweilt er ausführlich beim Leid der dortigen Burgherrin100. Sie habe den Knaben von klein auf so liebevoll genährt und umsorgt, als sei er ihr leibliches Kind101. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch daran, daß der Großteil der Bauprozessionen von Burgen und befestigten Orten ausgegangen war102. Ein weiteres Beispiel liefert das didaktische Exempel des frommen Taubstummen und des närrischen Blinden, das der Autor folgendermaßen einleitet: »Vom hervorragenden Ritter Wilhelm aus Souday wurde uns wahrheitsgetreu berichtet - seine Freunde bezeugten es -, daß es in seiner Heimat zwei Männer gab.«103 Das Chartreser Wunderbuch läßt als Informationsquellen und Wahrheitsgaranten Ritter und Adlige an die Stelle der kirchlichen Autoritäten treten. Dies zeigt neben anderen Beispielen auch seine eigenwillige Umformulierung der Legende des »Marienbräutigams«104.

Der »Marienbräutigam« oder das Wunder in höfischer Gewandung

Die Wundererzählung führt uns zur eingangs erwähnten Reliquienreise zurück. Die Wagenprozessionen reichten bei weitem nicht aus, den Wiederaufbau der 1194 niederge-

97 Paule beterous, Contribution ä l'histoire de Notre-Dame de Chartres ä travers la collection des Mi-racles de Jean le Marchant (1262), in: BPH, 1975, S. 55-63, und Marie-Therese lorcin, Miracles de Notre-Dame de Chartres: du latin au francais, in: Melanges de langue et de litterature medievales offerts ä Alice Planche, Nizza 1984, S. 319-326.

98 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XIV und XV, S. 526 ff.

99 Ebd. VI, S. 518.- Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XIII, S. 128 f.

100 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XII, S. 523. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XIX, S. 151/13-25.

101 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XII, S. 524. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XIX, S. 153/71-85.

102 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta III, IV, VI, VIII, XII, XIII.

103 Ebd. XIII, S. 524. -Jean le Marchant. Miracles de Notre-Dame de Chartres XX, S. 155.

104 Vgl. dazu P.-M. spangenberg, Maria ist immer und überall, Frankfurt/M. 1987, S. 190-233; K. meisen, Der in den Himmel entrückte Bräutigam, in: Rheinisches JbVK 6 (1955), S. 118-175; B. DE gaiffier D'HESTROY, A propos de la vie de saint Alexis: Intactam sponsam reliques, in: AB 65 (1947), S. 157-195;



Anna wyrembek und J. morawski, Les legendes du »Fiance de la Vierge« dans la litterature medievale, Posen 1934, S. 17; P. F. baum, The Young Man Betrothed to a Statue, in: Publications of the Modern Lan-guage Association of America 34 (1919), S. 523-579; G. huet, La legende de la statue de Venus, in: Revue de l'histoire des religions 68 (1913), S. 193-217.
[p. 191]
brannten Kathedrale zu beenden. Man sandte Boten aus, die in fernen Gegenden die notwendigen Spenden zusammentragen sollten. Die Reliquienreise führte auch nach Sois-sons. Es traf sich, daß damals gerade ein englischer Scholar aus London in der Stadt weilte. Die Predigt über den Stadtbrand und die Verwüstung der Kathedrale berührte ihn so sehr, daß sich in ihm ein innerer Zweikampf entfachte: Sollte er seine einzige Habe, das Gold-kettchen, das ihm sein Liebchen Maria als Pfand mit auf die Reise gegeben hatte, wirklich dem Opferstock übergeben? - Nein, die fremden Prediger würden es sicher zu unrechten Zwecken mißbrauchen. Nie würde die Jungfrau aus Chartres seine Spende erhalten. -Doch! Er wird das Goldkettchen opfern. Was zählt in der himmlischen Abrechnung denn anderes als die Absicht?105 Das Liebespfand landete schließlich im Opferstock. Kurz darauf trat der Schüler die Heimreise nach England an. Bei Einbruch der Nacht kehrte er bei einem paterfamilias ein. Der stolze Vater dreier bildhübscher Töchter argwöhnte Schlimmes und brachte den Jüngling vorsorglich in der Scheune unter. Mitten in der Nacht wachte der Scholar plötzlich auf. Ein strahlender Lichtglanz blendete ihn. Drei ehrwürdige Herrinnen, himmlische Spiegelbilder der Gastwirtstöchter, traten ihm gegenüber. Die Schönste und Bestgekleidete lud ihn ein, sich ihretwegen auf eine ferne Insel zu begeben. Dort werde sie ihn trösten, und nichts könne die Fesseln ihrer Liebe mehr sprengen. Als Treuepfand übergab sie ihm darauf das besagte Goldkettchen zurück106. Das Liebesabenteuer, ergänzt der Autor nun, habe den englischen König Richard dazu bewogen, den Chartreser Predigern die Erlaubnis zu erteilen, in seinem Herrschaftsbereich Spenden für den Wiederaufbau der Kirche zu sammeln. Der König, der zweite David, habe daraufhin den Reliquienschrein sogar selbst demütig auf den eigenen Schultern getragen107. Die Geschichte habe ihm übrigens die Schwester von Richard Löwenherz, Alice von Blois, erzählt108. Ihr Verdienst sei es auch gewesen, daß das fromme Liebesabenteuer bald in aller Munde war109. Geradezu Autoritätscharakter in der höfischen Werteskala besitzt die Nennung der beiden Nachfahren Eleanoras von Aquitanien. Aristokratische Mäzene förderten nicht nur die Verbreitung profaner bzw. antiker, höfischer, bretonischer oder idyllischer Erzählstoffe; sie waren auch maßgeblich an der Produktion und Zirkulation religiöser Stoffe beteiligt. Deutlich kommt darin auch die tragende Rolle adliger Frauen zum Vorschein. Auf ihre Bedeutung hat schon Herbert Grundmann in seinem bahnbrechenden Aufsatz »Die Frau und die Literatur im Mittelalter. Ein Beitrag zur Frage nach der Entstehung des Schrifttums in der Volkssprache« hingewiesen110. Es war ja auch die

105 Gemäß der zeitgenössischen Sündenlehre, vgl. u. a. S. WENZEL, The Seven Deadly Sins: Some Problems of Research, in: Speculum 43 (1968), S. 1-22, und D. W. robertson. A Note on the Classical Origin of »Circumstances« in the Medieval Confessional, in: Studies in Philology 43 (1946), S. 9.

106 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XVI, S. 528-531. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XXIII, S. 170-181. Die Version von Chartres findet sich des weiteren in BM, Ms. Sloane 2478, Nr. 11, in: A. herbert, Catalogue ofRomances, Bd. III, London 1910, S. 513, sowie auch bei den Marienlegenden der Straßburger Handschrift Ms. Germ. 863, ed. F. bär (1913), S. 51 f.

107 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XVI, S. 531. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XXIII, S. 181.

108 Zu Alice von Blois vgl. lejeune (wie Anm. 45), S. 328.

109 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XVI, S. 531. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XXIII, S. 181 f.

110 In: ARG 26 (1936), S. 129-161 (sowie in: DERS.. Ausgewählte Aufsätze, Bd. III, Stuttgart 1978, S. 67-95), und J. bumke, Höfische Kultur, München 1986, S. 231-247 und 409-418.
[p. 192]
Gräfin von Soissons, die Gautier von Coinci dazu angehalten hat, die Marienwunder (das heißt Hugo Farsits »Libellus«), die sich einst in seiner Heimatstadt Soissons zugetragen hatten, umzuschreiben111.

Kampf und Turnier


Adel und Rittertum bildeten natürlich gleichzeitig auch das eigentliche Zielpublikum dieser Art von Wundergeschichten. Ihren Erwartungen und Erfahrungen - wie auch seinen eigenen112 - kam der Autor besonders durch sein genüßliches Verweilen bei Kampf- und Turnierszenen entgegen. Ausführlich schildert er etwa das Beispiel eines Ritters aus dem fernen Aquitanien, der sich orationis causa, zum frommen Gebet, nach Chartres begeben habe. Daß seine Motive nicht nur religiöser Natur gewesen sein konnten, legt allerdings die knappe Bemerkung nahe, er habe sich vor den tödlichen Feindseligkeiten seiner Standesgenossen gefürchtet. Am Ziel seiner Reise, ad limina, ging er, wie es in Chartres Brauch | war, zuerst unter dem Marienschrein hindurch113. Daraufhin legte er seine Hemden auf das Reliquiar, in der Hoffnung, sie würden durch den Kontakt mit der Hemdreliquie widerstandfähiger als ein Kettenhemd114. Der Glaube, ihre Wunderkraft übertrage sich auf seine eigenen Hemden, entspricht dem jahrhundertealten Glauben an die Wirksamkeit sogenannter Kontaktreliquien115. Dazu kommt in diesem Fall ein bemerkenswertes Analogiespiel zwischen Hemd und Hemdreliquie. Eines Tages geriet der Ritter in einen Hinterhalt. Der Autor läßt sich die Gelegenheit nicht entgehen, das Kampfgeschehen möglichst authentisch zu schildern. Die Hoffnung des Ritters, gegen feindliche Geschosse immun zu sein, bewahrheitete sich. Daran knüpft der Autor lakonisch das didaktische Anliegen des Exempels: Das »Wunderhemd« bekehrte die Angreifer; wer ehedem Feind war, wurde zum Freund.

Im Anschluß an das »Hemdwunder« gewährt der Autor einen kurzen Einblick in das zeitgenössische Turnierwesen. Einleitend präzisiert er, es handle sich um ein Spiel oder

111 Gautier von Coinci, Miracles de Nostre Dame II, 22, ed. V. F. koenig, Bd. IV (1970), S. 190 f.

112 Eine genaue Rekonstruktion der sozialen Rekrutierung des Kathedralstifts von Chartres ist jedoch unmöglich, da das entsprechende Quellenmaterial zerstört wurde (vgl. L. amiet, Essai sur l'organisation du chapitre cathedrale de Chartres du XIe au XIIe siede, Chartres 1922, und R. merlet, Dignitaires de l'eglise Notre-Dame de Chartres, Chartres 1900). Die geringe Bedeutung des städtischen Bürgertums (chedeville [wie Anm. 33], S. 446-453) legt jedoch nahe, daß der lokale Adel (neben Vertretern aus Italien und Savoyen) auch hier, wie an den meisten zeitgenössischen Domstiften, die Mehrzahl der Kanoniker stellte.

113 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XIV, S. 526. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XXI, S. 162. - Vgl. auch das Cartulaire de Notre-Dame de Chartres CCIII, ed. E. DE lepinois und L. merlet, Bd. II (1863), S. 59: In sequenti namque hebdomada, peregrinationis causa, Camotensem visitavit [Philipp August 1210] ecciesiam, et, cum signa desolationis in eadem perspexisset ecclesia, sah sacrosancto scrinio devote et humiliter transitum faciens. - Die Sitte, beim Betreten des Sanktuars zuerst unter dem Reliquienschrein hindurchzugehen, kennzeichnet der Autor deutlich als Brauch (Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta: X, XIII, XIV und XXVI) - im übrigen eine säkulare und kulturübergreifende Praxis im Umgang mit dem Sakralen, vgl. E.-R. labande, »Ad limina«: le pelerin medieval au terme de sä demarche, in: DERS., Spiritualite et vie litteraire de l'Occident (Xe-XIVe siecles), London 1974, S. 287.

114 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XIV, S. 526. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XXI, S. 163/29 ff.


[p. 193]
eine militärische Übung, die man in der Umgangssprache als Turnier bezeichne. Dies ist im übrigen ein weiteres Indiz dafür, daß er sich eng an eine unbekannte Vorlage angelehnt haben muß. Denn zu Beginn des 13. Jahrhunderts waren Turniere nicht mehr so neu, als daß sie einer Worterklärung bedurften116. Das Gebiet zwischen Montoire und Lavardin, der Schauplatz der Geschichte, war vermutlich eines jener Grenzgebiete, wo gegen Ende des 12. Jahrhunderts an festgelegten Daten Ritterspiele abgehalten wurden117. Spiel und Ernst gehen in der Darstellung des Wunderbuches nahtlos ineinander über. Das Lösegeld vor Augen, macht eine Gruppe Bewaffneter Jagd auf einen einzelnen Ritter118. Von beiden Seiten versuchen sie, ihm die Zügel zu entreißen. Der Angegriffene gibt Sporen. Dabei rast sein Pferd unaufhaltsam in Richtung eines nahegelegenen Flusses. In Todesgefahr ruft der Bedrängte die Herrin von Chartres an, gelobt eine Pilgerfahrt und zusätzlich noch viele Geschenke. Darauf hält das Pferd inne. Etwas ironisch bemerkt der Autor, Maria hätte ihn wohl eher vor der Gefangennahme errettet als vor dem Sturz in den Fluß. Der Turnierpraxis als ritualisierter und kodierter Aggressionsbewältigung waren nicht alle Geistlichen derart abgeneigt, wie es die normativen Gesetzestexte vermuten lassen119. Auch die Marienlegenden, in denen die Jungfrau oder ein Engel sich stellvertretend für fromme Ritter am Turniergeschehen beteiligen und dabei noch den Sieg davon tragen, zeigen, daß kirchliche Vorstellungs- und Bewertungsmuster durchaus widersprüchlich sein konnten120.

115 Die Bedeutung der Kontaktreliquie bedarf in diesem Zusammenhang einer kurzen Bemerkung. Denn Vorbehalte sind angebracht, dabei auf einen ritterlichen »Brauch« zu schließen. Das Wunderbuch erwähnt die »Hemdimmunisierung« nämlich nur an dieser Stelle. Erst das Kartular des Domkapitels spricht gegen Ende des 15. Jahrhunderts von einem »Brauch«: Cartulaire de Notre-Dame de Chartres III, ed. E. de lepiNOIS und L. merlet, Bd. I (1862), S. 58 f.: Item in dicta ecclesia est scrinium BeateMarie, in nobili capsa, auro et jemmis preciosissimis adornata, repositum; in quo, inter cetera, sancta Camisia in qua Filium peperit, que aliter, prout placet aliquibus, tunica interior beate Marie Virginis nuncupatur, est recondita et ser-vata. Ad cujus Camisie reges, principes, milites et alii armorum homines, ad ecciesiam confluentes, dictam capsam visitant, et in honorem dicte sancte capse oblatas et tactas, confligere et bellare intendentes, induunt;

et, ipsis indutis subtus loricam, sepius compertum est quod tales dictas camisias induti liberabamur a lanceis et gladiis, omnibus armis usque ad camisiam perforatis, et non ultra gladius vel alia membra non poterant amputari hujusmodi camisie protectione munita. Istius autem virtute Camisie fuit civitas a Rollonis obsi-dione deffensa. - Vgl. auch Alfonso X, 0 Sabio, Cantigas, ed. W. Mettmann, Bd. II (1961), S. 132 f., Nr. 148: Como un cavaleiro guareceu de mäos de seuseemigos por hüa camisa que chaman de Santa Maria, que tragia vestidä.

116 Miracula B. Mariae Virginis in Carnotensi ecclesia facta XV, S. 527. -Jean le Marchant, Miracles de Notre-Dame de Chartres XXII, S. 167: Daß das Spiel in der Umgangssprache als Turnier bezeichnet würde, fehlt bei Jean Le Marchant, vgl. M. keen, Chivalry, New Haven-London 1984, S. 83.

117 bumke (wie Anm. 110), Bd. I, S. 342-379; keen (wie Anm. 116), S. 83-101; M. parisse, Le tournoi en France, des origines ä la fin du XIIIe siede, in: Das ritterliche Turnier im Mittelalter, hg. von J. flecken-stein, Göttingen 1985, S. 175-211.

118 G. duby, Hommes et structures du moyen äge, Paris 21984, S. 213-226, und DERS., Guillaume le Ma-rechal ou Le meilleur chevalier du monde, Paris 1984.

119 N. denholm-young, The Tournament in the Thirteenth Century, in: Studies in Medieval History, presented to Frederick Maurice Powicke, hg. von R. W. hunt u. a., Oxford 1948, S. 240-268, und Sabine krüger, Das kirchliche Turnierverbot im Mittelalter, in: Das ritterliche Turnier im Mittelalter (wie Anm. 117), S.401-422.

120 Vgl. Margaret D. howie, Studies in the Use of Exempla. With Special Reference to Middle High Ger-man Literature. Part II: The Legend of the Virgin äs Knight, Diss. London 1923. - Weitere Beispiele finden sich bei tubach (wie Anm. 35), S. 372 f., Nr. 4925 f.


[p. 194]
Inhalt und Erzählstruktur der Chartreser Marienwunder räumen dem ritterlichen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont einen zentralen Platz ein; darin zeigt sich schließlich auch, wie wenig sich die künstliche Trennung rechtfertigen läßt, die die traditionelle Literaturgeschichte zwischen religiösen und profanen Erzählstoffen zieht121. Religiöse und profane Dichtung profitierten beide auf ihre Weise von der wachsenden Verschmelzung von Wunderbarem und Wunderlichem122.
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